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Kommentar - Simulanten

Die Reform der Arbeitsämter geht wie Reform des Staates: Auf Kosten anderer Leute wird die Wirklichkeit verdrängt.




Virtuelle Realität ist, wenn ein System uns vorgaukelt, wir befänden uns im wirklichen Leben. Man kann Flugzeuge fliegen, ohne Städte in Brand zu setzen, oder auf dem Jupiter Kanu fahren, ohne dass Papi dabei vereist. Der Vorteil dabei: Die virtuelle Realität ist billiger, besser, risikofreier als die Wirklichkeit. Und dann gibt es Ausnahmen. Da ist die Simulation von Tätigkeit enorm teuer. Willkommen in der wunderbaren Welt der Bundesanstalt für Arbeit! Am virtuellen Arbeitsmarkt.

Die Betreiber dieser Simulation, nennen wir sie Simulanten, sind 90 000 Männer und Frauen, die bei knapp 4,5 Millionen Arbeitslosen mit prima Zuwächsen gut zu tun haben. Ab Dezember 2003 soll der "Virtuelle Arbeitsmarkt" im Internet verfügbar sein. Dann kann man eine Website der Bundesanstalt für Arbeit angucken, auf der, falls vorhanden, Jobangebote stehen. Oha. Eine ganz normale Website mit ein bisschen Datenbank dahinter. Man darf sich fragen: Warum gibt's das nicht längst? Ganz einfach: Weil dutzende verschiedener Systeme, Datenbanken und Angebote der Bundesanstalt für Arbeit, im Netz oder auch nicht, bisher derart plan- und lustlos zusammengeschustert wurden, dass sie nicht den Ansprüchen genügen, die heute jeder Zwei-Mann-Laden hat. Sie sind veraltet, unzugänglich, schwer oder gar nicht verfügbar, kurz und gut: Schrott.

Deshalb wird der Virtuelle Arbeitsmarkt geschaffen. Was ist da drin? Die Inhalte der privaten Jobvermittler im Netz, Stellenanzeigen aus Zeitungen, Web-Magazinen und von anderen privaten Veranstaltern: "Bundesweit werden dann alle Stellen und Bewerber unter einer einzigen Adresse zu finden sein", schreibt die Anstalt. "Arbeitgeber und Arbeitnehmer können selbstständig ihre Stellen- und Bewerberprofile einstellen." So einfach ist das.

Die Kosten für das Projekt: zwischen 50 und 60 Millionen Euro. Für eine Website. Mit den Inhalten anderer Leute. Ja, Herrschaften, so macht man Geschäfte, wenn man die Macht hat. Können wir nicht gibt's nicht. Irgendwer kann. Irgendwer hat. Das holen wir uns.

Die Panzerknacker-Mentalität der Regierung in Sachen private Arbeitsmarkt-Dienste ist geübt: bei den berüchtigten Personal-Service-Agenturen (PSA), die zwar immer noch nicht funktionieren, aber zig Millionen verschlungen haben. Zu welchem Zweck?

Diese aus den Arbeitsämtern geschaffenen " Vermittler" bieten Leiharbeiter zu Dumping-Preisen an. Die Differenz zahlt der Steuerzahler. Ruiniert werden Leiharbeitsfirmen, die sich nicht aus der öffentlichen Kasse bedienen können. Die PSA der Arbeitsämter kassieren für jeden Monat pro Arbeitslosen 1000 Euro.

Unfassbar? Nein, Realität. Fakt ist auch, dass die Unternehmer dabei keine Chance haben, weder als Leiharbeitsfirmen noch als Anbieter von Jobs im Web.

Die fünf führenden Jobvermittler im Netz verhandeln seit langem mit der Bundesanstalt für Arbeit. Naiv könnte man annehmen, dass der Staat eingesehen hat, dass das Angebot der Unternehmen auch deshalb erfolgreich ist, weil einige leistungsfähige Jobanbieter miteinander konkurrieren. Das ist falsch. Die Tonlage in der Staatswirtschaft ist eine andere: Entweder ihr liefert eure Angebote schnurstracks an uns, oder wir ruinieren euch. Der Staat hat genug Geld, um mit Werbung und Marketing die Privaten zu übertönen, deren Ideen zu klauen und deren Erfolg zunichte zu machen. Am Werk sind Gesinnungstäter, die zudem wissen, dass sie ihre Existenzgrundlage der Not anderer Menschen verdanken. Die Staatswirtschaft ist teuer, dreist und menschenverachtend.

Je schlimmer es um den Arbeitsmarkt steht, desto mehr Verwalter werden angeheuert. Mehr als 7,5 Milliarden Euro wird die Bundesanstalt für Arbeit in diesem Jahr an Zuschüssen brauchen, so viel, wie die so genannte " Steuerreform" Gerhard Schröders dem Bürger bringen soll. Fast 12 000 neue Mitarbeiter hat die Regierung den Nürnbergern schon zugesagt, 30 000 neue Leute gibt die heute schon größte Behörde Deutschlands vor zu brauchen. Wie die Dinge im Land stehen, sind ihre Chancen auf neue Verwalter höher als die ihrer Kunden, einen Job zu finden. Was ist das für ein System, das die Simulation zur Staatsform erhebt?

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siehe auch:
Was wurde aus ... dem Virtuellen Arbeitsmarkt?
(vom 27.2.2004)