Kolumne - Wunsch und Wahn

"Wo immer etwas falsch ist, ist es zu groß." Leopold Kohr Liebe Sophie!




Du schriebst, das Seminar über Wachstum hätte dich verwirrt, geärgert und beängstigt. Das geht mir genauso. Verwirrend finde ich die hartnäckige, vorsätzliche Dummheit, mit der wir Äpfel mit Birnen verwechseln. Diverse Daten, erhoben nach vereinbarten Kriterien für einen bestimmten Zeitraum (die Äpfel), ergeben unter dem Strich Wachstum (eine Birne).

Die Daten sagen nur etwas über die Daten. Dass sie Wachstum bedeuten, ist keine Wahrheit, sondern eine Vereinbarung. Ob es diese Daten sein müssen und was daraus zu schließen sei, ist unter den Volkswirtschaftlern umstritten. Wir erfassen damit beispielsweise nicht die Schattenwirtschaft.

Ebenso heftig streiten sich die Experten mit den Landkarten ihrer Theorien darüber, wie Wachstum in der Landschaft, also der Praxis, zu erzeugen und zu steuern sei. Nach John Maynard Keynes soll der Staat mehr ausgeben, wenn sich das Wachstum abschwächt. Nach Milton Friedman sollen wir alles dem Markt überlassen und den Staat raushalten. Doch keine der Theorien, die du jetzt gerade lernen musst, haben in irgendeiner Volkswirtschaft dauerhaft funktioniert. Keine.

Noch ärgerlicher sind unsere Konditionierungen. Kaum ruft jemand "Wirtschaftswachstum!", applaudiert ein Echo in uns "Gut so!" Da kleben Bedeutungen aneinander wie Kletten: Wachstum gleich mehr (des Guten) gleich besser leben. Stell dir die Schlagzeile vor: " Deutsche Bestattungs-Branche wuchs um 27,3 Prozent". Sagt das irgendetwas über besseres Leben - außer für die Bestatter?

Angst macht mir jeder Wachstumswahn. Seitdem Mutter Evolution das Projekt Saurier beendet hat, gibt es auf unserem Planeten nur zwei Lebewesen, die die Lektion nicht verstanden haben: die Krebszellen und der Mensch. Erschreckend!

Erstaunlich, wie wenig wir von uns selbst lernen. Weder waren wir bei unserer Geburt zu klein, dann hätten wir nicht überlebt, noch wurden wir zu groß, um gut geboren zu werden. Fötale Weisheit. Offensichtlich können wir das alle, bevor wir denken lernen. Was geht schief, wenn wir denken gelernt haben? Das Denken überrennt unsere vorgeburtliche Weisheit. Wir wissen es eigentlich besser. Aber dann versuchen wir doch, den Babelturm zu bauen oder die Welt AG.

Von heiligen Kühen und Schneidern in der Bronx Nach der Geburt wachsen wir, meist mühelos. Irgendwann sind wir vielleicht noch nicht erwachsen, aber groß genug und hören auf zu wachsen. Ebenfalls ganz leicht. Warum fällt das einem Unternehmen so schwer? Weil Unternehmen wachsen müssen. Immer. Immer weiter. Warum? Weil das so ist. Hör endlich auf zu fragen. Nicht berühren, nicht fragen. Tabu!

Wirtschaftliches Wachstum ist eine heilige Kuh. Heilige Kühe werden nicht geschlachtet. Sie stehen in der Gegend herum, machen, was sie wollen, und sind mit Axiomen, Parolen und starken Sprüchen garniert. "Wachstum für den Fortschritt!" Wer will da widersprechen? Karl Popper tat es: "Der Fortschritt von der Amöbe zu Sokrates besteht vor allem darin, dass Sokrates Ideen statt seiner selbst sterben lassen kann." Das ist ein Argument für den Wettbewerb von Ideen.

Schöpferische Zerstörung sei der Charakter des Wachstums der Ökonomie, meinte Joseph Schumpeter. Dass sich das neue Bessere gegen das alte weniger Gute durchsetze, ist eine fast animistische Hoffnung. Aber es ist nicht realistisch. 99 von 100 aller neuen Produkte sind Variationen von Variationen von Variationen.

