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Der Fummelfaktor

Wie entwirft man ein wirklich innovatives elektronisches Werk- oder Spielzeug? Erfinder von Palm, Handspring, Motorola, Apple, Danger und Ideo über ihre Vorstellungen vom digitalen Fortschritt.




Jeff Hawkins kann es nicht lassen. Erst erfand er den Palm Pilot und trat die Welle der elektronischen Adress- und Terminverwaltung in der Hemdtasche los. Jetzt schleppt der Gründer der Firma Handspring, die dem Volk den Visor-PDA (Personal Digital Assistant) brachte, ein Stück grob zugeschnittenen Schaumstoff am Gürtel herum. Nicht dass der Klotz funktionierte. Dennoch baumelt er an seinem Gürtel, liegt auf seinem Schreibtisch herum oder wird in Besprechungen als Phantom-Spielzeug hervorgezogen, ans Ohr gehalten und in beiden Händen gewogen. Es geht ihm darum, einen neuen "Formfaktor" in Alltagssituationen auszuprobieren. Was sich an neuen Ideen genau hinter dem Stück Schaumstoff verbirgt, will Hawkins nicht verraten. Geschweige denn den handlichen Klotz zur genaueren Inspektion vorzeigen.

"Das ist Teil der Testphase, wir nennen das virtuelles Nachdenken. Ich gebe lieber fünf Dollar für ein Stück Styropor aus und dann ein paar hundert Dollar für einen Prototypen, als sofort eine Million in Forschung und Entwicklung zu stecken, ohne dass wir das Konzept vorher abgeklopft haben", erklärt Hawkins, der sich neben seinem Tagesjob als Chairman of the Board von Handspring mit einem eigenen Forschungsinstitut (Redwood Neuroscience Institute) über die Arbeitsweise und Vernetzung des menschlichen Gehirns Gedanken macht.

Das Neue in die Welt - also an den Kunden - zu bringen ist Hawkins' Beruf und Berufung. An einem Rechner im Miniformat biss er sich jahrelang fest, bis sein erster Organizer 1996 endlich auf den Markt kam. Auf dem Markt für derlei Innovationen herrscht allerdings qualvolle Enge. Neue elektronische Spiel- und Werkzeuge gibt es regelmäßig und reichlich, in fast schon atemberaubendem Tempo.

Da bringt Apple den iPod heraus, einen Musik-Player mit edler Metall-Plastikschale und simpler Synchronisations-Software. Design-Liebhaber loben ihn, auch wenn technisch gesehen nur eine kleine Festplatte mit Kopfhörer-Stecker dahinter steckt. Mobiltelefon-Hersteller werfen im Halbjahres-Rhythmus neue Geräte auf den Markt, die Farbbildschirme haben und Fotos schießen können. Tastaturen lassen sich aufschieben, aufklappen, hochschieben, seitlich ausfahren. Ist das innovativ oder "geplante Obsoleszenz", um den Produktzyklus anzukurbeln, wie die Branche sagt? Innovation oder modischer Firlefanz?

Die Schwemme in Zahlen: Mitte 2000 zählte der Marktforscher NPD TechWorld allein im US-Markt 67 so genannte Handhelds. Zwei Jahre später war das Angebot auf 106 Modelle angestiegen und der Markt auf 4,6 Milliarden Dollar angeschwollen. Weltweit gingen allein von der Marke Palm seit dem ersten Modell 1996 rund 20 Millionen Stück über die Ladentheken. Im dritten Quartal 2002, dem letzten Zeitraum, für den Gartner Dataquest Zahlen hochgerechnet hat, kauften Verbraucher aus aller Welt 2,5 Millionen Westentaschen-Rechner. Mittlerweile sind es nur wenige große Marken, die in rascher Folge neue Geräte anbieten - von der Billigversion für knapp 100 Euro bis zum Luxusmodell ab 600 Euro. Die Grenzen zwischen Organizer und Handy verschwimmen, ihre Funktionalitäten - Sprache, Text und Bild - nähern sich mit jeder neuen Modellgeneration an, und jeder Flop in einem Bereich ist immer noch ein Schritt nach vom im evolutionären Stammbaum der digitalen Kleingeräte.

