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Zick-Zack

Partner können einen ruinieren. Der Nähmaschinenhersteller Pfaff hat das leidvoll erfahren müssen. Und versucht jetzt eine Vernunftehe.




Stellen Sie sich vor, Sie leben über eine Dekade lang am Abgrund. Und immer wenn Sie denken: Es kann nicht schlimmer kommen - kommt es noch schlimmer. Das ist die Geschichte des Nähmaschinenbauers Pfaff aus Kaiserslautern, eine der großen deutschen Traditionsfirmen. Gute 125 Jahre lang war die Firma vom Erfolg verwöhnt. Dann wuchsen die internen Probleme, die deutsche und die europäische Textilindustrie trudelten in eine Flaute, die Konkurrenz aus Asien nahm zu. Eigentümer, Management und Belegschaft hofften auf Hilfe durch starke Partner. Und das Drama begann.

Der Anfang vom Ende

"Was wir hier seit Ende der achtziger Jahre erlebt haben, kann sich keiner vorstellen." Kurt Sauer, technischer Direktor bei Pfaff, muss es wissen. Er ist seit 46 Jahren im Unternehmen. "Wir haben tolle Zeiten erlebt und mitgestaltet. In den siebziger und achtziger Jahren waren wir Marktführer in vielen Bereichen. Die Pfaff-Entwickler waren der Konkurrenz oft eine Nasenlänge voraus. Wir haben beispielsweise die erste ölfreie Nähmaschine auf den Markt gebracht. Damals arbeiteten in Kaiserlautern ungefähr 6000 Leute, weltweit über 10000. Bis zu 80000 Maschinen haben wir hier und in unseren Auslandswerken pro Jahr gebaut." Er schaut versonnen auf das historisch anmutende Pfaff-Gelände. Alles wirkt ein wenig übrig geblieben, hat den Charme eines vergangenen Industriezeitalters.

Das solide deutsche Traditionsunternehmen, 1862 von Georg Michael Pfaff gegründet, hört Ende der achtziger Jahre auf, mit der Entwicklung Schritt zu halten. Die Produktion ist veraltet, Marketing und Vertrieb bewegen sich nur langsam, die Entwicklung büßt ihren Vorsprung nahezu ein. Verschiedene Eigner- und Partnerwechsel folgen und geben dem einstmals so stolzen Unternehmen den Rest. 1999 muss Pfaff Insolvenz anmelden.

Daran erinnert sich Sauer mit Grausen: "Ende der Achtziger kaufte sich Wolfgang Schuppli, ein Rechtsanwalt aus Wiesbaden, die Aktienmehrheit zusammen. Pfaff hatte zu diesem Zeitpunkt schon zu kämpfen - der Jahresfehlbetrag 1991 lag bei 18,6 Millionen Mark. Unseren Kunden, den deutschen, amerikanischen und europäischen Textilproduzenten, ging es schlechter, und die wichtigen Ostblockmärkte sind nach der Wende quasi weggebrochen. Dazu kam Schuppli mit seinem Personalkarussell im Vorstand und ohne klare Geschäftspolitik."

Zwischen 1989 und 1993 gehen sieben Vorstandsmitglieder. In der Belegschaft und Branche hält sich hartnäckig das Gerücht, der branchenfremde Schuppli wolle Geld machen und nicht das Unternehmen entwickeln. Dass es noch schlimmer kommen wird, kann sich niemand vorstellen. 1993 verkauft Schuppli seine Anteile an den "undurchschaubaren Ting". Der Hongkonger Geschäftsmann James Henry Ting hält damit mehr als 80 Prozent der Aktien der G. M. Pfaff AG über seine Technologieholding Semi-Tech (Global) mit Sitz auf den Bermudas. Die Pfaff AG ist in den Fängen eines echten Geldhais gelandet.