Größe nutzen wir als Merkmal im Wettbewerb. Dazu gibt es einen erhellenden Witz über drei Schneider in der Bronx, die nebeneinander in heftiger Konkurrenz leben. Der Linke bringt ein Schild an: "Bester Schneider New Yorks". Nach zwei Tagen das Schild des Rechten: "Bester Schneider der Welt". Schließlich der in der Mitte: "Bester Schneider in dieser Straße".

Wachstum macht hungrig, auch das System Unternehmen: Erst ist es satt, dann gestopft, schließlich überfressen - dennoch schluckt es weiter. Irgendwann ist Exitus. Scheint dir nicht auch seltsam, dass alle, die es angeht, sehr wohl wissen, dass nur 30 Prozent aller Fusionen gut gehen, und dennoch damit weitermachen? Hungrig. Nie satt. Dann wird abgespeckt. Eine verräterische Metapher, nicht wahr?

Von der Welt-AG und lernenden Menschen Stillstand ist Rückschritt! Was für ein Axiom. Stille ist Taubheit. Warten ist Feigheit. Ruhe ist Tod. Stillstand ist Rückschritt ist die Verwechslung von Quantität (Größe, Schnelligkeit, Zugriff auf wachsende Ressourcen) und Qualität (Ideen, Optionen, Chancen). Außerdem erzwingt es eine Wahl: wachsen oder schrumpfen! Das kommt wie ein Naturgesetz daher, doch in der Wirtschaft funktioniert das nicht. Entscheide ich mich als Manager für die bestmögliche Qualität, verlangt das zwingend eine passende Größe. Wähle ich die Größe, erzwingt das eine passende Qualität.

Die Welt-AG meint Quantität. "We Love Our Customers" will Qualität vermitteln. Ich las das mal auf einem Button, den eine mürrische Frau auf ihrer Uniform trug, nachts um eins, in einem Coffeeshop an einem Highway. Die Menschen eines Unternehmens und damit das Unternehmen selbst lernen, ihr Wissen und Können, ihre Fähigkeiten nehmen zu. Auch ihre Produkte oder Leistungen reifen dadurch. Quantitativ können Unternehmen zu klein sein, zu groß oder passend. Qualitativ können sie mit Wachstum nichts falsch machen, außer wenig zu wachsen.

Vom menschlichem Maß und reifen Äpfeln Fragt sich, wie solche Unternehmen zu führen sind. Wer das will, muss sich einige Fragen stellen: Wie lebe ich? Wie lerne ich? Was leiste ich? Was ist mein menschliches Maß? Wer diese Fragen nicht beantwortet, scheitert. Und sein Unternehmen. Wer sein menschliches Maß nicht kennt, dem wird nichts im menschlichen Maß geraten - es wird misslingen.

Eines Tages führst du vielleicht ein Unternehmen. Was kannst du dann mit der heiligen Kuh Wachstum tun? Patentrezepte helfen dir nicht. Was dir aber immer nutzt, ist, deine eigene Haltung zu finden: Unsere Landkarten, die Theorien, bilden nicht die wahre Landschaft ab. Aber du kannst in der Praxis eine wahre Wirklichkeit schaffen. Entscheide dich, wie das Unternehmen wachsen soll. Lass es dementsprechend wachsen. Wenn Urteil und Sachverhalt übereinstimmen, ist es, frei nach Aristoteles, wahr. Für Hannah Ahrendt war die einzige sichere Prognose: Gib ein Versprechen und halte es ein.

Wenn du dein menschliches Maß entdeckst und das aller Beteiligten, wächst daraus die passende Größe des Unternehmens. Hast du dann immer noch überschüssige Kraft, Mut, Intelligenz, Fantasie, Humor oder Hunger, dann kannst du anderes Wachsen probieren, beispielsweise genetisches: Dein Unternehmen wächst nicht wie üblich, sondern vermehrt sich, indem es die Merkmale seines Erfolges an neue Unternehmen weitergibt.

Was uns qualitativ wachsen lässt, ist nie zu viel. Wir können nicht zu viel wissen, nicht zu viel können, nicht zu fähig sein, nicht überreifen. Das passiert auch dem Apfel nicht. Wird er vollständig reif, dann fällt er hinunter - das ist nur in unseren Augen eine Verschwendung.

Ich lächle dir zu.