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Glänzende Erfindung

Der Normalfall: Der Erfinder erfindet, der Konzern übernimmt. Der Glücksfall: Der Erfinder erfindet – und der Konzern bietet ihm Wissen und Partnerschaft. So wie bei 3M.




Das Neue ist eine Frage des Glücks, der Hartnäckigkeit und der Geduld. Am Anfang steht die Idee. Eine wirklich gute Idee auszubrüten ist schwer genug - und nur die erste Hürde. Es muss jemanden geben, der an sie glaubt, jemanden, der das Geld für ihre Umsetzung zur Verfügung stellt und jemanden, der sie auf die Welt bringt. Nur in ganz seltenen Fällen kann ein Mensch allein alle diese Hürden bewältigen.

Anastasios Zavrakis hatte die Idee. Nach eigenem Bekunden ist der 46-Jährige kein Erfinder, obwohl er beim Erzählen einen Einfall an den nächsten reiht. Hundert patentfähige Ideen, sagt er, habe er schon gehabt. Aber Erfinder? "Nee." Zavrakis ist gelernter Koch und gescheiterter Gastwirt. Das Landhaus gleichen Namens an der Hamburger Elbchaussee hat er vor Jahren dichtgemacht. Er spricht nicht gern darüber. Nur so viel: "Es gab Ärger mit den Investoren." Geblieben sind ihm "Erfahrungen". Und 1,25 Millionen Euro Schulden. "Das ist so viel Geld, das kann man eigentlich nie mehr verdienen."

Der Erfinder hat zwei gute Einfälle: die reflektierende Fahrradspeiche und die, bei 3M anzurufen.

Also setzen Anastasios Zavrakis und seine Frau Kathrin ganz auf die Umsetzung einer seiner vielen Ideen: auf die der reflektierenden Fahrradspeiche, die anders als Leuchtstreifen auf dem Reifenmantel aus allen Winkeln im Dunkeln zu sehen ist. Von vom, von hinten, von der Seite, von schräg links und rechts. Zavrakis fängt an zu experimentieren - aber so recht kommt er mit der Beschichtung der Speichen nicht voran. Es fehlt am geeigneten Material, es fehlt an einer Methode, es fehlt eigentlich an allem. Außer an der Idee, die Zavrakis sich hartnäckig weigerte zu vergessen. So kommt es, dass er eines Tages beschließt, bei dem Unternehmen 3M anzurufen.

Das ist eine gute Idee. Denn 3M gehört zu den wenigen Konzernen, die auch mit Erfindern von draußen zusammenarbeiten. Zudem hat die Firma ein sehr breites Produktportfolio. Die Minnesota Mining & Manufacturing Company mit Hauptsitz in St. Paul stellt Schleifmittel- und Poliermaterialien, Bodenbeläge, Disketten, Reinigungsprodukte für den Haushalt, Gewebe und Isolierungsmaterialien für alle möglichen Anwendungsgebiete her. Ihr populärstes Produkt sind die Post-it-Haftnotizen.

Und: 3M ist Folien-Spezialist, darunter sind auch reflektierende. Für die Mittelstreifen auf der Straße, für Verkehrsschilder, Schulranzen und Feuerwehruniformen. Mehr als 50 000 Produkte kommen so zusammen. Inzwischen hält das Unternehmen nahezu 10 000 laufende Patente. Jedes Jahr kommen rund 1000 neue dazu. 40 bis 50 davon aus Europa. Rund 30 Prozent des Umsatzes, so das Ziel, will das Unternehmen mit Produkten erreichen, die nicht älter sind als vier Jahre.

Bei diesem Weltkonzern also hofft der Ex-Gastronom Anastasios Zavrakis Unterstützung zu finden. Letztendlich ist es aber seine Frau, die in Neuss anruft. Sie fragt sich durch - bis sie an den richtigen Mann gerät: Robert Oellig von der Abteilung Personenschutz-Produkte. Er und seine Kollegen arbeiten mit Folien, die mit Hilfe von winzigen Kügelchen, fein wie Staub, zur Hälfte mit Metall verspiegelt, den Lichteinfall zurückspiegeln.

