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DIE REIFEPRÜFUNG

Millionen kennen die Ticketautomaten von Höft & Wessel, kaum einer kennt das Unternehmen. Ganz klein hat die Hightech-Firma angefangen, ist schnell groß geworden - und ringt nun mit den Grenzen des Wachstums.




Für Höft & Wessel liegt das Geld tatsächlich auf der Straße. Das Unternehmen stellt die Automaten her, die zum Beispiel an Tankstellen aufgestellt werden und an denen Lkw-Fahrer künftig Maut bezahlen können - wenn die politischen Differenzen zwischen Brüssel und Berlin um das Projekt beigelegt sein werden. Dieser Streit interessiert in der hannoverschen Hightech-Firma aber nur am Rande: Der 31-Millionen-Euro-Auftrag vom Toll-Collect-Konsortium ist im Sack und weitgehend abgearbeitet, das zählt.

René Glasmacher, Finanzvorstand, stellt die robuste Outdoor-Version des Automaten im Brummifahrer-freundlichen Retro-Design gern eigenhändig vor. Mit der Bedienung hat der eloquente Rheinländer in der perfekten Business-Uniform noch ein paar Probleme. Dafür kann er schöne Anekdoten erzählen. Zum Beispiel die, dass derjenige Mitarbeiter, der den kuriosesten Fehler beim Praxistest des Systems provoziert hat, mit einem Kilo Lakritz belohnt wurde. Der Zahlenmensch Glasmacher beschwört damit den spielerischen Tüftlergeist, der das Unternehmen groß gemacht hat. Und seine Produkte allgegenwärtig; Ticketautomaten an Bahnhöfen und Bushaltestellen, Check-in-Terminals an Flughäfen - Millionen haben schon mal Höft-& -Wessel-Knöpfchen gedrückt.

Diese Position hat sich die Firma mit Chuzpe und harter Arbeit erkämpft. Einen stummen Zeugen der Unternehmensgeschichte hütet Achim von der Embse, Leiter des Großkundengeschäfts und seit 18 Jahren im Betrieb, in seinem Büro: den Prototypen des mobilen Schaffnercomputers, mit dessen Nachfolger heute alle Zugbegleiter herumlaufen.

1994 erfuhr man bei Höft & Wessel, dass eine Projektgruppe bei der Deutschen Bahn über ein Gerät nachdachte, mit dem sich im Zug Tickets ausdrucken lassen. Ein innerhalb des Staatskonzerns umstrittenes Projekt, weil viele Verantwortliche es für unmöglich hielten, das Tarifsystem der Bahn in einem kleinen Rechner abzubilden. Von der Embse: "Wir haben gesagt: Das können wir."

Alles auf eine Karte. Der kleine Betrieb investierte 600 000 Mannstunden in das " Mobile Terminal", entwickelte - quick and dirty - den Prototypen und bestand auch einen Feldversuch bei der Bahn. Schließlich musste von der Embse noch eine Studie liefern. "Mit der habe ich dann auf 250 Seiten nachgewiesen, dass das, was praktisch funktioniert, auch theoretisch möglich ist", sagt der Ingenieur mit dem gepflegten Vollbart und grinst.

Das Vabanquespiel ging auf, der Zwerg bekam den Zuschlag und schlug Riesen wie Siemens, IBM und Panasonic aus dem Feld.

Das war der Durchbruch und der Lohn für die konsequente Weiterentwicklung einer guten Idee. 1978, als in Deutschland noch kein Mensch von Start-ups sprach, hatten die Studenten und Computerfreaks Michael Höft und Rolf Wessel in einer Altbauwohnung in Hannover-Linden ihre Firma gegründet. Und selbstbewusst eine Marktlücke ins Visier genommen: mobile Datenerfassung (MDE) im Einzelhandel.

Die Nobodys dienten Supermarktketten Kleincomputer an, mit denen man unter anderem den Artikelbestand in den Läden erfassen und die Daten an die Zentrale weiterleiten kann. Markenzeichen der Eigenentwicklungen: leicht zu bedienen und sehr robust - manche der MDE-Veteranen sind bei Aldi und Co. heute noch im Einsatz.

Die Tüftler-Bude wuchs 20 Jahre lang aus eigener Kraft

Es dauerte neun Jahre bis zum ersten großen Sprung in der Unternehmensgeschichte. Bahlsen wollte erstmals Minirechner einsetzen, die sowohl Informationen versenden als auch empfangen können. Höft & Wessel bewarb sich um das Vorzeigeprojekt, es gab einen Vergleichstest mit der Konkurrenz, den man gewann. "Das war die Initialzündung", sagt von der Embse.

