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Die Zukunft aus dem Slum

Der peruanische Ökonom Hernando de Soto forscht dort, wo der Kapitalismus noch nicht angekommen ist. In den Elendsvierteln. Sein Fazit: Den Armen fehlt kein Geld, sondern Kapital.




Das Geld liegt auf der Straße. Man braucht es nur aufzuheben - das sagte schon meine Oma. Und Hernando de Soto, der peruanische Ökonom, sagt es auf seine Weise auch. Wirkliche Kapitalisten könnten Kapital erkennen und schaffen, wo andere nur wertlose Dinge sehen. Ein richtiger Kapitalist spüre Geschäfte auf wie ein Trüffelschwein edle Knollen. "Freiheit für das Kapital!" So heißt die deutsche Ausgabe von de Sotos jüngstem Buch, das schon zur Jahrtausendwende unter dem englischen Titel "The Mystery of Capital" erschien. "In diesem Buch", schreibt der Autor, "möchte ich zeigen, dass das Hauptproblem, das den Rest der Welt daran hindert, vom Kapitalismus zu profitieren, die Unfähigkeit ist, Kapital zu produzieren." De Soto behauptet also schlicht, er wüsste, wie man den Kapitalismus rettet und die ganze Welt gleich dazu.

Fantasiert da einer in seinem akademischen Elfenbeinturm? Jeden anderen Akademiker, der mit Hilfe von Computern und makroökonomischen mathematischen Modellen zu einer solchen These vorgestoßen wäre, hätte das Fallbeil der Political Correctness gerichtet. Doch Hernando de Soto ist unverletzlich, er schert sich nicht um die herrschende Meinung und Theorie. Er ist wahrscheinlich der einzige nobelpreisverdächtige Ökonom der Welt, der sich in die Niederungen des Lebens begibt und mit Marktweibern spricht. Und der dazu noch spannend schreiben kann. Wer hat das schon seit Adam Smith fertig gebracht?

De Soto schaut sich das Nächstliegende an. Das, was jeder Tourist erleben kann. Man tritt in Lima oder Kairo oder Caracas vor das Hotel -und schon drängen die Händler und Höker, die Bettler und Schuhputzer heran, um ein Geschäft zu machen. Die Luft kocht, der Fremde taucht in das Sprudelbad des Straßenhandels, wenn er sich nicht schleunigst in ein klimatisiertes Hotel oder ein Taxi rettet.

"Die internationalen Institutionen, die ihre Berater einfliegen lassen und in glitzernde Bürotürme der eleganten Stadtviertel entsenden sowie mit Vertretern des einheimischen ,Privatsektors' zusammenkommen, erreichen nur einen Bruchteil der Unternehmerschaft", stellt de Soto fest. Er dagegen begnügt sich nicht damit, ins Ministerium oder zur Handelskammer zu gehen, um statistische Erhebungen abzuholen. Er macht lieber seine eigene empirische Forschung, will selbst sehen, wie das ist, wenn man sich durchboxen muss. Statt über einen befreundeten Anwalt die Zulassung einer Nähstube zu beantragen - eine Kleinigkeit, die wenige Tage und einige hundert Dollar gekostet hätte -, zog er mit seinen Assistenten in die Vorstadt und tat so, als sei er einer von den tausend Flickschustern, die dort ihre Dienste anbieten. Er wollte den legalen Weg gehen und trat bewusst den Leidensweg durch die Bürokratie an - ohne Anwalt im Rücken und ohne einen Sol Schmiergeld.

Jeden einzelnen Schritt ließ er protokollieren. Bis zur korrekten Eintragung der Schneiderei ins Handelsregister der Stadt Lima vergingen 289 Tage, die Kosten für die Eintragung betrugen insgesamt 1231 Dollar, das 31-fache des monatlichen Mindestlohns. Für die Genehmigung, ein Haus auf öffentlichem Boden zu bauen, waren nicht weniger als 207 Behördengänge bei 52 Regierungsstellen zu veranschlagen, insgesamt sechs Jahre und elf Monate Bearbeitungszeit zu kalkulieren - für eine Eigentumsurkunde über das Stück Land waren gar 728 Behördengänge erforderlich. Und selbst für eine Taxi-Genehmigung mussten sich die Sozialforscher 26 Monate mit den Beamten herumschlagen.

