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Lasst uns über Geld reden

Es gibt doch sowieso kein anderes Thema mehr, oder?




Willkommen im Zeitalter des horizontfreien Bewusstseins. Wo jeder Gedanke umstandslos am erstbesten Hindernis zerschellt, und sei es auch nur der eigene Kontoauszug, den man sich stets wachsam vor die Augen hält. Damit man nicht auf dumme Ideen kommt. Womöglich welche, die hinausgehen über Fragen der Finanzierung. Des Geldes. Oder dessen Organisation. Denn nur noch darum geht es. Nehmen Sie bitte eine Position ein: entweder auf der Regulierungsseite, die alles so lange strukturieren will, bis wir keine Arbeitslosen mehr haben, weil ganz Deutschland für die Bundesanstalt für Arbeit tätig ist. Oder auf der Deregulierungsseite, die auf Regeln und Steuern komplett verzichten will, weil der Markt und die Eigeninitiative alles erledigt, und dass es Menschen gibt, die dabei nicht mitkämen, weil sie es nie gelernt haben, das ist doch nicht unser Problem. Als würde man den Verkehr in einer Stadt neu organisieren und hätte nur zwei Möglichkeiten: Entweder jeder Autofahrer bekommt auf den Beifahrerplatz einen Beamten gesetzt, der ihm sagt wie und wohin er fährt, oder wir schaffen alle Ampeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen ab, und die Fußgänger haben eben Pech gehabt. Doch wie wäre es, wenn wir mal darüber sprechen, wo wir hinfahren? Oder wieso immer alle unterwegs sind? Das wäre ein Job für die Kunst (1).

Aber worüber reden die Künstler? Eine Freundin erzählte, dass seit einiger Zeit alle Künstler, die sie kenne, bei der Planung ihrer Projekte immer auch deren Finanzierung bedenken. Sie meinte, das sei wohl der neue Realismus. Und klang ziemlich irritiert. Später sprachen wir noch über Filmfestivals. Sie arbeitete für einige Wochen bei einem kleinen Festival; das Geld, das sie dort verdiente, brauchte sie dringend zum Leben. Trotzdem hatte sie Zweifel: Es sei absurd, dass Menschen, die Kunst machen oder für die Kunst arbeiteten, damit Geld verdienen. Natürlich sei ihr klar, dass die Leute von etwas leben müssen, aber trotzdem... Das ist der alte Streit zwischen Materialismus und Idealismus.

Wobei der so genannte Realismus heute oft nicht einmal mehr nur materialistisch ist, sondern oft wenig mehr als eine systemkompatible Horizontverengung. Was man natürlich so nicht sagen darf, weil sich sonst die Horizontlosen sofort zu einer großen Koalition zusammenschließen und brüllen: "Das ist doch vernünftig, sich über Geld Gedanken zu machen." Aber das sehe ich nicht so. Und schon gar nicht für die Kunst. Denn deren Wesen ist visionär und utopisch, und dies schon seit der ersten Höhlenmalerei, dem ersten rhythmischen Trommeln (plus Didgeridoos, eine Paarung, die wir noch heute in den Fußgängerzonen hören können, glücklicherweise aber auch anderes, ich bin froh, dass wir uns weiterentwickelt haben), den ersten Geschichten. Dabei war es damals gar nicht so wichtig, was erzählt wurde - es ging darum, dass jemand etwas erzählte. Der Alltag wurde von einem permanenten Überlebenskampf dominiert, und so war es bereits eine real gewordene Utopie, wenn sich einer hinsetzte, das Elend ignorierte und etwas komplett Überflüssiges erschuf, ja, sogar Didgeridoo-Spieler waren einst wertvolle Mitglieder der menschlichen Gesellschaft.

Hinzu kam, dass die Kunst die Welt der Ideen eröffnete, sie schuf ein Gefühl dafür, dass das Vorstellbare (2) größer ist als das Reale (3) und damit vielleicht auch die Zukunft besser als die Gegenwart. Das blieb dann auch die Botschaft hinter allen anderen Botschaften, vom antiken Heldenepos über mittelalterliche Kirchen bis zum Impressionismus (4): Die Erlösung der Kunst liegt in einem zukünftigen Diesseits, in der Vision eines besseren Ichs und einer dazu passenden besseren Welt. Die kleine Religion für zwischendurch.

In diesem Bereich bekam die Kunst in der Neuzeit allerdings Konkurrenz von drei Systemen zur Verwaltung menschlichen Lebens: Kommunismus, Faschismus und der zur Ideologie gewordene Kapitalismus. Alle drei Systeme hatten zudem den Vorteil, dass Erlösung mit ihnen schon zu Lebzeiten erreichbar sein sollte, denn sie behaupteten, dass ihre utopischen Ideen mehr oder weniger kurzfristig realisierbar seien. Der Faschismus durch das Erschaffen einer Volksgemeinschaft, der Kommunismus über den Umweg des Sozialismus, der Kapitalismus als Ergebnis totaler ökonomischer Freiheit. Die Kunst interessierte alle drei Systeme nur als Instrument: in den totalitären Organisationsformen zur Erziehung der Massen, im Kapitalismus als Unterhaltung, also Sport und Entspannung für das Bewusstsein. Mehr musste die Kunst nicht können, denn in der besten aller Welten braucht niemand mehr eine Idee des Besseren. Willkommen im totalen Hier und Jetzt. Willkommen im Zeitalter des horizontfreien Bewusstseins.

Ich will gar nicht von dem Offensichtlichen reden, davon, dass Deutschland zu den reichsten Nationen der Welt zählt und die Welt nie reicher war als heute, dass wir die Technologie haben, um alles Elend auszurotten und es nur tun müssen - das ist alles schon tausendfach gesagt. Ich will auch nicht die Künstler auffordern, fantastischer zu werden, das sind sie immer noch, ungeachtet der alltäglichen Idiotie um sie herum. Nein, es geht mir um Utopien.

Ich höre, dass angeblich allen Menschen alle Möglichkeiten offen stehen, dass wir alle tun können, was wir wollen. Und sehe Menschen, die sich nicht entscheiden können, die nicht wissen, wie wann wohin. Wenn man ihnen sagt, mach doch einfach irgendwas, und falls dir das nicht gefällt, machst du was anderes, dann nicken sie müde und antworten, "stimmt schon" und sind auch nicht weiter als vorher. Ich glaube nicht, dass das deren persönliches Problem ist. Ich glaube, denen fehlt eine Vision (5), weil unserer gesamten Gesellschaft eine Utopie fehlt.

Und ich glaube nicht, dass Menschen ohne Visionen leben können.

Alle, die ich kenne, die irgendwas machen, sind von weit mehr angetrieben, als sie realistischerweise tun oder erreichen können. Und sowieso von mehr als Erfolgsideen, Renditequatsch, Kapitalismusmüll. Steuernsenken. Arbeit. Aaaargh! Das sind doch keine Visionen!

Oh ja, ich habe auch noch einen ersten realistischen Vorschlag, wie jeder, der wirklich will, sofort damit anfangen kann, die Welt zu verändern: Verschenkt euer Geld. An Freunde, an Nachbarn, an Penner auf der Straße. Oder an Künstler. Und wenn die keine Kunst machen, sondern sich ein schönes Leben, dann sind sie keine Künstler. Aber sie haben ein gutes Leben. Ist das schlecht? Oder eine Idee? Darüber können wir reden. Statt immer nur über Geld.