Der Verbraucher kauft trotzdem - was ihn genau am Neuen reizt, weiß er vermutlich selbst nicht so genau. Und was betrachten jene Entwickler, Tüftler und Ingenieure, die für den endlosen Reigen an neuen digitalen Werk- und Spielzeugen verantwortlich sind, als Innovation? " Innovation ist der Quotient aus dem Kundennutzen geteilt durch die Frustration, die ein Anwender mit einem neuen digitalen Gerät durchmacht. Dieser Quotient muss positiv sein", definiert Jeff Hawkins messerscharf.

Der Kundennutzen ist somit der Kern des Fortschritts - ein angelsächsisches Innovatoren-Leitbild. Was sich nicht ohne Ärger benutzen lässt, kann technisch noch so ausgefeilt sein, sagt der kalifornische Unternehmer, es ist nicht innovativ. "Mobiltelefone sind wirklich innovativ gewesen, weil sie Technologie unters Volk gebracht haben wie kein anderes Computer-Produkt. Was von mehr als einer Milliarde Menschen benutzt wird, ist ein Vorbild für alle", sagt Hawkins.

Seine Definition des Neuen richtet sich am Mehrwert aus, den neue Funktionen schaffen. Unterm Strich muss zusätzlicher Nutzen übrig bleiben, der nicht durch einen erhöhten Bedarf an technischer Unterstützung oder Kundendienst wieder aufgefressen wird. Darin eingeschlossen sind sowohl Berater für Hardware als auch das Call Center eines Mobilanbieters, das sich mit verwirrten Kunden herumschlagen muss, die vergessen haben, wie man eine SMS eingibt oder seine Sprachnachrichten abruft.

Simplifizierung, das bewusste Weglassen ist für Hawkins ein Schritt nach vom. "Es kommt darauf an, dass ein neues Gerät in den Funktionen, die es hat, wirklich gut ist, dann ist auch der Mehrwert für den Nutzer höher. Man muss nicht die gesamte Leistungskraft eines PCs in ein Handheld packen, um innovativ zu sein", sagt der Palm-Pionier in einem Seitenhieb auf die Konkurrenz Pocket PC von Microsoft, die Textverarbeitung, Tabellenkalkulation & Co. in ein Multifunktions-Handy pfercht. "Menschen haben die seltsame Angewohnheit, von Funktionen, die sie nie brauchen, magisch angezogen zu werden. Warum sonst würde ich mir einen Videorekorder mit fünf Köpfen aufschwatzen lassen, wenn ich nicht einmal weiß, dass mein alter Kasten drei hatte und wunderbar funktioniert?"

Hawkins rührt natürlich die Werbetrommel, wenn er sein jüngstes Produkt - einen PDA mit eingebautem Handy namens Tréo - als gelungene Reduktions-Kombination anpreist. Das Gerät mit aufklappbarem Klarsichtdeckel hat eine vollständige Mini-Tastatur, die einer Handy-Tastatur deutlich überlegen ist.

Ein ausgewachsener Computer für die Hosentasche ist der Tréo jedoch nicht - und will es auch nicht sein. " Viele Dinge werden ausprobiert und wieder fallen gelassen, etwa Steckmodule für diese oder jene Erweiterung, wie wir sie am Anfang hatten. Aber ich bin überzeugt, dass in ein paar Jahren die Hälfte aller Mobiltelefone eine vollständige Tastatur haben wird", sagt Hawkins. Sein Argument für ein herkömmliches Schreibmaschinen-Keyboard als kommender Standard überrascht umso mehr, weil der Tüftler jahrelang für seine Palm-Schrifterkennung namens Graffiti kämpfte. Dabei schreibt der Nutzer auf einem Bildschirm vereinfachte Buchstaben, die die Maschine erkennt. " Menschen haben nichts dagegen, etwas Neues zu lernen. Auch das kann Innovation sein", sagt Hawkins zu seiner Kunstschrift, die sich zu einem der Standards für mobile Texteingabe entwickelt hat.

"Innovation definiert sich durch die Kunden. Für mich ist es die Befriedigung latent vorhandener Bedürfnisse der Verbraucher, die man durch den technischen Fortschritt und Erfindergeist erst zu Tage fördert",

sagt Peter Skillman, ein weiterer Palm-Veteran, der bei Handspring für Hardware-Entwicklung zuständig ist. Am liebsten zerlegt er neue Geräte der Konkurrenz, zählt die Bestandteile und berechnet, wie aufwändig die Montage ist.

