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ENDE, AUSSERPLANMÄSSIG

Siegfried Wenzel war der Chefplaner der DDR. Ihm war klar, dass der Plan nicht aufgeht. Aber davon wollte niemand etwas wissen. AUCH ER NICHT.




Das Konsument-Warenhaus Dresden... erzielte am 15.9.77 im Sortiment Haushaltswäsche einen Warenumsatz von 31,0 TM. gegenüber einem Plan von 11,0 TM ...Im Angebot befindet sich gegenwärtig noch ein Dessin Bettwäsche. Bettwäsche weiß ist ausverkauft. Bettlaken werden täglich durchschnittlich 400 Stück verkauft, bei einer geplanten Halbjahresmenge von 9000 Stück. Spitzenforderungen von einzelnen Kunden liegen bei acht Bettwäschegarnituren und 30 Bettlaken." (Aus: wnw.ddr-zeitzeugen.de) ,Ja, mach nur einen Plan, Sei nur ein großes Licht.

Und mach dann noch 'nen zweiten Plan, Gehn tun sie beide nicht." Die vier Zeilen aus Bertolt Brechts " Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens" gehören zu den bekanntesten deutschen Versen. Jeder kennt sie. Und so viele, die nicht danach handelten; Der Diplom-Ökonom Siegfried Wenzel hat sein ganzes Berufsleben lang "unzulänglich gestrebt". Der 75-Jährige lebt am Rand von Berlin in einem kleinen Einfamilienhaus in einer stillen Einfamilienhaussiedlung mit gepflasterten Sträßchen. In den Regalen seines Arbeitszimmers finden sich Bill Clintons "Mein Leben", Bob Woodwards "Bush at War" und "Wer war wer in der DDR?". Siegfried Wenzel steht auch drin, als ehemals "Staatsnaher" erhält er nur eine durchschnittliche Rente, die er " Strafrente" nennt. In der Staatlichen Plankommission, der höchsten Wirtschaftsbürokratie der DDR, arbeitete Wenzel so ausdauernd wie nur wenige: 1955 fing er als Sachbearbeiter im Bereich Landwirtschaft an und stieg auf bis zur Position des Stellvertretenden Vorsitzenden, als der er 22 Jahre lang diente, bis zum bitteren Ende. Während Walter Ulbricht, Erich Honecker und Egon Krenz kamen und wieder gingen, hat Siegfried Wenzel tausende von Plänen gesehen, kontrolliert, erstellt, verworfen, diskutiert, schöngerechnet und am Ende mit sozialistischem Gruß unterzeichnet.

