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"Das Genie setzt die Norm."

Nirgendwo ist es offenkundiger als in der Kunst: Wer sich dem Mittelmass verschreibt, wird es nicht weit bringen. Ein Gespräch mit dem Geiger Miha Pogacnik.




brand eins: Herr Pogacnik, was braucht ein Geiger, der an die Spitze will?

Pogacnik: Das hätten Sie mich in den siebziger Jahren fragen müssen - damals wollte ich nichts mehr, als ein großer Geiger werden. Ich habe alles getan, was dazu notwendig ist: die richtigen Schulen besucht, die Akademien, den ganzen Kram. Aber dann ist mir immer deutlicher geworden, dass es zwar sehr schön ist, ein guter Solist zu sein - dass aber tausend gute Solisten unter demselben Baum sitzen und bellen. Und dass das im 21. Jahrhundert kaum noch Sinn der Sache sein kann.

Sondern?

Das wusste ich damals noch nicht. Ich hatte den Urwald auf der anderen Seite des Flusses noch nicht gesehen. Ich wusste nur, dass es etwas gibt, was mir wichtiger sein würde - und dann habe ich es gefunden: die Kunst als Basis für die menschliche Begegnung in den Krisengebieten der Welt. Denn dort, wo die Menschen durch Kriege und soziale Umwälzungen gegangen sind, sind sie quasi schon geöffnet, also sensitiv für etwas Neues. Ich habe also eine Bewegung erfunden - IDRIART - und Menschen gesammelt, die Lust auf Begegnung hatten. Und dann bin ich mit Künstlern und Publikum aus dem Westen durch die ganze Welt gefahren, um auf der Basis der Kunst Feste der Begegnung zu veranstalten - von der Mongolei bis zum Amazonas, von Tibet bis Südafrika und durch ganz Mittel- und Osteuropa.

Eine schöne Idee - warum haben Sie damit aufgehört?

Die achtziger Jahre waren perfekt dafür, alles war in Auflösung. In den neunziger Jahren, nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war, war das nicht mehr zu machen - die Menschen hatten andere Sorgen und waren nicht mehr offen für eine solche Form der Begegnung. Der Schlusspunkt war eine Kulturkarawane mit der Transsibirischen Eisenbahn von Berlin nach Ulan Bator, 1992. Damals sind 380 Menschen mitgefahren, durch Osteuropa und ganz Russland, Sibirien bis in die Mongolei. Und überall haben wir angehalten, ganze Städte empfingen uns, und die Menschen aus dem Zug und die, die dort lebten, haben über Innovationen geredet, von Demokratie bis Ökologie, von Kunst bis zu alternativer Medizin. Einige sind dann noch mit mir nach Peking und Tibet gereist.

Was konnte danach noch kommen?

Ich wusste, dass ich wie ein Chamäleon die Farbe wechseln musste, nur wusste ich wieder nicht, wie sie aussehen würde. Aber schon 1990 hatte mich Roland Schatz, Gründer des Innovatio-Verlags, zu einer Veranstaltung ins Schloss Glücksburg eingeladen, Thema Kunst und Wirtschaft. Das roch nach Wahnsinn. Ich sage immer, man muss einen Magen haben, wenn man Kunst und Wirtschaft zusammenbringen will. Denn das alte Thema, Kulturen zusammenzubringen, das war im Tourismus quasi angelegt. Aber einem Manager klar zu machen, dass er oder sie Kreativität nicht in einem Buch zu suchen hat, sondern in der Steigerung seiner Wahrnehmung und in der Auseinandersetzung mit der Kunst - das ist schwer.

Schwerer als bei jemandem auf der Straße?

Vermutlich nicht. Wenn ich lese, dass einer Umfrage zufolge nur 16 Prozent der Deutschen sich mit ihrer Arbeit identifizieren -dann werden die Manager für ihre Abspaltung vom Leben wohl nur besser bezahlt. Die meisten Menschen arbeiten für Geld, und die wenigsten lieben, was sie tun. Sie arbeiten und verdienen das Geld, mit dem sie dann ihren Träumen nachjagen - nach 17 Uhr oder in den Ferien. Das ist der Anfang einer Katastrophe.

Was hat die Kunst dagegenzusetzen?

Echte Kunst ist nur möglich, wenn man sich mit einer Sache voll identifiziert.

Ist es das, was den Künstler heraushebt?

In seinem Leben die Möglichkeit zu haben, das, was man tut, lieben zu können, es aus Liebe und Begeisterung zu tun, und bei dem, was man tut, man selbst zu sein - das verhilft zu einer Lebensverfassung, die einen aus dem Alltag erhebt. Deshalb wird man oft als elitär gebrandmarkt, aber man kümmert sich nicht darum.

