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Allgemein-Plätze

Jon Jerde (Foto) ist der weltweit erfolgreichste Architekt für Einkaufs- und Erlebniszentren. Seine Visionen begannen beim Menschen – und endeten beim Shoppen.




Jener verspielt-träumerische Zustand der Schwerelosigkeit, den man Kindheit nennt, muss für Jon Adams Jerde eine ziemlich finstere Erfahrung gewesen sein. Mit einem Vater, der sein Geld als Konstrukteur von Ölförderanlagen verdiente, und einer Mutter, die zu viel trank, tingelte die Familie jahrelang von Ölfeld zu Ölfeld durch den Südwesten der USA. Für Jon, der 1940 in Alton, Illinois, geboren wurde (was allein von dokumentarischer Bedeutung ist, da die Jerdes Alton nach drei Tagen wieder verließen), hieß das: keine vertrauten Plätze, keine Heimat, keine Freunde. " Wir waren Ölfeld-Müll", blafft er, "blown in and out of town." Manchmal, wenn der Junge Glück hatte, ließen ihn die Ölarbeiter an Wochenenden allein zwischen dem Bohrgerät spielen. Mitunter vertrieb er sich die Zeit, indem er aus Resten von Baumaterialien Fantasy Cities zusammensetzte: Metropolen, in denen das Leben irgendwie fröhlicher, besser, intakt war. Orte, an denen Jon gem. groß geworden wäre. Idealstädte.

All das ist schon mehr als 50 Jahre her, doch Jon Jerde hat bis heute nicht aufgeholt, Städte der Phantasie zu erfinden. Im Gegenteil: Er ist damit groß geworden, Plätze zu entwerfen, wie er sie selbst nie gehabt hat. Es war Mitte der achtziger Jahre, als er mit der Horton Plaza in San Diego erstmals ein Shopping- mit einem Entertainment -Zentrum kreuzte und einen Klon schuf, der heute in verschiedenen Formen bis in die letzten Winkel der Welt vorgedrungen ist. "Jerde hat ganze Regionen nach seinen Ideen programmiert", sagt sein Feind und Bewunderer, der niederländische Stararchitekt Rem Koolhaas. "Der Mann hat einen unglaublichen Einfluss auf unsere Städte. Von so viel Bedeutung und Möglichkeiten träumen andere Architekten." Welcher Baumeister kann schon von sich behaupten, dass seine Bauten Jahr für Jahr von mehr als 500 Millionen Menschen besucht werden? Wer (außer ihm) hat es geschafft, auf sämtlichen Kontinenten (mit Ausnahme der Antarktis) seine Spuren zu hinterlassen?

Und: Welcher Architekt ist so einflussreich und dennoch so unbekannt? Außerhalb der Branche weiß kaum jemand etwas mit seinem Namen anzufangen - und innerhalb wird er nicht ernst genommen, weil er nur Gebrauchsarchitektur konstruiert. Jerde wiederum kontert, die Meinung der elitären Konkurrenz sei ihm egal - mal ganz abgesehen davon, dass er sich nicht als Architekt verstehe: " Ich gehöre nicht zu diesem Ego-Business, ich bin ein Designer", raunzt der 62-Jährige und lässt sich in eines seiner Ateliersofas sinken. Der größte Bauplaner der Welt spricht langsam, er nuschelt und, seit er bei einer Projekteröfnung in Asien vom Podium gestolpert ist, humpelt er. Jerde sieht älter aus als Anfang 60, doch wenn er grinst, wirkt er mit seinen blauen Augen, gestreiften Hosenträgern und dem akkuraten Scheitel plötzlich wieder wie ein schlitzohriger Zwölfjähriger, der hinterm Rücken eine Zwille versteckt.

"Experience makes the place" -zu Hause ist, wo man Spaß hat

Der Spielplatz dieses großen Jungen ist ein dreistöckiger angegrauter Bürobau direkt am Venice Beach. Im Erdgeschoss stecken ein Surfercafe, ein Souvenirshop und ein schmuddeliges Tattoo-Studio. Die beiden oberen Stockwerke aber leuchten. Die Pazifiksonne brandet durch die weitläufigen, weiß gestrichenen Lofts und fängt sich in Wänden, die voller Entwürfe und Projektpläne hängen. Knapp 100 Architekten, Modellbauer und Sekretärinnen zeichnen, scribbeln und formulieren hier nach Jerdes Ideen. Wenn sie aus dem Fenster schauen, blicken sie direkt auf gebräunte Jogger am Strand und den graublauen Ozean. Jerde sieht von all dem nichts. Der Vater von fünf Kindern residiert in einer abgedunkelten, fensterlosen Zelle im Herzen des Hauses, voll gestopft mit Buddhastatuen, Wasserpfeifen, asiatischen Devotionalien, Bildbänden und antiken Sofas. Ein magisches Refugium. Es ist eine Gegenwelt, die Jerde für sich geschaffen hat und die nichts mit jener zu tun hat, die er für andere entwirft. Nichts von dieser Welt dringt in sein Büro. Nichts verbindet sie mit der Außenwelt außer seinen kraftvollen Skizzen, die sich draußen in sehr viel Geld verwandeln.

