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Stéphane Breitwieser

Der Aushilfskellner Stéphane Breitwieser aus Eschentzwiller nahe Mulhouse hat sich eine millionenschwere Kunstsammlung zusammengestohlen. Bis er erwischt wurde und seine Mutter die Meisterwerke zerstörte.




Die elsässische Rheinebene liegt im Winter da wie ein Koma-Patient, bleich und leblos, ein flaches Land in Grau und Braun, mit großen Feldern, schwächlichen Bäumen und verlassenen Kieswerken vor einem geraden Horizont. Es gibt drei Wege, die nach Eschentzwiller führen, aber keinen Grund, dorthin zu fahren, außer man lebt hier. Die rund 900 Einwohner leben hier nur, um schnell wieder wegfahren zu können, über die Autobahn in die Schweiz ins Basler Land, denn dort gibt es Jobs und die dazugehörigen Schweizer Franken.

Die Hausnummer 14c in der Rue Habsheim ist ein beigefarbenes Einfamilienhaus mit heruntergelassenen Rollläden - niemand da. Der 31-jährige Sohn des Hauses, Stephane Breitwieser, sitzt in der Schweiz im Kanton Fribourg im Gefängnis, die Mutter Mireille Stengel, geschiedene Breitwieser, arbeitet irgendwo im Elsass inkognito, aber unter polizeilicher Aufsicht. Er hat in sechs Jahren Kunstwerke im Wert von angeblich fast zwei Milliarden Euro gestohlen und wurde schließlich erwischt. Sie vernichtete in der Küche der Nummer 14c mehr als 50 Gemälde alter Meister und warf weitere Kunstgegenstände aus Gold, Silber und Elfenbein in den Rhein-Rhône-Kanal.

Die Geschichte der Breitwiesers ist eine Tragödie: über die Macht der Bilder über die Menschen, die Macht der Menschen über Bilder und die Ohnmacht der Menschen, wenn die Bilder für immer verschwinden. Auch über die Macht der Menschen über Menschen. Und schließlich über die Ohnmacht eines Mannes, der ein Bild von sich entwarf, dem er selbst zum Opfer fiel. Wie bei jeder guten Tragödie gibt es am Ende nur Verlierer.

Die harten Fakten des wohl einmaligen Raubzugs wurden am 22. Mai 2002 auf einer Pressekonferenz der Kantonspolizei Luzern vorgestellt. In der schönen Stadt am Vierwaldstätter See war Breitwieser ein halbes Jahr zuvor nach dem Diebstahl eines antiken Jagdhorns aus dem Richard-Wagner-Museum festgenommen worden. Danach gestand er, eins nach dem anderen, in 174 Fällen insgesamt 239 Kunstgegenstände gestohlen zu haben, nur für seine eigene Sammlung, deren wertvollste Stücke er unter dem Bett in seinem Zimmer in der Rue Habsheim versteckt hielt. Der Luzerner Untersuchungsrichter Emil Birchler beschreibt Breitwieser während der Pressekonferenz als einen harmlos wirkenden, verwirrten Mann: "Ist er verrückt? Ich weiß es nicht. Er hat aber etwas sehr Außergewöhnliches getan." Birchler schaute auf die Aktenberge, die er mitgebracht hatte, und sagte: " Für jeden Ermittler ist diese Affäre ein Albtraum."

Dazu kommen Komplikationen des internationalen Rechts: 66-mal hat Breitwieser in der Schweiz zugeschlagen, 68-mal in Frankreich, 19-mal in Belgien. Er gestand außerdem 21 weitere Fälle in Deutschland, den Niederlanden, Dänemark und Österreich. Anfang Februar wird dem Meisterdieb der Prozess in der Schweiz gemacht, dann soll er nach Frankreich ausgeliefert werden. In Straßburg wartet ein zweites, größeres Verfahren auf ihn, das alle restlichen Fälle in Mitteleuropa zusammenfassen soll.

