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Hoch die Segel!

Ein Fußballfeld, das einen halben Kilometer über den Wogen des Ozeans dahingleitet? Im Schlepptau ein Monstrum von Containerschiff? Klingt, als ob da jemand zu lange in der Kombüse war. Nüchtern betrachtet, ist SkySails das Innovativste über den sieben Meeren.




Das Neue ist so groß wie ein Fußballfeld, schwebt 500 Meter über dem Meer und schleppt an einem Seil einen riesigen Öltanker quer über den Ozean. Eine elektronische Steuereinheit positioniert es stets so, dass es die Winde optimal ausnutzt. Das Neue heißt SkySails, ist ein Zugdrachen für Frachtschiffe und will die berufliche Schifffahrt revolutionieren: Das Drachensegel soll, wann immer das Wetter es zulässt, die Schiffsmotoren durch Windkraft entlasten. Ein Kampf zu Wasser und in der Luft.

Stephan Wrage führt den Kampf an. 30 Jahre ist er alt, diplomierter Wirtschaftsingenieur und Erfinder. In seinem 20-Quadratmeter-Büro in einem Hamburger Existenzgründerzentrum redet er sich in Rage: "Die Dieselmotoren eines großen Containerschiffs verbrauchen täglich rund 300 Tonnen Treibstoff! Was für eine Verschwendung!" 40 000 Lastkähne schippern auf den Weltmeeren herum, 50 Prozent ihres Sprits könnten sie mit SkySails sparen.

Das Neue im Kopf

Mit neun bekam Wrage seinen ersten großen Lenkdrachen geschenkt. Als der ihn ein paar Jahre später in einer Böe meterweit über den Strand schleifte, war dem Jugendlichen klar: "Diese Kraft muss in ein Boot!" Die Idee von einem Zugdrachen für Segelboote ließ ihn seitdem nicht mehr los. Mitte der neunziger Jahre, als Student in Dresden, tat er sich mit dem Schiffsbauingenieur Thomas Meyer zusammen, der in Berlin-Köpenick in Kleinserie Solarboote baut. Gemeinsam wollten sie Sportsegelboote mit einem schwenk- und drehbaren Mast ausrüsten, an dessen Ende ein großer Drachen montiert werden sollte. Mit dem beweglichen Mast glaubten sie das Hauptproblem bei der Konstruktion eines Drachensegelbootes gelöst zu haben: Wie halte ich den Drachen konstant im Wind? Ein Jahr lang tüftelten sie in ihrer Freizeit an dem Konzept, dann musste Wrage einsehen: "So macht die Sache keinen Sinn!" Dann, 1998, verhalf ihr ein Stadtstreicher zum Durchbruch. Wrage, gerade im Examensstress, ließ zur Entspannung auf den Elbwiesen seinen Lenkdrachen steigen, als ihn ein zerzauster Passant fragte: "Was passiert eigentlich, wenn der Wind sich legt?" Verdutzt antwortete der Student. "Dann fällt der Drachen runter." Der Stadtstreicher riet, den Drachen mit Heliumkammern auszustatten. "Das war die Lösung!" Das Diplom in der Tasche ergatterte Wrage ein Existenzgründer-Stipendium der Stadt Hamburg. Binnen sechs Monaten entwickelte er einen ersten Businessplan - und einen Prototypen, dreieinhalb Meter lang, knallgelb, ein Ex-Solarboot.

Mit 20 Kilometern pro Stunde gleitet das Testschiff heute mit einem neun Quadratmeter großen Drachensegel auf der Ostsee und liefert wichtige Daten: Welchen Vortrieb erzeugt der Zugschirm bei welcher Windstärke? Wie überträgt sich die Kraft auf das Boot? Wie gut lässt sich ein Schiff, das geschleppt wird, steuern? Die Halse klappt schon mal - und das Drachenboot kann eine seiner Stärken ausspielen.