Auf diesen Skizzen ist fast immer eine lockere Agglomeration von Geschäften und Restaurants, Büros und Kinos, Light Shows und Wasserspielen zu sehen, die sich um eine zentrale Plaza gruppieren wie Lämmer um einen Futterplatz. Es ist eine helle Welt, klar und überschaubar. Und immer ist sie voller Buntstiftmenschen, die fröhlich dinnieren, flanieren und konsumieren.

Genau darum geht es Jerde. "Experience makes the place" ist sein Mantra, sein Erkennungsund mittlerweile auch eingetragenes Warenzeichen, das sich nur schwer übersetzen lässt, aber im Prinzip darauf hinausläuft, dass man sich dort wohl und zu Hause fühlt, wo man eine Menge Spaß gehabt hat. Jerde hat das klassische Spiel der Architekten einfach umgedreht, er interessiert sich nicht für pompöse Büros, glamouröse Warenhäuser, markante Hotels oder Kinos, sondern um den Platz zwischen ihnen. Selbstverständlich entwirft er auch die Läden, Kinos, Hotels und Büros drumherum, schließlich lässt sich mit Zwischenräumen kaum Geld verdienen. Aber seine Mission ist das Placemaking, wie er seinen Job nennt - die Erfindung jener Orte, an denen Menschen sich treffen, kennen lernen, unterhalten können. Diese Vision treibt ihn seit Jahren um.

"Der öffentliche Sektor hat vor langer Zeit aufgehört, den öffentlichen Raum zu gestalten", proklamiert Jerde, "also habe ich mich des architektonischen Drecks - der Warenhäuser, Waschcenter, Tierkliniken und Tankstellen - angenommen, um wieder Plätze für Gemeinschaften zu kreieren." Dieser Dreck ist seine Hardware. Die dazugehörige Software lockt Jerde, indem er ihr etwas zum Kaufen anbietet. "Shopping" sagt er, "ist die Sucht der Amerikaner. Shopping Malls sind der einzige Ort, an dem sie sich heutzutage noch treffen." Doch wie hält und unterhält man sie dort? "Ganz einfach: Mit Komplexität." Der Horton Plaza, seinem ersten eigenen Projekt, injizierte er Komplexität, indem er Läden, Kinos, Büros und Restaurants zu einem kommerziellen Klumpen und den zu einer Mini-Stadt formte -ein Rezept, das in Amerikas urbaner Wüste Mitte der achtziger Jahre revolutionär neu war.

Und es funktionierte prächtig. Horton Plaza war der Setzling, der die zuvor fast ausgetrocknete Innenstadt San Diegos wieder zum Blühen brachte, indem er allein im ersten Jahr 25 Millionen Besucher anlockte, gefolgt von hungrigen Investoren, die binnen weniger Jahre zweieinhalb Milliarden Dollar in die totgesagte City pumpten. Für San Diego war es die Wiedergeburt, für Jerde der Durchbruch. "Dies ist eines der gefährlichsten Projekte in den USA, weil es aller Wahrscheinlichkeit nach enorm populär sein wird", prophezeite damals ein Architekturkritiker - wobei sein einziger Irrtum darin bestand, anzunehmen, dass sich die Popularität auf die USA beschränken würde. Tatsächlich wurde Jerde von Auftraggebern aus aller Welt überrannt. Er hielt die Lösung für ein Problem in der Hand, mit dem sich viele Städte herumschlugen. In Rotterdam baute Jerde die Shopping-Arkade Beursplein, in Kairo die Mall of Egypt, in Buenos Aires den Paseo Alcorta, in Budapest das West End City Center, im japanischen Fukuoka die 1,4 Milliarden Dollar teure Canal City sowie Dutzende weitere Urban Entertainment Center in aller Welt. UECs, wie Jerde sie abkürzt, reiften in kürzester Zeit zum feuchten Traum von Immobilienentwicklern in aller Welt. Und es gibt kaum jemanden, der diesen Traum so schnell, so professionell und so reibungslos Wirklichkeit werden lässt wie Jerde Partnership International in Venice Beach, USA. Aktuell arbeitet das Büro

Die große Jerde-Monografie: Ray Bradbury (u. a.): You are here. Phaidon Press, 1999; 240 Seiten; 77,08 Euro

Weitere Literatur:

Chuihua Judy Chung: The Harvard Design Guide to Shopping. Taschen, 2001; 800 Seiten; 45 Euro

Max Hollein (Hrsg.): Shopping. Kunst und Konsum im 20. Jahrhundert. Hatje/Cantz, 2002; 270 Seiten; 39,99 Euro

an 50 oder 60 Projekten in Europa, Asien und den USA, die so verstreut und so komplex sind, dass nicht einmal der Chef ihre exakte Zahl weiß.