Gehört zur Liebe und zur Begeisterung nicht auch der Wunsch, immer weiter zu kommen und nicht beim Mittelmaß stehen zu bleiben?

Dieser Wunsch ist nicht zu verhindern, wenn Sie lieben, was Sie tun. Aber es kommt noch etwas hinzu. Meine These ist: Wenn einmal in der Geschichte ein genialer Mensch ein Niveau erreicht hat, dann ist jeder, der nach ihm kommt und weniger leistet, unter Niveau.

Das Genie setzt also die Norm?

Ja, als jemand, der gezeigt hat, was möglich ist. Alles ist möglich. Auch für uns. Wir müssen uns am Höchsten orientieren und sagen: Das ist normal. Was heute elitär ist, müsste allmählich für die Menschen normal werden. Wenn ein Henryk Szeryng eine Qualität vorgegeben hat, dann ist das für uns Geiger der Maßstab. Weniger ist nicht gut genug.

Das klingt nach einer wahrlich elitären Haltung.

Ja, und das muss so sein. Das ist echte Elite - alles andere ist Elite, die auf Macht, Geld oder Beziehungen beruht.

Sie meinen also ernsthaft, man dürfe nach Ludwig van Beethovens Neunter keine schlechtere Symphonie mehr schreiben?

Das meine nicht nur ich. Die großen Menschen haben das alle so empfunden, die haben gesagt: Wie kann Johannes Brahms nach seiner ersten Symphonie weitermachen? Er hat dann noch drei geschrieben, klar, weil er es konnte. Aber nach Beethovens Neunter haben es alle schwer gehabt, und das ist auch gut so.

Heute scheint es eher so, als versuche jeder, endlich das Plateau zu erreichen, auf dem er sich ausruhen kann.

Nein! Gut ist das Geniale, das Unmögliche, das Ziel, das Unmögliche zu begehren, wie bei Faust.

Das klingt ziemlich fremd in einer Welt der Superstars.

Weil wir uns daran gewöhnt haben, die Neunte beim morgendlichen Kaffee nebenbei laufen zu lassen. Wir nehmen diese Werke als Hintergrund, als Unterhaltung, und so verlieren sie das Große. Ich habe deshalb angefangen, diese Werke zu dekomponieren - das heißt, ich nehme sie in Workshops auseinander, wahrend die Teilnehmer dabei sind, und mache den Prozess der Musik konkret hörbar und sichtbar.

Wie müssen wir uns das vorstellen?

Genau so: Ich unterbreche die Aufführung, und die Menschen, die unter den Orchestermusikern sitzen, lernen, ihre Aufmerksamkeit auf die Entwicklungsprozesse der Musik zu richten: Einleitung, Wandlung durch das Feuer und schließlich Integration, die letzte große Überwindung, Dabei erleben sie den Transfer von Musikprozessen in Organisationsprozesse, stellen fest, wie viel beides miteinander zu tun hat. Und wenn wir das Stück am Ende noch einmal durchspielen, brechen manche in Tränen aus.

Das klingt nach einer guten Performance ...

... es geht um mehr. Für mich ist das ein Problem der aufrührenden Kunst von heute: dass sie sich mit dem Aufrühren begnügt. Es gibt eine hübsche Geschichte: Ein großer Geiger in den zwanziger Jahren, Mischa Elman, spazierte vor seinem Konzert noch ein wenig durch New York. Er vergaß die Zeit, schaute, dachte, träumte - bis er an einen Fischladen kam, in dessen Auslage ihn all die toten Fische anstarrten. Und er schreckte hoch: " Ich muss mich schnell umziehen und spielen." Tatsächlich haben wir in dem klassischen Dreieck Komponist, Aufrührender, Zuhörer nur zwei starke Säulen; die Zuhörer - manche wie die toten Fische - sind ganz schlecht, weil sie nicht hören, nur reagieren.

Wäre das zu ändern nicht eine klassische Aufgabe der Schulen?

Wir können Verantwortung nicht immer nur weitergeben. Wir, die Interpretierenden, haben die große Aufgabe: die Zuhörenden zum Zuhören zu erziehen. Und das heißt nicht, zehnmal hintereinander das Gleiche zu spielen, sondern einen Lernprozess in Gang zu setzen. Wir müssen lehren, wie man zuhört, wir müssen ein Hörorgan ausbilden. Das ist eine Kunst für sich, die Kunst zu vermitteln. Wer gelernt hat, Musik wirklich zu hören, nicht nur auf der Oberfläche, sondern bis in die tiefsten Schichten hinein - der wird auch anders auf Kinder, Kunden oder Kollegen hören.