Der Schlüssel für gute Innovation liegt für ihn in der gründlichen Beobachtung der Benutzer. "Nehmen wir ein simples Beispiel: die Intervall-Schaltung bei Scheibenwischern. Menschen passen sich Situationen so gut an, dass wir bei den ersten Autos die Wischer alle paar Sekunden ein- und ausgeschaltet haben, wenn es nur wenig regnete. Bis ein Ingenieur das sah und mitdachte."

Solche alltäglichen Erfahrungen werden in gute Produkte integriert. "Es geht um einen Prozess des aufgeklärten Versuch und Irrtums. Das ist den Grübeleien eines einsamen Genies überlegen." Eine wirklich innovative Technologiefirma muss das freie Spiel mit neuen Varianten zulassen und ermutigen.

Frauen, da ist Skillman sicher, sind ein entscheidender, aber oft übersehener Faktor bei dieser schrittweisen Weiterentwicklung. "Die meisten von uns Designern und Ingenieuren sind von den Endnutzern hoffnungslos entfernt. Gerade Frauen lassen sich mehr Zeit, neue Funktionen und Features zu entdecken. Weibliche Nutzer sind ein Realitäts-Check für unseren Ingenieurseifer." Wer alles Mögliche in ein neues Gerät hineinpackt, begibt sich in die " Schweizer-Messer-Falle", sagt der Ingenieur.

Es geht auch anders, wenn man sich von jeglichen Vorbildern - ob Handy oder PC - lossagt. Ein Beispiel ist die Firma Danger in Palo Alto. Gegründet von Entwicklern und Tüftlern, die vorher bei Apple und Sony oder Pleite-Firmen wie Excite@Home (Breitband-Internetzugang über den Fernseher) und General Magic (Handschrift-Erkennung) an Neuem bastelten, hat das 60-Mann-Unternehmen im Herbst 2002 ein Gerät auf den Markt gebracht, das einstimmig als innovativ gehandelt wird: den so genannten Hiptop. Ein PDA, der zunächst nur anders aussieht: Die Tastatur wird von einem Bildschirm verdeckt, der sich bei Bedarf auf der Längsseite nach oben schieben lässt. Das Besondere ist die leichte Bedienbarkeit: Gesteuert wird der Hiptop allein mit vier großen Knöpfen und einem Rädchen.

"Innovation ist die Fähigkeit, ein technisches Problem so pragmatisch und gründlich wie möglich analysieren zu können, ohne sich von technischen Erblasten oder bestehenden Konzepten, die jeder als Gott gegeben betrachtet, am Nachdenken hindern zu lassen. Aus dieser Freiheit erwächst die Kreativität, um etwas wirklich Elegantes und Nützliches zu entwerfen." Joe Britt, Chief Technology Officer, Danger Inc.

"Wir hatten das große Glück, dass wir keine Erblasten mit uns herumtrugen", sagt der 33-jährige Cheftechnologe Joe Britt. "Wir hatten weder eine Palm- oder PDA-Erbschaft zu schützen, noch kommen wir aus der Handybranche. Bei beiden klammert man sich sonst an das traditionelle Rechteck und irgendeinen Klappvorgang wie bei einem Brillenetui. Das engt die kreative Freiheit ein. Wer nur einen Hammer als Werkzeug hat, der wird immer nur einen neuen Nagel erfinden." Für ein Gerät, in erster Linie für Instant Messaging, eMail und Browser-Dienste gedacht, wäre diese Beschränkung keine gute Ausgangslage. "Stattdessen hatten wir Design-Wünsche, für deren Umsetzung wir bei null anfingen."

