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Fett weg

Der Mensch isst, was ihm gut tut: Zucker für die Seele, Fett für die Nerven. Die Fast-Food-Industrie hat davon lange gut gelebt. Aber nun gerät sie ins Visier von Anwälten und Politikern. Die Rettung: Diätpläne im Fast-Food-Reich.




Kinder und Kekse. Die perfekte Kombination. Und mit exakt diesen Zutaten ist dem Lebensmittelhersteller Nabisco der perfekte Werbespot gelungen. Er geht so: Ein Mann sitzt an einem Tisch, daneben ein Baby, zwischen beiden ein Glas Milch. "Lass dir zeigen", sagt der Mann, "was ein Mann nie früh genug lernen kann." Dann nimmt er einen Schokoladenkeks, der aus zwei knusprigen Scheiben mit Cremefüllung besteht, klappt die Scheiben auseinander, leckt genüsslich an der Füllung und tunkt alles in die Milch. Vor Vergnügen gluckst das Kind.

Oreo. Der Name genügt. Schon bauen sich Assoziationen auf. Sagt man Budweiser, schäumt Bier. Sagt man Palmolive, tauchen Hände in Spülwasser. Bei Oreo weiß jeder sofort, es dreht sich um den leckeren Happen, der für mehr steht als nur ein Produkt. Oreo Chocolate Sandwich Cookie ist das Synonym für Keks in Amerika; beliebt bei Jung und Alt, erhältlich in diversen Versionen, groß, klein, extra dicke Füllung (Double Stuf), Füllung in zwei Geschmacksrichtungen (Double Delight), mit Erdnussbutter, in Eiscreme, mit Marshmellows als Frühstücks-Snack. Es gibt Kuchenrezepte, die für den Boden und die Kruste Oreos empfehlen.

Umso überraschender war, dass die Kraft Foods Inc., zu der auch Nabisco gehört und die Nordamerikas größter Lebensmittelhersteller ist, kürzlich ankündigte, die Rezeptur des süßen Verkaufsschlagers zu ändern (weniger Fett, weniger Kalorien); gleichzeitig will Kraft den Inhalt der Packungen verkleinern, nicht mehr an Schulen und generell nicht mehr mit Kindern werben. Die Initiative soll auch andere populäre Produkte umfassen (darunter Ritz Crackers, Velveeta Käse, Oscar-Mayer-Würstchen, Fertigpizzas und Lunch-Pakete). Michael Mudd, Sprecher des Unternehmens, wollte noch keine Details preisgeben, sagte jedoch: "Wir machen nichts Radikales, es geht um kleine, positive Veränderungen."

Was sich harmlos anhört, hat einen tieferen Grund. Amerikaner haben mit Erschütterung festgestellt, dass sie zu dick sind. Vor allem die Medien sind dabei so nachhaltig erschrocken, dass sie das Land seit geraumer Zeit terrorisieren mit dem Thema Obesity. Fettsucht. 31 Prozent aller erwachsenen Amerikaner leiden darunter (Definition: mindestens 30 Prozent über Normalgewicht); insgesamt 61 Prozent gelten als übergewichtig, zusammen entspricht das etwa 127 Millionen Menschen, Tendenz steigend. Nicht neu. Die amerikanische Bundesgesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention hat Obesity bereits 1999 zur Epidemie erklärt und verantwortlich gemacht für Herzerkrankungen, Diabetes, Krebs und sogar Osteoporose. Das Magazin "The New Yorker" bilanziert nun aber düster: "Was wir essen, bringt uns um."

Aufregung allerorten, zumal Statistiken zufolge in den USA jährlich 300 000 Menschen an den Folgen von Fettleibigkeit und Übergewicht sterben, jährlich belastet die Fress-Sucht der Amerikaner das Gesundheitssystem mit 117 Milliarden Dollar (bei Rauchern sind es 140 Milliarden). "Besorgnis erregend ist jedoch vor allem", so Marion Nestle, die an der New York University Ernährungswissenschaften unterrichtet, "die Zunahme von Fettleibigkeit unter Kindern und Jugendlichen." Heute sind 13 Prozent der Kinder zwischen sechs und elf Jahren und 14 Prozent der Jugendlichen übergewichtig. Damit hat sich der Anteil bei den Kindern in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt und bei den Jugendlichen sogar fast verdreifacht. Was wiederum einen sprunghaften Anstieg der so genannten Altersdiabetes schon im Kindesalter zur Folge hat. Nestle: "Damit sprechen wir nicht mehr von einem kosmetischen Problem, sondern von einem Szenario, das zu Schadenersatzprozessen wie bei der Tabakindustrie führen kann, wenn wir anfangen, Zusammenhänge herzustellen zwischen bestimmten Produkten und bestimmten Krankheiten."