Das Neue nimmt Form an

Es fährt auch gegen den Wind, zumindest wenn er nicht direkt von vom bläst. Den Auftrieb kann die Konstruktion des Drachens auch bei seitlichem Gegenwind in Vortrieb umwandeln. Und noch etwas zeigt die Testfahrt: SkySails Prototyp I liegt flach wie ein Brett im Wasser, egal, wohin das Seil ihn zieht. Dadurch scheint Windenergie erstmals auch für schwere Containerschiffe und Öltanker nutzbar. Mit traditionellen Mastsegeln können die nämlich nicht ausgerüstet werden, da sie bei Seitenwind in Schräglage geraten und kentern würden. Zurück am Ostseestrand ist Wrage sich sicher: "In drei Jahren wird das erste Frachtschiff mit einem SkySails segeln!"

Dirk Pohl von der Fraunhofer-Technologie-Entwicklungsgruppe in Stuttgart hält dieses Ziel für "sehr realistisch". Seine Begründung lautet: "Beim SkySails werden mehrere bekannte Technologien nur neu kombiniert. Für sämtliche Teilaufgaben bei der Konstruktion sollten deshalb relativ schnell Lösungen zu finden sein." Zwei Beispiele: Beim Material des heliumgefüllten SkySails kann auf Erfahrungen aus dem Luftschiffbau zurückgegriffen werden. Die Steuerungselektronik kennen die Fachleute aus Flugzeugen.

Wie isst man einen Elefanten? Stück für Stück. Wrage nimmt sich jetzt wieder eine Portion: In Zusammenarbeit mit der Hamburgischen Schiffsbauversuchsanstalt will er im Spätsommer 2003 Prototyp III, ein zehn Meter langes Modell eines Containerschiffs mit einem 40 Quadratmeter großen Helium-Drachen-Segel, ausgerüstet haben und vom Stapel laufen lassen. Sein Entwicklungsplan sieht vor, dass erst die immer komplexer aufgebauten Modelle funktionieren müssen, bevor sich das Unternehmen an die nächste Entwicklungsstufe wagt.

Das Neue gewinnt Fahrt

Für das Kaufmännische ist bei SkySails Susanne Möcks-Carone zuständig. Vor zwei Jahren kündigte sie ihren mit gut 150 000 Euro Jahresgehalt dotierten Manager-Job bei einem Technologie-Konzern und stieg zunächst als Beraterin, dann als Gesellschafterin bei der Start-up-GmbH ein. Seitdem wirbt die resolute Fränkin bei Investoren um Anschubfinanzierung. Umwelttechnologie muss sich finanziell lohnen.

Binnen drei Jahren, rechnet sie unermüdlich vor, wird sich für Reeder ein SkySails durch die eingesparten Spritkosten amortisieren. Doch obwohl Schiffsbetreiber in der Tat Interesse an dem Produkt signalisieren - unter ihnen die größte deutsche Privatreederei Oldendorff Carriers - hält sich der Erfolg bei der Kapitalakquise in Grenzen.

Einige private Investoren haben kleinere Beträge als Wandelanleihen oder stille Beteiligungen bei SkySails angelegt. Bei Risikokapitalgesellschaften lautet die Standard-Antwort: "Tolle Idee mit großem Potenzial. Doch wir können nicht einschätzen, ob das wirklich funktionieren kann." Dann folgt meist: "Gern später noch einmal fragen." Wann ist später? Wenn der erste Drachenfrachter über den Atlantik rollt?

So fehlt bei SkySails hinten und vorn das Geld. Die 50 000 Euro aus dem Hamburger IdeenFonds sind aufgebraucht. Möcks-Carone und Wrage leben von Erspartem. Vergangenen Sommer hatte ein Mittelständler einen Millionenbetrag fest zugesagt. Dann krachte sein Aktiendepot zusammen, und die eigene Firma geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Der Mann musste sein Angebot zurückziehen. "Man übt sich in Gelassenheit", kommentiert Wrage und schaut unverdrossen nach vorn: "Noch drei Jahre Entwicklung, in vier Jahren Serienproduktion, in Jahr fünf schaffen wir den Breakeven! Dazu brauchen wir 21 Millionen Euro!" 80 Leute will SkySails dann unter Vertrag haben.

Das wird schon irgendwie. Der Wind des Wandels treibt sie an.

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siehe auch:
Was wurde aus ... SkySails?
(vom 30.3.2004)