Wann Breitwiesers unstillbarer Hunger nach teuren Kunstwerken ausbrach, ist schwer zu sagen. Vielleicht fing es schon an, als der vierjährige Stephane seinem Großonkel Robert Breitwieser für ein Porträt Modell stand, dem letzten Bild, das der bekannte Elsässer Maler vor seinem Tod 1975 fertig stellen konnte. Da saß er, der kleine Junge, und gegenüber nahm sich der berühmte Großonkel die Zeit, Pinselstrich für Pinselstrich ein richtiges Gemälde herzustellen. Aus etwas Kleinem wurde etwas Großes. Breitwieser gab sich später als Enkel der Künstlers aus.

Stéphane Breitwieser spricht nicht über seine Taten, auch sein Anwalt Jean-Claude Morisod nicht, wir sind also auf Spekulationen und Informationen aus zweiter Hand angewiesen, um uns selbst ein Bild von der Sache zu machen. Breitwieser führt heute ein abgeschiedenes Leben hinter Gittern, besucht einen Korbflechterkurs, treibt ein wenig Sport. Er ist ein bleicher, magerer Kerl Anfang 30, ohne Bartwuchs. Erst vor kurzem wurde er aus der Untersuchungshaft ins Gefängnis nach Bellechasse verlegt, in dem die minderschweren Kriminellen des Kantons Fribourg einsitzen. Die Wärter mögen ihn, hüben wie drüben, denn er ist ein zurückhaltender Klient, der keinen Ärger macht. Eigentlich mögen ihn alle, die einmal mit ihm zu tun hatten. Bis auf die Frauen, mit denen er zusammenlebte und die aus gutem Grund ein zwiespältiges Verhältnis zu ihm haben.

Das Sammeln lernte er von seinem Vater, der ein großes Faible für alte Waffen hatte. Stéphanes Jugend war aber alles andere als unbeschwert, der jähzornige Vater schlug die Mutter immer wieder. Als der die Familie Ende der achtziger Jahre verließ, verschwand auch seine Waffensammlung für immer aus dem Haus. Als Einzelkind wurde er von seiner Mutter verwöhnt, was ihn aber nicht daran hinderte, selbst gewalttätig zu werden. Er hat wohl das böse Temperament seines Vaters geerbt. Seine Freundin Anne-Catherine Kleinklauss, die ihn oft auf seinen Diebeszügen begleitete, bekam ihren Teil ab: Er bedrohte sie mit Waffen, sperrte sie in den Schrank, zerschlug ihr das Nasenbein. Doch sie blieb bei ihm, war ihm hörig, wie ihre Eltern heute verbittert sagen. Sie untersagten ihr den Kontakt, doch sie zog heimlich wieder zu ihm und seiner Mutter in die Rue Habsheim.

Nachdem Mireille Stengel nach einem Wutausbruch ihres Sohnes zu den Nachbarn flüchtete, weitete er die Kampfzone über die Grenze des Grundstücks aus. Der damalige Nachbar Roland Le Goff erzählt heute noch erschüttert von Drohbriefen, Stinkbomben und Steinen, die Breitwieser auf Le Goffs Kinder warf. Das war Mitte der Neunziger. Doch Gewalt war nur die eine Seite des Stephane Breitwieser. Irgendwann in dieser Zeit, er war jetzt Anfang 20, belegte er Kunstgeschichts-Kurse an der Straß-burger Universität. Er flüchtete in die Welt der Bilder, eine Welt des vollkommenen Stils und der Erhabenheit. Während dieser Zeit begann er, sich ein wenig Geld mit dem An- und Verkauf von Trödel zu verdienen. Viel brauchte er nicht, schließlich sorgte die Mutter mit ihrer gut bezahlten Stelle als Krankenschwester in Basel für Kost und Logis. Doch für das, was er wirklich haben wollte, fehlten ihm die Mittel. Schon als Jugendlicher war er durch kleine Ladendiebstähle aufgefallen, nun ließ er hier und da in Antiquitätengeschäften und Auktionshäusern etwas mitgehen. Das muss der Zeitpunkt gewesen sein, als er sich plötzlich zu Höherem berufen fühlte: Warum konnte er, der den Wert alter Gemälde viel mehr als jeder andere Museumsbesucher zu schätzen glaubte, diese Bilder nicht selbst besitzen?

