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Paradies ohne Subventionen

Überall werden Theater geschlossen. In Wuppertal wird eines gegründet. Mit wenig Geld. Aber vielen Ideen.




In den Stadttheatern ist es wie überall in Deutschland: Alle haben Angst vor der Zukunft und jammern ausgiebig. Reinhard Schiele und Olaf Reitz hatten die bessere Idee: Sie gründeten ein eigenes Theater. Ohne Subventionen. Aber mit einem cleveren Geschäftsmodell.

Reitz, Mitte 30, und Schiele, ein gut gelaunter Mensch Ende 50 mit langen weißen Haaren, sind Regisseure und Schauspieler. Beide haben viele Jahre in frei finanzierten Projekten gearbeitet, seit kurzem sind sie, gemeinsam mit dem Musiker Thomas Beimel. Theaterdirektoren. Vor gut einem Jahr entdeckten sie einen denkmalgeschützten Bahnhof aus der Gründerzeit im Wuppertaler Norden. Ein Investor hatte sich mit dem Kauf verspekuliert, und so konnten sie einen Teil des leer stehenden Gebäudes günstig mieten. Der auf 25 Jahre festgeschriebene Mietvertrag ist nicht frei von Raffinesse. Die monatliche Kaltmiete von 1040 Euro für einen Saal von 180 Quadratmetern, Büros, Garderoben, Foyer und Nebenräume ist unverschämt billig. Dafür wird der Vermieter am Umsatz beteiligt: Er bekommt zehn Prozent der Abendeinnahmen, allerdings höchstens 10 000 Euro im Jahr. So teilt man elegant das unternehmerische Risiko mit dem Immobilienbesitzer, der seinerseits aus dem Geschäft einen weiteren Mehrwert zieht: Er kann dank des Theaters einen anderen Saal des leer stehenden Bahnhofs als Restaurant vermieten.

Für den Gebäudeeigentümer waren die strengen Denkmalschutzauflagen ein Problem, für die Theatermacher ein Glück: Der historisch getreue Umbau des alten Wartesaals erster Klasse in das Theater " Paradies", so der Name der Bühne, wurde weitgehend über einen 70 000-Euro-Zuschuss der Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege finanziert. Für diese Summe gibt es an Staatstheatern gerade mal ein halbes Bühnenbild.

"Der Betrieb muss sich selbst tragen", sagt Olaf Reitz, und wirkt dabei alles andere als wehleidig. 70 Prozent des Etats sollen durch den Kartenverkauf erwirtschaftet werden, 30 Prozent durch Vermietungen, zum Beispiel für Firmenfeiern und Präsentationen. Oder wenn das Stadttheater "Wuppertaler Bühnen" gastiert, das eine kleine Spielstätte sucht. Da allerdings gibt es eine klare Grenze: "Wenn die Städtischen Bühnen hier spielen, muss das zu unserem Profil passen", sagt Olaf Reitz. Die Marke soll nicht verwässert werden. Das Paradies will kein kommerzielles Boulevardtheater spielen, sondern für den Anfang eine Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, ein Stück des bayrischen Anarchos Herbert Achternbusch und die Uraufführung eines hier zu Lande unbekannten Gegenwarts-Autors aus Spanien. Und im nächsten Jahr ist "Hamlet" dran. Nicht zuletzt aufgrund solcher Konsequenz scheint der Busmessplan ehrgeizig.

Bei Eintrittspreisen zwischen 12 und 35 Euro erwarten die Zuschauer Inszenierungen, die es mit denen der Konkurrenz der Städtischen Bühnen Wuppertal aufnehmen können sollen. Doch die bekamen in der Spielzeit 2002/2003 fast 13 Millionen Euro Zuschuss. Um da mithalten zu können, müssen die Festkosten im Paradies radikal gedrückt werden. Also wird zwar jede Aufrührung von einem kleineren Orchester begleitet, doch die Orchestermusiker kommen von der renommierten Hochschule für Musik Köln: So sammeln die Nachwuchmusiker Bühnenerfahrung, während die Theatermacher ein konkurrenzlos günstiges Orchester bekommen.

Die über Stückverträge engagierten Sänger und Schauspieler bekommen keine fixe Gage, sondern werden an den Abendeinnahmen beteiligt. Bei Stücken, die gut laufen, sind das 100 bis 200 Euro pro Künstler und Vorstellung. Das ist nicht viel, vor allem, weil ohne Sponsoren kein Probenhonorar gezahlt werden kann. Aber es gibt viele begabte Berufsanfänger, die nur eines wollen: sich auf der Bühne präsentieren. Um den schmalen Etat nicht mit Sozialversicherungsabgaben zu belasten, wird für jede einzelne Produktion eine GbR gegründet. So sind die Sänger keine Angestellten, sondern Mitgesellschafter, und was sie verdienen, ist formell keine Gage, sondern eine Gewinnbeteiligung.

Am 24. September gab es im Paradies die erste Premiere, Mozarts komische Oper "II Ré Pastore". Schon vorher haben einige Sänger des reichen, großen Opernhauses Wuppertal angefragt, ob sie mal als Gäste im Theater Paradies auftreten könnten. Die intime Atmosphäre dort gefalle ihnen so gut.