Das Chaos wächst, und Pfaff ist die Dumme

"Im Aufsichtsrat saßen dauernd neue Leute, Pakistani, Engländer - ein Kommen und Gehen. Auch im Management ging es zu wie im Taubenschlag. Wissen Sie", sinniert Sauer, "das Arbeiten bei Pfaff hat oft viel Spaß gemacht, wir konnten etwas bewegen, zogen an einem Strang und hatten Erfolg. So etwas ist tolles Arbeiten. Aber was seit der Zeit von Ting gelaufen ist, diese Unklarheit, die permanenten Management- und Richtungswechsel, das war zermürbend."

Ende der Neunziger plant Ting die Zusammenlegung von Pfaff mit der amerikanischen The Singer Company. Über seinen verschachtelten Technologie-Konzern hält Ting 51 Prozent der Anteile an Singer und 80,2 Prozent an Pfaff. Ting führt beide Unternehmen: zuerst zusammen, indem er 1997 seine Pfaff-Anteile an Singer verkauft - und dann in die Insolvenz. Führungsqualitäten lässt der Hongkonger weit gehend vermissen, er ist vor allem an Verkaufserlösen interessiert. Und da ist ihm jedes Mittel recht. Über seine Aktienmehrheit zwingt er Singer, ihm das Pfaff-Paket zu einem überhöhten Preis abzukaufen. Dadurch gerät auch Singer ins Schlingern.

Das große Unternehmen behindert die kleinere Pfaff und beschleunigt damit beider Untergang - obwohl sie zusammen der größte Nähmaschinenhersteller der Welt sind. " Wir mussten in Vertrieb und Marketing zurückstecken", erinnert sich der heutige Vertriebs- und Marketingvorstand Werner Gilla, ein alter Pfaffianer, ebenfalls seit 46 Jahren im Unternehmen. "Wo Singer vertreten war, wurde Pfaff hinausgedrängt. Aber die Pfaff-Vertretungen mussten Singer-Produkte mit verkaufen. Diese Strategie war ein weiterer Sargnagel für Pfaff."

Die Ting-Ära endet 1999 mit der Insolvenz. Insolvenzverwalter wird Robert Wieschemann aus Kaiserslautern, auch bekannt als ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender des Fußballbundesligisten 1. FC Kaiserslautern, der heute wegen dubioser Geschäftspraktiken der ehemaligen Führung des Clubs Millionen an Steuernachzahlungen leisten muss. Der neue Boss und Partner bei Pfaff saniert und zerstückelt das Unternehmen. Die Sparte Haushaltsnähmaschinen geht im April 2000 an den schwedischen Konzern Husqvarna Viking. Die Produktion kaufen die Schweden nicht mit.

Bis ein Käufer und neuer Partner für den Bereich Industriemaschinen in Kaiserslautern gefunden ist, vergehen anderthalb Jahre. Im Herbst 2001 endlich hat der Insolvenzverwalter einen Investoren gefunden: den Mailänder Nähmaschinenhersteller Rimoldi Necchi. Ein glückliches Händchen beweist Wieschemann damit nicht. Die Leidenszeit von Kurt Sauer, der mit ganzem Herzen am Betrieb hängt, geht weiter.

Die Revolution schwelt im Untergrund

"Die Ära Rimoldi Necchi war die schlimmste, die ich bei Pfaff erlebt habe." Sauer setzt noch einen drauf: " Nie war die Stimmung so schlecht. Es existierten sogar Pläne, Rimoldi durch Streik und Aufruhr hinauszudrängen."

Rimoldi-Pfaff-Chef Roberto D'Alessandro plant unter anderem, die gesamte Produktion nach China zu verlagern. Hunderte von Arbeitsplätzen sollen in Kaiserslautern gestrichen werden - der Stammsitz würde zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen. Doch die vermeintlichen Produktionspartner in China sind selbst so gut wie bankrott. Sauer überzeugt sich davon während eines Besuchs bei Rimoldis chinesischem Produktions-Partner Shangong. "Tausende Maschinen standen dort auf Halde. Ein Zeichen, dass auch Rimoldi bereits ums Überleben kämpfen musste oder sogar pleite war. Unsere Gefühlslage können Sie sich vorstellen."