Siebenjahrespläne. Fünfjahrespläne. Zweijahrespläne. Jahrespläne. Quartalspläne. Monatspläne. Dekadenmeldungen. Pläne zur Produktion, zu den Arbeitskräften, zu Investitionen, zum Außenhandel, für Konsumgüter, für Wissenschaft und Technik, für den Wohnungsbau und, und, und. "Das Gerüst des Plans waren die Bilanzen", sagt Wenzel, dessen Aufgabe als Stellvertreter die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und Plankoordination war. Rund 1200 Bilanzen gab es am Anfang, später rund 350, in denen Wenzel Hochöfen und Schlachtvieh und Hafenkräne und Eier und Wurst und Mehl und Buntmetalle und Kartoffeln und Großrechner und Steinkohle bilanziell miteinander verflocht. Der zentrale Staatsplan erfasste die Produktion von rund 850 Positionen. "50 bis 60 Prozent des gesellschaftlichen Gesamtproduktes haben wir damit abgebildet, das war sozusagen der ,goldene Schnitt' einer zentral geleiteten Verwaltungswirtschaft, mehr wäre organisatorisch nicht beherrschbar gewesen, den Rest machten die Kombinate und VEBs selbst. 50 bis 60 Prozent ist doch moderat, die UdSSR hat zeitweise 3000 Positionen zentral geplant. Und die Bürokratie heute in der Bundesrepublik ist doch viel schlimmer. Die Steuerschätzungen von Hans Eichel, die Prognosen der Fünf Weisen und der Wirtschaftsinstitute - so groß unterscheidet sich das nicht von dem, was wir veranstaltet haben." Was die DDR in jedem Fall veranstaltete, war eine gigantische Palaver- und Basarwirtschaft, in deren Zentrum die Staatliche Plankommission (SPK) mit ihren rund 2500 Mitarbeitern stand. Das Planen ging so: Aus ihren politischen Vorgaben destillierte die SPK jährlich Planaufgaben für die diversen Fachminister, die die Kennziffern auf ihre mehr als 150 Kombinate verteilten, die sie wiederum auf die Kombinatsbetriebe herunterbrachen und diese weiter auf die Abteilungen. Forderte die Planaufgabe der SPK fünf Prozent mehr Produktion, kamen ganz unten sieben oder zehn oder zwölf Prozent an, weil jede Zwischenebene noch etwas draufpackte, um Polster und Verhandlungsmasse für später zu bilden. Die Reaktion von unten waren so genannte "weiche Pläne": Bei Investitionen und Materialbedarf forderten die Abteilungen und Betriebe grundsätzlich mehr an, als tatsächlich benötigt wurde, Motto: Braucht man drei Teile, beantragt man sieben und bekommt dann vielleicht zwei; bekommt man wider Erwarten fünf, hat man eine stille Reserve. In einer großen Rückwärtsrolle über alle Stufen wurden nun Planvorschläge nach oben bis zur Plankommission durchgereicht, wobei auf jeder Stufe neue Plankorrekturen notwendig waren, weil die Planaufgabe von oben und der Planvorschlag von unten nie übereinstimmten. "Das waren oft tagelange Diskussionen", erinnert sich Siegfried Wenzel, "und ich musste immer den Angreifer spielen in der Art: ,Chemieminister, du hast zu viel Investitionen verlangt, das gibt der Plan nicht her.' Oder zum Elektrotechnikminister: ,Bei den Investitionen, die du bekommst, ist die Leistung, die du anbietest, viel zu gering.' Da wurde offen und hart gestritten." Es war wie auf dem Basar, zu dem sich auch Gewerkschafter und Parteifunktionäre einfanden: Doch die Zahlen waren vielmehr Spielmarken denn Abbilder wirtschaftlicher Realität.

Die DDR-Planer mussten mit allem rechnen: ideologischen Zuschlägen, Palaver, Erich Honecker und vor allem Lücken Das Ergebnis des Verhandlungsmarathons auf den unteren Ebenen präsentierte die SPK schließlich als Planentwurf im Politbüro der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), das sich als das engste Nadelöhr erwies. Siegfried Wenzel stenografierte dort "die wertvollen Hinweise Honeckers" mit, wie er heute ironisch bemerkt, während sein Chef, SPK-Vorsitzender Gerhard Schürer, erfolglos versuchte, seine Planzahlen zu halten. Man kann sich die Treffen des Generalsekretärs mit seinen Spitzenökonomen kaum so banal vorstellen, wie Wenzel sie schildert: " Meistens sind wir beim ersten Mal gleich wieder rausgeflogen, weil in unseren Plänen das Nationaleinkommen lediglich um drei Prozent wuchs, obwohl schon in diesen drei Prozent Luft drin war. Honecker wollte aber partout vier Prozent und blies uns gehörig den Marsch. Er sagte: ,Passt mal auf, wir werden den Arbeitern vier Prozent mehr Lohn geben, dann sind sie motiviert und werden auch mehr leisten, ihr müsst daran glauben'." Das Wissen um die Zahlen verbot Wenzel und Schürer zwar den Glauben, aber artig gingen sie zurück und rechneten und verhandelten erneut so lange auf Minister- und Kombinatsebene, bis sie Honecker die vier Prozent irgendwie liefern konnten. In der Volkskammer wurde der Plan dann Gesetz, und Honecker hatte erneut demonstriert, was der Kern seiner politischen Ökonomie war: Er hatte seine Nachfrage nach Wachstum so lange machtvoll aufrechterhalten, bis das geforderte Angebot eintraf. Nur als schwachen Trost dürften die Planer empfunden haben, dass Walter Ulbricht in seiner finalen Phase noch ein planerisches Wachstum von zehn bis zwölf Prozent erzwungen hatte.