Kafkaeske Zustände. Und Lima ist überall. Deshalb ist es kein Wunder, wenn sich die Menschheit nicht um Verordnungen und Gesetze schert, wenn sie ohne Taufschein lebt, ihre Behausungen selbst mauert, auf die Polizei pfeift und Mörder ohne Kadi richtet. Nur auf diese Weise überleben die so genannten Marginalisierten. Hernando de Soto war einer der ersten Ökonomen, die in diesen informellen Sumpf eingetaucht sind.

Seine wichtigste Erkenntnis: Das ökonomische Leben setzt sich durch - gegen die Bürokratie, die besoldeten Steißtrommler und pensionsberechtigten Wegelagerer. Korruption? Das ist nur der Preis für das Recht auf Arbeit. In der Schattenwirtschaft werden hohe Preise gezahlt -für die Immobilienhaie, die Schutzgeldmafia, die Strompiraten. Damit muss die Mehrheit der Menschen leben, eine Alternative gibt es für sie nicht. Das Leben nach Gesetz und Ordnung können sich die Armen nicht leisten. "Die Migranten wurden extralegal, um zu überleben, sie stellten sich außerhalb des Gesetzes, weil sie drinnen nicht geduldet wurden. Um zu wohnen, Handel zu treiben, zu produzieren, zu transportieren, ja zu konsumieren, mussten die neuen Bewohner der Städte in Extralegalität ausweichen."

In den reichen Industrienationen wie etwa in Deutschland dürfte die Schattenwirtschaft fast so groß wie das offizielle Sozialprodukt sein - mit wachsender Tendenz angesichts der wuchernden Verrechtlichung des Lebens. In der Dritten Welt aber ist der informelle Sektor der eigentliche Motor der Volkswirtschaft.

Die Slums als Schatztruhe und der Boden als Kapital

Die Parallelgesellschaft Schattenwirtschaft hat Hernando de Soto bereits 1986 in seinem Werk "El otro sendero" (Ein anderer Pfad) beschrieben. Der Titel war eine Anspielung auf die maoistische Guerilla Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad), die Peru damals in Angst und Schrecken versetzte. Diese Analyse kam auf Deutsch erst sechs Jahre später unter dem langatmigen Titel " Marktwirtschaft von unten - Die unsichtbare Revolution in Entwicklungsländern" heraus.

Mit seinem neuen Werk geht de Soto weiter und zieht die politischen Konsequenzen aus seiner Studie des informellen Sektors. Die "extralegalen Gesellschaftsverträge" der pulsierenden, aber unterkapitalisierten Schattenwirtschaft müssten in " allgemein zugängliche formale Eigentumssysteme" überführt werden, denn diese "sind der fruchtbare Schlamm, den der Fluss von weit oben her ins Delta trägt und der dem Kapitalismus seine gedeihliche Entwicklung erlaubt".

Der Wirtschaftswissenschaftler geht dabei von folgender Überlegung aus: Es ist sinnlos, den armen Ländern Almosen zu geben, sie brauchen eine Angel, um zu fischen. Die Angel aber haben sie schon selbst, man braucht sie nur auszugraben - aus dem Grund und Boden, den Hütten und Häusern, die sich die Slumbewohner, die Squatter und Landflüchtlinge angeeignet und zumeist selbst erbaut haben. Wie der Ingenieur im Bergsee ungeahnte Energie sieht, so sieht de Soto in den Slums von Kalkutta, den Gecekondus von Ankara, den Favelas von Rio und den Pueblos von Lima noch nicht gehobene Schätze und Vermögen, die weit größer seien als alle ausländischen Investitionen, Börsenquotierungen oder Vermögenswerte, die die amtliche Statistik erfasst.

"Die Armen besitzen bereits Vermögenswerte, die sie brauchen, um im Kapitalismus erfolgreich zu sein", sagt der Ökonom. Bloß seien diese Vermögen totes Kapital: Berge von totem Kapital türmten sich in den Slums der Dritten Welt auf. Denn nirgends sei das Immobilienvermögen registriert, und keine Bank würde den Eigentümern der Elendshütten auch nur einen Cent Kredit dafür einräumen, um beispielsweise einen Stand auf dem Markt zu pachten. Wenn man aber in der Dritten Welt und den postkommunistischen Staaten einfache und sichere Eigentumssysteme einführe, Kataster und anerkannte Eigentumstitel - dann werde durch Kreditschöpfüng die Hungersteppe aufblühen wie nach einem Regenguss.