Der Bahlsen-Auftrag öffnete Türen. Bald danach öffnete sich die Mauer; der Einzelhandel expandierte gen Osten, Höft & Wessel expandierte mit und investierte die Gewinne in die Entwicklung des Schaffner-Computers. Am Charakter der Firma änderte sich nichts: eine Entwicklerbude mit dem Charme eines TU-Campus, wo junge Männer in karierten Hemden nach Herzenslust und ohne feste Arbeitszeiten tüfteln dürfen. Ein Ingenieursparadies.

Kreativität, Hemdsärmeligkeit, die Fähigkeit, dem Kunden in sehr kurzer Zeit eine auf ihn zugeschnittene Lösung zu liefern - das seien immer noch die Stärken von Höft & Wessel, sagt Werner Andexser, ein Schwabe mit väterlichem Habitus, der von Bosch kam und seit drei Jahren Vorstandsvorsitzender ist. An die bei Höft & Wessel übliche allgemeine Duzerei musste er sich erst gewöhnen. Aber die Tatsache, dass auch er Ingenieur ist, erleichterte ihm den Wechsel vom Großunternehmen in die Tüftlerfirma: "Die meisten meiner Spezies haben irgendwo ein Rad ab."

Auch er kann eine schöne Anekdote zur Unternehmensgeschichte beisteuern. Als Höft & Wessel in das Geschäft mit stationären Ticketautomaten einstieg, setzte die Firma sich bei der Deutschen Bahn wieder gegen übermächtige Konkurrenz durch. Mit einem interessanten Argument: Ihr wollt eine neue Automatengeneration? Dann müsst ihr uns den Auftrag geben, denn wir haben noch nie einen Automaten gebaut und werden deshalb mit unverstelltem Blick an die Sache herangehen.

Aus der Schwäche eine Stärke machen, das war das Erfolgsrezept. Und die Grundlage für 20 Jahre stetiges Wachstum aus eigener Kraft. Als weitsichtig erwies sich die Entscheidung der Gründer, nie selbst in die Produktion einzusteigen. Höft & Wessel kümmert sich um die Blaupausen und Prototypen, die Serienfertigung übernehmen Partner.

Als weniger weitsichtig erwies sich die Entscheidung, den soliden Wachstumspfad zu verlassen. 1998 zog es Höft und Wessel an die Börse. Als Nummer 13 waren sie auch am Neuen Markt mal wieder recht früh dran. Es kam viel Geld in die Kasse, rund 16 Millionen Euro, man kaufte die englische Firma Metric, die Parkautomaten herstellt und fast genauso groß war wie die hannoversche Mutter.

Ein zu großer Happen, wie sich bald herausstellte.

Die frisch gebackene Aktiengesellschaft machte früh Fehler, die damals viele machten: Wachstum um jeden Preis, Verzettelung in Zukäufen und hochfliegenden Plänen. Mit der Übernahme von Metric geriet das Unternehmen, das laut den Gründern bis dahin nie rote Zahlen geschrieben hatte, in ernste Schwierigkeiten.

Plötzlich war eine kritische Größe erreicht, die den Horizont der Autodidakten an der Unternehmensspitze überstieg. Sie führten das Unternehmen weiter wie bisher: hemdsärmelig. Wie typische Inhaber eben, die sich häufig um Dinge kümmern, um die sie sich nicht zu kümmern brauchen, so von der Embse. Die Mitarbeiter warteten immer länger auf die Entscheidungen von oben.

Dann übernahmen sich die Gründer und räumten das Feld

An anderer Stelle gab es blinde Flecken. Peter Claussen, seit 1995 im Unternehmen und heute Vertriebsvorstand, erinnert sich an die alten Zeiten: "Wir haben gearbeitet und gearbeitet, und am Ende des Jahres haben wir geschaut, was dabei herumgekommen ist." An welcher Stelle welche Kosten und welche Gewinne entstanden sind, das hat nicht so interessiert.