Einen guten Geschmack, eine treue Freundin, Mut und ein Messer - mehr brauchte der Kunstdieb nicht

Im Jahr 1995 beging Breitwieser den ersten größeren Diebstahl im Chateau de Gruyères im Schweizer Kanton Fribourg. Dort ließ er ein Porträtgemälde mitgehen. Zu dieser Zeit verpasste er sich ein neues Image, ein Bild von sich selbst, wie er es gern sehen wollte. Ein Porträt, das aus etwas Kleinem etwas Großes machte. Der junge Mann mit dem unregelmäßigen Job eines Hilfskellners in einem Basler Restaurant fuhr in dem hellgrauen BMW-Cabrio seiner Mutter durch die Lande und trug teure Kleidung. Die halblangen Haare fielen locker ins fein geschnittene Gesicht. Er gehörte nun zur Welt der Kunstkenner, besuchte Galerien und Museen, schlenderte durch lichte Hallen, gab sich interessiert und beeindruckte mit seinem Wissen. In der Tasche trug er ein scharfes Messer, an seiner Seite stand die hübsche Anne-Catherine. Während die Frau das Museumspersonal ablenkte, schnitt er mit einer kleinen Klinge Bilder aus ihrem Rahmen, öffnete Vitrinen, brach Schaukästen auf. Es war wie in einem Film, in dem jeder Raub lautlos und perfekt abläuft.

Man machte es Breitwieser leicht: Kleine Museen verfügen oft nur über unzureichende Sicherheitsmaßnahmen, sie können sich teure Alarmanlagen nicht leisten. Breitwieser hatte einen feinen Riecher für solche Orte. An seinem 24. Geburtstag, dem 1. Oktober 1995, fuhr er nach Baden-Baden, wo Sotheby's eine Auktion vorbereitete. Dort stahl er das Porträt der Sibylle von Cleve, gemalt vom Reformationskünstler Lucas Cranach. Das war der Aufstieg in die erste Liga des Kunstdiebstahls.

Breitwieser kannte nun keine Grenze mehr, fast jedes Wochenende zog er los. Als er im November 2001 in Luzern gefasst wird, hat er rund 60 Gemälde gestohlen und eine Vielzahl von wertvollen Objekten aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, darunter antike Waffen und Musikinstrumente. Seine große Liebe galt den flämischen und niederländischen Meistern, er legte Karteien über Herkunft und Geschichte der Bilder an. Die Sammlung unter dem Bett umfasste Werke von Pieter Brueghel dem Jüngeren, David Teniers, Francois Boucher, Willem van Aelst, Josef van Bredael und Corneille de Lyon. Kunstkenner bescheinigten dem Dieb später einen exquisiten Geschmack.

Der Raubzug durch Mitteleuropa blieb in der Museumswelt nicht unbemerkt. Alexandra Smith vom Londoner Art Loss Register, einer international operierenden Organisation zum Auffinden gestohlener Kunstwerke, sagt fast schon bewundernd: "Wir vermuteten alle, dass eine Bande dahinter steckte, aber es war ein einzelner Mann. Etwas Vergleichbares wird es für eine lange Zeit nicht geben." Interpol fischte im Trüben, denn keines der Gemälde wurde auf dem Schwarzmarkt angeboten. Breitwieser konnte so lange unentdeckt seiner Leidenschaft nachgehen, weil er die Bilder für sich haben wollte. Und er wollte immer mehr haben. Wenn er nicht stehlen konnte, fühlte er sich schlecht, dann kam seine dunkle Seite zum Vorschein. Einen Tag vor seinem letzten Coup nahm er einem Auto in Eschentzwiller die Vorfahrt. Als die Fahrerin Chantal Kohler hupte, hielt er an, ging zu ihrem Wagen und durchschlug die Scheibe der Fahrertür. "Wenn du zur Polizei gehst, dann kriege ich dich!", schrie er ihr ins Gesicht.

