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Kolumne - Trau keinem unter 35!

Die Gesellschaft wird immer älter, die Belegschaft in den Unternehmen immer jünger. Hat das irgendeinen Sinn?




Das Neue, das Innovative, das Vorwärtsbringende - man kann es sich offenbar nur faltenlos vorstellen. Gefragt sind Eigenschaften, die man der Jugend zuspricht: mobil, flexibel, belastbar. Hier dominiert die Unschuldsvermutung; ganz übermannt ist man von der Fantasie des Möglichen und offener Zukünfte. Folgerichtig findet man in vielen Unternehmen kaum noch 55-Jährige.

Glaubt man der Publizistik, dann scheint diese Entwicklung gestoppt. Eine Gegenbewegung, ja eine Renaissance des Alters habe eingesetzt. Das verdanke man

- dem Niedergang der New Economy. Jugend gilt neuerdings als Pleite-Grund.

- der Bevölkerungsentwicklung. Berücksichtigt man alle Geburten-, Sterbe- und Migrationsraten, so werden wir in den nächsten Jahren in Deutschland jährlich netto etwa 200000 Menschen vom Arbeitsmarkt verlieren.

- der Diversity-Diskussion. Dieses noch vorrangig in den USA virulente Thema sieht in möglichst großer Mischung der Mitarbeiterschaft einen Wettbewerbsvorteil. Je heterogener sie sei, desto besser sei die Perspektive des Kunden repräsentiert.

Das ist die veröffentlichte Meinung -keineswegs die öffentliche: Die Realität in den Unternehmen sieht anders aus. In der Praxis ist vom Paradigmenwechsel zu Gunsten der Beschäftigung Älterer nicht viel zu merken. Im Gegenteil: Leute mit Erfahrung werden oft wie Vorbestrafte behandelt. Und wenn gerade wieder eine Entlassungswelle durch das Land schwappt, sind es vorrangig die Älteren, die zuerst gehen müssen. Nach der jüngsten Studie der Bertelsmann-Stiftung arbeiten in Deutschland nur 36,8 Prozent aller arbeitsfähigen 55- bis 64-Jährigen. Zum Vergleich: In Norwegen sind es 67,4 Prozent, in der Schweiz 73 Prozent.

Strukturelle Rahmenbedingungen verstärken diese Entwicklung. Der Rausschmiss älterer Mitarbeiter wird durch gewerkschaftsstaatliche Vorruhestandsregelungen subventioniert; bis 2009 sind sie jüngst fortgeschrieben worden. Nichts geändert wurde auch am überzogenen Kündigungsschutz für Altere. Und warum ein Pensionierungszwang obligatorisch auf 65 Jahre festgelegt werden muss, kann niemandem wirklich einleuchten. Ist der Ruhestand im Sinne von "Sich-ausruhenkönnen" heute wirklich noch - wie in Zeiten der Frühindustrialisierung - Lebensqualität? Warum nicht jedem Einzelnen überlassen, wann er sich "aufs Altenteil" zurückzieht? Nur dann würde die Personalpolitik der Unternehmen von der einseitigen Jugendfokussierung befreit. Kein Unternehmen könnte es sich mehr leisten, die Alten links liegen zu lassen.

Alte mögen langsamer sein...

Vor allem die unheilige Wohlfahrtsgesinnung hat dazu beigetragen, dass die Sicht dessen, was "alt" ist und was "Alte" leisten können, völlig verschoben wurde:

- Älteren wird unterstellt, sie sperrten sich gegen Veränderung, seien erstarrt in ihrer Alltagshypnose, gesundheitlich labil, erfahrungshörig. Natürlich gibt es die, die von Zukunft sprechen und die Rente meinen. Aber ist Erfahrung etwas Schlechtes? Niemand fragt einen Staatsmann nach seinem Alter, beim Erklimmen der Gipfel des Himalajas nehmen Bergsteiger keinen unter 25 mit. Und was ist mit der Expertenkompetenz des Wissensarbeiters, der über Jahre Wissen angehäuft hat?

- Dies Wissen sei oft veraltet. Einverstanden. Aber ist nicht all unser Wissen veraltet, heute mehr denn je? In manchen Branchen veraltet Wissen so schnell, dass es auch die Jüngsten im Quartalsabstand trifft. Spielt da Alter noch eine Rolle?

- Ältere wollten ihr Leben nicht mehr vollständig in den Dienst der Firma stellen. So ist es wohl. Aber ist zu große Nähe nicht auch kontraproduktiv?

