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Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

"Der Krieg ist die Fortsetzung des Friedens, nur mit anderen Mitteln" (Jan Stage)




Der Krieg geht weiter. AI Quaida. Bin Laden. Syrien. Libyen. Nordkorea. China. SARS (1). Aids. Der Islam. Die Rezession. Die Arbeitslosigkeit. Die USA. Die Verschwörung. Die Juden. Die Nazis. Die Armut. Das Elend. Der Tod.

Irgendwo. Irgendwann. Wird etwas passieren. Das Leben ist bedroht, der Tod ist überall, und damit das niemand vergisst, halten uns die Medien in Panik, verpassen uns, den Panik-Junkies, jeden Tag eine Dosis Angst, dass wir keinen klaren Gedanken fassen oder unseren Willen sammeln, um dieses Rad (2) des Wahnsinns zu verlassen. Doch glaube niemand, dass es eine Verschwörung gibt, die uns im Zustand der folgsamen Konsumbabys halten will. Schön wäre es! Das würde bedeuten, irgendwer hätte sich Gedanken gemacht. Aber leider nein, kein Hirn, nirgends - es ist alles bloß Gewohnheit.

Dabei wäre das Ende der Geschichte das Beste, was uns passieren könnte. "Wir müssen das Blatt wenden, neue Ideen entwickeln und versuchen, einen neuen Menschen zu erschaffen." Das schrieb der Franzose Frantz Fanon, der geglaubt hatte, die algerische Revolution von 1954 bis 1961 sei der Beginn eines neuen Zeitalters. Er dachte, was alle Revolutionäre denken, immer und überall. Vermutlich scheitern sie genau daran. Jede Revolution versucht eine Gegenwart zu schaffen, aus der heraus eine Zukunft ohne Vergangenheit entstehen kann. Nur will das niemand: Die Menschen sitzen in den Ruinen ihrer Geschichte und verteidigen (3) jeden wertlosen Klumpen, als hänge ihr Leben davon ab. Der im vergangenen Jahr verstorbene israelische Politiker Abba Eban brachte das so auf den Punkt: "Menschen und Nationen handeln nur rational, wenn alle anderen Möglichkeiten erschöpft sind."

Jan Stages Buch "Niemandsländer - Reportagen aus vier Erdteilen" ist kein Spaß. In Algerien sucht der 66-jährige Däne nach Spuren von Frantz Fanon, einem Theoretiker der Revolution, der dort vergessen ist. Stage schreibt: "Niemand kann oder möchte sich jene Vergangenheit ins Gedächtnis zurückrufen, der gleichwohl alle verhaftet sind." 1997 trifft der Journalist und Romanautor in einem Gebiet, das zu diesem Zeitpunkt noch Zaire heißt, Paul Kabongo, den damaligen Sicherheitschef von Laurent Kabila, der die Gründung der Demokratischen Republik Kongo mit einer Erinnerung garniert: "Vergessen Sie nicht, die erste Atombombe der Welt wurde mit kongolesischem Uran hergestellt." Im gleichen Jahr spricht Stage in Hebron mit Palästinensern und Israelis, außerdem besucht er eine palästinensische Schule: "Im Erdkunde-Raum hängt nur eine Karte. Palästina in den Grenzen (4) vor 1948."

Eine Dolmetscherin in der russischen Enklave Kaliningrad, einst Königsberg, sagt: "Wir sind die vergessenen Opfer der Geschichte." Und wieso wollen Serben immer über Fußball reden? "Aus bitterer Erfahrung weiß ich, wenn Serben anfangen über die Europameisterschaft von 1992 zu sprechen, endet dies bei der Schlacht auf dem Amselfeld von 1389 ...." Die Menschen klammem sich verzweifelt an die Tradition ihres Elends.