Tüftler aus fünf Disziplinen warfen ihre Ideen in einen Topf: Designer von Hardware und Betriebssystem, Programmierer, Telekommunikations-Profis und Experten für die Backend-Infrastruktur, um den Datendienst am Laufen zu halten. Die Vorgabe eines Preises von 199 Dollar, der deutlich unter fast allen anderen web-fähigen Mobilgeräten liegt, war eine der wenigen festen Vorgaben. Der Hiptop ist bislang nur in den USA über die Telekom-Tochter T-Mobile erhältlich und wird im Laufe dieses Jahres in Europa herauskommen. T-Mobile subventioniert (wie so oft bei Handys) einen Teil der Gerätekosten - und setzte dank der vereinbarten 60000 Stück Mindestabnahme durch, dass in letzter Minute aus einem reinen Datenspielzeug ein Handy wurde. " Geplant war das nicht, und das merkt man auch", verteidigt Britt die hastige Integration eines Mobiltelefons, das sich nur mit Ohrstöpsel wirklich benutzen lässt.

Dennoch wird der Hiptop gelobt, weil er sich radikal vom drögen Aufklapp-Standard der Handy-Industrie und dem Fokus aufs Telefonieren gelöst hat - ohne dabei ein reines Manager-Werkzeug zu werden. "Eine geräumige Tastatur und ein großer Bildschirm waren die beiden wichtigsten neuen Elemente. Aufgrund des niedrigen Preises gibt es natürlich bei beiden Raum für Verbesserungen", gibt Britt zu. Auch er ist der Meinung, dass Menschen Lust auf Neues haben. Innovativ sein heißt für ihn, eine "Hierarchie der Entdeckungen" zu schaffen. Ein wirklich neuartiges Gerät muss ineinander verschachtelte Überraschungen bereit halten. Zuerst macht man sich mit den mechanischen Funktionen vertraut, etwa mit dem Aufkippen des Bildschirmes und einem Drehrad für die Navigation. Dann entdeckt man, dass man das Rad auch als Taste drücken kann, dass es frei einstellbare Abkürzungen gibt. " Wenn ein Endverbraucher sich Schritt für Schritt hineinfinden kann, ist der Schreck neuer Funktionen weniger groß."

Eine solche Pyramide der Überraschungen, verpackt in elegantes Design ist eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für Innovation: "Der iPod ist ein brillant umgesetztes Konzept, was Benutzeroberfläche und Speichermenge angeht. Aber wirklich innovativ, nein, das ist er nicht. Dabei muss man nicht einmal eine neue Kategorie erfinden. Es reicht, wenn man eine bestehende um entscheidende Funktionen erweitert", kritisiert Britt den MP3-Player von Apple. Ein Beispiel sind für Britt digitale Videorekorder von TiVo oder Replay, die Live-Fernsehen auf einer Festplatte aufzeichnen und zeitversetzt wiedergeben können, noch während die Aufnahme läuft. In die Feinheiten des Systems muss sich ein Benutzer auch erst einarbeiten - aber der Zugewinn an Funktionalität ist reiner Mehrwert, wie ihn Palm-Pionier Hawkins fordert.

Innovation ist die Fähigkeit, aus vertrauten Dingen und Anwendungen angenehme Überraschungen zu schaffen, die entweder technisch brillant oder anwenderfreundlich sind." Tim Parsey, Chefdesigner Mobiltelefone bei Motorola

Wie kommt man wieder an die Spitze des Innovationszugs, wenn man ihn jahrelang verpasst hat? Diese Frage muss sich Timothy Parsey gefallen lassen. Der gebürtige Engländer war unter anderem fünf Jahre Leiter des renommierten Industrial Design Studios von Apple und entwickelte einen Drucker und eine digitale Kamera, die heute im Museum of Modem Art in New York stehen. Der Mann kennt die gelungene Verschmelzung von Form und Funktion in immer neuen Varianten. Seit 2001 ist Parsey Herr über ein gut hundertköpfiges Team beim Handy-Pionier Motorola, um mit dessen Nachzügler-Image aufzuräumen. Die Firma aus Illinois erfand das Mobiltelefon Anfang der achtziger Jahre, ist aber in der Kundenmeinung, nicht zuletzt aufgrund kryptischer Bedienerführung und langweiligen Designs auf den fernen zweiten Platz hinter Nokia abgerutscht. Seit 1996 hat Motorola weltweit zwei Drittel seines Marktanteils eingebüßt und ist von 51 Prozent im September 2002 auf unter 15 Prozent abgerutscht. Sein letzter Hit war das Mini-Handy namens StarTAC, das 1996 auf den Markt kam.