In dem Buch "Der Plan als Befehl und Fiktion" hat SPK-Chef Schürer vor einigen Jahren Auskunft darüber gegeben, wie Erich Honecker mit seinen " ideologischen Aufschlägen" den "Hefekuchen" der DDR-Volkswirtschaft "hochtrieb, ohne dass sich die Substanz veränderte". Schürer: "Es gab immer Divergenzen zwischen dem Wollen und dem Können. Es hieß: ,Ihr müsst es gehend machen.' Ich habe gesagt, dieses Programm ist sehr gut, gut durchdacht, aber es ist nicht bezahlbar. Da kriegte ich einen ganz scharfen Rüffel von Honecker." Denn es war so, wie Schürers Chef, Wirtschaftssekretär Günter Mittag, im selben Buch zu Protokoll gibt:, Jeder hatte seine Forderungen. Schürer stand vor der Situation, dass das Gesundheitswesen kam und sagte: ,Wir brauchen mehr', die Kultur: ,Wir brauchen noch mehr', die Bereiche der nicht-materiellen Produktion wie Volksbildung: ,Wir brauchen noch, noch mehr.' Aber am Wohnungsbau nichts ändern! Militär müssen wir mal sehen, da kriegen wir Ärger mit Moskau. Diese Quadratur des Kreises sollte Schürer lösen, und das konnte auch er nicht." Nicht dass Honecker nur als Hardliner aufgetreten wäre, er konnte auch taktisch vorgehen. Siegfried Wenzel: " Einmal standen wir im Vorraum des Politbüros, in unserem Plan standen wieder mal nur 3,3 Prozent Wachstum, und das war schon unser dritter Anlauf mit einem Plan von weniger als vier Prozent; Sozialleistungen wie der Schwangerschaftsurlaub waren damit nicht zu finanzieren. Da kommt Honecker und sagt zu meinem Chef: "Gerhard, komm mal her. Sprich nachher nicht dagegen, wenn ich wieder vier Prozent verlange. Dann helfe ich dir auch, ich hab' nämlich die Transitpauschale noch nicht verteilt'." Einen Führungsbunker für 500 Millionen DDR-Mark ließ sich der Generalsekretär von Planungschef Schürer ebenso abschwatzen wie ein Gebäude der Staatssicherheit - nicht aus Bescheidenheit, sondern aus machtpolitischem Kalkül: Honecker folgte der einfachen Überlegung, dass das Volk, sollte es nicht rebellieren, mit großzügigen Gaben ruhig gestellt werden musste.

In seinem neuen Buch "Von Plan zu Plan" schildert der Wirtschaftshistoriker Andre Steiner vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, wie sich die DDR Anfang der siebziger Jahre vom Kurs Ulbrichts ("mein Freund der Plan!") verabschiedete, der die Wirtschaft mit einer Technologie- und Produktivitätsoffensive wettbewerbsfähiger machen wollte. Wie andere Ostblockländer, vor allem Ungarn, schwenkte auch die DDR unter Honecker um auf ein " ausgedehntes Konsum- und Sozialpolitik-Programm", das als "Gulaschkommunismus" berühmt wurde. Andre Steiner listet auf: mehrfach erhöhte Urlaubstage und Renten, kürzere Arbeitszeiten für Mütter mit mehreren Kindern, längerer Mutterschaftsurlaub, Geburtenbeihilfen, zinslose Kredite für Ehepaare, Ausbau der Krippen, bessere medizinische Versorgung, ehrgeiziges Wohnungsbauprogramm, Ausbau des Erholungswesens - " ein Wechsel auf die Zukunft zulasten der wirtschaftlichen Substanz", wie Steiner bilanziert.

Denn damit fehlte das Geld für Investitionen in die Produktion sowie in Forschung und Entwicklung. Waren "made in GDR" blieben schwer verkäuflich, die Exporte lahmten, und die wachsenden Importe wurden durch steigende Verschuldung im Ausland finanziert. Siegfried Wenzel erinnert sich daran, wie Margot Honecker eine Lohnerhöhung für Pädagogen durchsetzte, "obwohl das überhaupt nicht in unsere Bilanzen passte". Die Plankommission beruhigte sich dann mit der Einsicht, dass es "nur um null Komma x Prozent ging, und so viel Ungenauigkeit war ohnehin immer im Plan drin".