Über die dunkle Seite hat sich Ernst Meichler so seine Gedanken gemacht. Der 69-jährige Rahmenmacher aus Mulhouse hat, zusammen mit seinem Sohn Christian, mehr als 30 Rahmen für Breitwieser hergestellt, dunkelbraun, nach flämischer Art, die Bilder aber nie gesehen, wie er beteuert. Meichler ist Maler und liebt gegenständliche Darstellungen, eine gemeinsame Neigung, die oft zu Plaudereien mit Breitwieser führte, einem interessierten Mann mit der Aura des ewigen Studenten: "Ich mochte ihn, er war kein Angeber." Gemälde haben eine Seele, davon ist Meichler überzeugt: "Wer etwas von Bildern versteht, und bei ihm war das der Fall, der tritt in einen Dialog mit ihnen. In Bildern geht es um das Gleichgewicht von Gegensätzen. Sind sie aus dem Lot, passiert etwas Schlimmes." Auch der Dialog mit dem Bild könne entgleisen: "Sammler sind seltsame Menschen. Vielleicht haben die Bilder selbst Breitwieser eingeflüstert, er müsse sie besitzen." Und Breitwieser, unter der glänzenden Oberfläche ein armer Kerl, konnte den Einflüsterungen nicht widerstehen: "Er ist übergeschnappt. Die Diebstähle aus den Museen kann ich ihm noch verzeihen. Aber nicht aus den Kirchen. Dafür hat er zwölf Peitschenhiebe auf den Hintern verdient."

Breitwieser hatte sich der Macht der Bilder unterworfen, doch letzten Endes wurde ihm das Porträt, das er von sich entworfen hatte, zum Verhängnis. An jenem 20. November 2001, an dem er seinen letzten Raubzug durchführen wollte, fiel er im Park am Richard-Wagner-Museum aus dem Rahmen. Der 69-jährige Rundfunkreporter Eric Eisner, der seiner Mischlingshündin Kyra hier Bewegung verschaffte, erinnert sich: "Er ging langsam durch den Park, mit seinem schönen grauen Mantel und den polierten Lackschuhen. Er passte nicht hierher." Denn wer hier spaziert, der hat einen Hund oder schiebt einen Kinderwagen. Der junge Herr im Mantel hielt einen Notizblock in der Hand und starrte minutenlang zum Wagner-Haus hinauf. Der misstrauisch gewordene Eisner ging zur Museums-Chefin Esther Jaeger, um zu fragen, ob es dieser Mann gewesen sein könnte, der zwei Tage zuvor ein antikes Jagdhorn gestohlen hatte. Sie erkannte ihn als einen von fünf Museumsbesuchern des Tattages wieder. Eisner rief die Polizei und verstellte mit zwei Bekannten, die ebenfalls mit ihren Hunden unterwegs waren, die drei Ausgänge des Parks. Breitwieser wurde verhaftet, ohne jede Gegenwehr.

Es folgte ein halbes Jahr mit intensiven Verhören. Breitwieser war kooperativ und gestand Zug um Zug seine Taten. Als die Ergebnisse auf der Pressekonferenz in Luzern vorgestellt wurden, versprach die Kantonspolizei Eisner "lebenslänglich Hundefutter" für Kyra. Drei Monate später bekam er auf Nachfrage eine verschweißte Schinkenwurst zugeschickt.

Ein wertvolles Naherholungsgebiet: Im Kanal liegt Gold, Silber, Kunst, im Gebüsch ein alter Gobelin

Während Breitwieser noch auf sein erstes Verhör wartete, brauste Anne-Catherine Kleinklauss im BMW nach Eschentzwiller, um der Mutter von der Festnahme zu berichten. Was dann passierte, schilderte deren Anwalt Raphael Fréchard, ein junger Advokat mit einem kleinen Büro nahe dem Straßburger Strafgericht: Die Mutter war außer sich. Sie hatte schon geahnt, dass etwas faul war an der Sammlung im Schlafzimmer ihres Sohnes. Der muffige Kram war schuld daran, dass Stephane immer merkwürdiger geworden ist. Jetzt hatte man ihn ausgerechnet in der Schweiz geschnappt? Sie war verzweifelt. Wird sie ihre Arbeitsberechtigung verlieren, ihren Krankenhausjob in Basel, der gutes Geld brachte? Wird er je wieder in der Schweiz arbeiten dürfen? Dieses Zeug hat sein Leben zerstört und ihres auch. Was konnte sie tun? Seine Sammlung vernichten, das würde ihm eine Lehre sein. Erst warf sie das antike Horn aus dem Richard-Wagner-Museum in den Rhein bei Hüningen. Dann kamen die Bilder dran. Sie zerschnitt und zerbrach, was sie konnte, und warf es in den Müll. Den Rest packte sie ins Auto und fuhr Richtung Gerstheim. Dort führt eine kleine Landstraße direkt am Rhein-Rhone-Kanal vorbei. Sie fand einen Parkplatz auf einem feuchten Feldweg, wenige Schritte vom Wasser entfernt. In einem Schwall von Blasen versank der Raub. Die paar übrig gebliebenen religiösen Kunstgegenstände konnte die eifrige Kirchgängerin Mireille nicht wegwerfen. Sie stellte sie in eine kleine Kapelle und fuhr nach Hause.