Heute betrachtet kaum jemand den Telefonriesen als Hochburg der Innovation, schon gar nicht als Hort der Spiel- und Experimentierfreude. Parsey soll das ändern. Sein erster Streich ist ein kleines Handy namens V70, das sich aufschieben lässt wie ein japanischer Fächer. Für den Engländer ist das neue Format allein bereits Innovation. Wie das? Parsey sieht Neuerungen in zwei Dimensionen, einmal bei der Technik und bei der " Verbraucher-Erfahrung". Wer auf beiden Ebenen Neues entwickelt und kombiniert, argumentiert er, kann eine reiche Ernte einfahren. Bei Handys sei Innovation bereits über die ersten zwei Phasen hinaus: funktionierende Technologie und üppig ausgestattete, pardon: " dekorierte" Geräte.

Platz für Verbesserungen tut sich laut Parsey in der dritten Dimension auf: den Menschen einen komfortablen und vertrauten Umgang zu ermöglichen. "Wir stehen an der Schwelle, an der Technologie und Benutzer-Erfahrung wie von Zauberhand miteinander verschmelzen. Alles dreht sich nur noch um den spielerisch einfachen Umgang." Innovation, mit anderen Worten, definiert sich für ihn aus dem Wechselspiel der Technik mit dem Verhalten der Verbraucher, ob als Anstoß oder Reaktion.

Umso schmerzlicher ist es, dass Motorola von diesem Ziel oder auch nur Image weit entfernt ist. "Wir haben die Mobiltelefon-Industrie erfunden. Es wird jedoch dauern, bis wir sie zurückerobert haben. Aber wir sitzen auf genügend verrückten Ideen und Entwürfen, um wieder der Innovator Nummer eins zu sein", formuliert der Handy-Designer vollmundig. Was genau an einem Fächer-Handy so neuartig sein soll, kann er aber auch in einem ausführlichen Gespräch nicht erläutern. Es wimmelt bei ihm von schöngeistigen Ausdrücken wie " sensuellem Genuss", für die er Apple, Sony und Audi bemüht. Bahnbrechende digitale Spielzeuge müssen für Parsey mehrere Voraussetzungen erfüllen: Unterhaltung und Kommunikation verbinden sowie einen " Fummelfaktor" besitzen, bei dem man das Gerät nicht aus der Hand legen möchte; und schließlich ein elitäres Zugehörigkeitsgefühl vermitteln, dass man einer erlesenen Gruppe von Neugierigen angehört. Das Fächer-Handy, ist Parsey sicher, ist ein " klitzekleiner Schritt auf dem Weg zu einer Innovationskultur, die sich durch das Benutzerverhalten definiert."

"Innovation ist, wenn neueste technische features in einem Gerät so vereint sind, dass sie noch einfacher zu bedienen sind." Georg Albrecht, Sprecher Apple Deutschland

Kein Wunder, dass Parsey Apples Entwürfe vom iMac bis zum iPod als wahrlich innovativ wertet. "Sie waren und sind ein Kult. Experimente werden vom ganzen Unternehmen unterstützt, während anderswo die Finanzmanager solche Entscheidungen nicht mittragen würden." Der MP3-Player der Firma etwa ist für ihn unvergleichlich "simpel, genüsslich und intuitiv" zu bedienen. Ob im Gehäuse etwas Neues steckt, ist nicht mehr wichtig, wenn das Verhalten und damit die Schnittstelle Mensch-Maschine an erster Stelle steht.

Apples Designlabor steht auch heute noch unter der Leitung eines Briten, Jonathan Ive, auf dessen Kappe die neuesten, erst bunt, dann weiß und alu-karg gehaltenen Rechner gehen und dessen iMac in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre zur allseits akzeptierten Designvorlage wurde. Schöner als die anderen. Aber neu? Dumm nur, dass Ive und seinem zehnköpfigen Design-Team von Apple verboten wurde, auch nur das grundsätzliche Konzept von Innovation zu diskutieren. Apples deutscher Sprecher Georg Albrecht verrät nur so viel: Spätestens seit der Rückkehr von Steve Jobs 1998 sei in dem Unternehmen alles der Design-Abteilung unterworfen. Bedienerfreundlichkeit habe sich zum absoluten Mantra der Innovation entwickelt. Ideen spricht das Designteam dreimal die Woche in einer zweistündigen Sitzung durch, dann sickern sie bis an die Fertigungsstandorte in Fernost durch. Wenn keine bahnbrechende neue Technik oder Schnittstelle zu entwerfen ist, lässt sich ein neues digitales Gerät wie der iPod innerhalb von neun Monaten konzipieren, entwerfen und auf den Markt bringen.