Angesichts dieser Situation schmieden Sauer und einige Kollegen geheime Pläne für die Zeit nach Rimoldi. So wird eine neue, moderne Produktionskonzeption unter Mithilfe der Universität Kaiserslautern entwickelt - ohne Wissen D'Alessandros. Die stille Revolte im Hintergrund hilft Pfaff - bis heute.

Schlussendlich kann Rimoldi den Kaufpreis für Pfaff nicht fristgerecht bezahlen. Der Deal platzt, der Insolvenzverwalter bezieht seinen Posten wieder. Das ein Jahr währende Abenteuer Rimoldi kostet Pfaff nicht nur Kraft, sondern auch das Vertrauen bei den Kunden. Zu allem Überfluss bricht 2002 auch noch der Markt um 20 Prozent ein.

Es gibt nur noch eine Chance

Eine alte, erfolgreiche und vertrauensvolle Partnerschaft ist es, die die Rettung bringt und gute Chancen auf ein Happyend hat. Im Herbst 2002 übernimmt Bianchi Maré die Pfaff Industrie Maschinen AG. Der italienische Großhändler für Industrienähmaschinen bestreitet einen Großteil seines Umsatzes seit langem mit Pfaff-Maschinen - zeitweise mit bis zu 75 Prozent. Damit übernimmt der Großhändler seinen wichtigsten Lieferanten. Bianchi Maré hat seinen Stammsitz im 9000-Seelen-Ort Caronno Pertusella, beschäftigt 125 Menschen und erwirtschaftete in den vergangenen Jahren konstant einen Umsatz von rund 30 Millionen Euro. Die Firma unterhält Filialen in ganz Italien.

Die Firmenstrategie ist clever: Bianchi Maré vertreibt sechs Nähmaschinenmarken, deren Produkte sich ergänzen und nicht gegeneinander konkurrieren. Gute Aussichten also für Pfaff. Zudem ist die Firma ein Familienunternehmen mit Tradition, das seine Wurzeln im ausgehenden 19. Jahrhundert hat - genau wie Pfaff. Aber die Verbundenheit sitzt noch viel tiefer.

Von 1975 bis 1994 saß Seniorchef Dani Maré im Aufsichtsrat der alten G. M. Pfaff AG. Was ihn treibt, ist nicht die Geldgier, sondern ein ehrliches Interesse daran, dass die neue Pfaff Industrie Maschinen AG wächst und gedeiht. Nicht nur aus alter Verbundenheit, sondern auch aus existenziellem Eigeninteresse. Hier treffen zwei Partner aufeinander, die sich positiv ergänzen können: Der eine ist vor allem ein Händer, der andere vor allem ein Entwickler und Produzent. Darüber hinaus ist Bianchi Maré mit Pfaff gewachsen und heute praktisch abhängig von einer funktionierenden Entwicklung und Produktion der Deutschen. Immerhin machen Pfaff-Produkte aktuell einen Umsatzanteil von 40 Prozent aus.

Man könnte auch sagen: Dies ist eine Vernunftehe, in der die Verbundenheit mit der Zeit gewachsen ist und die beiden Seiten nützt. So sieht es auch Massimo Maré, im Bianchi-Maré-Management zuständig für die Pfaff-Übernahme. In nahezu perfektem Deutsch erzählt er seine Sicht der Dinge.

"Als Pfaff in Insolvenz ging, war das für uns ein echtes Problem. Immerhin war Pfaff unser bedeutendster Umsatzbringer. Im ersten Schritt unterstützten wir Rimoldi Necchi bei seinem Engagement, um bei der Rettung zu helfen. Als das schief ging, entschlossen wir uns, uns selbst zu engagieren. Die Marke Pfaff hat einen sehr guten Ruf, Bianchi Maré macht gute Geschäfte mit ihren Produkten, und das soll so bleiben."