Elmar Klameth, nach Oelligs Pensionierung Nachfolger im Amt, führt nicht ohne Stolz durch sein Reich, das voll hängt mit Schutzanzügen für Feuerwehrleute, Straßenarbeiter, aber auch mit Freizeitkleidung, die Menschen im Straßenverkehr sichtbarer und damit sicherer machen soll. Hier testen sie die Haltbarkeit der Materialien, die Reißfestigkeit und ihre Resistenz gegen Waschen und Trocknen in Industriewaschmaschinen. Klameth und Kollegen arbeiten an Schulranzen mit bunten, fluoreszierenden Streifen, die tagsüber auffallen, und Folien, die im Dunkeln reflektieren.

Zavrakis ist ganz sicher an der richtigen Stelle im Konzern angelangt. Der Forscher Oellig erkennt bereits beim ersten Telefonat das Potenzial von Zavrakis' Idee. Er lädt ihn und seine Frau ein, zu 3M nach Neuss zu kommen. Das gleicht in etwa einem Sechser im Lotto: Nur rund 100 freie Erfinder in ganz Europa schaffen es so weit. Und nur ganz wenige von ihnen schließen am Ende einen Kooperationsvertrag ab.

Der Konzern lässt seinen Angestellten Freiheiten. Und ist ständig auf der Suche nach neuen Ideen.

Für 3M ist die Zusammenarbeit mit freien Erfindern Teil des offiziellen Unternehmensprogramms - und eine heikle Angelegenheit dazu. Denn leicht könnte die Firma in den Verdacht geraten, Ideen abzustauben. Deshalb gelten strenge Regeln für den Umgang mit Geistesblitzen von außen. Beim ersten Kontakt soll der Erfinder seine Idee zwar vorstellen, aber vertrauliche Informationen zunächst für sich behalten. Erst wenn man bei 3M ganz sicher ist, dass die Idee ins eigene Konzept passt und niemand in der Firma selbst an einem ähnlichen Projekt arbeitet, wird eine Vertraulichkeitserklärung unterschrieben. Das aber auch nur dann, wenn die 3Mler die Erfindung für marktfähig halten. Im nächsten Schritt werden Verträge über die Verwertung der Rechte aufgesetzt, damit es später keine Streitigkeiten gibt. "Wenn alles klar ist, dann legen wir uns ins Zeug wie bei unseren eigenen Erfindungen", sagt Hartmut Buyken.

Buyken ist der Mann, der bei 3M Ideen sammelt und auf ihre Verwertbarkeit, auch ihre Patentfähigkeit und -Würdigkeit überprüft. Er und seine sechs europäischen Kollegen fahnden deshalb ständig in den Labors nach Neuem, sind im Gespräch mit Forschem, lassen sich über neue Projekte und den aktuellen Stand informieren.

Auf diese Methode sind die Leute bei 3M stolz. "Bei den meisten anderen deutschen Konzernen ist es umgekehrt, da warten die Patentabteilungen darauf, dass ihnen die Ideen gemeldet werden", sagt Buyken. Das dauere länger, und oft gingen gute Einfälle verloren, weil die Wissenschaftler einen Vorschlag schlicht nicht für wichtig genug hielten - oder ihn einfach vergessen.

Um Zeit zu sparen, aber auch um unnötige Hürden zu vermeiden, ist Buykens Abteilung mit dem hübschen Namen Intellectual Property Liaison Europe denn auch Teil des Laborbetriebes. Damit den Liaison-Managern nichts durch die Lappen geht, hat die Firma ein ausgefuchstes System von Gesprächen und Evaluierungsverfahren entwickelt.