Wann genau sich ihre Wut gegen die Sammlung des Sohnes richtete, weiß sie nicht mehr genau. Sehr wahrscheinlich war es am 21. oder 22. November, also ein oder zwei Tage nach der Festnahme. Die Schweizer Polizei hatte schon am 23. November von den französischen Kollegen eine Hausdurchsuchung bei den Breitwiesers angemahnt, wäre aber wohl ohnehin zu spät gekommen. Schließlich war es erst am 12. Dezember so weit, weil die Straß-burger Behörden so lange gezögert hatten. Die Beamten fanden natürlich nichts. Keine Kunst in Stéphanes Zimmer.

Doch am Kanal hatte Mireille Stengel einen Fehler begangen. Er ist dort kaum zwei Meter tief und unbewegt. Das Wasser ist sehr klar. So sahen zwei Wanderer, die eine Rast machten, am 27. November etwas in dem Gewässer funkeln. Sie fischten einen silbernen Abendmahlskelch aus dem Nass, aber da war noch mehr. Die Männer besorgten sich ein Boot und fanden weitere Gegenstände aus Gold, Silber und Porzellan. Sie informierten die Polizei. Der zuständige Gendarm erwartete, im Wasser eine Leiche zu finden, und suchte zwei Tage später mit zwei Tauchern, die zwar keinen menschlichen Körper entdeckten, jedoch einschließlich der Wanderer-Funde insgesamt 102 antike Kunstobjekte aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. In einer Zelle der Gendarmerie trocknete der Fund, bis der örtliche Pfarrer zu Hilfe gerufen wurde. Er stand vor dem Mysterium, sah Elfenbeinfiguren von Heiligen, die Mutter Gottes auf einem Goldmedaillon, schaute die Beamten an und sagte: "Das geht über unser Verständnis hinaus." Erst Ende Januar verständigte die Gendarmerie die weltlichen Autoritäten über das Kanal-Wunder. Die Polizeizentrale in Straßburg sandte einen Kunstkenner, der die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Der Kanal wurde abgelassen, mit Metalldetektoren wurden sieben weitere Gegenstände entdeckt. Später stieß ein Mann in einem Gebüsch am Wegesrand nahe Ostheim auf einen Gobelin. Schließlich kam der Schatzfund in die Hände von Restauratoren des Unterlinden-Museums in Colmar, wo sie jetzt strikt abgeschirmt von der Öffentlichkeit lagern.

Erst im Frühjahr brachten Polizeibehörden der Schweiz und Frankreichs den Kanalfund in Verbindung mit Breitwiesers Raubzug. Am 14. Mai 2002 wurden Mireille Stengel und Anne-Catherine Kleinklauss wegen Mittäterschaft verhaftetet. Am nächsten Tag wurde Breitwieser im "France Soir" als ein Arsène Lupin der Kunstwelt, ein Gentleman-Dieb, beschrieben und die Mutter als Mittäterin, die alle Beweisstücke vernichten wollte, die ihrem Sohn hätten schaden können. Schnell machte der von einem Polizisten geschätzte Schaden von zwei Milliarden Euro die Runde.

Die Milliarden-Euro-Legende nahm wahrscheinlich so ihren Anfang: Das Porträt der Wittenberger Reformations-Herrscherin Sibylle von Cleve von Lucas Cranach dem Alteren war in Weimar gestohlen worden. Die französische Polizei rief beim Art Loss Register in London an und bekam einen Wert von acht Millionen Euro genannt. Der französische Polizist muss diese Summe mit der Zahl der gestohlenen Objekte, 239, multipliziert haben, das sind knapp zwei Milliarden Euro. Breitwieser hatte aber ein Bild von Lucas Cranach dem Jüngeren gestohlen. Dieses Gemälde wird nur auf etwa 20 000 Euro geschätzt. Die tatsächliche Schadenssumme wird wohl erst feststehen, wenn die Sache Breitwieser vollständig aufgerollt ist. Wir können derweil getrost zwei Nullen abziehen, 20 Millionen Euro ist der bei weitem realistischere Wert und immer noch erstaunlich genug.