Die wenigsten Firmen setzen ihre Denkerhaube im Alleingang auf. Eines der Schwergewichte im Entwicklungsprozess ist Ideo aus Kalifornien. Ob Palm Pilot, Rechner für Dell, Drucker für Hewlett-Packard und Apple oder eine digitale Kamera im Scheckkartenformat für Logitech - Ideo hat ihre kreativen Finger in vielen Neuerungen.

Zwei ihrer altgedienten Designer haben ihre Schreibtische in Silicon Valley nicht nur mit allen erdenklichen PDAs und Handys voll geladen, sie denken über die digitale Evolution in allen möglichen Schritten nach, noch bevor ein Kunde mit einem Wunsch an sie herantritt. "Die Vision muss einfach sein, mit wenigen klaren Linien. Und die richten sich nach dem, was der Verbraucher will", erklärt Dennis Boyle.

Die innovativen Wünsche des Kunden - etwa eines Hardware-Herstellers oder eines Mobilfunkanbieters - sind nicht immer identisch mit dem, was der Nutzer sich wünscht. "Wenn man sich den Tréo ansieht", spricht Boyle über eines seiner jüngsten Projekte, "ist klar, dass man technisch keinen Antennen-Stummel braucht. Aber andererseits wussten wir, dass die Leute sehen wollen, dass sie ein Handy im Organizer haben. Also blieb die Antenne." Ein Blinddarm zum Festhalten, damit das Neue nicht allzu sehr irritiert, ein Zitat des Bewährten, auch wenn es nicht mehr nötig ist. Aber trotzdem wichtig.

Denn echter Fortschritt hängt für Boyles Kollegen Rickson Sun davon ab, wie sehr man sich auf das Verhalten der potenziellen Kunden einstellt. "Die Verbindung aus Terminkalender, Adressbuch und Kommunikation in Schrift und Sprache ist relativ einsichtig. Deswegen sind Tastaturen und Sprachsteuerung ein Schritt nach vom", sinniert er über PDAs von morgen. Andere Paarungen seien machbar, aber nicht sinnvoll: "Ich brauche keine Musik oder ein Radio in meinem Handy. Und ob Leute Schnappschüsse als Form der Kommunikation, also Picture Mail, betrachten, wird sich erst noch zeigen. Man kann aber durchaus argumentieren, dass es eine wichtige Anwendung ist, um sich mitzuteilen, zu orientieren und zu erinnern." >

Für den Technologie-Experten Rickson Sun entsteht Neues in dem Spannnungsfeld aus Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Begehrlichkeit. Je weiter vorangeschritten die Technik ist, desto wichtiger wird unternehmerisches Geschick und die Begierde der Verbraucher. "Nehmen wir Handys. Wenn ich mir heute ein neues Modell hole, wird es wohl funktionieren. Aber die Erfahrung, die ich mit einem Anruf beim Kundendienst mache, ist integraler Bestandteil der neuen Technik geworden. Das geht weit über das reine Design hinaus."

Die Gewichtung der drei Faktoren wird je nach Firma und Gerät unterschiedlich ausfallen. Bei Apple zählt mehr das Image, bei Danger steht mehr die Finanzierbarkeit eines neues Datengerätes mit Flatrate-Abonnement im Vordergrund - denn bei aller Funktionalität soll der Spaß durch feste Gebühren auch kalkulierbar sein.

Dabei lassen sich alle möglichen Neuerungen durchspielen, solange sie menschlichem Verhalten entgegenkommen. Schreiben etwa ist eine zutiefst menschliche, soziale Tätigkeit, und deshalb haben Geräte mit Handschrifterkennung Zukunft: Palm löst seine digitale Schrifterkennungs-Software Graffiti durch das neue Jot-System ab, das bessere Qualität verspricht. " Selbst in einer Besprechung wird niemand aufschauen, wenn man mit der Hand Notizen macht. Aber wer anfängt zu tippen, wird auf komische Blicke gefasst sein müssen."