Der "Gulaschkommunismus" verhalf der Planbürokratie zu neuen Höhenflügen. Schon in den sechziger Jahren, konstatiert Steiner, wuchs die Zahl derer, die im produzierenden Gewerbe als Planer, Kaufleute und Buchhalter arbeiteten, siebenmal stärker als die Gesamtzahl der Beschäftigten. Nach Honeckers Kurswechsel unter der Parole "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" nahm der staatliche Lenkungswahn weiter zu: In der Landwirtschaft entstanden immer größere Agrarkomplexe, in der Industrie immer mehr zentral gesteuerte Kombinate, schließlich verleibte sich der Staat auch noch den Mittelstand ein. Von 1971 an wurden 230 "versorgungswichtige" Waren und Warengruppen zentral geplant, womit etwa 90 Prozent der Konsumgüter bilanziell erfasst waren.

Gleichzeitig galt Honeckers Tabu: Um keinen Preis wollte er über die hoch subventionierten Niedrigstpreise für Brot, Eier, Butter, Kinderkleider, Energie, Wohnungsmieten oder Fahrkarten diskutieren, die teilweise noch auf Vorkriegsniveau lagen. SPK-Chef Schürer hat das Beispiel vom Kaninchen überliefert, für das der Staat dem Jäger 60 DDR-Mark zahlte, um es für 14 DDR-Mark im Laden zu verkaufen. Brot wurde an Schweine verfüttert, weil es billiger war als Getreide. Die Planer kritisierten das durchaus. "Mit Minister Walter Halbritter, der auch Leiter des Amtes für Preise war, haben wir dem Politbüro mal ein Konzept vorgelegt, um diese Preis-Idiotie zu ändern. Aber gegen Honecker war das nicht durchsetzbar", erinnert sich Siegfried Wenzel. So rettete man sich eben in Witze, die selbst unter Ministern kursierten: "Was machen wir, wenn die ganze Welt sozialistisch ist? - Wir belassen die kleine Schweiz als kapitalistische Enklave, damit wir wissen, wie viel die Dinge wirklich kosten." " Die Generation, die in der DDR bis zum Schluss geherrscht hat, wurde in der Weimarer Republik sozialisiert", sagt Andre Steiner, "für die war der Kapitalismus mit schuld an der Weltwirtschaftskrise und am Nationalsozialismus. Das kapitalistische System hatte in ihren Augen abgewirtschaftet, das schrie geradezu nach lenkenden Eingriffen des Staates und einer starken Bürokratie - ganz im Sinne Lenins, der die Deutsche Post als Vorbild an Organisation gepriesen hat. Die Idee der Planwirtschaft war, eine Wirtschaftsentwicklung ohne Krisen zu garantieren." Mithin billiges Brot und billige Wohnungen, Vollbeschäftigung und soziale Sicherheit. Die Planwirtschaft, so dachten jedenfalls die Oberen, würde ihnen die Loyalität der Bevölkerung und damit die eigene Macht sichern.

Der Plan lief nicht. Aber der Tausch und die Improvisation: Nylonstrümpfe für Ferienplätze und Freikarten etwa Doch aus dem Mutterland des " Ham-wa-nich" ein Konsumentenparadies zu machen scheiterte ebenso wie die Idee, die Massen mit einer generösen Ausgabenpolitik zu mehr Leistung zu " mobilisieren". Überall hinkte die DDR mit riesigem Abstand dem Westen hinterher, bei der Produktivität, beim Wachstum, bei der Innovationsfähigkeit.

Lieferte in den sechziger Jahren das staatliche Programm zum Aufbau der Datenverarbeitung enttäuschende Ergebnisse, verschlang das Mikroelektronikprogramm in den Achtzigern 32 Milliarden Mark für die Entwicklung eines 256-Kilobit-Chips, der zu Selbstkosten von 536 DDR-Mark je Stück gebaut wurde, auf dem Weltmarkt aber für zwei Dollar zu haben war. Und in Zwickau entwarf ein bemitleidenswerter Chefkonstrukteur im VEB Sachsenring Automobilwerke ein halbes Dutzend Nachfolgemodelle für den Trabi, die nie vom Band liefen. Alle wussten, dass das mit der Planwirtschaft nicht funktioniert. Und handelten danach. Je verbissener geplant wurde, umso mehr verloren die Pläne ihre Bedeutung, umso mehr wurde geschummelt und getrickst. Die Dialektik der Planwirtschaft bestand darin, dass die Voraussetzung ihres "Funktionierens" die Parallelwirtschaft, der graue Markt, die heimlichen Tauschgeschäfte waren. Der Druck zur Planübererfüllung erzwang den Verstoß gegen die Regeln des Plansystems.