Der Amerikaner ist überzeugt, gewichtsbewusst und in bester körperlicher Verfassung zu sein

Um von Keksen auf Zigaretten zu kommen, muss man schon einige Kunstgriffe machen, auf jeden Fall chemische Analysen. Wie fast alle Snacks und die meisten Produkte der Fast-Food-Branche haben etwa Oreo Cookies (null Prozent Vitamin A, null Prozent Vitamin C, null Prozent Kalzium) einen relativ hohen Anteil an Zucker und Fetten, vor allem gesättigten Fettsäuren sowie Transfettsäuren, die entstehen, wenn ungesättigte Fettsäuren mit Pflanzenölen vermengt oder chemisch hydriert, also gehärtet werden, etwa bei Margarine. Transfette sollen, so der neueste Stand der Wissenschaft, noch schädlicher sein als gesättigte Fettsäuren, wie sie etwa in Butter stecken, und überdies das nützliche HDL-Cholesterin im Blut zerstören. Zwei Oreo Cookies vom Durchmesser einer Gurkenscheibe haben, nebenbei bemerkt, genauso viel Kalorien wie drei Scheiben Frühstücksspeck.

In ihrem Buch "Food Politics - How the Food Industry Influences Nutrition and Health" erörtert Nestle, warum die Industrie jährlich 4,5 Milliarden Dollar für Werbung ausgibt und 50 Millionen an Lobbyisten in Washington bezahlt. "Sie wollen, dass wir essen, essen, essen, selbst wenn wir satt sind." 3800 Kalorien pro Person und Tag werden in den USA produziert, obwohl nur 2200 Kalorien als durchschnittlicher Bedarf gelten. "Ich würde nicht sagen, Manager sitzen an einem Tisch und denken darüber nach, wie sie uns dicker machen können", so Nestle, "sie sitzen aber bestimmt an einem Tisch und überlegen, wie sie mehr Umsatz und mehr Gewinn machen können. Stagnation ist nicht erlaubt." Wie Umsätze und Profite gemacht werden? Nestle: "Fette, Zucker und Salz sind die billigsten Zutaten, und die Folge ist, dass wir uns ungesund ernähren."

An dieser Stelle stellt sich die Frage, wer letztlich den Markt regelt: Angebot oder Nachfrage? Der Mensch ist genetisch programmiert, mehr zu essen, als sein Organismus benötigt. Vorräte für magere Zeiten. Hormone lösen daher im Hypothalamus eher Heißhunger auf Käsekuchen denn auf Rohkost aus. Und die ersten Signale entstehen auf der Zunge: Alles schmeckt besser mit Butter; Fett adelt jedes Aroma; Schokolade macht glücklich. Und weil gerade Amerikaner gern dem Credo folgen "Bigger is better", entstanden dort zwangsläufig Pizzas so groß wie Wagenräder oder 64-Unzen-Drinks (1,8 Liter, 800 Kalorien). Und dass etwa Super Size das bevorzugte Format bei McDonald's ist, liegt auch am Kunden; bei einem Big Xtra mit Käse samt Pommes frites und Cola wären das 1830 Kalorien und 84 Gramm Fett (20 Gramm Fett gelten als unbedenklicher täglicher Bedarf).

Die Dosis macht bekanntlich das Gift. Im Schnitt konsumieren Amerikaner täglich 31 Teelöffel Zucker. Dennoch halten sich 76 Prozent für gewichtsbewusst, und knapp 91 Prozent stufen ihre körperliche Verfassung als gut bis exzellent ein. Ob geringfügige Korrekturen in Schokokeksen da einen Unterschied machen, ist so gesehen mehr als fraglich. Und auch Nestle sagt: "Es gibt 320 000 Artikel in unseren Supermärkten, die Auswahl ist vorhanden, die Menschen nutzen sie nur nicht." Man erinnert sich an den McLean Deluxe von McDonald's, dessen Bulette teilweise aus Seetang bestand und Freunden schneller Kost eine fettreduzierte Alternative bieten sollte. Der McLean wurde inzwischen aus dem Sortiment genommen. Robert Schafer, Präsident von Creative Culinary Consultants, der Restaurants berät, meint: "Die Öffentlichkeit ruft nach vermeintlich gesunden Produkten, doch dann kauft sie keiner."

