Was kostet die Welt?

Alles hat einen Preis, auch die Natur, sagt Frederic Vester. Der Öko-Pionier hat Blaukehlchen und Buchen auf den Cent genau kalkuliert – denn was nichts kostet, ist auch nichts wert.




brand eins: Herr Vester, wo in etwa läge der Einkaufspreis für ein Blaukehlchen?

Vester: Zunächst einmal bei etwa 1,5 Cent.

Wie kommt man auf diese Summe?

Man bestimmt den Wert des Vogelskeletts beziehungsweise der darin enthaltenen Mineralien wie Phosphor, Kalzium und Fluor. Dazu addiert man den Wert von Fleisch, Blut und Federkleid.

Das ist nur der Materialwert.

Richtig, wenn man die Leistungen des Blaukehlchens als Schädlingsbekämpfer, als Verbreiter von Samen, Freude fürs menschliche Gemüt, als Bio-Indikator für Umweltbelastungen und Symbiosepartner hinzurechnet, ergibt sich eine deutlich höhere Summe. So ein Blaukehlchen erbringt jedes Jahr Leistungen im Wert von 154,09 Euro. Das habe ich 1983 in meinem Buch "Der Wert eines Vogels" detailliert belegt.

Wie sind Sie gerade aufs Blaukehlchen verfallen?

Reiner Zufall. Damals hatte ich zusammen mit Horst Stern, Gerhard Thielcke und Rudolf Schreiber den Bildband " Rettet die Vögel" gemacht, und zwar mit dem Untertitel "... wir brauchen sie", den ich gegen den Widerstand von Horst Stern durchsetzen musste, weil der meinte, man müsse die Vögel um ihrer selbst willen retten. Dabei habe ich einiges über das bedrohte Blaukehlchen erfahren. Und dass kaum jemandem bewusst war, wie viel so ein Vogel eigentlich wert ist.

Die Leistung "Ohrenschmaus und Augenweide eines Vogels durch Farben-, Formen- und Gesangsvielfalt und durch die Eleganz des Fluges" setzen Sie mit dem Gegenwert einer Valiumtablette, also fünf Cent pro Tag, an.

Natürlich ist dieser Posten diskutabel. Andererseits: Wenn man dagegenhält, was Menschen für Trimmgeräte im Hobbykeller, fürs Sich-Betrinken oder andere Zerstreuungen investieren, und abwägt, was sie dadurch sparen, indem sie die Zeit mit Spazierengehen im Grünen verbringen und sich unter anderem eben auch an Blaukehlchen erfreuen, ist sein Anteil mit fünf Cent pro Tag sicher nicht zu hoch bemessen.

Als Sie die Blaukehlchen-Bilanz präsentierten, dachten nicht wenige, Sie hätten einen Vogel.

Selbstverständlich, aber vielen ist auch erstmals ein Licht aufgegangen, und darum ging es mir ja. Mich interessiert kybernetisches Denken, also das Verständnis von Dingen oder Organismen in ihrer Vernetzung. Das ist ein ziemlich komplexes Gebilde, und ich habe mich lange gefragt, wie man Vernetzung einfach und interessant verdeutlichen könnte, bis es mir dann einfiel: am besten über den Preis! In einer soliden Kalkulation tauchen ja all die Faktoren auf, die den Wert eines Dinges beeinflussen oder von ihm beeinflusst werden. Das habe ich dann am Beispiel des Blaukehlchens mal zusammengetragen und später ein solches Szenario noch einmal für eine Buche wiederholt. Ergebnis: Im Laufe seines, sagen wir mal, hundertjährigen Lebens steht so ein einzelner Baum für eine Summe von rund 271000 Euro - fast das 2000-fache seines bloßen Holzwertes.

Ließe sich auch der Wert einer Region oder eines ganzen Landes kalkulieren?

