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Weiter denken

Wie funktioniert das Gehirn? Ein kurzer Überblick über die Evolution unseres körpereigenen Computers, seine Funktionsweise und die Möglichkeiten der Selbstprogrammierung für eine bessere Zukunft.




1. Die interessanteste Phase der Evolution hat gerade erst begonnen

Vor 100 000 Jahren war die Erde für Menschen kein erfreulicher Ort. Na gut, die Ernährung war komplett chemiefrei, aber so war die Welt, und angesichts einer optimistisch geschätzten Lebenserwartung von 20 Jahren hätte wohl jeder Urmensch gemerkt, dass eine ausgewogene Ökologie allein nicht glücklich macht. Hätte? Richtig, die Urmenschen dachten noch nicht so weit. Das lag nicht an Unwillen, Trägheit oder zu viel Fernsehen, sondern an ihrem Gehirn. Rein äußerlich ähnelten unsere Urahnen bereits dem heutigen Menschen: Sie hatten mehr Haare und grobere Gesichtszüge, aber im Grunde war die physische Evolution abgeschlossen - niemand hätte einen Neandertaler mit einem Menschenaffen verwechselt. Doch im Kopf sah es anders aus. Die Evolution des Gehirns, besser: des Bewusstseins, begann gerade erst. Und dessen Evolution funktioniert nach individuellen Regeln.

Der Unterschied zwischen Gehirn und Bewusstsein ist wichtig. Das Gehirn ist ein kompliziertes Instrument, das sich um alles kümmert, was das Individuum braucht - und deshalb zuerst um die biologischen Grundlagen. Im Stamm-, Klein- und Mittelhirn werden von der Körpertemperatur über Stoffwechsel und Sexualtrieb bis zu Sonderfunktionen wie der Einleitung des Geburtsvorgangs alle existenziellen Arbeiten erledigt - diese optimierte Überlebensmaschine ist ein Spiegel der biologischen Evolution. Das darüber liegende limbische System ist ebenfalls ein Überlebenswerkzeug, allerdings ein flexibles. Es ist für Lernen und Erinnern zuständig, es bewertet Situationen in der Außenwelt als gut oder böse und schüttet im Ernstfall Hormone aus, etwa den bekannten Stressmacher Adrenalin. Darüber wiederum liegt das Großhirn, die graue, in zwei Hemisphären geteilte Masse, in dem wir das finden, was den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet: Intelligenz, Abstraktionsvermögen, Sprachfähigkeit, Kreativität. Oder anders gesagt: das Bewusstsein.

Das Gehirn besteht aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), von denen jede mit 10 000 bis 20 000 anderen Neuronen verbunden ist. Diese Netze sind aber nur zum Teil festgelegt, sie können sich verändern, wenn die Umstände günstig sind und es erfordern. Das Bewusstsein ist quasi eine Frage der Gewohnheit: Wenn jemand regelmäßig dieselben Erfahrungen macht oder andauernd dieselben Behauptungen hört, wird sich das in seinem Gehirn dominant einprägen. Da in der Kindheit die Grundlagen des Gehirns geschaffen werden, sind Erfahrungen aus dieser Zeit besonders wichtig. Schlechte Erlebnisse können zu irrationalen Blockaden und psychischen Krankheiten führen.

Aber auch das Gehirn von Erwachsenen kann noch geprägt werden, in unserer Zeit zum Beispiel auch durch Massenmedien: Wer Tag für Tag von Verbrechen hört und liest, von bösen Fremden oder davon, dass deine, jawohl!, deine!, wirtschaftliche Existenz bedroht ist, wird das irgendwann nicht nur glauben, sondern tatsächlich verinnerlichen. Diese Prägungen sind aber eher schwach. Neue Erfahrungen können zu neuen Verschaltungen führen, zu neuem Verhalten und so zu weiteren neuen Erfahrungen. Dies ist das sich selbst programmierende, offene System des Bewusstseins. Und dessen Evolution ist gerade voll im Gange.