"Von Innovation kann man erst sprechen, wenn man auf drei Probleme eine gute Antwort geben kann: Idee, Implementierung und Bedarf. Wenn eines der drei Elemente, fehlt, sind Innovationen oft unnötig oder unpraktisch." Roby Stancel, Ideo Deutschland

Die Wahrnehmung, was innovativ ist, schwankt zudem von Kontinent zu Kontinent. Während US-Firmen mehr auf die schnelle, profitable Umsetzung neuer Ideen setzen und so einen Markt-Sog schaffen, sehen Kenner beider Seiten des Atlantiks wie Ideos Münchner Statthalter Roby Stancel zu viel Technikverliebtheit in Deutschland. "Hier muss alles perfekt sein. Jeder Knopf, jedes Gehäuse. Fast jeder fühlt sich wie ein Ingenieur, oder er ist sogar ein Ingenieur. Das wirkt sich auf neue Geräte und neue Merkmale aus."

Als Beispiel verweist Roby Stancel auf die fast unmögliche Herausforderung, einen weltweit verkäuflichen Staubsauger zu entwickeln. Für Japaner und Europäer zeichnet sich ein modernes Modell dadurch aus, dass es leise ist, einen Schlauch und ein kleines Gehäuse hat. Auf dem US-Markt hingegen muss ein wirklich innovatives Gerät groß sein, am besten aufrecht stehen und Bürsten haben. Es darf auch ruhig laut sein. " Sonst", sagt Stancel, "glaubt einem niemand, dass es funktioniert."

Evolution und Innovation lässt auch in der digitalen Welt Steißbeine und Blinddärme übrig.

Zeitleiste zum Text:

1983: Motorola führt das erste Mobiltelefon-System namens DynaTAC auf dem Markt ein.

1987: Nokia stellt das erste tragbare Mobiltelefon namens Cityman vor.

1987: Psion und Sharp bringen erste Organizer heraus.

1992: Jeff Hawkins gründet Palm Computing.

1993: Apple bringt das Newton Messagepad auf den Markt.

1996: Der Palm 1000 und 5000 kommen auf den Markt.

1996: Motorola bringt das bislang kleinste Handy der Welt, das StarTAC, heraus.

1996: Microsoft führt Windows CE für tragbare Geräte ein.

1997: Palm Pilot Professional, der erste PDA mit beleuchteter Anzeige.

1998: Palm III, der erste PDA mit Infrarot-Schnittstelle zur Datenübertragung. Jeff Hawkins gründet Handspring.

1998: Apple gründet Netwon Inc. aus und stellt die Fertigung des Newton ein.

1998: Nokia verkauft jährlich erstmals mehr als 40 Millionen Mobiltelefone und überholt Motorola als größter Handyhersteller der Welt.

1999: Palm V und Palm Vx sowie der erste drahtlose Palm VII kommen auf den Markt.

1999: Research in Motion (RIM) bringt den für Unternehmenskunden gedachten BlackBerry PDA mit konstantem Netzzugang auf den Markt.

1999: Handspring bietet mit dem Visor den ersten Palm-Clone mit Steckplatz für Erweiterungsmodule an.

2000: Palm IIIc, Handspring Prism und der Sony Clié sind erhältlich - die ersten Organizer mit Farbbildschirm.

2000: Microsofts Pocket PC löst Windows CE ab.

2001: Palms neue Modellreihe ml05, m500 und m505 löst die Bestseller Palm V und Vx ab. Austauschbarer Speicher dank Standard SD-Steckkarte.

2001: Handspring bringt seine Handy-Palm-Kombination namens Tréo heraus.

2002: Danger Inc. bringt den Hiptop auf den Markt, ein PDA mit konstanter Internet-Verbindung für den Massenmarkt.

2002: Microsofts Smartphone mit Pocket-PC-Betriebssystem kommt mit Anbieter Orange auf den Markt.

Ein Stammbaum aller Palm-PDAs: http://www.deeptec.com/palmevolution/palmtree.html

Buchtipp: Andrea Butter, David Pogue: Piloting Palm. Wiley, New York, 2002; 336 Seiten