Das mag auch daran liegen, dass "es uns an vernünftiger Aufklärung fehlt", wie Nestle meint, "unsere Regierung hat dafür kein Geld. Was Amerikaner über Ernährung lernen, kommt fast ausschließlich in Form von Werbung." Und die Medien wiederum verzetteln sich in ihrem Eifer, bloß nicht die nächste Schlagzeile zu verpassen. So jagt beispielsweise in Magazinen eine Titelgeschichte die nächste, mit widersprüchlichen Thesen, die mitunter auf dubiosen Studien beruhen; sie propagieren einmal mehr Fleisch, einmal weniger Fleisch, erklären Butter für schädlich, Margarine für Krebs erregend und unken, Sojamilch führe zu Gehirnschwund. Steven Anderson von der National Restaurant Association meint: "Ich weiß nur eines: Hersteller und Restaurants zu attackieren ist kurzsichtig und naiv, und frivole Klagen helfen Amerikanern mit Gewichtsproblemen bestimmt nicht weiter."

Vergangenes Jahr klagte ein 56-jähriger New Yorker, der 123 Kilo wiegt, zwei Herzinfarkte überstanden hat, unter Diabetes und Bluthochdruck leidet, gegen mehrere Fast-Food-Firmen, von deren Produkten er sich jahrzehntelang fast ausschließlich ernährt hatte. Wenig später strengte ein 15-Jähriger eine Klage an, der 180 Kilo wiegt, Diabetes Typ 2 hat und, seit er sechs ist, "fast jeden Tag" bei McDonald's gegessen hat. Beide Klagen wurden abgewiesen; McDonald's argumentierte: "Jeder vernünftige Mensch versteht, was Produkte wie Hamburger und Fritten beinhalten, wie auch ihre Konsequenzen für Gürtellinie und Gesundheit."

Ein Nachgeschmack blieb dennoch. Richard Daynard meint: "Sie sagten praktisch: ,Wenn du dumm genug bist, unsere Produkte zu essen, verdienst du, krank zu werden.' McDonald's Argument überzeugte zwar den Richter, der Reputation allerdings dient es nicht."

Daynard weiß, wovon er spricht. Der Jurist und Rechtsprofessor an der Northeastern University School of Law in Boston hat sich einen Namen als Kritiker der Tabakindustrie gemacht. Seine Argumentation ist simpel: ,Jeder wusste, dass Rauchen ungesund ist, trotzdem hat es die Hersteller von Zigaretten nicht vor empfindlichen Strafen geschützt." 246 Milliarden Dollar müssen Philip Morris, R. J. Reynolds und Co. als Entschädigung allein an die US-Bundesstaaten bezahlen. Nicht zuletzt, weil die Gerichte argumentierten, die Hersteller hätten konsequent um Kinder und Jugendliche gebuhlt; Cartoon-Figuren wie Joe Camel wurden zur Zielscheibe der Kläger. Daynard verweist auf Ronald McDonald (nur den Weihnachtsmann kennen mehr Kinder in den USA), auf Spielzeug, das Happy Meals beiliegt, oder Comic-Zeichnungen auf Verpackungen von Snacks. "Der Schlüssel sind die Opfer", kommentierte das Magazin "Fortune", "und die Opfer sind Kinder."

Mais-Snacks light und Jogurt bei McDonald's - die Kaloriendefensive läuft

Im Herbst vergangenen Jahres veröffentlichten J. P. Morgan und Credit Suisse First Boston Reporte, in denen sie Investoren konsequenterweise vor Nahrungsmittelkonzernen warnten. Kraft, dessen Hauptanteilseigner Philip Morris ist, könnte spätestens da erkannt haben, dass in diesem feindseligen Klima Kinder und Kekse allenfalls die perfekte Kombination sind für ambitionierte Juristen und Anwaltskanzleien. Prozesse im Namen der Volksgesundheit wären eine willkommene Gelegenheit für Profilierung und Profit. Und auch Washington hat bereits ein Zeichen gesetzt. Der Fraktionschef der Republikaner im Kongress, Bill Frist, ein studierter Chirurg, brachte einen Gesetzesvorschlag ein, der mit Hilfe von Zuschüssen gesunde Ernährung fördern will, und auch eine gesündere Verpflegung an Schulen wird in Washington diskutiert. Das Essen an US-Schulen wird teilweise finanziert und überwiegend geliefert von namhaften Konzernen; die Nahrungsmittel und Fertiggerichte bestehen bis zu 40 Prozent aus Fett. "Kein Wunder", sagt Nestle, "dass die Branche reagiert."

