DER HEUSCHRECKLER

Geografie-Professor Frithjof Voss hat sich mit 67 Jahren selbstständig gemacht. Sein kühnes Zeil: eine biblische Plage aus der Welt zu schaffen.




Heuschrecken haben es in Berlin nicht leicht. Wo immer sie sich in einem Park sehen lassen, jagt sogleich eine Kinderschar hinter ihnen her. Suchen die Grashüpfer in einer der zahlreichen Schrebergartenkolonien Zuflucht, zücken deren Bewohner ohne Erbarmen die Giftspritze. Und im Restaurant "Sodaclub" im Prenzlauer Berg garnieren sie geröstet den Gemüsecurry. Kein Wunder, dass die größte Heuschreckenanhäufung der Hauptstadt im Naturkundemuseum zu besichtigen ist: aufgespießt beziehungsweise, wie der Experte es nennt, genadelt.

Als ob das alles nicht schon genug wäre, residiert an der Kurfürstenstraße, ungefähr gleich weit weg vom Zoo und dem Kaufhaus des Westens, ihr größter Feind, der Geografie-Professor Frithjof Voss. In seinem Schrank hat er einen silbrig glänzenden Kasten, den er sich mit schwarzen Gurten vor die Brust schnallen kann. Legt er einen Schalter um, summt Strom mit einer Spannung von 8000 Volt durch ein Aluminiumgitter. Fliegen Heuschrecken dagegen, macht es brrrzz. "Wie auf dem elektrischen Stuhl. Die Heuschrecken zucken kurz zusammen und fallen auf die Erde", erläutert Voss seine jüngste Erfindung. "In Millisekunden sind sie tot, gestorben auf sehr humane Weise.

"Wer sich nun Voss als martialischen Insekten-Terminator vorstellt, liegt falsch: Er sieht aus wie das, was er ist: ein Professor alter Schule, der an fast vergessene CDU-Ministerpräsidenten vom Schlage eines Gerhard Stoltenberg erinnert. Der freundlich zurückhaltende Mann hat nichts gegen Heuschrecken, persönlich gesehen. Keine Mission treibt ihn an, die Welt von jener Plage zu befreien, die bereits der alttestamentarische Gott über Ägypten schickte, damit der Pharao Moses und das Volk Israel ziehen ließe. Pathetisch ist Frithjof Voss nicht. Genauso gut könnte er gegen Rotalgen vor der chilenischen Pazifikküste kämpfen. So wie er bereits gegen die Menschheitsgeißel Stau gekämpft hat. Schließlich gehört die Luft- und Satellitenaufklärung zu seinem Metier.

Lange tat der Geograf das in Diensten der Technischen Universität Berlin, 22 Jahre lang, um genau zu sein. Doch seit fast einem Jahr ist er freier Unternehmer: "Zwischen Weihnachten und Neujahr haben wir alles gepackt und sind mit unserem Institut für Geografie aus der TU ausgezogen." Wie das kam? In den Neunzigern dämmerte die Finanzkrise herauf, die derzeit die drei großen Berliner Universitäten lähmt. Der Verteilungskampf begann: "Jeder versucht zu retten, was zu retten ist. Alles stagniert."

So hatte sich Voss das "Ende meiner Lebensarbeitszeit" nicht vorgestellt. Er wollte Initiative zeigen: "Das lag auf der Hand. Wir waren immer vorne dran, wenn es um Dinge ging wie digitale Kartografie, geografische Informationssysteme und computergestützte Bildauswertung." Auch konzentrierte sich sein kleines Institut auf anwendungsbezogene Forschung: etwa die Luftbildauswertung zur Erfassung von Altlasten, eine für BMW entwickelte Infrarot-Verkehrserkennung oder die Inventarisierung der neuen Hochgeschwindigkeits-Trasse zwischen Amsterdam und Brüssel. Den TU-Präsidenten Hans-Jürgen Ewers, einen Ökonomen, konnte Voss überzeugen: "Weg vom Staat, weg vom Land Berlin. Die Professoren zuerst an die Front. Die müssen jetzt zeigen, was sie können. Und selbst Geld verdienen", lautete die Parole. Die Pläne zu einer universitätsinternen GmbH gediehen. Endlich, hoffte Voss, könnte er den Verwaltungsorgien, den Fördertöpfen mit ihren Antrags- und Gutachterexzessen, entkommen. Doch Ewers starb, und sein Nachfolger trug Bedenken. Da zog Voss mit seinen Leuten aus. Büroraum gibt es in Berlin hektarweise.

Er hatte keine Zeit mehr zu verlieren. Der Professor ist schon 67 Jahre alt. Ein Jahr hätte er noch machen müssen, so sah es sein Vertrag vor. Warum wagte er erst so spät den Schritt in die Selbstständigkeit? Als er 1981 an der TU anfing, war West-Berlin noch eine Insel der Seligen. Die Institute waren wunderbar ausgestattet, und die Berlin-Gehaltszulage betrug acht Prozent. Und so dauerte es, bis er die Unausweichlichkeit der Vertreibung aus dem Paradies akzeptierte. Zuletzt bedrohten die Sparvorgaben des Berliner Senats sogar die Existenz seines kleinen Instituts.