Ob eine Idee allerdings letztlich von den Firmenanwälten zum Patent angemeldet wird, hängt von ihrer kommerziellen Verwertbarkeit ab. "Wir fragen uns, was uns das Patent, das ja nichts anderes ist, als ein zeitlich begrenztes Monopol, tatsächlich nützt", sagt Buyken. Manche Neuerungen sind derart kurzlebig, dass die Firma darauf verzichtet, sie anzumelden. Denn bei aller Schnelligkeit, auf die man bei 3M immer wieder gem. verweist: Es kann im Einzelfall bis zu fünf Jahre dauern, bis ein Patent erteilt wird.

Das ist die technische Seite. Praktisch muss 3M dafür sorgen, dass immer frischer Ideen-Nachschub aus den Laboren kommt. Auch dafür gibt es bei 3M Verfahren. Am originellsten ist die so genannte 15-Prozent-Regel: Forscher dürfen einen Teil ihrer Arbeitszeit mit eigenen Projekten verbringen. Mit dieser Regel soll den Mitarbeitern demonstriert werden, dass auch außerhalb von vorgegebenen Projekten gearbeitet werden kann, sagt Peter Pape, Leiter der Abteilung Traffic Control Materials. Es ginge vor allem um die "geistige Freiheit", die den Wissenschaftlern zugebilligt werden solle. Er selbst habe zu viel zu tun, da bleibe keine Zeit für eigene Projekte, sagt er. Aber seine Mitarbeiter, die nutzten das Angebot durchaus. Manche sogar mit mehr als 15 Prozent ihrer Arbeitszeit - wenn sie daneben ihr normales Pensum schaffen.

Das Neue entsteht bei 3M oft genug bei der Arbeit an einem konkreten Projekt. Durch Rotationsverfahren und gemeinsame Arbeit über die Abteilungen hinweg versucht das Unternehmen, die Kontakte der Wissenschaftler untereinander herzustellen und zu vertiefen. Der Chemiker Carsten Franke etwa, der mit der Grundlagenforschung beschäftigt ist, verwendet seinen freien Teil der Arbeitszeit oft genug damit, Lösungen für Kollegen aus anderen Bereichen zu finden. "Das ist hier Kultur - und es macht Spaß", sagt er. "Neugier ist eines der wichtigsten Einstellungskriterien", sagt Abteilungsleiter Pape.

Vielleicht erleichtert die Suche nach dem Neuen, dass es nicht immer der ganz große Wurf, das komplett Neue, nie Dagewesene sein muss, nach dem hier gesucht und an dem gearbeitet wird. "Wir interessieren uns auch für Verbesserungen des Vorhandenen, suchen nach besseren, kostengünstigen Verfahren und Produktideen, die das Leben leichter machen", beschreibt Liaison-Manager Buyken das Forschungsprofil. Das gibt den Wissenschaftlern Freiheit, sich mit vermeintlichen Details zu beschäftigen. Und oft genug kommt dabei ein erfolgreiches Produkt heraus. Wie etwa der berühmte gelbe Klebezettel Post-it, der mittlerweile zum Standard in jedem Büro zählt.

Wie in der freien Forscher-Wildbahn braucht es allerdings auch in einer Firma wie 3M eine gewisse Unbeirrbarkeit. Pape weiß das aus eigener Erfahrung. Als er noch nicht Chef war und also noch Zeit hatte, sein freies Arbeitskontingent auszunutzen, da arbeitete er an einem Verschluss für Windeln. Sein Chef sagte ihm: "Das bringt nichts, das kannst du vergessen." Aber er ließ nicht locker. Am Ende wurde der Verschluss patentiert und ein großer kommerzieller Erfolg für seinen Arbeitgeber. "Ein guter Forscher ist nicht nur einer, der sein Fach beherrscht", sagt Buyken, "er muss auch in Problemen denken können."

Der Erfinder lässt sich von Misserfolgen nicht beirren, der Konzern hilft mit Rat und seinem guten Namen

Anastasios Zavrakis kann in Problemen denken. Davon sind seine Ansprechpartner bei 3M überzeugt. Das erste Zusammentreffen endet dennoch mit einem Flop. Die für viel Geld und mit viel Mühe mit Diamantstaub beschichteten Speichen reflektieren, wie sich im Labor herausstellt, kaum einen Lichtstrahl.