2. Das Sein bestimmt das Bewusstsein - aber wer bestimmt das Sein?

Das Gehirn war lange der Exot unter den Körperteilen. Die Griechen nannte es ,Enkephalos', das, was im Kopf ist, und interessierten sich nur dafür, wenn sie gerade einem Gegner den Schädel eingeschlagen hatten. Aristoteles, der sich mit dem Inhalt des Kopfes vor der Zerstörung beschäftigte, setzte mit seiner Idee, der Hypothalamus (zuständig für Atmung, Schlafen etc.) sei das Kühlsystem des Blutes, die Messlatte für mehr als 2000 Jahre desorientierter Hirnforschung. Alle von religiöser Verwirrung oder akademischem Wahn geprägten Fehler aufzulisten sprengt den Rahmen, aber wer sich an Wissenschaftler erinnert, die noch im vorigen Jahrhundert den Kopf statt seines Inhalts vermessen ließen, um einen Menschen zu kategorisieren, ahnt das Ausmaß der Verwirrung. Die moderne Erforschung des Bewusstseins begann erst mit der Psychologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Rund 100 Jahre später, entwicklungsgeschichtlich gesehen also quasi gestern, folgte die moderne Hirnforschung, die Erkundung der Hardware. Folgerichtig ist sie noch bei der Grundlagenarbeit.

So wissen wir über die Entwicklung des Gehirns in den vergangenen 100 000 Jahren recht wenig und können, müssen, dürfen darüber spekulieren. Das allerdings geht relativ zuverlässig, wenn man einer alten Regel folgt: Das Sein bestimmt das Bewusstsein, und das Bewusstsein bestimmt das Sein. So gesehen, lässt sich die Geschichte der Menschheit ebenso als Spiegel des Geistes wie als seine Grundlage betrachten. Vom Umherschweifen in kleinen Stammesgruppen über den Bau von festen Siedlungen bis zur Erschaffung erster zivilisierter Strukturen wie Arbeitsteilung und Handel können wir eine permanente Rückkopplung zwischen Geist und Welt annehmen: Die Strukturen des Lebens entsprachen den Strukturen, in denen gedacht wurde.

Mit der Erschaffung der Schrift begann ein neues Zeitalter: das der Reflexion. Und als sich die Welt langsam vernetzte, als die Griechen und später die Römer den Mittelmeerraum und Nordafrika eroberten, während in Asien längst große Königreiche existierten, bis endlich Marco Polo, Vasco da Gama und Christoph Columbus bestätigten, dass die Erde tatsächlich rund ist, erweiterte sich mit dem äußeren auch der innere Horizont. Intelligenz funktioniert wie ein Virus. So entwickelte sich der Fortschritt in der Folge wie die Menge des menschlichen Wissens: exponentiell, in einem immer höheren Tempo.

Die gute Schlussfolgerung aus all dem ist: Das Bewusstsein entwickelt sich, es geht voran, wir haben schon viel geschafft. Die schlechte Nachricht ist: Die Entwicklung ist inzwischen so schnell, dass einige Gehirne nicht mehr mitkommen und den Überblick verlieren. Das führt zu Angst. Etymologisch ist Angst mit dem Wort Enge verwandt, und genau das tut dieser Impuls im Gehirn: Er verengt das Bewusstsein. Schätzt das limbische System eine Situation als gefährlich ein, wird nicht nur Adrenalin ausgeschüttet, um den Körper zu aktivieren, sondern es werden auch alte, bewährte Verhaltensmuster aktiviert, und das Bewusstsein wird auf die Bedrohung konzentriert. Das ist gut, wenn man einem schlecht gelaunten Bären begegnet und alles außer Weglaufen blöd wäre. Schon nicht mehr so gut ist es dagegen, wenn der schlecht gelaunte Bär der Vorgesetzte ist, der von seinem Büttel neue Ideen will, und zwar zügig. Vollkommen grotesk wird diese Haltung aber angesichts eines allgemeinen gesellschaftlichen Unwohlseins. Denn Angst macht dumm.

