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LULAS OCHSENTOUR

Er kommt von ganz unten.
Auf seinem Weg nach ganz oben hat er alle Mächtigen gegen sich. Er kämpft. Er lernt. Er beißt die Zähne zusammen. Und wartet auf den richtigen Augenblick.




• Dreimal lag er im Wahlkampf weit vom. Beim ersten Mal stellten sie ihm ein Bein, beim zweiten Mal lief er auf der falschen Bahn, beim dritten Mal ging ihm die Puste aus. Den Palast der Morgenröte erreichte er erst beim vierten Mal. Da hatte er schon graue Haare. Aber er heimste einen triumphalen Sieg ein, wie ihn zuvor noch kein Präsident errungen hatte. Das ist nun fast ein Jahr her, und Luiz Inácio „Lula“ da Silva regiert Brasilien unangefochten. In ganz Lateinamerika wird er angehimmelt.

Eine Wahl zu verlieren mag bitter sein. Aber gegen den Makel der Herkunft, die Missgunst, den Neid, die Arroganz und das Kapital zu kämpfen, sich nach vom zu boxen und nicht als Krüppel zu enden, das setzt schon eine besondere Kondition voraus. Die hat dieser Lula.

Die erste Niete – seine Niederkunft. Am falschen Ort, im falschen Hort, wohl unerwünscht und ohne Standesamtpapiere. In einem verlorenen Nest des Nordostens. Ein überflüssiger Esser mehr unter den Geschwistern. Lulas Erzeuger hat sich abgesetzt ins ferne Sao Paulo; seine Mutter Eurídice lebt von Almosen.

Eines Tages bündelt sie ihre sieben Kinder und packt sie auf einen Laster, den man „Papageienschaukel“ nennt. „Als wir unseren Hund zurückließen, musste ich weinen“, erinnert sich der Präsident. 13 Tage und Nächte müssen sie durchgerüttelt den Staub der Landstraße schlucken. Dann werden sie abgeladen, wo alle Hungerleider landen: in einer Favela am Stadtrand von Sao Paulo. Aber die rauchenden Schlote am Horizont verheißen Hoffnung auf Arbeit und Brot. Vira-se! Mach dich an die Arbeit! Der Bub Lula verkauft Erdnüsse und lernt in der harten Schule des Lebens. Seine Mutter schlägt sich als Waschfrau durch. Den Vater stöbern sie auf, aber der hat längst eine andere Familie. Lula sieht ihn einmal und nie wieder.

Es geht aufwärts. Brasilien boomt. Die Militärs genießen das Vertrauen der Investoren. Lula bolzt mit seiner Elf auf dem Vorstadtpflaster. Politik? Das ist was für Pfeifen. Aber eine Schlosserlehre muss wenigstens sein. Das meint sein älterer Bruder, Frei Chico, der ist ein wenig christlich-kommunistisch angehaucht. Lula schafft die Lehre und findet Arbeit bei der Firma Villares, die Aufzüge baut. Wenig später stirbt seine Braut.

Der kurze Sommer seiner Seligkeit ist vorüber. Bleibt die Bitterkeit über das, was man Schicksal nennt. Lula, der Prolet, wird zum Proletarier. Er ringt ja nicht allein mit seinen Problemen. Da sind die Companheiros, die Kameraden und Kollegen, die wie er selbst schuften und ein Leben wie im Tretrad führen. Und da ist sein Bruder Frei Chico, der die Folterzellen der Militärs kennen lernen sollte und der ihn drängt, doch in die Gewerkschaft zu gehen. Hier beginnt seine politische Biografie.

Am Ende dieser Phase seines Lebens hören wir Lulas heisere Stimme über viele tausend Köpfe kratzen, sehen wir, wie dieser stämmige Vollbart frech und furchtlos vor den Fabriktoren aufmarschiert, das Megafon in der rechten Pranke. Mit der Linken, ein Finger abgefräst, prügelt er in die Luft wie auf Blech.

Der Metaller, der Drahtzieher, der Rädelsführer von Massenstreiks. Ohne die Wachmänner zu fragen, zieht er im verschwitzten T-Shirt unter roten Fahnen auf den Fabrikhof und knöpft sich die Bosse vor. Und die erbleichen.