Diesen starken Tobak mutet der Peruaner Lesern zu, die jeden Tag der Zeitung entnehmen, wie die Globalisierung Arbeitsplätze vernichtet und Länder in den Bankrott treibt. Ist dieser Kapitalismus der Stein der Weisen? Wäre nicht eher der Ausstieg aus dem globalen Wettrennen angesagt? So leicht lässt sich Hernando de Soto nicht aufs Glatteis führen. Die Stunde seines größten Triumphs sei für den Kapitalismus zugleich die Stunde seiner Krise. Alle Rezepte und Rosskuren von Wall Street, Internationalem Währungsfonds und Weltbank hätten tatsächlich bloß zu schweren Verwerfungen gerührt.

Die Politiker des Westens hätten der Dritten Welt und den exkommunistischen Staaten immer nur die alte Leier vorgesungen: "Stabilisiert eure Währungen, haltet durch, ignoriert die Lebensmittelunruhen und wartet geduldig auf die Rückkehr der ausländischen Investoren." Das seien zwar schöne Rezepe, aber sind es auch die richtigen? Können die Patienten in der Dritten Welt mit dieser Medizin etwas anfangen? Wohl kaum. Und das liege nicht daran, dass die Armen weder Max Weber ("Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus") noch die Essays "allwissender Kulturexperten" gelesen haben. "Ich schlage deshalb in aller Bescheidenheit vor, dass wir zunächst einmal beobachten, was geschieht, wenn die Entwicklungsländer und ehemaligen kommunistischen Staaten Eigentumssysteme etablieren, die Kapital für jedermann schaffen können." Denn: "In jeder Kultur verleiht legales Eigentum dem Einzelnen Rechte, und ich bezweifle, dass Eigentum an sich in direktem Widerspruch zu irgendeiner Kultur steht", glaubt de Soto.

Im Widerspruch zur Kultur mag Eigentum vielleicht nicht stehen (obgleich Nomaden wohl kaum einen Begriff von Grundeigentum haben), aber zum Widerspruch derjenigen, die ihr Eigentum bereits legalkapitalistisch nutzen, kommt es doch. Das sieht auch de Soto. Die " kapitalistische Apartheid" des Staates und seiner Eliten mache den Kapitalismus zu einem "Privatklub, der nur wenigen offen steht und die vielen Milliarden Menschen, die sich draußen am Zaun die Nase platt drücken, in Wut versetzt". Im Klub säßen die Eliten, deren Eigentumstitel auf kodifiziertem Recht nach westlichem Vorbild beruhten. Wenn die kapitalistische Apartheid fallen solle, dann gleiche das dem Versuch, die "vielen Äste eines Adlerhorstes neu zu ordnen - ohne dabei den Adler zu reizen". Ob das gut geht?

Wladimir Putin als Kunde und die Juristen als Feinde

Hernando de Soto, Jahrgang 1941, hat sich nach der Gründung seines eigenen Forschungsinstituts, des Institute of Liberty and Democracy, auf Politikberatung spezialisiert und ist durchaus gefragt. Perus berühmtester Autor, Mario Vargas Llosa, suchte seinen Rat im Wahlkampf 1999 um das höchste Amt im Staat, das im Juli 2000 aber nicht er, sondern Alberto Fujimori antrat. Eine Zeit lang hörte Fujimori auf den Ökonomen, doch nach dem inszenierten Putsch des Präsidenten im April 1992 trennten sich ihre Wege. Heute versucht de Soto, den russischen Präsidenten Wladimir Putin davon zu überzeugen, aus der ehemaligen Sowjetunion den ersten volkskapitalistischen Staat zu machen.

Einfach ist das wahrlich nicht. Die Widerstände sitzen nicht nur bei den Staatsbürokraten und den Raubkapitalisten. Die Juristen seien seine schlimmsten Feinde, klagt de Soto, "keine andere Gruppe - von Terroristen abgesehen - ist besser in der Lage, die Ausbreitung des Kapitalismus zu hintertreiben. Und im Unterschied zu den Terroristen wissen die Juristen, wie man das auf legale Art tut."

