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Schöne Dinge, die man kaufen kann. Und dann vielleicht verschenken. Zum Beispiel zu Weihnachten.




CDs (1): Es gibt immer noch viel zu viele. Von wegen Krise in der Musikindustrie: Soweit ich weiß, reduziert man in anderen Branchen die Produktion, wenn der Absatz sinkt. Aber nicht bei CDs. Flott wird weiter rausgehauen, was geht, niemand hat noch einen Überblick, weder Kunde noch Verkäufer. Wer kann, geht in Spezialistenläden, wer das nicht kann, geht verloren.

Es gibt Leute, die behaupten, die Entwicklung der Musik sei vorerst am Ende, es werde weiterhin gute Platten geben, aber eine Welle der Erneuerung sei erst mal nicht zu erwarten. Das ist zwar nicht zu beweisen, Gegenargumente bot das vergangene Musikjahr aber nicht. Interessant sind immerhin die jungen US-Amerikaner, die oft nur mit Gitarre Lieder aufnehmen, als hätte das nie einer vor ihnen gemacht. Der große Wurf erschien 2002, Lifted Or The Story Is In The Soil, Keep Your Ear To The Ground von Bright Eyes (EFA), der Band des 26-jährigen Songwriters Connor Oberst. Seine Lieder sind mit Gefühlen beladen, als wolle er die Oper neu erfinden, die Instrumentierung ist mit Streichern, Bläsern, fünf Schlagzeugern und einem ganzen Orchester passend opulent. Oberst singt nicht nur, sondern erzählt sein Leben, und alles ist wahr und schrecklich. Fast so wunderbar ist das Debüt von Devendra Banhart, der schöne Titel "Oh Me Oh My ... The Way The Day Goes By The Sun Is Setting Dogs Are Dreaming Lovesongs Of The Christmas Spirit" (Revolver/Import) lässt eine gewisse Grundspinnung erahnen. Der Sound ist hauchdünn, die Songs wurden wohl im Wohnzimmer eingespielt, die Aufnahme rauscht wie eine alte C-120-Kassette, aber das passt prima.

Immer was los ist in der elektronischen Musik, doch steht die zur Popmusik wie die Quantenphysik zur klassischen Physik: Alle wissen, dass da viel passiert, aber kaum jemand weiß, was genau. Für Leute wie mich, die sich zwar für neue Elektronik interessieren, diese aber nicht um zwei Uhr nachts in coolen Clubs hören wollen, in die sie ohnehin nicht reinkämen, weil sie zu alt sind und zu unhip, gibt es jetzt von dem Londoner Club Fabric zwei CD-Reihen, Fabric und Fabriclive, für die bekannte DJs aktuelle und alte Tracks zu flotten Mixen verarbeiten. Mir gefielen der recht trockene Rhythmusteppich von Howie B (Fabriclive.5), der federnde Discobeat von Bent (Fabriclive.11), das stressfreie Pluckern von Swayzak (Fabric 11) und ein großartiger Mix des Uralt-DJ John Peel (Fabriclive.7), der es schafft, zwischen New Wave, Reggae, Funk, Skiffle und Techno noch einige Schnipsel aus Fußballreportagen einzubauen. Man kann die abenteuerliche Reihe unter www.fabriclondon.com auch abonnieren, dann kostet eine CD nur noch sechs Pfund, also rund neun Euro.

Weitere feine Verschenk-CDs: modemer Jazzrock: Prince -N.E.W.S. (NPG); Blues mit Schweizer Texten: Stiller Has - Stelzen (EFA); die gute Pop-Platte: Yo La Tengo - Summer Sun (Matador); Texmex trifft HipHop: El Gran Silencio - Chúntaros Radio Poder (Virgin Mex./Import); Halbelektronische Schönheit: Four Tet -Rounds (Domino)

