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Genie und Eigensinn

Nicht nur Hollywood, auch Forschung und Technik kommen ohne den einsamen Helden nicht aus, sagt der Philosoph Klaus Fischer. Ein Gespräch über die schwierige Geburt des Neuen.


brand eins: Herr Fischer, Sie singen ein Loblied auf Genie und Eigensinn. Sind das nicht Mythen?

Klaus Fischer: Nein. Die großen Durchbrüche in Astronomie, Physik, Chemie, Biologie und Medizin sind ausnahmslos weit blickenden Einzelpersonen oder kongenialen Forscherduos zu verdanken. Dasselbe gilt für die Technik: Von der Druckerpresse über die Dampfmaschine, den Otto- und Dieselmotor bis zum Flugzeug und Computer - die Pioniere waren stets Tüftler, die von ihrem Projekt besessen waren und es ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Verluste und den Spott ihrer Mitmenschen vorantrieben.

Das klingt ein wenig nach Hollywood.

Ist aber trotzdem wahr. Der Einzelne ist die treibende Kraft, aber er braucht natürlich andere, um seine Idee zur Geltung zu bringen. Das Neue muss anschlussfähig sein, sonst bleibt es folgenlos. Ein Erfinder, der sich etwa zu weit vom Status quo entfernt, ist zum Scheitern verurteilt. Denken Sie an Leonardo da Vincis Hubschrauber-Entwurf -für seine Zeitgenossen war das Fantasterei.

Hat nicht auch in der Wissenschaft das Team den Einzelkämpfer längst abgelöst?

Das ist ein Irrtum. Auch in den Arbeitsgruppen der Großlabors geben Alpha-Wissenschaftler den Ton an. Arbeitsteilung funktioniert im kreativen Prozess nur begrenzt. Kleine Innovationen -damit meine ich Verbesserungen, Fortschreibungen und Kombinationen des schon Bekannten -lassen sich im industriellen Maßstab produzieren, die, auf die es wirklich ankommt, nicht. Die Idee siegt auch heute noch über große Apparate. Zum Beispiel in der Elementarteilchenphysik: Trotz einiger Erfolge verhalfen die gewaltigen Teilchen-Beschleuniger mit tausenden Mitarbeitern nicht zu einem Durchbruch bei einer einheitlichen Theorie der Naturkräfte. Die Lösung könnte aus einer ganz anderen Ecke kommen, der mathematischen Theorie der Strings, einer esoterischen Spezialität, die vor wenigen Jahren entdeckt wurde - mit Papier und Bleistift.

Ist nicht der Zeitgeist der Vater alles Neuen - ganz unabhängig von konkreten Personen?

Der Zeitgeist wirkt zweifellos, aber er wirkt individuell unterschiedlich. Ich bin mir sicher, dass kein anderer Sigmund Freuds Theorie des Unbewussten schaffen konnte. Es gibt Fälle simultaner Entdeckung oder Erfindung, aber wenn man die Beispiele analysiert, findet man immer deutliche Unterschiede.

Wie fördert man kreative Geister?

Indem man ihnen einen gewissen Freiraum zubilligt, das ist wichtiger als Geld und gute Worte. Wilhelm Conrad Röntgen konnte es sich leisten, an seinem Institut in Würzburg alle laufenden Arbeiten liegen zu lassen und sich für sechs Wochen nur auf die Untersuchung seiner Entdeckung zu konzentrieren, den später nach ihm benannten X-Strahlen. Er sah etwas Merkwürdiges und ignorierte es nicht, sondern ließ sich davon faszinieren. Welche Universität, welches Unternehmen lässt solche Abschweifungen in Zeiten des allgegenwärtigen Controllings noch zu?

Hat die Logik der Kaufleute nicht ihre Berechtigung?