Das ist ungehörig, das ist nicht demokratisch, das ist kein Fairplay! So einen Radikalinski sollte man einsperren! Ein paar Prozesse kriegt er an den Hals, doch Lula dreht den Spieß ganz einfach um und klagt die Kläger an. Der Staatsapparat ist marode, und die regierenden Militärs sind müde. Sie wollen den ganzen politischen Laden aufgeben und nennen es „demokratische Öffnung". Die Generäle ziehen sich in die Kasernen zurück. Die politischen Honoratioren, unter Fortzahlung der Diäten kaltgestellt, honorieren die noble Geste und übernehmen wieder die Pfründe. Alle sind happy. Aber Lula und seine gerade gegründete Partei der Arbeiter (Partido dos Trabalhadores, PT) sind es nicht. Er will ein größeres Stück vom Kuchen, ja eigentlich sogar den ganzen. Mag es den Unternehmern, mag es den Bürgern nicht schmecken: Die Arbeiter auf dem Land und in der Stadt stellen die Mehrheit im Lande.

Oder etwa nicht? Lula will es wissen. Dieser ungebildete Dreher aus Sao Paulo – was denkt der sich eigentlich? Das Fernsehen sendet nur Bilder, die einen polternden, drohenden Unhold zeigen, einen wild gewordenen Hausknecht, den man besser vor die Tür setzt. Wer schaut schon hinter die Kulissen, wo man einen anderen Lula sehen kann. Einen, der mit Bauernschläue, Körpereinsatz und Augenmaß dribbelt, verzögert, vorprescht, Haken schlägt, um den syndikalistischen Haufen bei der Stange zu halten – ein Dauerläufer bei ausufernden Debatten und Verhandlungen bis zum Morgenrot. Ein Mannschaftskapitän! So etwas lernt man auf keiner Gewerkschaftsakademie.

Das Parlament, das Hohe Haus der Herren Deputados, nennt er despektierlich eine Bande von Strauchdieben. Wenige Jahre später sitzt er selbst mit Anzug und Krawatte unter ihnen. Doch so einer wie Lula ist einfach nicht satisfaktionsfähig, und das soll unter Brasiliens alten Eliten wohl heißen: nicht käuflich.

„Wenn dieser Typ an die Regierung kommt, dann machen wir den Laden dicht!“, droht Mario Amato, der Chef des mächtigen Industrieverbandes des Bundesstaates Sao Paulo. Solche Flüche zeigen Wirkung, aber nicht beim Fernseh-Pöbel. Da muss der Medienmogul Roberto Marinho tief in die Trickkiste greifen, damit sein Ex-Schwiegersohn Fernando Collor de Mello 1989 im Fernsehduell siegt. Man präsentiert dem Publikum Lulas bislang unbekannte uneheliche Tochter.

Als der Schlosser ganz oben ankommt, kann er es selbst kaum fassen. Und heult wie ein Schlosshund

Lula, unter der Gürtellinie getroffen, wankt aus dem Ring. Alle, die ein Bankkonto führen, atmen auf. Wenn auch nur kurz, denn der gelgeschmierte Yuppie-Präsident Collor lässt die Guthaben der Bürger blockieren – um „mit einem Karateschlag“ die Inflation zu besiegen und dabei selbst seinen Schnitt zu machen.

Die Genossen könnten nun den Frust der Geprellten wie Wasser auf ihre Mühlen leiten. Aber nein, die Gewerkschaften und die Arbeiterpartei PT lassen sich auch nicht von Lula um die reine sozialistische Lehre bringen. So startet denn Lula beim Wahlkampf 1994 auf der falschen Bahn. Sein Gegner ist diesmal Professor Fernando Henrique Cardoso. Ein Sozialdemokrat wie nach dem Godesberger Reformprogramm. Cardoso hat als Finanzminister mit seiner Währungsreform tatsächlich die Inflation gebannt. Nach einem verlorenen Jahrzehnt gibt es endlich wieder Hoffnung. Da kommen Lula und seine Genossen und faseln von kapitalistischem Weltuntergang.

