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Renaissance oder Gegenreformation?

Es ist Bewegung im Land. Kaum ein Tag, an dem nicht eine neue Reform durch die Öffentlichkeit gejagt wird. Wo aber bleibt die Lust auf Wandel?




Bewegung und Stillstand leben ganz gut nebeneinander. Wo die Richtung nicht klar ist, sind alle Wege richtig. Wo keine Diagnose nach den Ursachen fragt, tun es auch Placebos. Warum ist so vieles so gründlich schief gelaufen in den vergangenen 30 Jahren, trotz viel Geld und noch mehr guten Absichten? Kaum ein anderes Land kennt höhere Transfers für Familien, zahlt mehr für Arbeitslose und deren Qualifizierung, schüttet üppigere Subventionen aus für alte und neue Industrien, bildet sich mehr ein auf sein Bildungssystem. Die Ergebnisse sind bekannt: mehr Arbeitslose, weniger Kinder, geringeres Wachstum und ein Bildungswesen, das so ungerecht wie leistungsschwach ist. Die Zeit ist gekommen für eine radikale Revision. Vor allem aber für die Frage: What comes next? Was kommt nach dem Wohlfahrtsstaat, wie wir ihn kennen? Abstürze nur und Abschiede oder neue Aufbrüche und Abenteuer, eine Welt, in der mehr Menschen bessere Chancen haben für ein rundum reicheres Leben? Zeit also, sollte man meinen, für Visionen, für einen anderen Blick in die Zukunft.

Weil aber bei beiden Fragen Schweigen herrscht, ist die Stimmung so, wie sie ist: voller Angst und Abwehr. Ein jeder klammert sich an das, was er hat, hofft, dass die kleine heile Welt noch eine kleine Weile hält. Was tun? Eine radikale Selbsterkenntnis ist auch hier der erste Schritt zur Besserung. Wir leiden nicht an dieser oder jener Krise, die man nacheinander durch eine Addition von Reformen kurieren könnte - damit danach alles wieder ist, wie es einmal war. Zu Ende geht ein Ancien Regime mitsamt seinen Institutionen und Leitideen, die das Leben der Menschen und die Gesellschaft zusammengehalten haben. Ein Blick in den Alltag offenbart, was gemeint ist. Gestern noch lag das Leben und die eigene Zukunft wie eine offene Landschaft vor den (jungen) Menschen: In Kindheit und Jugend haben sie sich auf den Ernst des Lebens vorbereitet, als Erwachsene hatten sie einen Beruf und eine Familie, im Alter ruhten sie sich von den Mühen des Lebens aus. Der Pfad des Lebens ging immer in eine Richtung, vorwärts, aufwärts, Karriere, Kinder, aufwärts bis 50. Und erst dann langsam abwärts.

Von alledem kann heute und morgen nicht mehr die Rede sein: Niemand hat mehr in der Jugend ausgelernt. Erwachsene werden mehrmals den Beruf wechseln und oft auch den Partner. Kinder und Familien kommen in einem Alter und in Konfigurationen, die früher unvorstellbar gewesen wären, und "auch alte Hunde lernen noch neue Tricks", was nicht nur ein englisches Sprichwort bisher ganz und gar für unmöglich hielt. Alte Menschen können und werden neu anfangen: in der Liebe, im Betrieb, bei sozialem Engagement. Einstiege, Ausstiege, Rückkehr werden die Regel, laterale Karrieren, Veränderung zur neuen Normalität. Gewiss, man kann auch künftig nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen, aber muss man deshalb ein Leben lang immer am selben Fluss dösen? Ein langes Leben bietet mehr Möglichkeiten, immer wieder zweite Chancen und verringert die Angst, der Zug sei ein für allemal abgefahren.

Dieser Wandel vom linearen zum zyklischen Leben wird alles revolutionieren: Liebe und Leben, Familie und Arbeit, die Politik und vor allem den Wohlfahrtsstaat. Die Zukunft wird mehr Freiheiten, aber weniger Sicherheiten bringen. Die Menschen werden ein spannenderes, aber auch ein anstrengenderes Leben führen. Riskante Freiheiten und normale Risiken gehen eine neue Mischung ein. Und es wird plötzlich klar, worin das Elend und die Chance der Politik ihren Grund haben. Die Menschen und ihr Leben haben sich verändert, die Politik und die Institutionen sind die gleichen geblieben. Dieses Missverhältnis zwischen Mensch und Institution, zwischen den neuen Realitäten und den alten Strukturen ist der eigentliche Grund für die Ausfallerscheinungen in der Familien- und in der Arbeitswelt, im Bildungswesen und in der Politik.