Am deutlichsten wird das im Krieg. Stage ist Kriegsreporter, doch in diesen Texten ist der Krieg weniger ein Fakt als ein vages Flimmern im Hintergrund, ein ewiger Zustand, der manchmal kurz unterbrochen wird. Besonders auffällig ist das angesichts der Hilflosigkeit der internationalen Truppen, denen er überall begegnet. Immer wieder spricht er mit müden Offizieren, die mit ihren Soldaten warten, auf Minenräumer, Nachrichten, Nachschub, die UN-Bürokratie, auf eine Aufgabe, und die dabei den Sinn ihres Einsatzes vergessen haben. Ein englischer Korporal einer Friedenstruppe in Bosnien sagt: "Der Krieg ist die Hölle. Und in der Hölle wartet man."

Doch ein ehemaliger Bankbeamter in einer Provinzstadt im Kongo, der zufällig ein Massaker überlebt hat, erklärt Stage, dass er überhaupt nicht versteht, wozu eine Friedenstruppe gut sein soll. "Das sei etwas, was wir Weißen erfunden haben: Es müsse doch Lösungen geben, sagten wir. Aber das sei albern. Dann könne man genauso gut sagen: Ich werde sterben, aber ich muss eine Lösung dafür finden, bevor es so weit ist."

Wer schon immer wissen wollte, was der Unterschied zwischen Krieg und Frieden ist, bekommt in Stages Sammlung, die er "Reisen vom Licht (5) in die Dunkelheit" nennt, eine schlichte Antwort: Der Frieden ist das Wirken der Vernunft, der Krieg ist das Leben im prärationalen Zeitalter. Nur lebt leider fast die gesamte Weltbevölkerung in einer solchen Zeit, die von Kollektiven bestimmt wird, Religionen und Ritualen, Patriarchen und deren Organisationsformen, der Mafia und ihren Banden, einem Gesindel, das es für sein Recht hält, von der Ausbeutung seiner Mitmenschen zu leben, weil es das schon immer getan hat.

Und natürlich gibt es das ebenso bei uns, so wie auch alles andere: die Patriarchen, die bei uns in Parteien und Verbänden gegen den Fortschritt kämpfen, die Religionen, die bei uns Ideologien heißen, und den Glauben an die Undurchschaubarkeit der Welt, der vom Sperrfeuer der Medien mit seinen aus jedem Zusammenhang gerissenen Nachrichten, genährt wird. Wir leben in einer primitiven Welt, und die Primitivsten unter uns arbeiten dafür, dass das so bleibt.

Wir haben gelernt, mit dem Krieg zu leben, wir hatten dafür 10 000 Jahre Zeit, aber wir haben keine Ahnung, wie wir mit dem Frieden leben sollen. Also kämpfen wir weiter gegeneinander, bei der Arbeit, auf der Straße, zu Hause oder in der Liebe, während wir uns wünschen, dass es anders ist, und gleichzeitig denken, dass das nicht sein kann, weil es schon immer so war. Dazu passt der Kapitalismus, ein Wirtschaftssystem, das statt des Miteinanders das Gegeneinander fördert, die Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln. Ein Kollege sagt zu Stage im Kosovo: "Heutzutage beginnt man eine militärische Krise nicht, um einen Krieg zu gewinnen, sondern um ein Darlehen der Weltbank zu erhalten."

An die Revolution glaubt der Däne trotzdem nicht: Er war in Kuba, bei den Zapatisten in Mexiko, am Grab von Che Guevera in Bolivien, sogar in der DDR - und stellte überall fest, dass keine Revolution dauerhaften Fortschritt gebracht hat. So zieht er um die Welt, ein ratloser Fragender, der nicht versteht, warum die Menschen um ihn herum im Chaos leben, der keine Erklärung hat und keine Lösung. Ein Fremder, der nichts will, als mit allen zurechtkommen, und der dabei kein Wort über das verliert, was er selbst vorlebt: Krieg ist die Sache von Kollektiven - Frieden muss jeder selbst machen.

Jan Stage: Niemandsländer - Reportagen aus vier Erdteilen. Eichhorn, 2002; 27,50 Euro