Es gibt Modelle, die beispielsweise die Energiebilanz eines Ökosystems betrachten. Andere untersuchen, welchen Wert ein Tal oder eine Aue für den Erhalt der Artenvielfalt erbringt. Nach der Exxon-Valdez-Katastrophe in Alaska haben sich auch US-Gerichte mit der Frage abgemüht, wie viel der Totalverlust eines ganzen Landstrichs wert sein könnte. Aber an eine vernetzte Betrachtung ganzer Landstriche hat sich noch niemand gewagt - man käme auf unbezahlbare Summen.

... die aber auch niemand bezahlen muss. Weil die Natur keinen Besitzer kennt, der ihren Wertverlust einklagen könnte, ist sie im Prinzip wertlos.

Sie hat durchaus einen Eigentümer: die Volkswirtschaft. Und die erleidet enorme Verluste durch die Schäden, die wir der Natur zufügen. So haben durch den Rückgang der Wälder in Deutschland die Böden enorm an Saugkraft eingebüßt. Plötzlich hält so ein Quadratmeter Boden nicht mehr 50 Liter, sondern nur noch fünf Liter Regenwasser zurück. Die Schäden, die Hochwässer in den vergangenen zwölf Monaten angerichtet haben, sind kein philosophischer, sondern ein handfester wirtschaftlicher Faktor. Die Rückversicherer können ein Lied davon singen.

In schwierigen Zeiten denkt jeder zuerst an seinen persönlichen Cash Value statt ans große Ganze.

Ich beobachte aber auch das Gegenteil. Zum einen haben wir natürlich die börsennotierten Großkonzerne, die nicht das Wohl des Unternehmens, sondern in erster Linie ihren Aktienkurs im Auge haben. Dieses Shareholder-Value-Denken ist eine Pervertierung unserer Wirtschaft, und in den vergangenen zwei Jahren hat es seine Grenzen eindrucksvoll aufgezeigt. Deshalb ist die Nachfrage nach unserem Modell der kybernetischen Unternehmensanalyse enorm gestiegen. Ein Unternehmen, das nachhaltig erfolgreich sein will, muss sich in seinen Zusammenhängen verstehen lernen, seine tatsächlichen Assets erkennen und pflegen. Dabei helfen wir.

Das versprechen konventionelle Unternehmensberater auch.

Sicher, nur arbeiten die total produktorientiert. Sie betrachten - um bei unserem Beispiel zu bleiben - lediglich den Holzwert eines Baumes und die Frage, wie man ihn möglichst rationell steigern und vermarkten könnte. Wer einen lebendigen Organismus - sei es ein Baum oder ein Unternehmen - jedoch wirklich verstehen will, muss ihn in seinem Wirkungsgefüge betrachten. Schauen Sie sich doch all die gescheiterten Fusionen und Übernahmen der vergangenen Jahre an: Überall dort hat jemand nur an den ersten Schritt - Wachstum um jeden Preis - gedacht, aber die möglichen Wechselwirkungen, Nebeneffekte und Rückkopplungen übersehen.

Ist es sinnvoll, den Wert der Natur, etwa mit Emissionszertifikaten, zu monetarisieren?

Gefährliche Frage. Einerseits könnte man das Klima munter weiter schädigen, wenn man es sich nur etwas kosten lässt. Andererseits würde man dem Klima erstmals einen Wert geben.

Das heißt, Geld, das vielfach für die Zerstörung von Natur verantwortlich gemacht wird, könnte zu ihrem Erhalt beitragen?

Sicher, Geld an sich ist ja nichts Schlechtes, und dass jemand Geld verdienen muss, hat durchaus etwas Positives: Es zwingt ihn nämlich, langfristig zu denken. Ich rede deshalb auch viel lieber mit Unternehmern als mit Politikern, die mehr ihre Popularität denn die Ergebnisse ihres Handelns im Blick haben. Ein Unternehmer, der so handelt, ist morgen keiner mehr.