Wenn immer mehr Menschen nicht mehr im sicheren Hafen einer Familie oder eines Berufs leben, sondern auf offener See, mit weiten Horizonten, aber auch neuen Gefahren, dann brauchen sie, um an ihr Ziel zu kommen, Unterstützung, Orientierung, Navigatoren. Das können die alten Institutionen nicht mehr bieten.

Der Wunsch nach Selbstbestimmung bringt eine Art kopernikanischer Wende in der Politik

Vom linearen zum zyklischen Leben: Die Folgen des Wandels lassen sich für sämtliche Bereiche der Politik durchbuchstabieren. In der alten Welt wusste die Politik, woran sie war. Es hatte Sinn, Bildung an die Jugendphase zu koppeln, denn "was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr". Wo das Leben für die meisten eine Reise ist von A nach B, mit wenigen Brüchen, Übergängen, Umwegen, ist es sinnvoll, kritische Lebenslagen (Alter, Krankheit, Arbeitslosigkeit) abzusichern. Eine statische Gesellschaft kann mit einer statischen Sozialpolitik ganz gut leben. Es war die große Zeit der Parteien und Programme. Alles passte aufs Schönste zusammen: Big Government, Big Business, Big Unions, Massenproduktion und Massenparteien, alle fixiert auf homogene Lebenslagen.

Tempi passati. Wenn etwas zum Zeichen der neuen Zeit geworden ist, dann sind es die Individualisierung der Lebensläufe und die Vielfalt der Gesellschaft. Nicht im Sinne von Beliebigkeit, Chaos und Verfall, sondern als Folge der Aufklärung, als der selbstverständliche Wunsch der Menschen, ihr eigenes Leben zu leben, gute Gründe zu hören für Ansprüche von außen, sozialen Normen nur noch zu folgen, wenn sie durch das " Säurebad der Reflexion" (Niklas Luhmann) gegangen sind. Der Wunsch nach Selbstbestimmung der Menschen bringt eine Art kopemikanischer Wende in die Politik. In einer individualisierten Gesellschaft wird es darauf ankommen, dass Politik hilfreich und nicht hinderlich dabei ist, dass möglichst viele Menschen möglichst gute Chancen haben, erfolgreich zu sein bei dem Versuch, ihr Leben für sich und mit anderen zu leben. Und das nicht nur einmal, am Beginn der Karriere - was wir heute als Chancengleichheit verstehen -, sondern immer wieder, auch und gerade vor und nach Brüchen, Abstürzen, Anfängen.

Es geht nicht um ein paar Reformen. Es geht um das Ende des Wohlfahrtsstaates

Das bedeutet den Wandel von einer sozialen Schutz- zu einer aktivierenden Politik, von einer reaktiven zu einer pro-aktiven Politik, einer Politik, die riskante Übergänge anregt und abfedert, die in Prozessen und Entwicklungen und weniger in Zuständen denkt. Ein wenigstens dreidimensionaler Begriff von Gerechtigkeit wird sich durchsetzen: Verteilung, intertemporaler Ausgleich, Zugangsgerechtigkeit zu Arbeit und Familie. Das alles läuft langsam, aber sicher auf das Ende der klassischen Sozialpolitik hinaus. Sie wird einer sozialen Politik weichen müssen, die sich daran orientiert und messen lässt, die Fähigkeiten und Freiheiten der Menschen zu mehren, und die ihren Ort mehr in einer neuen Bildungs- als in der alten Sozialpolitik, mehr in den Städten und Gemeinden als im alten Nationalstaat mit all seinen Agenturen hat. Die Mauern zwischen Wirtschafts- und Sozialpolitik werden fallen, um der Entfaltung der Menschen zu dienen, ihre schöpferischen Kräfte freizusetzen und so die wirtschaftliche und soziale Produktivität der Gesellschaft zu erhöhen.

Am Ende des Wohlfahrtsstaates, wie wir ihn kennen, werden also nicht nur ein paar Reformen stehen. Von Bewegung kann man erst sprechen, wenn sich die Art und Weise, die Welt, die Gesellschaft und die Menschen zu betrachten, radikal ändert. Es gibt, nicht zum ersten Mal, die Wahl zwischen zwei Alternativen.

Möglich ist eine Art neue Renaissance, die auf die Kraft, Kompetenz und auch auf die Verantwortung " starker" Menschen setzt und auch alles dafür tut, um Kinder, Männer und Frauen, Junge und Alte stark zu machen. Denkbar ist aber auch eine neue Gegenreformation, welche weiter auf alte Sicherheit, Ordnung, Abwehr, Protektionismus und Verteidigung setzt, mit dem Ziel, den Wandel zu stoppen und seine Folgen draußen zu halten.

Die künftigen Konfliktlinien, offen oder verdeckt, werden nicht zwischen Links und Rechts, SPD oder CDU verlaufen, sondern zwischen jenen, die den Wandel gestalten, und jenen, die ihn als Niedergang beklagen.