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Ballermann oder Bewusstsein

Wenn Sie werden, wer Sie sind, gehören Sie zu einer Elite. Was Ihnen nichts garantiert - außer einem erfüllten Leben.




Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.
Matthäus 20, 16

Ich möchte keinem Club angehören, der mich als Mitglied akzeptiert.
Groucho Marx

Wie sollen zwei Menschen einander gleichen, wenn noch nicht einmal eine Schneeflocke der anderen gleicht?
G. C. Lichtenberg

LIEBE SOPHIE!

Der Begriff Elite wurde euch im soziologischen Seminar ja wirklich erschöpfend ausdifferenziert. Ich verstehe gut, dass hinter den definitorischen Wolken das Phänomen für dich verschwamm. Nur sitzt der Stachel des Elitären immer noch tief, und du weißt nicht, ob du überhaupt jemals zu irgendeiner Elite gehören möchtest. Zumindest darauf ist meine Antwort einfach: Du wirst es nicht vermeiden können. Welcher Elite du zugeordnet wirst, werden andere entscheiden, wenn sie deine Leistungen wahrnehmen. Ob du aber zu dieser oder jener elitären Gruppe gehören willst, das entscheidet dein Bewusstsein, dein bewusstes Sein. Und das kommt so:

ELITEN SIND WENIGE, DIE ANDERS LEBEN UND LEISTEN

Ist das alles? Nein, ist es nicht. Es sind Menschen in unserer Massengesellschaft. Und fast alles leben sie so wie alle anderen auch. Sie werden geboren, wachsen auf, strampeln sich durch, essen Suppe oder nicht, lieben oder entlieben sich, mögen eine bestimmte Musik, andere wieder nicht, ziehen sich an und aus und immer so weiter. Sie machen, was viele machen. Aber das, worauf es ihnen ankommt, was sie wollen und wünschen, machen sie anders. Passender. Deutlicher. Funktionierender. Spezialisierter. Konzentrierter. Glänzender häufig auch, mitreißender, sogar schöner ab und an. Entscheidend ist nicht, was sie machen, sondern wie sie es machen. Sie leisten anders, weil sie anders leben. Und umgekehrt. Sind sie deshalb bessere Menschen? Manchmal, selten. Sie sind anders.

ELITÄR: DAS DEUTSCH-DEMOKRATISCHE UNBEHAGEN

Eliten waren eine vordemokratische Idee des späten 18. und des frühen 19. Jahrhunderts. Das Bürgertum setzte dem ermatteten Adel seine Bildung, sein Wissen, seine Leistungen entgegen, erinnerte sich an das platonische Ideal der Herrschaft der Besten und wollte die Herrschaft der Eliten. Später war die Idee bestens brauchbar für Rassisten, Sozialdarwinisten, Faschisten, Nazis, Chauvinisten und Populisten. Und ist es noch. Deren Praktiken wurden wie so manches in Deutschland besonders gründlich betrieben. So wurde die Eigenschaft elitär ein Stachel in der Idee der Gleichheit, wurde widerwärtig, beleidigend, verdächtigend. Versuch das mal in deinem nächsten Auslandsemester einem Franzosen klar zu machen oder einem Briten. Hinter deren hochgezogenen Augenbrauen wird blankes Unverständnis nisten: Oh, indeed?

ELITEN VON GESTERN: PYRAMIDENPUTZER

Dass Idee, Begriff und Bildung von Eliten so seltsam verdächtig sind, liegt einfach daran, dass die Eliten von gestern in ihren letzten Sandburgen sitzen. Die Form ihrer Burgen ist die Pyramide, ihr soziales Wollen ist Herrschaft, ihre Gerechtigkeit sind Vorrechte, ihre Gleichheit sind Vorbilder mit ihrem Gesicht, ihre Werte Mandalas aus ehemaligen Werten, also toten Normen, sie identifizieren sich immer mit der Macht, auch der Macht gegen sich selbst, und wollen von eben der geschätzt, gelobt und möglichst geliebt werden.

So sind sie. Sie sind keine schlechten Menschen. Sie sind von gestern und wirken deshalb so destruktiv, weil sie nichts anderes erhalten wollen als das, was tot ist - die Vergangenheit. Truman Capote beschrieb erschrocken eine alte Dame, bei der er entdeckte, dass sie eine extragroße Tiefkühltruhe besaß, um all ihre verstorbenen Lieblingskatzen weiter bei sich zu haben.

