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Das geht - Prinzip Käse

Einen Inder verschlägt es nach Berlin. Dort erfindet er etwas, auf das niemand gewartet hat: einen neuen Frischkäse. Und hat damit auch noch Erfolg.




Man wird behaupten können, dass es in Deutschland an vielem mangelt. An Mut, an Risikobereitschaft, Zivilcourage und Durchhaltevermögen, an entspannter Lebenssicht und gelassener Haltung. All das ist, wir wissen es längst, keine deutsche Spezialität. Ganz anders liegen die Dinge beim Käse, genauer: beim Frischkäse. In einem durchschnittlichen deutschen Supermarkt finden sich bestimmt zwei Dutzend unterschiedliche Sorten, die allesamt der Untergruppe der Frischkäse zuzuordnen sind. Es gibt sie mit wunderlichen Kräutern und Gewürzen versetzt, mal mehr, mal weniger fettreich, in abenteuerlichen und langweiligen, praktischen und unsäglichen Verpackungen. Das Letzte, was einem hier zu Lande abgehen könnte, ist Frischkäse.

Amit Ranka denkt naturgemäß anders. Er ist Erfinder des Frischkäses Giacomo. Das klingt italienisch. Ranka aber ist echter Inder. Und lebt seit 14 Jahren in Berlin.

Ganze 21 Jahre alt ist Ranka damals, als er in Deutschland eintrifft. Für hiesige Verhältnisse ist das blutjung. Für indische Verhältnisse ist das ein ziemlich reifes Alter.

Um den ganzen Käse zu verstehen, muss man wissen, dass Amit Ranka bereits im Alter von elf Jahren zur werktätigen Klasse gehörte, was in seiner Heimatstadt Rajasthan nichts Ungewöhnliches ist. Der Junge wusste bereits, wie es ist, alles zu verlieren: Sein Vater, ein Geschäftsmann, verlor Haus und Hof, als Amit gerade neun Jahre alt war. Amit arbeitet im Schichtbetrieb. Der fängt um vier Uhr morgens an, mal um zwölf, mal um sechzehn Uhr. Daneben geht Amit Ranka in die Schule, wann immer es möglich ist. Bis hierher ist es das hundertmillionenfach erlittene Schicksal von Kindern in einem Dritte-Welt-Land, in dem keiner fragt, was Kindheit heißt, sondern nur: Was hast du getan, um dein Essen zu verdienen - und auch das ist mit Monatslöhnen von umgerechnet fünf Euro, die Amit für seine Fabrikarbeit bekam, nicht einfach. Aber der Junge will mehr. Mit 14 verlässt er sein Elternhaus und arbeitet bei seinem Onkel in Katmandu: "Eines Tages werde ich ein erfolgreicher Mann sein", denkt er. Doch der Onkel ist ein Fiesling. Er verbietet Amit, zur Schule zu gehen. Amit reißt wieder aus. Und hat Glück. Am Flughafen entdecken den auffällig hübschen Knaben, der mittlerweile 15 ist, Journalisten der Modezeitschrift "Vogue". Die geben ihm spontan einen Modelvertrag. Mailand. 5000 Dollar Gage. Das reicht, um unabhängig zu sein.

Dann Berlin. Er studiert BWL, arbeitet als Geschäftsführer für eine Hein-Gericke-Filiale. Aber er will eben sein Ding machen. Geht 1996, gründet mit Freunden ein Restaurant, überwirft sich mit ihnen, hat aber dabei einiges gelernt, nicht nur menschlich, sondern über das Essen: Der überzeugte Vegetarier findet in deutschen Supermärkten wenig, was ihm schmeckt. Andererseits hat er gelernt, dass die Gäste im Restaurant durchweg auf seinen Geschmack gekommen sind.

Er beginnt, mit dem Rezept seiner Großmutter ausgestattet, seinen Frischkäse zu entwickeln. 14 verschiedene Sorten. Er sucht sich eine Molkerei, die in der Lage ist, den Käse in den benötigten Mengen herzustellen. Den muss er jetzt noch verkaufen. Das macht er, indem er Menschen, die meinen, es gäbe schon genug Käse in Deutschland, auf die Nerven geht. Wie dem Küchenchef des Berliner Interconti. Zweimal, dreimal, viermal, x-mal.

Er ruft immer wieder an, bis es dem Küchenchef zu dumm wird. Er lässt Ranka vor. "Fünf Minuten, höchstens. Mehr brauch' ich nicht", verspricht der. Nach fünf Minuten hätte er gehen können. Da hatte er den skeptischen Koch bereits in der Tasche. Der Mann war seinem Käse verfallen und orderte 25 Kilo pro Woche.

Minimum.

Der indische Rahmkäse robbt sich bald durch die Restaurantlandschaft der Hauptstadt. Die Referenz aus dem angesehenen Hotel ist dabei nützlich. Zwei Jahre dauert es, bis die meisten indischen Restaurants in Berlin Rankas Schmierkäse auf der Karte haben. Nochmals zwei Jahre, bis Giacomo mit drei Sorten in die Supermärkte kommt - eine Hartnäckigkeit, von der sich viel lernen lässt. "Good for you. Believe me" steht auf den Werbeplakaten für Käse und die nun ins Programm genommenen Lassi-Drinks, ein indischer Trinkjogurt mit Früchten, den es mit Lychee, Mango und - dem Hauptstadtgeschmack angepasst - auch in der Variante Pina Colada gibt.

Die Ochsentour steht noch aus: Die Bewährung im heiß umkämpften Markt, die Schlacht im Frischkäseregal. Doch Amit Ranka sagt, was er immer dachte und tat. Alles wird gut. "Ich glaube an mir." Und an Ethno-Food mit Bio-Label. Das geht.

Rankas Chancen stehen gut. Man mag den sympathischen Gründer, seine Hartnäckigkeit, aber vor allem die Vielzahl der für uns völlig neuen Geschmacksnoten. Der Kosmos der indischen Geschmäcker ist in Restaurants nur teilweise erschlossen. Im Supermarkt gar nicht. So gesehen: Die Idee ist kein Käse.

Giacomo Milchprodukte
Amit Ranka
Ludwig-Erhardt-Ring 20
15827 Dahlewitz
www.giacomo-products.de
info@giacomo-products.de