Solche Fragen wurden aber wichtig. Die Integration der Tochtergesellschaft Metric erwies sich - nicht zuletzt aus kulturellen Gründen - als Herkules-Aufgabe: Deutsche Investoren werden in Großbritannien nicht mit offenen Armen empfangen. Hinzu kam, dass man in Hannover viel auf eine Karte setzte, die diesmal nicht stach: die Geldkarte - das Zahlungsmittel hat sich bis heute nicht durchgesetzt. Zu allem Überfluss ging ein wichtiger Kunde Pleite. Und bei dem Versuch, mit einem mobilen Internetcomputer den Massenmarkt zu erobern, zeichnete sich das Scheitern ab.

Die Probleme potenzierten sich, der Druck stieg: Im August 2 000 zogen Michael Höft und Rolf Wessel die Konsequenzen, räumten den Vorstand und zogen sich in den Aufsichtsrat zurück. Auch bei ihrer Demission waren sie vielen anderen Gründern voraus, klebten nicht bis zuletzt an ihren Sesseln. Vom ersten Tag an überließen Höft und Wessel ihren Nachfolgern vollständig das Feld und wollen seitdem auch der Presse kein Wort mehr über die Firma sagen, die ihren Namen trägt und an der sie noch rund 46 Prozent der Anteile halten.

"Hut ab!", lobt Werner Andexser, der Nachfolger an der Unternehmensspitze, diese Konsequenz. Den Geist von Höft und Wessel spürt man in der Firmenzentrale in einem unscheinbaren Gewerbegebiet allerdings immer noch. Der kühle, strenge Bau ist ein Vermächtnis von Rolf Wessel, der ein paar Semester Architektur studiert hat und maßgeblich an der Planung beteiligt war.

Die Entwickler im obligatorischen Freizeit-Look wirken in der Firmenzentrale zuweilen wie zu Besuch. René Glasmacher, der nach einer Bilderbuchkarriere in der Industrie und der Finanzbranche mit Andexser kam, macht dagegen eine gute Figur in dem kubistischen Haus. Er verkörpert die neue Zeit bei Höft & Wessel. Seit dem Wechsel an der Spitze werden Risiken bereinigt, wird umgebaut und integriert. Vor allem aber gespart: Glasmacher zeichnet persönlich jede Ausgabe ab. Einer wie er ist in Zeiten wie diesen notwendig - doch in einem Ingenieursparadies nicht wirklich beliebt.

Da treffen Welten aufeinander. Beiläufig erzählt Glasmacher: "Manchmal fühle ich mich bemüßigt zu sagen: Räum doch mal auf! Es gibt Leute hier, die richten ihr Büro ein wie Sie vielleicht Ihre Garage, stapeln da irgendwelche Platinen und alte Bedienungsanleitungen." Kleine Pause. "Aber eine Clean Desk Policy wäre kontraproduktiv. Wichtig ist, dass die Leute sich wohl fühlen - und die Unordentlichen arbeiten oft am besten."

Die Effizienz zu erhöhen, ohne die Kreativität zu zerstören, das hat sich das Management vorgenommen. "Ab einer bestimmten Größe muss es in einem Unternehmen definierte Abläufe geben", sagt Glasmacher. "Aber da, wo wir Freiheiten erhalten konnten, haben wir es getan." Wer will, kann bei Höft & Wessel immer noch nachts arbeiten und tagsüber am Baggersee liegen.

Erwachsen zu werden ist unvermeidlich und immer auch ein bisschen traurig. Von der Embse bedauert manchmal, dass es nicht mehr so familiär zugeht. Professioneller sei es geworden und damit kühler. Es gebe mehr Leute, die auf einen Achtstundentag achten. Einer, der das tut, auch ein alter Hase, zitiert Rolf Wessel, der immer geunkt habe, die Firma werde irgendwann ein ganz normales Unternehmen werden - "die Drohung ist jetzt wahr geworden" .

Die Zeitenwende ist an Symbolen abzulesen. Früher war der Kaffee bei Höft & Wessel gratis, heute kostet er 15 Cent - eine Kleinigkeit, die für großen Unmut bei den Mitarbeitern gesorgt hat. Einen anderen geplanten Einschnitt hat der Betriebsrat abgewehrt. Der Vorstand wollte in guten Zeiten vereinbarte, zusätzliche Urlaubsansprüche streichen. Man habe der anderen Seite aber klar gemacht, dass das nicht gut wäre für die Mitarbeitermotivation, sagt das Betriebsratsmitglied Sönke Köbke, ein ernsthafter Mensch in kariertem Hemd.