3. Schlechte Gewohnheiten in schlechter Gesellschaft

Das alles ist natürlich nicht neu und hat auch schon längst Folgen gehabt. Durch die Betriebe ziehen seit Jahren berufsoptimistische Berater, die Vorgesetzten erklären, dass sie sich nicht wie überforderte Gorillas benehmen dürfen, wenn sie etwas von ihren Angestellten wollen, und eben jenen Angestellten, dass sie auch denken dürfen, wenn das nicht explizit von ihnen gefordert wird. Ebenso bekannt sind die wachsenden Berge von Selbsthilfeliteratur, Seminare über "Ich und alles, was mich nervt" sowie ein Problembewusstsein, ohne das Gespräche heute nicht mehr gehen, auch nicht über das Wetter, ich sage nur: gefühlte Temperatur! Das alles hat die Situation aber nicht verbessert, im Gegenteil. Zwischen dem trainierten Bewusstsein vieler Menschen und den Strukturen, in denen sie leben müssen, entwickelt sich zunehmend eine riesige Kluft. Der Grund ist einfach: Die Menschen ändern sich, aber die Gesellschaft, in der sie leben, bleibt gleich. Doch mit der Gesellschaft ist es wie mit Milch: Lässt man sie zu lange stehen, wird sie schlecht. Und ist erst mal die Milch sauer, ist es auch bald der Mensch.

Ein jedem bekanntes, ganz schlichtes Beispiel für die Diskrepanz von Theorie und Praxis ist die Hierarchie, etwa bei der Arbeit. Alle wissen, dass es besser ist, wenn man gute Angestellte in Ruhe arbeiten lässt. Aber so gut wie jeder kennt Vorgesetzte, die sich von Inkompetenz, fehlender Sachkenntnis oder auch nur ihren eigentlichen Aufgaben nicht daran hindern lassen, absurde Vorschläge zu machen, die sie nicht nur für brillant halten, sondern von denen sie auch noch erwarten, dass sie realisiert werden, denn (und jetzt alle): "Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt." Das hat nichts mit Bosheit zu tun, sondern mit Gewohnheit, in diesem Fall der Gewohnheit der Macht. Hier kommt ein ganz altes Programm aus der Evolution zum Zuge, die hierarchische Struktur, die tief im Gehirn verankert ist. Der Chef sagt der Herde, wo es langgeht. Notfalls kann er sogar einen rationalen Grund dafür nachschieben. Das war schon immer so, das kann nicht schlecht sein. Ist aber leider falsch.

Denn alle alten Organisationsformen von Gesellschaft beruhen nicht nur auf einer anderen Form von Bewusstsein, sondern auch auf einer anderen Struktur der Welt. Früher lebten Menschen in überschaubaren Populationen: Stämme, Dörfer, wenige große Städte - die Welt(!)-bevölkerung im Jahre null wird auf 160 Millionen Menschen geschätzt, die jenseits ihrer Stammesgrenzen nicht viel miteinander zu tun hatten. Diese globale, aber nicht globalisierte Gesellschaft funktionierte weitgehend linear, in klaren Abfolgen von Ursache und Wirkung, wie mäßig komplizierte Muster aus Dominosteinen, die nacheinander umkippen.

Unsere Welt mit sechs Milliarden zunehmend vernetzten Menschen funktioniert hingegen vollkommen anders - das behauptet jedenfalls die Komplexitätsforschung (s. brand eins 02/2001), ein Zweig der Mathematik, der noch jünger ist als die moderne Hirnforschung. Ihre wichtigste Erkenntnis ist ebenso einfach wie folgenreich. Komplexe Systeme wie unsere Gesellschaft lassen sich weder steuern noch linear beeinflussen, was aber überhaupt nichts macht, weil sie eine Neigung zur Selbstorganisation und damit zur Stabilität haben. Nur bedeutet das eben auch: Ein Chef wird nicht mehr gebraucht, ein Koordinator reicht vollkommen. Das alte Denken ist für die Welt, in der wir leben, ungeeignet.

Eigentlich kein Wunder, dass sich die Selbstverständlichkeiten der alten Welt langsam auflösen. So belegen Langzeituntersuchungen der Gesellschaft für Rationelle Psychologie in München, dass sich in den Gehirnen vieler Menschen der Kontakt zwischen dem Sehzentrum und dem limbischen System in den letzten 30 Jahren deutlich verringert hat. Das heißt: Die Dinge, die wir sehen, führen nicht mehr zu automatischen Reaktionen aus unserem Überlebenszentrum. Wir sagen nicht mehr Amen, wenn wir ein Kreuz sehen, nicht mehr Hurra, wenn eine Flagge gehisst wird, und nicht mehr "Der Chef wird schon wissen, was er tut", wenn einer Krieg will. Die alten Machthaber reagieren darauf prompt. Fundamentalisten verteidigen ihre Glaubenssätze als unhinterfragbar, weil sie die Orientierungssysteme ihres Gehirns sind und weil sie, im Wortsinn!, die Welt nicht anders denken können.