Bücher (2): Gibt es vermutlich noch mehr als CDs. Ich verstehe die Freude, ein Buch zu schreiben und es zu veröffentlichen. Wenn ich aber von den Neuerscheinungen aufschaue, stelle ich leider fest, dass in der Literatur der Blick nach vom oft ein Blick nach hinten ist: Es gibt unendlich viele Bücher, die besser sind als 99 Prozent aller aktuellen Werke. Mein liebstes Buch zurzeit ist "Angst - Sieben Geschichten von der Liebe" von Anton Tschechow (Friedenauer Presse). Allein der Titel! Der Inhalt ist ebenso grundsätzlich, schlicht und treffend. Über eine Dame der Gesellschaft, die regelmäßig eine Nonne besucht, heißt es: "Beinahe jeden Tag fuhr sie ins Kloster, fiel Olja auf die Nerven, beklagte sich bei ihr über ihre unerträglichen Leiden, weinte und spürte dabei, dass mit ihr etwas Unreines, Erbärmliches, Schäbiges die Zelle betrat, und Olja sagte ihr stets automatisch, im Ton einer auswendig gelernten Lektion, es sei schon alles gut, alles gehe vorüber, und Gott sei die Vergebung." Literatur meets Religion at it's Großartigstes.

Auch Klaus Nüchtern schreibt in "Rain On My Crazy Bärenfellmütze" (Falter Verlag, Wien) über Damen: "Mit 16 decken sie sich mit Burlington-Socken und - Tüchern ein, auf denen Pferdezubehör abgebildet ist, mit 17 lassen sie sich von einem Haarchirurgen besonders sensibles Haar implantieren, das alle zwei Wochen zum Haardoktor muss und nicht berührt werden darf. Mit 18 verlieben sie sich in ein klugscheißerisches Pickelmonster, das Burberry trägt und versucht, Pfeife zu rauchen. Nachdem es sein Jurastudium abgeschlossen hat und immer noch nicht Pfeife rauchen kann, wird es vier Jahre später geheiratet. Nun können Dame und Pickelmonster einander beiwohnen." 76 Kolumnen in einem Buch und alle lustig. Klaus Nüchtern ist die einzige vernünftige Alternative zu Anton Tschechow. Besonders für Menschen, die alle Bücher von Max Goldt bereits mehrfach gelesen haben.

Weitere feine Verschenk-Bücher: Klassiker! "Berlin Alexanderplatz"! "Die Enden der Parabel"! "Pu der Bär"! So viele tolle Bücher!

Comics (3): Gibt es immer noch viel zu wenige. Was aber auch seine Vorteile hat. Comicfans sind bereit, für Qualität zu zahlen, darauf können die Verleger bauen und so auch anspruchsvolle Werke in kleinen Auflagen teuer, aber kostendeckend veröffentlichen. Das einzige weiter boomende Segment sind Mangas, doch "Yukikos Spinat" (Ponent Mon) von Frederic Boilet dürfte davon kaum profitieren. Dabei hält sich der seit 1997 in Japan lebende französische Autor für seine autobiografische Liebesgeschichte nah am japanischen Stil. Doch seine poetische Begegnung mit einer jungen Japanerin ist viel zu zart, assoziativ und auch zu erwachsen für die Manga verschlingenden Kids. Moderne Romantiker dagegen werden es lieben.

Wie gesund ein schrumpfender Umsatz für die Qualität sein kann, sieht man an dem US-Verlag Marvel Enterprises, der trotz Klassikern wie Spider-Man, X-Men, Hulk und anderen vor einigen Jahren kurz vor der Pleite stand. Inzwischen wird der Programmsektor von einem ehemaligen Comic-Autoren geleitet, der seit einiger Zeit für verblüffend gute Geschichten sorgt. Selbst in diesem Rahmen erstaunlich ist Unstable Molecules (Marvel/Import) von James Sturm, eine Geschichte über die angeblich realen Vorbilder der 1961 erfundenen Klassiker-Superhelden The Fantastic Four. Die Geschichte spielt Ende der fünfziger Jahre in einer Kleinstadt, in der Beatniks, Atomphysiker und am Schluss sogar die Gründer von Marvel aufeinander treffen. Ist es wahr oder ausgedacht? Das muss jeder selbst entscheiden.

Weitere feine Verschenk-Comics: Berlin in den Dreißigern: Jason Lutes - Berlin (Carlsen); der gute Krimi: Brian Michael Bendis -Torso (Speed); eine rührende Ode an die Jugend: Michel Rabagliati - Paul Has A Summer Job (Drawn & Quarterly/Import)