Unsere Tiefkühltruhe besteht aus den Ideen, Mustern und Strukturen von gestern, unsere Katzen heißen, kleine Auswahl: Lehre und Forschung, politische Parteien, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften, Sozialordnung, Unternehmensorganisation, Familie, Religionen, Bundesbeamtenordung, Stadttheater, Psychoanalyse, Volksschulen... und so weiter. Nichts davon ist böse. Einiges ist erbärmlich. Das meiste ist hoffnungslos, weil es in den Menschen die Hoffnung tötet. Die Katzen können tiefgekühlt noch lange liegen, aber lebendig werden sie nie mehr.

ELITEN VON HEUTE: GEGENWARTSMACHER

Die neuen Eliten entwickeln sich schon. Es sind Menschen, die bewusst heute leben und vorsätzlich etwas leisten, durch das etwas lebendig wird: Gegenwart.

Sie sind nicht interessiert an Vorrechten, sie übernehmen Vor-Pflichten. Möglicherweise nennen sie das, ihre Idee, ihr Projekt oder ihr Ding zu machen. Aber dieses Ding ist dann sehr gegenwärtig, ein Beitrag für die Gegenwart. Vorbilder? Vor ihnen steht kein Bild, das sie werden wollen. Vorschläge machen sie. Ein, zwei Dutzend davon sind vielleicht Illusion, Jux oder Nonsens. Und einer lässt plötzlich etwas Neues leben. Sie taugen nicht zu Vorgesetzten. Sie machen etwas vor, und andere machen es nach und probieren. Sie sind nicht altgierig, sie sind neugierig, welche Wirklichkeit sie da gerade mit schaffen.

Da ist keine Kontinuität aus erstarrtem Wiederholen des Immerselben. Die Kontinuität ist ihre Richtung hin zu ihrem Horizont. Sie wollen keine statische Stabilität des So-bleibt-es-für-immer. Sie sind so gleichgewichtig stabil, weil sie sich bewegen und dabei anderes bewegen. Sie verstehen nicht die Sicherheit des Jetzt-hab'-und-behalt'-ich's. Sie sind selbstsicher, weil sie immer wieder neue Chancen entdecken. Die Hierarchie der Pyramide zeigt ihnen nur, wo die Herrscher des Gestern begraben sind. Sie treten in Beziehungen zu jenen, die ähnlich denken, in Netzwerken, die sich durch jeden Beitrag verändern.

Sie sind überall zu finden, selbst dort, wo am Ballermann der MBA-Horden Case Studies gegrölt werden. Bisweilen tauchen sie in den Big-Brother-Shows des Business auf, den Assessment-Centers. Auch bei den Publikums-Klatschorgien der Get-Togethers und Conventions treiben sie sich herum, allerdings nicht lange, in Powerpoint-Berieselungs-Seancen bleiben sie immer noch bei Bewusstsein, in Interviews sagen sie mindestens einen Satz, mit dem sie sich vorsätzlich outen, halten sie Reden, dann reden sie immer nur von einem: von den heutigen Wirklichkeiten.

An all dem erkennst du die Eliten von heute. Sie sind keine idealistische Utopie, sie leisten längst, werden mehr. Dann siehst du auch, dass sie weiblich oder männlich sind, diese oder jene Ausbildung haben oder gleich mehrere, alle möglichen Dialekte sprechen, unauffällige Biografien leben oder bunt gescheckte, in Unternehmen, Organisationen, Administrationen leisten oder außerhalb, alles von sehr jung bis sehr alt sein können - und dringend gebraucht werden.

Und nach all dem und lange davor, Sophie: Es gibt auch die Elite der Eliten. Solche Menschen wollen dieses oder das, aber eins wollen sie alle nicht - sie wollen von nichts geliebt werden, was Macht über sie haben will, Zwang und Gewalt ausübt, nicht von solchen Systemen, nicht von solchen Ideen, nicht von solchen Menschen.

Also: Gehörst du zu den Eliten der Gegenwart? Ich hoffe das nicht. Ich weiß es und lächle dir zu.