Das gilt aber nicht nur für Religionen und soziale Beziehungen zwischen Mann und Frau, Jung und Alt, Arm und Reich etc., sondern zum Beispiel auch für die Wirtschaftswissenschaften. Im vergangenen Herbst etwa erhielten Daniel Kahneman und Vernon Smith den Nobelpreis für Wirtschaft: Smith für die Einführung experimenteller Methoden in die oft auf Glaubenssätzen basierenden Wirtschaftswissenschaften, Kahneman für die Berücksichtigung psychologischer Erkenntnisse in der Wirtschaftstheorie. Er zerstörte damit das unbewiesene Bild des Homo oeconomicus: einem egoistischen, gierigen, eher beschränkten Typus, der sehr gut den ums Überleben kämpfenden Urmenschen repräsentiert, von dem jedoch angenommen wurde, dass er die grundsätzliche Natur des Menschen darstelle. Logische Folge dieses Glaubens? Klar: das Wettbewerbsprinzip, die Institutionalisierung des Überlebenskampfs. Arbeitssuche statt Selbstfindung!

Doch die Praxis ändert sich trotz theoretischen Wissens nur langsam. Joseph Stiglitz, noch ein Nobelpreisträger, ehemaliger Chef-Ökonom der Weltbank und Ex-Berater von Ex-Präsident Bill Clinton, erzählte im Januar in einem Interview des "Zürcher Magazin" von seiner Anfangszeit bei der Weltbank: "Als ich zur Weltbank kam, stellte ich meinen Mitarbeitern immer die gleiche Frage: Warum tut ihr das so? Von welchen Beweisen geht ihr aus? Und die Antwort war auch immer die gleiche: Weil wir es schon immer getan haben." Das Gehirn wiederholt sich, so lange es sich nicht ändern muss. Und je älter die Gewohnheiten sind, umso schwerer ist mit ihnen zu brechen. Der 1970 verstorbene Psychoanalytiker Eric Berne fasste in der Transaktionsanalyse menschliche Tätigkeiten in fünf Kategorien zusammen: Rituale, Zeitvertreib, Spiele, Arbeit und Intimerlebnisse. Berne sah angesichts dieses jenseits der Intimerlebnisse hochritualisierten, um nicht zu sagen stumpfsinnigen Kanons des Erlebens für die Zukunft der Menschheit schwarz. Aber vielleicht ist er nur zu früh gestorben.

4. Bewusstseinserweiterung. Nein, ich meine nicht Drogen

Mitte der sechziger Jahre begann die psychedelische (griechisch:die Seele zeigen) Revolution. Dafür verantwortlich war vor allem LSD (Lysergsäurediäthylamid), ein Stoff aus der Psychotherapie, den der Sandoz-Chemiker Albert Hofmann 1938 in Basel entwickelt hatte. LSD ist ein Lösch- und Präge-Instrument für den Geist. Es zerstört bestehende Schaltungen im Gehirn und ersetzt sie durch neue, die auf den Erfahrungen während seiner Wirkungszeit basieren. In der Theorie sollte LSD in einer geplanten Situation mit einem ausgebildeten Therapeuten genommen werden, doch nachdem vor allem die Psychologen Timothy Leary und Richard Alpert das Mittel vehement propagiert hatten, verbreitete es sich massenhalt in der westlichen Gesellschaft. Mit den bekannten Folgen. Die unkontrollierte Einnahme führte zu schlechten Trips und Psychosen, in Einzelfällen sogar zum Tod. Im Nachhinein verwundert das nicht. LSD ist die stärkste bewusstseinsverändernde Droge, die wir kennen, also ohnehin ein recht grobes Werkzeug im feinen Geflecht des Gehirns. Wer mit einer solchen Axt zum Spaß durch seinen Kopf fräst, muss auch mal mit einem Totalausfall rechnen.

Trotzdem war der unter anderem von LSD und anderen, leichteren Drogen getriebene Aufbruch wichtig. Er führte zu einem Quantensprung in fast allen Bereichen der Gesellschaft, von der Politik (Ende des Vietnam-Krieges) über die Kultur (Rockmusik) bis zur Wirtschaft (das dauerte länger, aber die New Economy war letztlich auch eine Folge des Wandels in den Sechzigern). Außerdem fand eine spirituelle Neuorientierung statt, die dringend nötig war - denn nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatte die Arbeit am Bewusstsein einen so schlechten Ruf wie in den Industrieländern der Nachkriegszeit.

