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Wünsch dir was

Mehr Leidenschaft, 500 Euro für alle, Tine soll zurückkommen – bei der Ulmer Werberin Claudia Widmaier können Sie Ihre Wünsche loswerden. Eine romantische Marketing-Strategie.




Das Wesen der Sehnsucht ist, dass sie unerfüllt bleibt und uns dadurch am Leben erhält. Deshalb darf sie sich nicht erfüllen. Sehnsuchtsprofis wollen immer ein bisschen höher hinaus, als sie kommen können, und allein das bewirkt, dass sie immer einen Tick weiter springen, als alle erwartet hätten. Wer schlau ist, kennt seine Sehnsüchte, hat sich in stillen Momenten auf die Suche nach ihnen gemacht, hat sie gefunden, und bewahrt sie für immer im Herzen.

Kennen Sie Ihre Sehnsüchte? Wenn nicht, lassen Sie auf der Stelle alles liegen, und gehen Sie sie suchen, es gibt nichts, was wichtiger sein könnte. Wenn ja, schmunzeln Sie, bleiben Sie ruhig sitzen, aber packen Sie doch mal eben den Alltagsmist zur Seite, und kramen Sie ein bisschen, dort, wo es gut und klar ist, und erfreuen Sie sich daran. Das hilft immer. Falls Sie nicht verstehen, was ich meine, schlagen Sie bitte bei den Romantikern nach, lesen Sie Eichendorff und Hölderlin, hören Sie Schubert, oder sehen Sie sich ein Bild von Caspar David Friedrich an. Auch das hilft immer.

Der kleine Bruder der Sehnsucht ist der Wunsch. Und weil die Kleinen immer mehr dürfen als die Großen, dürfen Wünsche sich auch erfüllen. Claudia Widmaier ist 38, Mutter zweier Kinder, Grafikdesignerin und Mitinhaberin der Werbeagentur Mahlzeit in Ulm. Frau Widmaier hatte es eines Tages satt, die immergleiche Frage gestellt zu bekommen, eine Frage, die nur kleine Agenturen beantworten müssen: "Wer seid ihr?" Es musste also dringend etwas her, was die kleine Agentur Mahlzeit zu einer Marke macht. Eine unmissverständliche Botschaft, ein leises Schaut-euch-um-und-macht-es-euch-gemütlich, denn das Gleiche in laut kostet zu viel Geld, und das können sich nur die etablierten Agenturen leisten.

Die fünf Leute von Mahlzeit fragten sich, wie das denn aussehen könnte. So machten sie sich auf die Suche nach ihren Wünschen, schrieben die Wünsche auf, wie man das eben so macht, wenn ein paar Menschen versuchen, einen gemeinsamen Weg zu finden. Und da war es dann auch schon, weil Claudia Widmaier dieses Wort nicht mehr aus ihrem Kopf kriegte: Wünsche. Was wäre denn, wenn jeder seine Wünsche äußern könnte, öffentlich? Mahlzeit sollte der Laden sein, der dabei hilft. Am 20. Oktober 2002 wurde es dann amtlich: Die Wünsche-Seite www.fort-wishes.de ging online, und in der Ulmer Innenstadt eröffnete ein Wünsche-Shop.

Nein, es ist nicht so, dass Sie sich dort Wünsche kaufen können, aber Sie können sie dort loswerden. Da sind nette Menschen und ein Terminal, eine Art Wünsche-Automat, der sich über jeden eingegebenen Wunsch mit einer Quittung und einer Nummer freut, mit Hilfe der Nummer lässt sich der Wunsch immer wieder aufrufen. Genauso funktioniert das auch auf der Seite im Netz. Die erste Reaktion der Ulmer auf die Wünsche-Idee von Mahlzeit war typisch schwäbisch: Seid ihr verrückt? Seid ihr eine Sekte? Warum isch des koschtelos? Claudia Widmaier ist Fragen gewohnt. Lassen wir sie antworten.

Warum soll ich meine Wünsche ins Internet stellen ?