Mit Paragrafen kommen die Politiker nicht weit, wollen sie denn, wie es de Soto rät, die Segnungen des Kapitals aussäen und den Adlerhorst umbauen. "Um einen landesweit geltenden Gesellschaftsvertrag über Eigentumsregelungen zu schließen, muss man die psychologischen Prozesse, die Überzeugungen, Wünsche, Absichten, Gepflogenheiten, Regeln zur Kenntnis nehmen." Gegen tief sitzende extralegale Traditionen lässt sich neues Recht kaum durchsetzen. Da helfen auch keine Satellitenaufnahmen oder Computer, denn das Eigentum sei keine materielle Sache, die sich einfach fotografieren und kartieren ließe. Wie aber lässt sich das Geflecht des extralegalen Netzwerkes auseinander dröseln, um es neu zu verknoten?

Hunde als Grenzwächter und Karl Marx unter Schock

Freiheit für das Kapital! Man könnte auch sagen: die Fantasie an die Macht! De Soto erzählt eine Anekdote: Er zerbricht sich den Kopf darüber, wie er den Ministem in Djakarta ein Kataster erklären soll, das eben nicht vom Computer allein erfasst wird, wenn es die unsichtbaren extralegalen Eigentumsgrenzen berücksichtigt. Der Peruaner spaziert in Gedanken durch die Reisfelder Balis, und plötzlich lässt ihn Hundegebell zusammenfahren. Die Hunde! Sie schlagen an, wenn ein Fremder in das Revier seines Herrn eindringt. Man muss bei der Grenzziehung auf die Hunde hören!

Und: Man sollte aufhören, die alten Schlachten des Kalten Krieges immer wieder zu schlagen. Die " lähmende Links-Rechts-Debatte" müsse überwunden werden. "Marx würde heute wahrscheinlich schockiert zur Kenntnis nehmen, dass in den Entwicklungsländern ein Großteil der Massen nicht aus unterdrückten Proletariern besteht, die sich innerhalb des Rechtssystems befinden, sondern aus Kleinstunternehmem, die sich außerhalb des Rechts bewegen."

Die Botschaft von Hernando de Soto wird inzwischen auch in den Chefetagen vernommen. Die Wirtschaftspresse lobt ihn als originellen Denker und wissenschaftlichen Pionier. Doch als ein Patentrezept sind seine Thesen kaum zu gebrauchen. Der Grund und Boden, auf den sich der Peruaner verlässt, um die Milliarden totes Kapital in Kredite zu verwandeln, schwankt. Erstens ist die Immobilien-Basis zur Kapitalschöpfung viel zu klein. Zweitens unterschätzt de Soto die Macht der internationalen Finanzmärkte, die sich - so ironisch kann das Schicksal sein - nicht zuletzt aus den Renten amerikanischer Arbeiter speisen.

Und drittens macht es sich de Soto doch ein wenig zu einfach: Wenn eine einzige Stellschraube - der Abbau der Bürokratie - genügt, den Volkskapitalismus erblühen zu lassen, warum haben wir ihn dann nicht längst? Ohne einen Staat, der zum Beispiel für einen fairen Wettbewerb sorgen muss, der Monopole und Kartelle verhindert, kommt auch das freie Kapital nicht aus.

Trotzdem: De Soto schreibt gegen den Strich der Neoliberalen wie der Neomarxisten. In einem Punkt allerdings ist er recht konventionell. Er glaubt nämlich an den Homo oeconomicus, an den Menschen, der wirtschaftlich rational denkt und handelt.

Doch so einfach ist das nicht - nicht alle lassen sich von der Vernunft leiten. Spätestens seit Ludwig Erhard wissen wir, dass das Wirtschaftsgeschehen mindestens so stark durch Gefühle wie durch den Verstand gelenkt wird. Gefühle haben aber mit Kultur zu tun. Vielleicht sollte de Soto die Novelle "Der Großindustrielle" von B. Traven lesen: Da kommt ein Yankee in ein mexikanisches Dorf, in dem ein Mann spottbillige Körbe flechtet. Der Amerikaner sieht darin ein Riesengeschäft. Er will einige tausend dieser Körbe bestellen und sie mit einem saftigen Aufschlag in New York vermarkten. Doch der Korbflechter sagt Nein. Wenn er so viele tausend Körbe flechten müsse, dann werde er für nichts anderes mehr Zeit haben, und deshalb müsste als Entschädigung der Stückpreis astronomisch hoch sein. No Sir, no deal!

Immerhin, mit seinem Werk "The mystery of Capital" hat der Peruaner eine frohe Botschaft in die Welt gesetzt. Es stimmt ja schon, wenn er schreibt: "Richtig betrachtet, sind die Armen nicht das Problem, sondern die Lösung."

Denn das Kapital kommt aus der kleinsten Kate.