Der Drive der Leute, das Selbstverständnis des kleinen Angreifers, der sich diebisch freut, Größen wie Siemens auszustechen, ist das eigentliche Kapital von Höft & Wessel. Im Projektgeschäft, wo auf Teufel komm raus Termine einzuhalten sind, wäre Dienst nach Vorschrift tödlich.

Betriebsrat und Vorstand sind sich einig im Unglücklichsein

Zum Beispiel beim Maut-Automaten-Projekt. Der Auftrag war wichtig für die Auslastung, weil das Einzelhandelsgeschäft nach wie vor schwächelt und die Luftfahrtkrise auch auf das Automatengeschäft von Höft & Wessel durchschlug. Allerdings war auch der Preis hoch: Unter dem Strich bleibt für die Hannoveraner bei den Maut-Automaten wenig hängen.

Die Zeiten sind hart, die Margen sinken, und Sönke Köbke ist heilfroh, dass er es mit einem professionellen Vorstand zu tun hat. "Ich möchte mir nicht ausmalen, wie die Betriebsratsarbeit mit dem damaligen Vorstand wäre. Bestimmt nicht sehr angenehm." Er hat auch Verständnis für die Stellenstreichungen, allein im vergangenen Jahr waren es 21, vier weitere sind gefolgt. "Da sind wir uns mit dem Vorstand einig im Unglücklichsein", sagt er.

Jetzt soll vor allem endlich wieder Geld verdient werden. In den Jahren nach dem Börsengang liefen bei steigenden Umsätzen die Kosten aus dem Ruder. Nachdem im vergangenen Jahr die Bilanz der Unternehmensgruppe radikal bereinigt und ein Verlust von 25 Millionen Euro ausgewiesen wurde, will Andexser in diesem Jahr unbedingt schwarze Zahlen schreiben. Bei rund 80 Millionen Euro Umsatz sollen vor Steuern mindestens 1,5 Millionen Euro Gewinn übrig bleiben. Das wäre dann die Reifeprüfung. Mittelfristig peilt der Chef eine Umsatzrendite von fünf Prozent an, ein ehrgeiziges Ziel. Nach "zum Teil knochenharten Jahren" seien die gröbsten Umstrukturierungsmaßnahmen nun abgeschlossen, sagt er. Aber: "Wir werden uns permanent weiter verändern. In unserer Branche ist Stillstand Tod."

Aus einer Zwei-Mann-Softwarebude ist ein moderner Mittelständler geworden, der den Börsenhype mit einem tiefblauen Auge überstanden hat. Mittlerweile ist das Unternehmen gut aufgestellt, größtes Pfund ist eine Art Baukasten aus Hard- und Softwaremodulen, die als Basis für neue Geräte dienen. Die Zahl der Auftraggeber hat deutlich zu-, die Abhängigkeit von Großkunden wie der Deutschen Bahn abgenommen. Die Nischenmärkte, die die Hannoveraner bedienen, entwickeln sich ordentlich. Mittlerweile tragen Serviceleistungen immerhin schon 15 Prozent zum Umsatz bei.

Nach drei knochenharten Jahren gibt es wieder Grund zum Feiern

Um die Abhängigkeit vom zyklischen Projektgeschäft zu verringern, sollen künftig verstärkt Standardprodukte entwickelt werden, die dann von Vertriebspartnern gegebenenfalls an die Kundenwünsche angepasst werden. Ein kleiner Strategiewechsel - Ausgang offen.

Oliver Franz, Analyst von Performaxx, der Höft & Wessel im vergangenen Herbst untersucht hat, sieht in seinem Bericht Indizien für eine Trendumkehr. Er empfahl die Aktie als spekulatives Investment. Anfang Juli, als die Nachricht die Runde machte, dass Höft & Wessel bei einem Betriebsversuch der Deutschen Post AG mit von der Partie ist, zog der Kurs tatsächlich um mehr als 40 Prozent auf rund 2,50 Euro an. Es geht um ein Navigationssystem, das Boten die Zustellung von Paketen erleichtern soll.

Mit rund 1,2 Millionen Euro Gewinn vor Steuern legte das Unternehmen jüngst eine erfreuliche Halbjahresbilanz vor. So gab es nach jahrelanger Abstinenz auch wieder einen guten Grund für ein Sommerfest bei Höft & Wessel, gleichzeitig das 25. Jubiläum. Ganz bescheiden und ohne prominente Gäste.

Angemessen für einen Twen, der die wilden Jahre hinter sich hat.

www.hoeft-wessel.com