Ein guter Mannschaftskapitän weiß daraus eine Lehre zu ziehen. Die ganze Taktik stimmte nicht. Man muss die PT aus ihrem sozialistischen Elfenbeinturm zerren. Bei der nächsten Wahl, 1998, tritt Lulas Partei mit ganz anderen Konditionen an: Die Arbeiterpartei regiert in mehr als hundert Städten – in Sao Paulo und selbst Amazonien. Nun ist die PT nicht länger bloß eine Partei der streikenden Proleten und der streitenden Intellektuellen, sondern auch eine der Bürgermeister und Dezernenten. Die PT ist auf der politischen Bühne angekommen.

Und trotzdem verliert Lula ein drittes Mal. Weil nichts lauter spricht als der Erfolg. Der aber gehört Cardoso für vier Jahre Wachstum bei stabilen Preisen. Das reicht, um gleich im ersten Wahlgang zu siegen. Lula ist nahe dran, nach der dritten Niederlage den Bettel hinzuschmeißen. Er ist doch – in seinen Kreisen – ein angesehener Mann und führt eine glückliche Ehe mit Marisa, die ihm die Hemden bügelt und auch schon mal den Kopf wäscht. Ein Sitz im Senat ist ihm allemal sicher. Warum also noch mal die Martertour durchmachen?

Es gibt keinen anderen. Die übrigen Führungskader in der PT haben während der Militärdiktatur in Kuba oder im Untergrund überwintert, haben ihren Doktor gemacht, sind Apparatschiks geworden. Lula hat „Das Kapital“ von Karl Marx nie gelesen. Nach zwei Seiten Text fallen ihm die Augen zu. Aber sie leuchten hellwach, wenn die einfachen Leute ihm aus dem Leben erzählen. Berührungsangst hat er nicht, er lässt jeden an sich heran. Und er weiß, was ein Brötchen kostet und wie viel der Bus. Er braucht keine Umfragen, um zu erfahren, was die Wähler bewegt. Lula autêntico muss noch einmal ran.

Die Seilschaften im Senat, die Spesenritter und Postenjäger im Parlament, die Gutsherrengouverneure und Provinzpopulisten – die ganze politische Bagage Brasiliens hält keinen Trumpf mehr in der Hand, um diesen roten Buben zu stoppen. Es reicht nur für den Kandidaten Jose Serra, ein keineswegs übler Fachminister. Aber Serra hat das Charisma eines Sparkassenchefs, und was ein Bus-Ticket in Sao Paulo kostet, weiß er auch nicht.

Im Oktober 2002 siegt Lula haushoch. „Dass ein Mann aus dem Volk, dass ein Schlosser ohne Abitur – dass also ich zu Ihnen als Präsident spreche – das kann ich kaum glauben. Das erfüllt mich mit Stolz und mit Hoffnung. Von nun an soll jeder Brasilianer morgens seinen Kaffee trinken, mittags ein Mahl einnehmen und abends ohne Hunger einschlafen...“ Er kann die Tränen kaum ersticken. Die Nation heult vor Rührung mit. Selbst Christina Mello Pinheiro schluchzt – vor der Wahl war sie noch im Kaffeekränzchen über Lula hergezogen, weil „dieser Analphabet weder mich noch das bessere Brasilien repräsentiert".

Wie diese Lady aus der Oberschicht hatten auch die Broker den Daumen gesenkt. Je günstiger die Umfragen für Lula ausfielen, desto tiefer sanken die Ratings für Brasilien auf dem Finanzmarkt. Wall Street wollte ihn nicht. Mit Lula war Brasiliens Bankrott programmiert. Drei Monate später reißen sich die Bosse um einen Termin mit ihm, in Davos und anderswo. Brasilien-Anleihen steigen um mehr als 30 Prozent – und der Dollar sinkt von 3,90 Real auf 2,90. Real. Woher dieser Wetterwechsel?

Lula hat sich nur an sein Skript gehalten. „Die Violine nimmt man mit der Linken, aber mit der Rechten streicht man sie.“ Die neue Elite, die in der Hauptstadt Brasilia das Staatsschiff lenkt, das sind keine Seeräuber. Diese Elite hat sich über Jahrzehnte mit den nautischen Regeln vertraut gemacht. Und steuert bloß einen anderen Kurs. Offenbar hat keiner der Analysten seine Nase in die PT-Papiere gesteckt oder jemals einen Ortsverein besucht. Sie sind auf ihr selbst gemaltes Schreckensbild hereingefallen. Macht macht blind. Und zur Elite zählen ja niemals die anderen. ---