Der heute 38-jährige Massimo Maré tobte schon als Kind und Jugendlicher über das Kaiserslauterner Pfaff-Gelände, wenn sein Vater die Firma besuchte: "Wir essen Saumagen und saure Bohnen (lacht) - und kennen Pfaff wirklich sehr gut. Wir wissen um die Pfaff-Krankheit. Die Pfaffianer meinen die Besten zu sein. Wir wissen aber auch, dass Pfaff in einigen Bereichen um Jahre zurückliegt. Die Produktion muss schnell modernisiert werden, im Vertrieb können wir mit viel Know-how helfen. Das Marketing hat sich bereits bewegt. Der Pfaff-Auftritt auf der wichtigsten Branchenmesse, der IMB, Anfang Mai in Köln, war sehr erfolgreich."

Als Erstes haben sich die neuen Eigner um einen neuen Vorstandsvorsitzenden gekümmert. Der musste sanieren, entwickeln können, und er musste ein Deutscher sein. Massimo Maré: "Die Kernkompetenzen von Pfaff sind deutsche Starken: Entwicklung und Technologie. Rimoldi wollte Pfaff aus Italien steuern und beeinflussen, Maré wird diesen Fehler nicht machen. Mit Matthias Berg haben wir den richtigen Mann gefunden."

Berg, 46 Jahre alt, promovierter Maschinenbauer, kommt aus der Autozulieferindustrie und hat dort die Behr-Unternehmensgruppe saniert. Diese Erfahrung hilft ihm nun bei der Neuaufstellung der Pfaff Industrie Maschinen AG. Außerdem gibt Berg richtig Gas. Das hat Pfaff seit Jahren gefehlt. "Im Oktober 2002 habe ich meinen Posten angetreten, im Dezember stand das Sanierungskonzept. Die erste Stufe mit zwingendem Personalabbau haben wir hinter uns. Die zweite Stufe läuft bereits. Wir nennen das Ganze ,Pep': Pfaff-Effizienz-Programm. Wir modernisieren die Produktion, stärken Marketing und Vertrieb und vergrößern unseren Vorsprung in der Entwicklung. Dafür haben wir zwölf bis 18 Monate Zeit, und wir liegen über Plan."

Für den anstehenden Kraftakt hat Berg das vollständige Vertrauen des neuen Inhabers. Das Tempo der Entwicklung bestimmt er selbst. Auch die neue Unternehmenskultur. "Klarheit und Offenheit sind mir wichtig. Erstens: Wer nicht mitzieht, kann nicht mitgehen. Zweitens: ...tschuldigung."

Das Handy klingelt. Berg telefoniert einige Minuten.

"...tschuldigung noch mal. Wo waren wir? Ah ja, zweitens: Bremsen oder überhaupt nichts machen ist schlechter als etwas machen, auch schlechter als Fehler machen. Drittens: Fehler nicht nennen oder zugeben ist eine Todsünde. Wenn wir allein diese drei Punkte beachten, sind wir schon viel weiter." So viel frische Energie reißt mit. Auch die Alten, die schon fast den Glauben an ein gutes Ende verloren hatten. Aber immer hofften.

Das Ende vom Anfang

Der technische Direktor Kurt Sauer geht im September in Ruhestand. So ist es geplant. Obwohl... "Jetzt geht es wirklich voran. Berg treibt die Produktionsumstellung und Entwicklung an, hat Kaizen eingeführt und bringt uns auf Erfolgskurs. Bianchi Maré ist der richtige Partner. Das alles ist spannend und macht wieder richtig Spaß. Gerade jetzt soll ich in Rente gehen?" Sauer blickt kurz und nachdenklich auf das Pfaff-Gelände. Er hat eher Zuversicht als Wehmut im Blick. "Es ist bestimmt auch spannend, entspannt alles von außen zu betrachten." Er lächelt. Immerhin hat er noch einen neuen Anfang erlebt.

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Siehe auch:
Was wurde aus ... Pfaff Nähmaschinen?
(vom 9.2.2010
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