Der Musiker hat noch eine weitere Botschaft für die Welt: dass nur harte und kontinuierliche Arbeit zum Erfolg führt.

Ja, aber diese Arbeit wandelt sich. Man denkt, so ein armer Geiger, der übt stundenlang und schwitzt - aber das ist nicht so. Man wächst innerlich, sammelt Erfahrungen, alles wandelt sich und dann wird das Üben plötzlich zu einer faszinierenden Sache. Je tiefer man sich mit einer Sache verbunden hat, desto mehr kommt man an die Zone der Urbilder. Das heißt, ich kann plötzlich sehen, was meine Hand mit allem in der Welt zu tun hat, ich kann Verbindungen sehen. Der Manager geht den direkten Weg von A nach B - der Künstler geht erst einmal in eine ganz andere Richtung, verliert sich, gerät ins Chaos. Und kommt zu einem Punkt B, der an einem fernen, anderen Ort liegt als das B des Managers.

Der direkte Weg ist vermutlich einfacher.

Jede Wandlung, jeder Prozess der Wandlung, jeder Schritt, den man vorangeht, ist verbunden mit Schmerz. Aber den Schmerz empfindet man nicht, weil man so inspiriert ist - erst hinterher kann man konstatieren: Oh, das war schlimm. Aber dann ist man schon dort und hat die nächste Plattform erreicht.

Die Inspiration, von der Sie reden, ist heute ein rares Gut.

Es geht aber nicht ohne sie. Intellektuell, so mit dem festen Vorsatz, sich jetzt in eine Wandlung zu begeben, lässt sich das nicht machen. Ohne Inspiration bekommt man Angst, hat keine Lust auf Salto mortale - nur die Inspiration zieht einen durch dick und dünn. Goethe hat sie die "exakte Phantasie" genannt.

Ist die Menschheit inspiriert und der Einzelne faul?

Nein, der Einzelne ist inspiriert, und das wird irgendwann mal Gemeingut. Das dauert - aber wenn einer es geschafft hat, hat das Einfluss auf alle. Es gibt viele, die das Bessere suchen, manche sind enttäuscht und suchen dann ihr Heil in Drogen, weil sie glauben, sie seien anders und allein. Aber das ist Quatsch, es gibt viele, die suchen.

Und wie können sie ihre Inspiration finden?

Auf jeden Fall sollte man sich hüten, jeden Gedankenblitz Inspiration zu nennen. Wenn es mal richtig blitzt und donnert, sollte man schnell dorthin laufen, wo gerade der Blitz eingeschlagen hat: Alles ist verbrannt und riecht nach Schwefel. So ist echte Inspiration. Und es genügt, ein paar Mal im Leben eine solche zu haben. Wenn sie echt sind, kann man ein Leben lang davon zehren, und das lässt einen eine Menge aushalten. Das Problem heute ist, dass alle ein bisschen das eine probieren, und wenn es nicht funktioniert, das andere. Ich habe für mich festgestellt, dass die Zyklen bei mir immer so ungefähr zehn Jahre dauern. Zehn Jahre ein großes Thema verfolgen, dann wird es schon durchbrechen - aber zehn Jahre muss man aushalten. Von diesen Zehn-Jahres-Zyklen hat der Mensch nicht so viele zur Verfügung, aber ein paar schon.

Die Neunziger sind vorbei. Ist damit für Sie auch der Zyklus Kunst und Wirtschaft am Ende?

Nicht am Ende, aber er wandelt sich. Tatsächlich ist es so, dass nicht die Wirtschaft die Kunst sponsert - wir sponsern sie. Denn wir Künstler verfügen täglich über die Fähigkeiten, die heute in der Wirtschaft ganz intensiv gesucht werden. Das zeigt sich am deutlichsten in der Management-Sprache: Heute reden alle von Performance, Passion, Orchestration, Creativity, Sensitivity, Inspiration ... Man sucht die sozialen Fähigkeiten: Managing heißt heute doch in Wahrheit Managing Human Relationships, also das Organisieren von Beziehungen. Und da fängt die Kunst an, ihre Bedeutung im Transfer zu bekommen. Heute, nach zehn Jahren, kann ich sagen: Es fängt wirklich an.

Also sind Kunst und Wirtschaft noch mal gut für zehn Jahre?

