Partner von
Partner von

Der Wille zum Träumen

Superheldencomics! Eine Hymne auf ein unterschätztes Genre.




Vorige Nacht träumte ich von zwei Menschen, die endlos lange Wände entlangliefen und dabei mit großen Messern uralte Tapeten und dicke Lagen dutzendfach überklebter Plakate herunterhackten. Das war wunderschön, und zwar nicht nur, weil die Tapeten und Plakate unübersehbar meine Vergangenheit symbolisierten. Nein, es waren die Bewegungen dieser Wesen: schnell und elegant, wie sie der Schwerkraft trotzten, leichtfüßig auf und ab springend, ausschließlich entlang den Wänden, nie den Boden berührend. Es war wie im Traum. Absolut perfekt. Ich denke, das ist der Grundstoff der Superhelden.

Bedenkt man den Ursprung der USA als einen utopischen Staat, der von Vertriebenen gegründet wurde, die sich eine für ihre Zeit utopische Verfassung gaben, ist es nahe liegend, dass die Superhelden eine amerikanische Erfindung sind. Während in Deutschland der hinkende Joseph Goebbels, der drogensüchtige Hermann Göring und der neurotische Adolf Hitler das Zeitalter des deutschen Übermenschen ausriefen, erfanden in den Vereinigten Staaten ausgerechnet zwei Juden, die beiden 17-jährigen Jerry Siegel und Joe Shuster, Superman (1), den ersten Superhelden.

Der Erfolg des fliegenden, unverwundbaren, ungeheuer starken und anfangs auch unglaublich schlecht gezeichneten Kämpfers für das Gute war überwältigend. Als drei Jahre nach Erscheinen des ersten Superman-Abenteuers die USA in den Krieg eintraten, hatte der Recke bereits einen Haufen Kollegen, die wacker gegen Krauts und Japsen kämpften und damit zum Ideal des ehrbaren Amerikaners wurden. Alles war ganz einfach: Es gab die Guten, es gab die Bösen, und immer triumphierte das Gute. Das war das Golden Age, die unbeschwerteste Zeit, die Superhelden jemals hatten.

Superheldencomics waren von Anfang an ein Spiegel der amerikanischen Seele. Zu Beginn gab es noch Träume: vom guten Leben, von Ordnung und Kraft und von einer Zukunft, die so überwältigend war, dass jeder, der das Licht der neuen Welt erblicken würde, in einen Zustand der Verzückung verfiel. Doch dann kam es anders: Das helle Licht wurde zum Blitz der Atom- und später der Wasserstoffbombe (2) - wer es sah, erblindete und starb. In den fünfziger Jahren verloren die Superhelden zunehmend ihre Anziehungskraft, und als Anfang der sechziger Jahre der schreibende Verleger Stan Lee mit einer ganzen Reihe von Figuren wie Spiderman und X-Men das Silver Age einläutete, waren die Träume längst zerbrochen: Der Spinnenmensch trug vom ersten Abenteuer an die Verantwortung für den Tod eines geliebten Menschen auf seinen eher schmalen Schultern, und die Mutanten, die als X-Men den Menschen helfen wollten, wurden gehasst, bloß weil sie keine normalen Menschen waren. Kein neuer Superheld war sorglos wie einst Superman, und selbst die alten Helden wurden nachdenklich: Die Superhelden machten sich auf die Suche nach verlorenen amerikanischen Tugenden und schlugen sich mit Drogenproblemen, Rassenunruhen und wuchernden persönlichen Sorgen herum. So vergingen auch noch die Siebziger.

In den Achtzigern verlor sich das Genre langsam im Erneuerungswahn: Jede noch so idiotische Idee wurde umgesetzt, jeder Trend bekam eine eigene Serie, und jeder Held hatte eine Macke oder ein neues Kostüm, was jedoch beides nichts zu bedeuten hatte - nächsten Monat, nach der nächsten Leserumfrage, konnte es schon ganz anders aussehen. In dieser Zeit erschienen aber auch zwei Meilensteine: In Batman (3) - The Dark Knight Returns verwandelte Frank Miller den braven Fledermausmann in eine böse moralische Institution, die in einer postmodernen Welt mit unbeugsamer Härte ewige Werte vertrat. Batman verkörperte von da an die Sehnsucht nach Wahrheit und biblischer Gerechtigkeit, die keine Kompromisse kennt. Das Gegenstück hieß Watchmen. Der Engländer Alan Moore erfand eine komplett neue Gruppe von Helden, die nach zwölf Teilen am Ende war: In ihrer komplexen Welt, die sich auch in einer sehr komplexen Erzählstruktur niederschlug, konnte diese desorientierten Heroen nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden.

Dann passierte lange Zeit nichts, das Genre war tot. Es gab Unmengen von Heften, der Markt boomte, aber inhaltlich regierte der Stillstand, entwickelt wurde nur das Marketing. Bis es Ende der neunziger Jahre mit der Branche wirtschaftlich bergab ging: Obwohl die Superhelden im Kino kräftig abgeräumt hatten mit Filmen, die sich inhaltlich an Sechziger-Jahre-Geschichten orientierten, schrumpfte der Comic-Markt rapide. Kaum jemand wollte noch die ewig gleichen Geschichten von den ewig gleichen Kämpfen lesen, und auch die alten Vermarktungtricks funktionierten nicht mehr. So versuchten die Verlage eine neue Taktik: inhaltliche Diversifikation. Geschichten erzählen. Superhelden in eine realistische Handlung einbauen. Seitdem geht es voran: Jeph Loeb und Tim Sale veröffentlichten mit Batman - The Long Halloween eine komplizierte Superhelden-Soap, Alan Moore erfand mit Promethea eine Esoterik-Heldin und mit The League of Extraordinary Gentlemen (inklusive Dr. Jekyll & Mr. Hyde, Kapitän Nemo, Sherlock Holmes (4) etc.) die Nostalgie-Helden, und langsam passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte: Die Superheldencomics wurden erwachsen.

Das passierte gerade eben, in den vergangenen Jahren, der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Und das ist schon alles, was ich sagen will: Es gibt Geschichten über Menschen mit besonderen Kräften, die miteinander kämpfen (was ein bisschen langweilig ist, aber die Prügeleien sind nur noch eine genrebedingte Randerscheinung). Und so machen diese Bücher auch Spaß, wenn man schon seit mehreren Jahren seine Wäsche (5) selber wäscht. Auch deshalb, weil es immer noch um Grundsätzliches geht. Zum Beispiel in The Ultimates, einer aktuellen Serie über eine von der Regierung finanzierten Superheldengruppe: Hier tritt nach einer quälend langen Zeit ohne Gegner schließlich ein Gruppenmitglied gegen seine Kollegen an - damit der Gruppe mangels bekämpfbarer Feinde nicht das Budget gestrichen wird. Natürlich kann man daraus auch etwas über den Irak-Krieg lernen, aber vor allem geht es hier um eine grundsätzliche Qualität des Helden: der Wille zum Träumen. Auch wenn sich in diesem Fall einer opfern muss, damit die anderen weiterträumen können.