Spirituelle Praktiken und die damit verbundene Bewusstseinserweiterung gibt es in jeder Kultur. Grundsätzlich kann man vier Felder unterscheiden: Religion, Drogen, Meditation und Rituale. In der Regel überschneiden sich die Gebiete. Rituale wie zum Beispiel Initiationsrituale, mit denen Jugendliche in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden, sind fast immer religiös (im Christentum die Konfirmation), und keine Religion kommt ohne Drogen (Weihrauch) oder Meditation (Gebete, etwa der Rosenkranz) aus. Das Ziel dieser Praktiken ist die Überwindung des Egos beziehungsweise der Persönlichkeit (Persona: griechisch Maske), zum Beispiel in Form der Erleuchtung oder dem Aufgehen in Gott. Auf der neuronalen Ebene bedeutet dies, die persönlichkeitsprägenden Gewohnheiten, also Schaltungen, zu löschen. In der westlichen Industriegesellschaft war das Spirituelle auf dem Rückzug, seitdem die protestantisch geprägte Industrialisierung eine zunehmend materiell ausgerichtete Weltsicht durchgesetzt hatte. In Deutschland kam der Todesstoß für spirituelle Traditionen von den Nazis, die ihre Ideologie auf einem idiotischen Heimwerker-Mystizismus basierten, den sie sich aus verschiedenen, meist heidnischen Ideen gebastelt hatten. Ihr Ideengerüst hielt so lange wie ihr tausendjähriges Reich. Danach wollte verständlicherweise niemand mehr etwas damit zu tun haben.

Ende der sechziger Jahre kam die Wende, und wer jetzt stöhnt, hat vollkommen Recht. Aus den guten Vorsätzen wurden schwarze Löcher, aus Revolutionären Sektierer, aus der Einheit mit dem Kosmos Esoterikläden, in denen meist Frauen hässliche Steine kaufen, aus antiautoritären Pädagogen nervöse Kettenraucher, aus therapiegestählten Psychonauten Monologe haltende Egozentriker und aus umherschweifenden Haschrebellen Autohändler. Es war so, wie es stets ist, wenn Versuch und Irrtum herrschen: Es gibt immer mehr Irrtümer als Erfolge.

Aber irgendwas ist hängen geblieben: Marihuana ist nach Alkohol die zweite Volksdroge, Kinder werden nicht mehr geschlagen, Frauen führen ihr eigenes Leben, unzählige Religionen und esoterische Techniken gelten immer mal wieder als schick, drehen ihre Runde durch die Gesellschaft und hinterlassen Spuren, die Globalisierung wie die Informations- und Medienvielfalt fördert den relativistischen Gleichmut, und langsam, unspektakulär, lautlos beginnt sich das Bewusstsein zu verändern. Doch das ist erst der Anfang.

Es heißt, jeder soll die Verantwortung für sich selbst übernehmen, aber das bedeutet auch: Verantwortung für sein Bewusstsein. Der Inhalt des Kopfes ist kein Zufall, man kann ihn selbst bestimmen. Es bleibt jedem überlassen, wie: ob mit klassischer Psychologie, psychoaktiven Drogen, im Glauben an welchen Gott auch immer, mit Meditation oder esoterischen Methoden, Musik, Körperarbeit, Selbsterfahrungsgruppen oder sonst was. Egal! Hauptsache: Mach's dir selbst, sonst macht's dir keiner. Denn das Bewusstsein bestimmt das Sein. Und unser Bewusstsein können wir uns aussuchen.

Literatur:

Arrid Leyh: Nur in deinem Kopf- Das Update für Geist und Gehirn. Grüne Kraft, 1999; 12,50 Euro

John C. Lilly: Das Zentrum des Zyklons -Neue Wege der Bewusstseinserweiterung. AT-Verlag, 2000; 20,90 Euro

Eric Berne: Spiele der Erwachsenen. Rowohlt, 2002; 8,90 Euro

Bernhard, van Treeck: Drogen-Lexikon. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 1999; 15,90 Euro

Albert Hofmann: LSD - Mein Sorgenkind. Ullstein; 1982, vergriffen, also nur noch über Antiquariate. Ebenso:

Robert Anton Wilson: Der neue Prometheus -Die Evolution unserer Intelligenz. Rowohlt, 1996