Doch nun war die Legende in der Welt, für kleinere Zahlen interessierte sich kaum noch jemand. Den Diebstahl von rund 60 alten Meistern hatte Breitwieser zugegeben, 109 Objekte waren im Kanal gefunden worden, dazu kamen der Gobelin und die von der Mutter in einer Kapelle deponierten kirchlichen Reliquien, von denen nur zwei sichergestellt wurden. Das sind rund 180 Gegenstände, es tut sich also ein schwarzes Loch von rund 60 Objekten auf. So sieht es auch die französische Polizei, die sich noch vor kurzem bei den Meichlers erkundigte, ob sie vielleicht wüssten, ob noch irgendwo etwas deponiert sein könnte. Es gibt also einige Ungereimtheiten und viel Raum für Spekulationen.

In diesem Raum macht es sich Mireille Stengels Anwalt Raphael Frechard gemütlich. Er versteht es hervorragend, Zweifel zu säen, um eine möglichst milde Strafe für seine Mandantin zu erreichen. Nach seiner Theorie wusste sie nichts vom Wert der Sammlung und ihrer dunklen Herkunft. Im Gegenteil: Als Stephane nicht von seiner Reise nach Luzern zurückkehrte, ging sie sehr bald zur Polizei. "Sie forderte die Beamten auf, im Zimmer ihres Sohnes nach irgendetwas zu suchen, das Aufschluss über seinen Verbleib geben könnte. Wäre die Polizei gekommen, hätten die Bilder gerettet werden können." Der Straßburger Staatsanwalt Pascal Schultz und auch die dortige Untersuchungsrichterin Lyse Schaal schweigen auf Nachfrage zu diesen Vorwürfen. Frechard zweifelt daran, dass die alten Meister überhaupt zerstört wurden: "Bislang hat die Polizei Frau Stengel nicht eine Abbildung der Bilder zur Identifikation vorgelegt." Die Tatsache, dass die Bilder unter dem Bett gelagert wurden, hält er für ein Indiz, dass es sich dabei um weniger wertvolle Ware gehandelt habe und nicht um die rund 60 fehlenden Spitzenstücke des Diebesgutes: "Ich glaube, dass die wirklich guten Gemälde noch irgendwo anders sind. Aber vielleicht hat sie Breitwieser auch gar nicht gestohlen, sondern nur damit angegeben, als er bei den Verhören danach gefragt wurde." Er zieht den kalten Schluss: "Solange nicht bewiesen werden kann, dass Mireille Stengel die alten Meister zerstört hat, existieren sie für mich nicht. Es gibt nur das, was im Kanal gefunden wurde."

Stéphane Breitwieser ist heute ein gebrochener Mann in einem labilen Gemütszustand. Im Juli vergangenen Jahres versuchte er sich umzubringen. "Als er von den zerstörten Bildern hörte, konnte er es zuerst nicht glauben. Wenn er heute an die Bilder denkt, wird er sehr traurig. Er hofft, dass sie doch nicht weg sind und irgendwann gefunden werden", erzählt Untersuchungsrichterin Francoise Morvant aus dem Kanton Fribourg, die den Prozess in der Schweiz vorbereitet. Sie spricht milde von dem Mann, der nur für sich stahl und schöne neue Rahmen anfertigen ließ. Ein paar Jahre wird er bekommen und - nett, wie er sein kann - früh entlassen werden, um dann in Frankreich seine Strafe abzubüßen. Anne-Catherine Kleinklauss wurde bereits einen Tag nach ihrer Verhaftung auf freien Fuß gesetzt, die französische Justiz ist geneigt, sie als Opfer zu sehen, und hat damit wohl Recht. Mireille Stengel hat dank ihres Anwalts gute Chancen, mit einer geringen Strafe davonzukommen, weil sie im Affekt handelte. Eins scheint aber sicher: Das unglückliche dreiblättrige Kleeblatt wird nie wieder zusammen in der Rue Habsheim 14c leben.