Partner von
Partner von

Der Geist der Maschine

Informationstechnik kann unser Leben erleichtern. Automation dient dem Menschen. Doch Kurzsichtigkeit, Dummheit und Aberglaube bei Technikfreunden und Technikfeinden verhindert bislang noch den Zugang zu einer besseren Welt.




Je rätselhafter etwas ist, desto gefährlicher scheint es uns. Vor acht Jahren wurde Kevin Mitnick mit etwas, wovon kaum jemand etwas versteht, vor dem sich aber die meisten ängstigen, zum Star. Vor Drogenbossen, Terroristen und Serienmördern schaffte es der Computerhacker auf Platz eins der "Most Wanted" -Liste amerikanischer Krimineller. Nach wochenlanger Fahndung hatten FBI-Agenten Mitnick geschnappt, der sich an den Datennetzen von Militärs und Sortwarefirmen vergangen hatte. Was da genau passiert war, schien kaum jemand zu wissen. Nur so viel: Mitnick sei "extrem gefährlich". Der zuständige Staatsanwalt verfügte Isolationshalt. Kein Kontakt zur Außenwelt. Der Mann sei im Stande, behauptete der Anklagevertreter, mit den geringsten technischen Mitteln einen Atomkrieg auszulösen.

Die Sorge beweist vor allem eins: die völlige Ahnungslosigkeit, die Eliten und Bevölkerung gegenüber Informationstechnologie hatten - und haben. Und die - auch acht Jahre später - wichtigste Verhaltensform gegenüber neuen Technologien: Abwehr und Angst, Übertreibung und Zähneklappern.

Führungskräfte in Politik, Unternehmen und Gesellschaft und Computer, Netzwerke und Automation - das passt, von Sonntagsreden abgesehen, nicht zusammen. Wo so viel Ahnungslosigkeit regiert, wird ein kleiner Hacker zum Staatsfeind Nummer eins. Und der alte Popanz, mehr Computer machten die Welt unsicherer, wird hochgehalten. Nach seiner Haftentlassung hat Mitnick ein Buch geschrieben, "The Art of Deception" heißt es, die Kunst des Täuschens. Sein Inhalt erschließt sich durch den Untertitel, "Controlling the Human Element of Security".

In dem Buch stellt Mitnick eine gewagte Behauptung auf: Erfolgreiche Hacker müssten nicht technische Cracks sein, also die geheimnisvollen Fachidioten, die ständig beschworen werden, sondern schlicht gute Sozialtechniker. Nur dann gelänge es, an intime Geheimnisse, Codes und Passwörter heranzukommen.

Das Geheimnis der Hacker ist also gar keines: So wie Taschendiebe, Hütchenspieler oder Heiratsschwindler nutzen sie ein wenig Handwerk und viel Gespür. Damit das klappt, müssen die Opfer möglichst wenig von dem wissen, was ihnen gerade vorgegaukelt wird. Je weniger die Leute also über Technik wissen, desto besser sind die Chancen für Computerkriminelle. Leider heißt das aber auch: Je weniger die Leute über Technik wissen, desto leichter ist es, sie damit in die Irre zu führen und ihnen Angst einzujagen. Wer dumm bleibt, ist dumm dran: eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Wie sieht so etwas in der Praxis aus?

Zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, genauer dem Ort Rheinberg, wo die Metro AG einen Supermarkt der neuen Generation eröffnet hat. Dort sind die Waren mit digitalen Etiketten ausgestattet, die Preis, Verfügbarkeit und alle anderen für Einzelhändler nötigen Informationen an ein Kassensystem funken.

An den Regalen gibt es elektronische Preisschilder, Displays, die sich schnell veränderten Preisverhältnissen anpassen.

Wer genug im Körbchen hat, dem markiert keine lange Schlange vor den Kassen den Weg, sondern ein mit Scannern ausgestattetes Laufband. Dort legt der Kunde die Ware selbst ab, nimmt sie selbst wieder runter - und zwischendurch zeichnet der Scanner den Preis auf. Bezahlen kann man heute mit Karte, morgen braucht man dafür nicht mal mehr in die Jacke zu greifen, der Funkchip bucht ab, was übers Laufband lief. Ein beliebter Höhepunkt des digitalen Kaufmannsladens ist eine Waage, die, mit einem Videochip ausgestattet, erkennt, ob sich auf ihrer Waagschale Äpfel oder Birnen befinden. Nie wieder Verwechslungen.

Nie wieder?

Doch. Denn für die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ist dieser Supermarkt ein Horrorkabinett. Dort zeige sich, meint die Gewerkschaft, was allen Handelsangestellten blühe: nichts. Denn überflüssig sind Kassiererin, Lagerarbeiter, Etiketten-Drücker - auch wenn sie beim Metro-Projekt - aus sozialpsychologischen Gründen - noch den Laden bevölkern. Computer killen Arbeitsplätze. Haben wir das schon mal gehört?