- Die Denkgeschwindigkeit, die fluide Intelligenz, sagt die Forschung, lasse im Alter nach. Abermals: Ist das ein Nachteil? In gewissen Situationen sicherlich. Aber ebenso gilt: Schnelle Menschen denken nicht. Sie urteilen bloß. Und eines sind schnelle Menschen mit Sicherheit nicht: kreativ.

...aber sie sind produktiv

Dafür, dass man Seniorität nicht mit Senilität verwechseln darf, gibt es Beispiele: Die Bausparkasse Nationwide und die PC-Kette Computer World in Großbritannien, der Spezialchemie-Hersteller DSM in den Niederlanden, die Supermarktkette Netto in Berlin und der Textilhersteller Werner Brandenbusch in Wittich bei Krefeld - sie alle beschäftigen bevorzugt Menschen, die älter als 50 sind. Sie haben verstanden, was Altere - und nur sie! - leisten können. Denn da gibt es Stärken, die in besonderem Maße an das Alter gebunden sind:

1. Ältere sind souveräner bei komplexen Aufgaben. Je unübersichtlicher die Sachverhalte, desto zielführender ihre Fähigkeit zur Prioritisierung. Bei IBM überträgt man vorrangig gestandenen Fachkräften das Managen komplexer Projekte. "Weil diese eher den Überblick behalten", so die Personalchefin Julia Wiemerslage.

2. Altere sind abgeklärter, nehmen sich selbst nicht mehr so wichtig. In belastenden Situationen ist ihre milde Resigniertheit eine Stärke. Die Konkurrenzsituation bei Beförderungen nehmen sie gelassener.

3. Sie haben tendenziell eine höher Toleranz gegenüber Unterschieden. Sie erkennen verschiedene Arbeitsstile und unterschiedliche Wege zum Ziel an.

4. Besonders eindrucksvoll ist vielfach ihre Handlungsökonomie. Sie erreichen ihre Ziele in der Regel mit weit geringerem Aufwand, als das Jüngere tun.

5. Ihre Selbsteinschätzung ist realistischer. Gezeichnet von so manchen Enttäuschungen, haben sie sich meist von Grandiositäts-Fantasien verabschiedet und glauben nicht mehr, privilegierten Zugang zur Wahrheit zu haben. Sie wissen um ihre Fähigkeiten, was sie können und was nicht.

6. Auch ihr Entscheidungsverhalten ist realistischer. Sie wissen - spüren es zumindest -, dass die Welt voller Paradoxien und Widersprüchlichkeiten steckt. Und dass zu einer richtigen Entscheidung eine gehöriges Maß Glück gehört.

7. Sie haben mehr Sinn für das Machbare. Möglichkeiten und Grenzen dessen, was in Organisationen umzusetzen ist, sind ihnen vertraut. Sie schauen pragmatisch auf das, was unter diesen Umständen realistisch ist.

8. Sie sind geringer durch Privates belastet. Die Kinder sind meist flügge, das Haus ist gebaut, der Baum gepflanzt. Auch der Partner hat sich in milder Nachsicht eingerichtet. Das hält den Rücken frei.

9. Altere können oft auf ein erprobtes Netzwerk zurückgreifen.

10. Man kann Teams mögen oder nicht: Die Fähigkeit, mit anderen so rücksichtsvoll wie entschieden zu arbeiten, ist bei 45-Jährigen signifikant häufiger zu finden als bei 30-Jährigen.

Dazu kommt: Ohne die Idee von einem Wir, ohne kollektive Identität wird ein Unternehmen langfristig nicht überleben können. Diese kollektive Identität speist sich aus Erzählungen und Anekdoten. Was aber, wenn die Diskreditierung des Alters zum kollektiven Gedächtnisverlust führt? Wie viel Gedächtnisschwund können sich Unternehmen erlauben?

Alle menschlichen Lebensalter haben ihre Eigenschaften. Ob es Stärken oder Schwächen sind, hängt von der Situation und vom Einsatzort ab. Kein Lebensalter besitzt ein in allen Situationen uneingeschränktes Primat des Wissens und Entscheidens. Wir sollten deshalb nicht abdankungslüstern auf die Jungen blicken und Wunder von ihnen erwarten. Wenn wir emotionale Besonnenheit wollen, brauchen wir Ältere. Trau keinem unter 35!

Aber während ich dies schreibe, nagt an mir die Frage: Hätte ich das vor 20 Jahren auch schon so gesagt?