Und warum hat er sich nicht einfach zur Ruhe gesetzt? Er schüttelt den Kopf. "Nein, Alter ist für mich keine Frage der Jahreszahl, sondern erstens eine der geistigen und zweitens der körperlichen Verfassung." Die Chancen der Gegenwart faszinieren ihn: "In meiner Studienzeit ging der wissenschaftliche Fortschritt sehr allmählich vonstatten. Heute überholt er sich selbst. Innerhalb weniger Wochen wird eine Technik, die wir jahrzehntelang anwendeten, durch eine neue ersetzt: zack! Aus!" Das Neue treibt ihn an. "Da möchte ich gern mitmachen. Was ich mache, ist niemals Arbeit und niemals Anstrengung, sondern immer nur eine Art Hobby." Er nimmt auch keinen Urlaub.

Die Mission des Erfinders: durch die Welt reisen, um Wissenschaft und Fortschritt zu befördern

In gewisser Weise erinnert Frithjof Voss an den spitzohrigen Mr. Spock vom Raumschiff Enterprise. Voss ist zwar kein Vulkanier, sondern kommt aus Gelting an der Flensburger Förde, aber beide haben etwas gemein: das Lieblingswort "faszinierend" zum Beispiel. Und so wie der Erste Offizier der Enterprise für das Rationale steht und die Macht der Logik, dabei allen Gefühlsäußerungen abhold, tritt auch Voss auf: immer höflich, freundlich, zuvorkommend und doch ein bisschen kühl, distanziert, alles wohl bedenkend und sehr kontrolliert. Er ist nie mit Leidenschaft bei der Sache, zumindest nicht mit einer Leidenschaft, die aus dem Herzen zu kommen scheint.

Seine Leidenschaft ist eine des Kopfes, sie entspringt dem unbedingten Glauben an die Ratio, an die Technik und die Kraft des Fortschritts. Und so wie Mr. Spock mit der Enterprise durch Zeit und Raum fliegt, nicht um die Bewohner des Weltalls zu beglücken, sondern um der Herrschaft der Vernunft den Weg zu ebnen, so reist auch Frithjof Voss um die Welt, um die Wissenschaft zu befördern und dem Fortschritt Bahn zu brechen. Denn dies, davon ist Voss überzeugt, ist der Weg für eine bessere Welt. Deshalb hasst er alles, was die freie Entfaltung wissenschaftlicher Kraft behindert, allem voran die Bürokratie.

In seinem Büro hängt über dem orangeroten Sofa eine Collage bunter Bordkarten der unterschiedlichsten Fluggesellschaften. In mehr als 60 Ländern war er bisher tätig, Gastprofessor in Indonesien, Thailand, China, Chile und Japan. Daneben steht eine Glasvitrine voll exotischer Souvenirs. "Gastgeschenke", mokiert sich der grauhaarige Herr ein wenig über das eigene "Völkerkundesammelsurium". Aber die Gäste freuen sich, wenn sie wiederkommen und die Präsente entdecken. Nur eines sucht man hier vergebens, das, was Frithjof Voss immer noch am meisten umtreibt: Heuschrecken.

Milliardenfach fielen sie 1986 über Afrika her. Drei Jahre zog sich das Unglück hin. Immer wieder das gleiche Erlebnis: Zunächst erinnert es an eine riesige Rauchwolke, doch nirgends sind Flammen eines Buschfeuers zu sehen. Himmel und Sonne verdunkeln sich in atemberaubendem Tempo, und das Brausen von Myriaden fliegender Heuschrecken erfüllt die Luft. Die " Zähne des Windes", wie man sie auf dem schwarzen Kontinent nennt, vernichteten die Nahrungsgrundlage von Millionen Menschen. 300 Millionen Dollar internationaler Hilfsgelder ermöglichten zwar einen Abwehrkampf sondergleichen. Doch es konnten noch so viele Pestizide versprüht werden, es gelang nicht, die Plage einzudämmen. Erst als alles Grün verspeist war, verschwanden die Heuschrecken ebenso plötzlich, wie sie gekommen waren.

Es mag erstaunen, wie sehr die kleinen, fragil aussehenden Tierchen - meist handelt es sich um die Wüstenheuschrecke (Schistocerca gregaria) - allen menschlichen Anstrengungen trotzen. Und das, obwohl die Gefahr bereits Jahrtausende alt ist und man sie doch eigentlich im Zaume halten können müsste. Aber noch immer bedrohen die Heuschrecken eine Fläche von 29 Millionen Quadratkilometern, ein Fünftel der festen Erdoberfläche. Und da die großen, apokalyptisch anmutenden Plagen nur alle paar Jahrzehnte auftauchen, erlahmen in der Zwischenzeit immer wieder die Bekämpfungsaktivitäten.