Oellig schickt das Ehepaar wieder nach Hamburg zurück. Dort grübeln sie. Ohne Ergebnis. Und fahren wieder nach Neuss, um sich Rat zu holen. Oellig ist beeindruckt von der Hartnäckigkeit des Paars. Er gibt den beiden ein Stück Folie mit. Es ist die Folie mit den Glaskügelchen, die zur Hälfte verspiegelt sind, sodass einfallendes Licht reflektiert wird. Kathrin Zavrakis verbringt Tage mit den Versuchen, das dünne Zeug einigermaßen ordentlich auf die dünnen Speichen zu kleben. Irgendwann klappt es. Die nächsten Messungen im Labor sind ein voller Erfolg.

Nun allerdings muss das Patent für die Speiche erteilt werden. Das nehmen die Fachleute von 3M in die Hand und setzen auch gleich ein Schreiben an das Bundesministerium für Verkehr, Abteilung Internationale Kfz-Technik Fahrzeugsicherheit, das Lichttechnische Institut der Universität Karlsruhe und das Kraftfahrt-Bundesamt auf, weil alles, was an Fahrrädern blinkt und leuchtet, in Deutschland ein offizielles Plazet braucht. Die Behörden reagieren schnell. Ein paar Tage später kommt die Antwort. Die offiziellen Stellen halten die Reflektorspeiche mit der 3M-Folie für eine "ideale Lösung".

Im Patentamt nimmt das Erfinder-Paar die letzte Hürde. Aus der Idee wird ein Produkt

Aber noch gibt es niemanden, der die Speichen herstellt. Wieder hilft 3M. Oellig hat herausgefunden, dass es vier Speichenhersteller in Europa gibt. Einen in Belgien, einen in Italien, eine Schweizer Firma und das deutsche Unternehmen Büchel mit Sitz Fulda. Weil der Großkonzern mit im Boot ist, bekommen der Erfinder und seine Frau schnell überall Termine. Am Ende erhält die Firma Büchel den Zuschlag. Auch, weil sie sich am schnellsten entscheidet.

Allerdings: Noch fehlt die Zusage vom Patentamt. Also fährt das Ehepaar nach München, im Gepäck den Prototypen, sorgfältig in einen Kopfkissenbezug eingeschlagen. Die Sachbearbeiterin im Amt ist erst skeptisch, etwas Ähnliches sei bereits angemeldet worden, allerdings auf Lackbasis. "Dies ist aber eine Folie", argumentieren die Zavrakis. Und erhalten das Patent.

So kann der Deal endlich gemacht werden. Die Partner vereinbaren Folgendes: Zavrakis ist Patentinhaber und verdient an den verkauften Speichen einen bestimmten Prozentsatz, der Hersteller Büchel verdient am Vertrieb des fertigen Produktes und 3M am Verkauf der Folie.

Bei Büchel ist man von dem Erfolg der Speiche überzeugt. Auf den Fachmessen jedenfalls war das Publikum begeistert, man arbeitet zurzeit fieberhaft an einer Maschine, die die Speichen schnell genug bekleben kann. 40 Millionen Stück sollen noch in diesem Jahr produziert und verkauft werden.

Der Vater der leuchtenden Speiche, Anastasios Zavrakis, ist ein bisschen nervös. Schließlich will er sein Projekt endlich auf der Straße sehen. Bei 3M ist man jedenfalls ziemlich angetan von dem Produkt. Die mit den neuen Speichen ausgestattete Felge gehört zu den Attraktionen im so genannten Dark-Room, in dem Reflektorfolien und Leuchtmaterialien getestet werden. Die Felge sieht aus wie ein besonders schönes, silbriges Feuerwerk, wenn sie sich dreht. Von allen Winkeln aus sieht man die Speichen im Dunklen das Licht reflektieren - der Widerschein einer guten Idee und einer fruchtbaren Zusammenarbeit.