"Wir werden dafür bezahlt, als urbane Chirurgen etwas zu reparieren, was kaputtgegangen ist", erklärt Jerde und lässt keinen Zweifel daran, dass er sich die Operation jederzeit an jedem Patienten der Welt zutraut. Sein vorerst am weitesten reichender Eingriff: die Mall of America in Blooming-ton, Minnesota, Amerikas größtes überdachtes Einkaufszentrum inklusive Freizeitpark, Hochzeitskapelle und High School. Es ist ein Ort, an dem man außer Geboren werden und Sterben problemlos ein ganzes Leben verbringen kann. Es ist der Platz, an dem Jerde seine "Ich shoppe, also kommuniziere ich"-Philosophie am konsequentesten umgesetzt hat. Und es ist, wie fast alle seine Projekte, ein wirtschaftlicher Erfolg: Mit rund 40 Millionen Besuchern pro Jahr zieht die Mall of America mehr Menschen an als Disney World, Graceland und der Grand Canyon zusammen.

Die Frage ist nur: Wie viele Urban Entertainment Center braucht die Welt? Und: Bilden Menschen bereits eine Gemeinschaft, wenn sie denselben Film sehen und einen ähnlichen Hotdog essen? Rem Koolhaas, der Jerde im " Harvard Design School Guide to Shopping" ein ganzes Kapitel widmet, bezweifelt das. "Ich bewundere Jerdes Konstanz und seine Strategien. Er hat Visionen von Einkaufsstädten, und er verwirklicht sie auch", erklärt der niederländische Architekt. "Aber ich habe ästhetische und kulturelle Vorbehalte. Diese Fixierung auf pures Shopping missfällt mir. Sie ist überholt."

Jerde, der mit dem stets in Schwarz gekleideten Prada-Planer eine langjährige Intimfeindschaft pflegt ("Allein der Gedanke, dass es mich gibt, macht ihn rasend"), fühlt sich missverstanden. "Mir geht es nicht um Shopping", beteuert er, aber natürlich müsse irgendjemand das Ganze bezahlen, und Kapitalgeber seien nun einmal nicht an Erlebnissen, sondern an Renditen interessiert. Die meisten seiner Kunden bestünden aus "durchschnittlichen, marktorientierten Investoren. Man muss erst einmal down and dirty werden, bevor die einem die Möglichkeiten geben, auf die man hofft."

Down and dirty heißt: Den Geldgebern zeigen, wo die Geldquellen stecken, wie sie sich anzapfen lassen und wie man sie am Sprudeln hält. Nichts ist leichter für Jerde. Er kann Interessenten vorrechnen, dass Menschen in der Horton Plaza im Schnitt 25 Minuten länger verweilen als die durchschnittlichen 80-Minuten-Käufer in herkömmlichen Shopping Malls - und es dann den Immobilienhaien überlassen, höhere Aufenthaltsdauer in höhere Umsätze, höhere Mieten und höhere Renditen umzurechnen. Er braucht nur Mall of the America zu sagen, und sie verstehen. Oder er kann mit ihnen zum Universal City Walk brausen, einem Shopping- und Entertainmentzentrum, das er 1993 vor den Toren der Universal Studios in Los Angeles errichtet hat.

Orte wie ein Dolby-Filter, der dem Leben die Höhen und Tiefen nimmt

Aus der Luft betrachtet, wirkt der City Walk wie eine Film-Westernstadt: imposante Fassaden, dahinter dürre Gerüste. Doch am Boden erinnert er an eine Kirmes. Ein Rundgang über diesen Jahrmarkt ist wie ein leichter Rausch: Er führt vom Universal-Parkhaus, für dessen Nutzung acht Dollar zu entrichten sind, vorbei an diversen Kinos, Imbissen, Freiluftrestaurants, einer Bowlingbahn, dem unvermeidlichen Hard Rock Cafe und Terrassen, an deren Rändern Messingschilder freundlich daraufhinweisen, dass "diese Sitzplätze ausschließlich den Besuchern unseres Restaurants vorbehalten sind", bis zum Eingang der Universal Studios. Überall überzeichnete Formen, flimmernde Neonreklamen, der Geruch von Fett und Fritten und ein nie verstummender Soundtrack aus Fahrstuhlmusik. Das ist Shopping meets Disneyland, eine seltsame Kombination aus totaler Übersättigung und grenzenloser Leere. "Der City Walk", schrieb der Stadttheoretiker Mike Davis, Autor der L-A.-Studie "City of Quartz", " ist das Architektur-Äquivalent zur Neutronenbombe: Eine Stadt, der alle lebendigen Erfahrungen fehlen."