Kraft ist nur ein Beispiel. Frito-Lay gibt bereits freiwillig den Anteil an Transfetten in ihren Kartoffelchips an, obwohl eine entsprechende Vorschrift erst 2006 in Kraft tritt. PepsiCo, die Mutter von Frito-Lay, will ihre Mais-Snacks künftig ohne diese Fette produzieren; McDonald's propagiert inzwischen Salate, kalorienarmen Jogurt und Desserts mit Früchten; außerdem will es das Pflanzenöl wechseln, in dem seine Pommes frittiert werden. Wendy's überraschte mit fettreduzierten Menüs, was das Magazin der American Diabetes Association mit einem Artikel honorierte. Und vor einigen Wochen schließlich ging auch die führende US-Restaurantkette Applebee's in die Kaloriendefensive und erklärte, spätestens im Herbst 2004 ihre Speisekarten mit Gerichten des Diätspezialisten Weight Watchers zu ergänzen. Firmenchef Lloyd Hill sagt: "Mein Eindruck ist, es gibt eine wahre Bewegung in Richtung gesünderes Essen."

Fehlt bloß die Umsetzung. Die Veränderung oder Entwicklung von Produkten auf dem Lebensmittelmarkt ist eine ebenso komplizierte wie kostspielige Angelegenheit. "Es ist schon keine Wissenschaft mehr", sagt Greg Creed, Marketingchef der Schnellrestaurantkette Taco Bell, "es ist eine Kunst." Bis zu 100 Millionen Dollar kann es kosten, bis Testköche und Nahrungsmittelexperten die richtige Mischung gefunden haben, das Ergebnis auf Marktreife getestet und mithilfe von Werbung eingeführt worden ist. "Die Aufgabe ist extrem schwierig zu lösen", meint Jean Spence von der Forschungsabteilung bei Kraft, "wir müssen das Fett entfemen und dennoch den identischen Geschmack erhalten." Der Sprecher des Schweizer Konzerns Nestle, Francois-Xavier Perroud, sagt: "Wir können es uns nicht leisten, Regularien zu erfüllen, dabei aber den Konsumenten zu verprellen; das wäre unser Tod."

Perroud sagte das hinsichtlich der Vorschriften, die der EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz David Byrne erwägt. Byrne will verhindern, dass Produkte, die wenige bis keine Nährstoffe oder Vitamine beinhalten, dafür hohe Anteile an Zucker, Fett und Salz, als gesund deklariert werden. Immerhin grassieren Gewichtsprobleme auch in Europa; hier ist jedes fünfte Kind zwischen 5 und 17 Jahren übergewichtig. Byrnes Ankündigung muss jedoch die US-Konzerne mehr beunruhigen als ihre europäischen Konkurrenten, deren Produktpaletten weniger einseitig sind. Kraft General Foods oder die Kellogg Company etwa stellen eine Vielzahl von Cerealien wie Cornflakes her, die bis zu 50 Prozent aus Zucker bestehen. Streng betrachtet, sind selbst Softdrinks wie Coca-Cola oder Pepsi wegen ihres Zuckergehaltes flüssige Süßigkeiten.

Die Anhänger von Amerikas beliebtestem Keks müssen sich vorerst dennoch keine Sorgen machen. Was mit den Oreos genau passieren wird, weiß Kraft noch nicht. Das Unternehmen will zunächst eine Kommission von Experten bilden, bevor weitere Schritte eingeleitet werden. Die "New York Times" zitierte daher einen Analysten von Banc of America Securities mit den Worten: "Ich glaube, hier geht es nur um PR." Kelly Brownell, der das Center for Eating and Weight Disorders an der Yale University leitet, meint: "Egal, welche Motivation Kraft gehabt hat, es ist ein positives Signal." Brownell glaubt, die Entwicklung sei ohnehin nicht mehr aufzuhalten. "Wenn man 30 Jahre zurück blickt, sagte jeder: Die Tabakindustrie ist so mächtig, es gibt keine Chance auf Veränderungen. Nun darf man in öffentlichen Gebäuden nicht mehr rauchen, und die Steuern auf Zigaretten sind astronomisch. Ich denke, wir sind am Anfang einer ähnlichen Bewegung, wenn es ums Essen geht."