Schon öfter. Zum Beispiel: In den siebziger Jahren galten die Computer mal als Jobkiller, mal als Agent der herrschenden Klasse, denn der gläserne Bürger, ausgestattet mit maschinenlesbarem Personalausweis, würde von der Obrigkeit Tag und Nacht beschattet werden. Diese - vorsichtig gesagt - Überschätzung der eigenen Persönlichkeit hielt sich standhaft in der politischen Auseinandersetzung. Bis Mitte der neunziger Jahre galt bei den Grünen ein selbst verordnetes Computerverbot. Im Jahrzehnt zuvor hatten sich Gewerkschaften für die Beibehaltung des Bleisatzes bei Zeitschriften stark gemacht. Die Einführung digitaler Technik würde zehntausende Arbeitsplätze vernichten.

Fast jede Ethik-Debatte um neue Technologien folgt diesem Muster. Heute steht fest, dass die Einführung digitaler Technik mehr Jobs geschaffen als vernichtet hat: Rund 800000 Mitarbeiter arbeiten in der deutschen IT-Branche, die damit zu einem der rührenden Wirtschaftszweige geworden ist. Struktur- und damit langzeitarbeitslos sind vor allem die, die von den Angstmachern von der Technologie fern gehalten wurden. Aber es geht um mehr.

Die Nachfolger der alten Bleisetzer haben nicht nur höhere Berufs-, sondern auch Überlebenschancen: Bleisetzer waren, wegen des wenig bekömmlichen Arbeitsmaterials, potenzielle Todeskandidaten. Kohlekumpels, die mit 70 000 Euro pro Kopf und Jahr subventioniert werden, dürfen bis heute in den Schacht fahren, um sich zu ruinieren. Darf man fragen, ob die Arbeit an Supermarktkassen, wo Frauen pro Tag Tonnen von Waren heben, ein erstrebenswertes Lebensziel ist? Macht es Spaß, am Abfallfließband die Vorschriften der Mülltrennung exekutieren zu müssen. Ist es nötig, dass wir im 21. Jahrhundert Menschen Arbeiten aussetzen, die menschenverachtend sind, nur weil die, die vorgeben, Menschen schützen zu wollen, nichts, nicht das Geringste, an alternativen Konzepten für diese Fronarbeiten in petto haben?

All das ist für die Moralisten von gestern schwer in Ordnung: Und es gibt sie nicht nur in Deutschland. Der kambodschanische Diktator Pol Pot ließ alle Landsleute abknallen, die eine Brille trugen - weil die Lesehilfe für ihn ein Zeichen war, dass dahinter ein intellektuelles Gehirn tickte - und damit ein Feind seiner Steinzeitpolitik. Das finden alle schlecht, aber niedliche Ikonen des neuen Gutmenschentums wie die indische Autorin Arundhati Roy finden viele gut. Die reiche Autorin und Großbürgerin findet, dass Computer und Internet nicht zur indischen Kultur passen. In Indien versuchen Informationstechniker seit Jahren, ein auch für Kleinbauern einsetzbares, auf Internet basierendes Kommunikationssystem zu etablieren, das den Armen neue Chancen bieten könnte. Die Information Poor sind, auch wenn das die satten westlichen Technikverweigerer nicht hören wollen, in der Dritten Welt auch wirklich arm. Frau Roy und den in sie offensichtlich verknallten europäischen Feuilleton-Moralisten ist so etwas völlig egal. Sie sind nicht allein.

Eine gerechte Welt kann durch ein Mehr an Technik entstehen, sagten Marx und Bebel

Automation und Technik kann Mehrwert erzeugen, Armut bekämpfen, die Welt besser machen, allerdings nur dann, wenn nicht Ewiggestrige im Weg stehen. Mit den alten Eliten ist nicht zu rechnen. Schon gar nicht mit jenen, die sich auf Karl Marx und August Bebel berufen - beide übrigens waren fest davon überzeugt, dass eine gerechte Welt nur durch ein Mehr an Technik entstehen könne. Doch Ethik, sprechen wir es aus, heißt: Selbsterkenntnis, Selbstkritik und vor allem: harte Arbeit. Man muss verstehen wollen, um zu verändern. Dafür sind viele Angehörige der West-Eliten schlicht zu faul.

Doch die Dinge ändern sich. Menschen nutzen seit langem ihre PCs und Internet-Anschlüsse freiwillig, ohne Druck, weil sie gelernt haben, dass es ihnen nützt. Wer gelernt hat, dass Automation persönliche Freiräume schafft, ist den Killerargumenten der Zukunftsfeinde nicht mehr aufgeschlossen. Immer klarer wird, dass nur der gesellschaftlich und ethisch richtig handelt, der sich mit Technik und ihren Folgen ernsthaft auseinander setzt.

Es ist zehn Jahre her, dass das Internet zum ersten Mal im deutschen Sprachraum als Begriff wahrgenommen wurde. Vor zehn Jahren waren es Visionäre der neuen gesellschaftlichen und ökonomischen Werte, die das Netz vorantrieben. "Nur wenn die Menschen lernen, Technik für sich selbst zu nutzen, werden sie ihre Angst verlieren und damit die digitale Revolution erst in die Welt bringen", sagt der frühe Web-Apostel Mitch Kapor.

Wenn du Angst vorm Dunkeln hast, dann schalt das Licht an.

Und die Dinge werden klar.