Als vor einiger Zeit der Verdacht aufkam, der City Walk werde nachts von Gangs als Treffpunkt genutzt, reagierte das Center-Management umgehend: "Versammlungen in größeren Gruppen" wurden genauso untersagt wie "unnötiges Herumstarren". Wer sich verdächtig machte, wurde vom privaten Sicherheitsdienst entfernt. Ebenso musste, wer seine Baseballkappe verkehrt herum trug, sie umdrehen oder die Plaza verlassen. Ergebnis: Binnen Wochen war das Problem gelöst. Auf diese Weise erfüllen Urban Entertainment Center das Bedürfnis nach Kontrolle: Hinter jedem Retorten-Ort entscheidet ein unsichtbarer Beauftragter eines Investors, wer was wie präsentieren, verkaufen und erleben darf. Es ist wie ein Dolby-Filter, der sich über das Leben legt: Plötzlich ist das unangenehme Rauschen weg, aber mit ihm auch die Höhen und Tiefen.

Gerade ihre kommerzielle Eindimensionalität macht Jerdes Allgemeinplätze so attraktiv. Den Investoren versprechen sie sichere Renditen, den Stadtvätern eine Belebung ihrer toten Innenstädte und höhere Steuereinnahmen, den Ladenbesitzern überdurchschnittliche Umsätze und den Besuchern professionelles, risikoloses, erprobtes Entertainment. "Mit echten Erlebnissen", bemerkte ein Architekturkritiker, "haben Jerdes Projekte so viel zu tun wie ein Zoo mit dem Leben in der Wildnis." Der Vergleich stimmt auch, weil der Weg zu einem Erlebnis bei Jerde unweigerlich an einer Kasse vorbeiführt. Für jemanden ohne Geld ist der City Walk ähnlich beglückend wie ein Abend in Harry's Bar für einen mittellosen Alkoholiker.

Natürlich kennt Jerde die Vorwürfe, es sind immer die gleichen: Konsumfixierung, Inhaltsleere, Kommerzarchitektur. Der Architekt, der keiner sein will, kontert mit Besucherrekorden, Umsatzrenditen und der Tatsache, dass "niemand in der Branche so viel verdient wie wir. Niemand, sage ich Ihnen."

Abends, wenn die Trödler am Venice Beach ihre Tapeziertische einpacken, gleitet Jerde mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage, setzt sich in seinen metallickblauen Mercedes SL und fährt über den Highway nach Santa Monica, bis vor das Tor einer alten Villa. Es ist ein großzügiges Haus aus Feldsteinen und weiten Fensterfronten, beheizt von Kaminen und umgeben von alten Bäumen, Sträuchern und einem grünen Park. Es ist das Zuhause von Jon Jerde und seiner vierten Frau und so weit von seinen virtuellen Einkaufswelten entfernt, wie es nur möglich ist. "Ich hasse Shopping", sagt er gähnend und wirkt dabei wie ein alter Boxer, der weiß, aus welcher Richtung die Schläge kommen, aber zu müde ist, um sie noch zu parieren. "Doch wer heute das Gesicht unserer Städte ändern will, muss der Beste in Shopping-Architektur sein. Shopping ist eine Industrie wie die Autoindustrie. Wenn ich mit einer Miniserie von fünf Kleinwagen auftauche, hört niemand auf mich. Aber als Gigant werde ich wahrgenommen. So sind nun mal die Spielregeln."

Tatsächlich hat Jerde dieses Spiel gespielt wie kein anderer, es hat ihn reich und mächtig gemacht - und doch gehört er heute selbst zu den Verlierern. Shopping war sein Trojanisches Pferd, das ihm das Tor zu den Herzen der Menschen öffnen sollte. Nun lässt es ihn nicht mehr los, es verfolgt ihn, auch wenn er immer wieder beteuert, die Menschen interessierten ihn "nicht als Konsumenten, sondern als Bürger, die zusammen eine Gemeinschaft bilden."

Vielleicht ist es das gleiche Problem wie in den Fantasy Cities seiner Kindheit: Sie sind perfekt, aber irgendwie fehlt das Menschliche.