Der Bauminister bilanzierte Studentenwohnungen als hochwertige Familienwohnungen, der SPK-Chef machte in seinen Plänen aus Melkmaschinen Roboter, die Betriebe horteten Material und frisierten die Zahl ihrer Mitarbeiter.

Und der Generaldirektor des Kombinats VEB Carl Zeiss Jena versorgte seine Mitarbeiterinnen unter der Hand mit zehntausenden billiger Damenschlüpfer aus einem Textilkombinat, das im Gegenzug Ferienplätze und Freikarten fürs Europa-Cup-Spiel des FC Carl Zeiss Jena erhielt. "Die wirklichen Fortschritte mussten außerhalb des Plans durchgeboxt werden, weil die materielle Decke nicht vorhanden war und weil das übrige System sich dagegen gesträubt hat." So hat es der persönliche Referent von Wirtschaftssekretär Mittag, Claus Krömke, im Nachhinein beschrieben.

Am allerbesten wussten das die Herren in der Staatlichen Plankommission. Immer wieder, so ist es protokolliert, haben sie in den höchsten Gremien ihre Bedenken, Reformvorschläge und Kritik vorgetragen oder in informellen Gruppen nach Auswegen gesucht. Wie 1988, als Siegfried Wenzel mit Gerhard Schürer und Devisenbeschaffer Alexander Schack-Golodkowski eine Konföderation mit der BRD erörterten, um ein Schuldenmoratorium und neue Kredite zu erhalten. Oder ganz zuletzt. Honecker war schon weg, die Mauer noch neun Tage da, als der SPK-Chef dem Politbüro sein berühmtes "Schürer-Papier" vorlegte: Das "System der Leitung und Planung hat sich ... nicht bewährt, da ökonomische und Preis-Markt-Regelungen ausblieben"; die "Arbeitsproduktivität liegt gegenwärtig um 40 Prozent hinter der BRD zurück"; "die Zahlungsfähigkeit der DDR ist in Frage gestellt"; "die Leistungsentwicklung blieb hinter den Planzielstellungen zurück. Demgegenüber wurden die Ziele auf den Gebieten der Konsumtion, des Wohnungsbaus und der Sozialpolitik übererfüllt"; "in den Städten ... gibt es tausende von Wohnungen, die nicht mehr bewohnbar sind." Das außerplanmäßige Ende ist jetzt 15 Jahre her. .Ja, es hat sich erwiesen, dass die Marktwirtschaft effektiver ist, der Regelungsmechanismus über den Preis ist eine Errungenschaft der Zivilisation", sinniert Siegfried Wenzel, der alte Planer.

Der Feind des Planers: der Markt, blind und unberechenbar Aber er verwahrt sich gegen die These von Leuten wie Andre Steiner, das System der Planwirtschaft sei allein schuld am Niedergang der DDR gewesen. Das hat er dem Wissenschaftler bei dessen Buchpräsentation und in einer Rezension im "Neuen Deutschland" auch vorgehalten: Einäugig sei das, weil er vor allem die gewaltige Reparationslast der DDR nicht richtig würdige. Und wie ist es zu erklären, warum die ach so überlegene Marktwirtschaft in der BRD so schwächele? Nein, es brauche schon einen Rahmen, eine ordnende Hand des Staates. Den blinden Kräften des Marktes dürfe man nicht alles überlassen.

In diesen Markt wirft Wenzel jetzt ziemlich erfolgreich Bücher und Traktate, "Was kostet die Wiedervereinigung? Und wer muss sie bezahlen?", oder "Was war die DDR wert? Und wo ist dieser Wert geblieben?" Er hält auch Vorträge, auf denen er gegen den wachsenden Neoliberalismus und die Agenda 2010 spricht, die in den Abgrund führe.

In seiner stillen Einfamilienhaussiedlung lägen die Grundstückspreise jetzt bei 160 Euro pro Quadratmeter, früher bei einer DDR-Mark. Und für die Fahrt nach Berlin mit der S-Bahn zahle er jetzt 2,60 Euro statt 20 Pfennig. Auf dem Weg ins Zentrum sieht Wenzel an den S-Bahn-Stationen jetzt viele Plakate der PDS hängen, die aussprechen, was er denkt: "Hartz IV, das ist Armut per Gesetz".

In der DDR gab's die planmäßig.