In der Forschung ist der Zwang, kurzfristig verwertbare Ergebnisse zu liefern, kontraproduktiv. Unter anderem deshalb, weil das Potenzial echter Innovationen zum Zeitpunkt ihrer Schöpfung nicht einzuschätzen ist. Ignaz Semmelweis spürte die Ursache vieler Klinikinfektionen auf und wurde von seinen Zeitgenossen verlacht. Genauso erging es Frank Rosenblatt, der Ende der fünfziger Jahre die Theorie neuronaler Netze schuf - heute das Paradigma der Neurowissenschaften. Dass Genies lange Zeit verkannt werden und auf Anerkennung warten müssen, ist in der Wissenschafts- und Technikgeschichte nicht die Ausnahme, es ist eher die Regel. Soziale Ausgrenzungsmechanismen wirken als Innovationsbremse - und haben durchaus ihren Sinn, weil das Neue an sich nichts Positives ist, sondern zunächst einmal Abweichung vom Gewohnten und Liebgewonnenen bedeutet. Außerdem erweisen sich die meisten Innovationen im Nachhinein als unsinnig, unprofitabel oder nachteilig. Anders gesagt: Es gibt mehr Spinner als Genies, und man sieht es den Neuerem meist nicht an, zu welcher Gruppe sie zählen.

Ein gewisser Widerstand gegen das Neue ist also nützlich?

Sicher. Widerstand trägt dazu bei, die Spreu vom Weizen zu trennen. Leute, die luftige Ideen in die Welt setzen, gibt es viele, aber nur wenige sind zäh genug, sie wirklich auszuarbeiten. Albert Einstein hat seinen Erfolg nicht auf seine Intelligenz zurückgerührt, sondern auf seine Fähigkeit, jahrzehntelang an einem Problem zu kleben.

Investitionen in Grundlagenforschung gleichen also einer Lotterie?

Allerdings sind die potenziellen Gewinne höher. Unternehmer, die über die nächsten Quartalszahlen hinaus denken, wissen das. So genießen etwa die Entwickler im IBM-Labor im Schweizer Rüschlikon oder hier zu Lande bei SAP weitgehende Freiheiten. Grundsätzlich hat die Autonomie der Forscher in der Wirtschaft natürlich Grenzen: Keine Firma wird Entwicklungen vorantreiben, die sie selbst nicht verwerten kann. Ich halte deshalb Risikofonds für hochinnovative Forschung für eine gute Idee, in den USA gibt es sie schon.

Ist es angesichts knapper Kassen überhaupt verantwortbar, ins Blaue zu forschen?

Das Gegenteil ist richtig. Neugiergetriebene, zweckfreie Forschung hat die Entwicklung der Zivilisation und der Wirtschaft stärker vorangebracht als produktorientierte Forschung. Wer einem Entwickler vorgibt, weder nach links noch nach rechts zu schauen, dem entgeht unter Umständen die zündende Idee. Übrigens ist es gang und gäbe, dass Forscher in Unternehmen heimlich bestimmte, eigentlich nicht erlaubte Projekte betreiben und dafür Mittel abzweigen. Und es hat sich gezeigt, dass diese U-Boot-Forschung den Firmen oft mehr nutzt als die offizielle.

Brauchen wir überhaupt noch Neuerungen? Reicht es nicht, das vorhandene Wissen in die Praxis umzusetzen?

Wer sich darauf verlässt, wird gnadenlos abgehängt - keine Nation, kein Unternehmen kann sich Stillstand leisten. Und wer kann die Grenzen des Wissens definieren? Max Planck wurde von seinem Lehrer geraten, etwas anderes als Physik zu studieren, weil es auf diesem Gebiet nichts mehr zu entdecken gäbe. Glücklicherweise hat er sich nicht beirren lassen. Dass wir, was die Zukunft angeht, natürlich im Nebel stochern müssen, bedeutet nicht, dass hinter dem Nebel die Wand ist. Vielleicht sind es ja grandiose Landschaften - die wir aber niemals sehen werden, wenn wir stehen bleiben.

Woran erkennt man Genies, die uns den Weg dorthin weisen?

Es gibt keine standardisierten Tests, und es wird sie auch nie geben. Das liegt in der Natur der Sache: Niemand weiß, was sich hinter dem Horizont verbirgt. Es gibt lediglich Indizien. Kreative Menschen sind oft unbequem, man braucht eine gewisse Dickschädeligkeit, um sich gegen den herrschenden Mainstream durchzusetzen. Wissenschaft funktioniert nicht nach den Regeln der Demokratie. Die Mehrheit läuft der Entwicklung an der Innovationsfront immer hinterher und kann sie daher auch nicht bewerten. Es gehört viel Sachverstand dazu, wirklich Neues zu beurteilen, wahrscheinlich erkennen Erfinder andere Erfinder am besten. Sie und ich, wir würden wahrscheinlich leicht auf Blender hereinfallen.