Um einen Wunsch aufzuschreiben, müssen Sie erst mal herausfinden, was Sie sich eigentlich wünschen, müssen sich mit sich selbst auseinander setzen. Wenn Sie Ihren Wunsch dann aufgeschrieben haben, ist er gespeichert und geht nicht mehr verloren.

Wie bei einem Gebet, das man immer wiederholt?

Ja, aber auf einer neutralen Plattform, ohne den ganzen Rattenschwanz von Schuld und Sühne, sondern mit durchweg positiver Ausstrahlung.

Was ist das Wesen eines Wunsches?

Ein Wunsch ist versteckt, aber nah. Er ist da, aber schwer zu artikulieren. Sie müssen sich Zeit nehmen, um ihn zu entdecken. Aber wenn Sie einmal Kontakt zu Ihren Wünschen haben, wenn Sie diesen Kontakt halten, erfüllen sie sich von selbst.

Wie verändert sich das Wesen eines Wunsches, wenn er sich erfüllt?

Dann löst er Gelassenheit aus.

Werden Ihnen die Wünsche jemals ausgehen?

Das hoffe ich. Dann werde ich mich in einem gelösten Zustand befinden, den ich jetzt noch nicht beschreiben kann, aber ich freue mich darauf.

Werden meine Wünsche von Ihnen und Ihrer Wünsche-Seite erfüllt?

Nein. Aber wir können Ihnen dabei helfen, sich Ihre Wünsche selbst zu erfüllen. Wenn Sie sich zum Beispiel Gesundheit wünschen, bekommen Sie das auf einer Quittung ausgedruckt. Die können Sie sich an den Spiegel hängen und sich jeden Morgen fragen: Lebe ich denn auch wirklich gesund?

Was wünschen sich die Leute denn so?

Die Wünsche sind bunt zusammengewürfelt. Da ist der Game Boy Color, ein Haus, ein Auto, da ist Stefan, der endlich anrufen soll, oder Tine, die hoffentlich bald zurückkommt, da soll Frieden herrschen. Insgesamt finde ich die Wünsche zu eingeschränkt, ich habe das Gefühl, dass die meisten Leute sich gar nicht trauen, ihre Wünsche frei zu äußern, manche muss man regelrecht überreden. Ich möchte, dass die Menschen begreifen, dass sie es wert sind, sich alles zu wünschen.

Was sind Ihre Lieblingswünsche auf der Seite?

Klarheit ist ein Wunsch, der immer wieder kommt und den ich sehr mag. Und: 500 Euro für alle.

Wie wollen Sie mit Ihrer Idee Geld verdienen?

Mit der Wünsche-Seite selbst kann und will ich kein Geld verdienen.

Hand aufs Herz?

Hand aufs Herz.

Und zweitens gehen die Wünsche kaputt, wenn sie verkauft werden.

Genau. Wir wollen nicht die sein, die Wünsche verkloppen. Wir wollen aber die sein, die mit dieser Idee in Verbindung gebracht werden, unsere Kunden sollen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Das ist es dann, was wir damit verdienen.

Wie soll das am Ende aussehen?

Ich könnte mir vorstellen, dass Firmen uns als Wünscheberater ins Haus holen. Dass wir vielleicht mit einem mobilen Wünsche-Terminal anreisen, und die Mitarbeiter können anonym eingeben, was sie sich von ihrem Unternehmen wünschen. Mitarbeiterbefragung als Event, sozusagen. Damit ließe sich auch etwas verdienen.

Und wie geht die Wünsche-Idee in Ulm weiter?

Es wird 2003 einen weiteren Wünsche-Shop geben, in dem sich die Leute dann aufhalten können, Konzept und Design stehen schon. Und langfristig würde ich gern in die Burg gehen.

In die Burg?

Wir haben hier eine ungenutzte alte Burg, die nur erhalten wird, weil es zu teuer wäre, sie abzureißen. Und da wollen wir mit unseren Wünschen rein, aber da müsste halt die Stadt mitspielen, denn die Burg muss natürlich saniert werden. Dann wäre Ulm nicht mehr nur die Stadt mit dem Münster, sondern auch die Stadt mit der Wünscheburg. Das wäre für die Stadt gut und für uns auch.

Was wünschen Sie sich?

Mehr Leidenschaft.