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INFLATION DER WUNDERKINDER

Sie können nichts dafür, gehen einem aber trotzdem gehörig auf die Nerven: vermeintlich hoch begabte Gören und ihre übermotivierten Eltern.




Sie heißen Maximilian, Benedikt, Dominik, Charlotte, Justine, Nanette oder Antonia, sind vier, fünf oder sechs Jahre alt und können erstaunliche Dinge. Zum Beispiel an einer Hand bis zwei zählen, unverständliche, aber irgendwie süße Geschichten erzählen, abstrakte Bilder malen oder Schachfiguren umwerfen. Sie sind vorlaut, ziemlich von sich eingenommen und altklug, kurz: Sie sind hoch begabt.

Und sie sind überall. Nehmen wir mal meinen Bekanntenkreis. Vom Landwirt bis zum Programmierer, vom Beamten bis zum Selbstständigen ist alles vertreten, die Meinungen über Gott und die Welt gehen wild durcheinander. Nur in einem Punkt sind sich alle, falls mit Nachwuchs gesegnet, sehr einig: Unser Kind ist hyperintelligent.

Vor meinen Augen wächst eine Generation Schlau heran. Statistisch betrachtet ist das allerdings recht unwahrscheinlich. Denn, so behaupten jedenfalls Fachleute, die Zahl der Superhirne mit einem Intelligenzquotienten von mehr als 130 (das ist die Definition für Hochbegabung) liegt nur bei zwei bis drei Prozent der Bevölkerung.

Aber was sind schon Definitionen? Und wer glaubt Statistiken? Schließlich gibt es Indizien. Wenn die kleinen Racker unruhig zappeln oder stets mucksmäuschenstill sind, miserable oder passable Zeugnisse nach Hause bringen, kerngesund oder eher kränklich sind, kann nur das eine dahinter stecken: ein verkanntes Genie. Mamis und Papis, die noch zweifeln, finden in einschlägigen Checklisten untrügliche Hinweise: Braucht Ihr Kind wenig Schlaf? Ist es unordentlich und unorganisiert? Hat es oft neue und originelle Ideen? Hat es einen besonderen Humor?

Der Trend geht hin zur Intelligenzbestie - und auch Fachleute sind davon nicht uneingeschränkt begeistert. Manuela Heuthaler, Geschäftsführerin der Frankfurter Karg-Stiftung, die sich der Förderung Hochbegabter verschrieben hat, sagt diplomatisch: "Einerseits ist es gut, dass das Thema enttabuisiert wurde. Andererseits hat die steigende Popularität dazu gerührt, dass manche Eltern dazu neigen, bestimmte problematische Eigenschaften ihrer Kinder monokausal auf Hochbegabung zurückzuführen." Von solchen ketzerischen Ansichten lassen sich leidenschaftliche Mütter und Väter selbstverständlich nicht beirren. Sie spüren ja, dass ihre Kinder etwas ganz Besonderes sind. Zuweilen schon vor der Geburt, was Namen wie Leonie-Anastasia-Chiara, Doreen-Juliette, Benedict-Elias oder Julian-Noah-Achill erklärt, die für den Physik-Nobelpreis, ein hohes politisches Amt beziehungsweise einen Bestseller prädestinieren. Während die Karrieren all der Ralfs, Dirks und Tanjas hinter dem Postschalter oder der Fleischtheke (bei Minimal) enden.

Ist der Hochbegabte erst einmal identifiziert, legen seine Eltern eine rastlose Aktivität an den Tag. Weil es ganz entscheidend ist, die Wunderkinder rund um die Uhr anzuregen und zu beschäftigen - andernfalls könnte das Gift der Langeweile wertvolle graue Zellen abtöten. Deshalb werden die Kleinen von Mami, manchmal auch von Papi, von einem Kurs zum nächsten (Italienisch, Kisuaheli, Wurzelziehen und Astronomie für Vorschüler) gekarrt. Das Allerallerschlimmste wäre es nämlich, die künftige geistige Elite im zarten Kindesalter zu unterfordern oder übermäßig lange normal-intelligenten - aus der Sicht des Hochbegabten grenzdebilen - Altersgenossen auszusetzen. "Die anderen Kinder behindern mich in meiner kognitiven Entwicklung", beschwerte sich denn auch eine Zweitklässlerin resolut bei dem Psychologie-Professor Detlef Rost von der Begabungsdiagnostischen Beratungsstelle an der Universität Marburg.

So viel Hirn in einem so kleinen Menschen kann recht anstrengend sein. Und führt bedauerlicherweise, anders als die Eltern meinen, nicht vollautomatisch in den Vorstand von Daimler-Chrysler oder der Deutschen Bank, wie wiederum Manuela Heuthaler zu bedenken gibt. Etliche Superschlaue bringen es lediglich zum Lebenskünstler, Vollblutneurotiker auf Lebenszeit, Hinterbänkler oder Klassenclown. Wogegen im Prinzip nichts einzuwenden wäre, wenn sie und ihre lieben Eltern uns auf dem Weg dorthin nicht so auf den Wecker gingen.

Was kann man da tun?

"Abwarten", sagt eine Begabungs-Beraterin aus Hamburg, die auf keinen Fall mit Namen zitiert werden möchte. Die Überzeugung der Eltern, Wunderkinder zur Welt gebracht zu haben, lege sich nämlich nachhaltig, wenn die in die dunkle Etappe der Pubertät eintreten. "Es gibt so gut wie keine Eltern", so die Erfahrung der Pädagogin, "die ihre Kinder in diesem Alter noch für hoch begabt halten."