Nein, meine neue persönliche Plattform heißt Integration. Alles, was ich bisher gemacht habe, kommt zusammen. Ich bekomme zum Beispiel neuerdings wieder häufiger Konzerteinladungen, aber ich habe keine Lust mehr auf Konzerte im üblichen Sinne. Ich mache das nur noch, wenn ich auf meine Art die Zuhörer in den Prozess einbeziehen kann. Aber mein größtes Projekt ist die europäische Kulturkarawane.

Zurück zu den Achtzigern?

Vorwärts in das Europa des neuen Jahrtausends. Drei Wochen vor dem Beitritt der osteuropäischen Staaten wollen wir eine Karawane durch die Hauptstädte aller Beitrittsländer führen. Das soll eine richtig populäre Bewegung werden, an der sich Manager, Künstler, Studenten und all jene beteiligen, die mit uns der Frage nachgehen wollen: Was ist authentisch? Was ist zum Beispiel authentisch, was Ungarn auf den Altar Europas legen kann? Was bringen uns die Polen mit, was Tschechen, Slowenen oder, ganz oben, die Balten? Was ist authentisch und von höchster Qualität, sodass es als Baustein taugt für eine neue europäische Identität?

Das heißt, Sie wollen Hochkultur sammeln?

Wir wollen alles sammeln, was so viel Qualität und Vielschichtigkeit hat, dass es europäisch und nicht nur lokal anwendbar ist.

Aber doch Hochkultur, weil es nur das Beste sein soll?

Das Beste darf nicht für sich genügen - es muss übersetzbar sein, also interdisziplinär, interkulturell übersetzbar. Und es muss klar werden, dass diese Trennung in Ost und West gerade mal eben 70 Jahre Geschichte sind, katastrophale 70 Jahre wegen dieser ganzen Inszenierung von Ost und West. Aber es gibt eine Mitte! Und wir bekommen viel mehr von diesem Mittel-Osten: Was ist da alles gewesen auf dem Boden von Polen und Tschechien in den vergangenen 2000 Jahren - das ist alles europäische Kultur, die nur ein wenig lahm gelegt worden ist.

Tatsache ist, dass wir zum Beispiel von der polnischen Hochkultur nicht viel wissen.

Genau. Und deswegen müssen wir sie mit der Karawane zu enthüllen versuchen und auf eine Plattform stellen, die den Transfer ermöglicht.

Das ist politisch nicht ohne Brisanz. Die Definition der Hochkultur wird sich die politische Elite hier zu Lande nicht von den Künstlern nehmen lassen wollen.

Joseph Beuys hat gesagt, man solle die Kultusministerien abschaffen. Weil die nur künstliche Budgets hervorbringen, Räume, in denen sich die Künstler dann um die Gelder prügeln, während die ganze Entwicklung woanders hingeht. Und die Künstler haben keinen wesentlichen Einfluss darauf.

Es gibt genug Künstler, die sich in diesen Räumen gut eingerichtet haben.

Sicher, aber das ist eine Verführung, die nur dafür sorgt, dass die Kunst keinen Einfluss mehr auf die echten Probleme des gesellschaftlichen Wandels hat. Im Sozialismus hieß es: Proletarier aller Länder, vereinigt euch. Ich sage: Künstler aller Länder, vereinigt euch. Denn die Künstler müssen sich wieder jene Räume erkämpfen, in denen die Kunst sein muss. Sie müssen nicht mit Kanonen kämpfen. Aber die Kunst muss die Räume erobern, in denen sie wirklich etwas zu sagen hat.

Die da wären?

Alle, die nah am Leben sind. Warum ist das so schwierig mit West- und Osteuropa? Weil alles eine Wirtschaftsrechnung ist. Der Osten, das sind billige Arbeitskräfte. Doch eine Wirtschaftsrechnung umfasst gerade 20 Prozent der Realität, 80 Prozent setzen sich zusammen aus: Familie, Kinder, Freunde, Liebe, Lebensqualität. Das Problem ist, dass wir die Indikatoren für die 80 Prozent noch nicht geschaffen haben, aber es wird Zeit.

Wo könnte man anfangen?

Wenn man stirbt, so heißt es, kommt man immer an eine Kreuzung und zwei Wegweiser. Auf dem einen steht: " Zum Himmel", auf dem anderen "Vortrag über den Himmel". Ich fürchte, die meisten Deutschen würden zum Vortrag gehen - wie wäre es mit dem Himmel selbst?

Kontakt: Miha Pogacnik
<miha@mihavision.com>
Weitere Informationen:
www.mihavision.com
www.speakers.co.uk
www.borl.org