Gerade in den ärmsten Regionen der Welt ist das ein fataler Fehler: Eine einzelne Wüstenheuschrecke wiegt zwar nur zwei Gramm und verspeist am Tag auch nur zwei Gramm Grünzeug. Weil aber Schwärme leicht aus einer Milliarde Insekten bestehen können - es hat schon Schwärme gegeben, die 30-mal so groß waren und dabei die Ausdehnung des Saarlandes erreichten -, potenziert sich der Schaden, den ein solcher Schwarm täglich anrichten kann, auf 20 000 Tonnen pflanzlichen Materials.

Die Gefahr macht weder vor Ländergrenzen halt noch vor Wasserscheiden: 1954 verschlug es einen Schwarm aus Nord-West-Afrika nach Großbritannien, 1988 von derselben Stelle sogar sagenhafte 4500 Kilometer an die Ostküste Südamerikas. Ende der achtziger Jahre reagierten die Vereinten Nationen endlich. Unter der Ägide ihrer Landwirtschaftsorganisation Food and Agriculture Organization (FAO) berief man eine Kommission von Experten unterschiedlichster Couleur: Zoologen, Biochemiker, Agrarspezialisten, Logistiker - und Frithjof Voss als "Fernerkundungsmenschen".

Ziel war eine Präventivstrategie. "Wir forschten auf Madagaskar, im Sudan, in Mali, Niger und Mauretanien", erinnert sich Voss. "Ich sollte herausfinden, wo in diesen schier unendlichen Räumen der Lebenszyklus einer Plage beginnt. Wohin ziehen sich die Insekten am Ende eines Jahres zur Eiablage zurück? Wenn wir das wissen, müssen wir diesen Ort nur gut überwachen und die Heuschrecken, wenn sie schlüpfen, sofort attackieren."

Der erste Meilenstein war Voss ' Frühwarnsystem: Es erkennt, wo die Plage ihren Anfang nimmt

Welche Merkmale zeichnen die Brutgebiete der Wüstenheuschrecken aus? Wie locker und feucht muss der Boden sein, welcher Vegetation bedarf es? War dies einmal erkannt und hatte man ein idealtypisches Brutgebiet gefunden, markierte Voss die entsprechende Region auf digitalen Satellitenbildern. Dann suchte er auf den Aufnahmen sämtliche Gebiete, die das Sonnenlicht in der gleichen Wellenlänge reflektierten, und identifizierte so alle Flächen, in denen die Plage ihren Anfang nehmen konnte.

Frithjof Voss zieht aus dem großen Kartenschrank eine Satellitenaufnahme: das Tokar-Delta im Sudan. Wenn dort im Frühjahr gewaltige Regenfälle niedergehen, dann walzen Wassermassen die Berge hinab, verdunsten und versickern in der Ebene. "Hier diese roten Flächen", erklärt Voss, "bieten Heuschrecken die idealen Bedingungen zur Eiablage. Hier ist es feucht genug, da können die Weibchen ihre Eier in 15 Zentimetern Tiefe ablegen." Auf diese Gefahrenzonen werden täglich die Wetterdaten projiziert. Regnet es, geht sofort Order an die Bekämpfungstrupps vor Ort.

Die müssen sich sputen: "Mit dem Jeep über Dünen, durch Wadis: Das kann Tage dauern, bis man einen entlegenen Ort erreicht." Kommen sie im rechten Augenblick, krabbeln die Larven gerade aus dem Boden heraus. Das Gelege eines Weibchens umfasst bis zu 150 Eier, 1000 solcher Gelege kann es auf einem einzigen Quadratmeter geben. In diesem Stadium lassen sich die noch flugunfähigen Heuschrecken einfach bekämpfen, der Chemieeinsatz hält sich in Grenzen.

Voss ' Methode funktionierte. 1996 erhielt er den " Rolex Award for Enterprise", auf der Expo 2000 konnten sich die Besucher ansehen, wie das Frühwarnsystem in Marokko und Mauretanien funktioniert. Andere Länder werden sich wohl anschließen. "Doch nichts dauert so lange wie die Umsetzung des Fortschritts", sagt Voss. Satellitenaufklärung ist in diesen politisch brisanten Regionen ein heikles Thema.

Schon immer überlegten Experten: Kann man sich der Heuschrecke nur mit Chemie erwehren? Die Risiken des Pestizid-Einsatzes sind schließlich hinlänglich bekannt. Voss sagt: "In Madagaskar stand ich mal daneben, als ein Sprühflugzeug im Einsatz war. Ich bekam Atembeschwerden und Bewusstseinsstörungen." Auf die Heuschrecken haben die nervenlähmenden Gifte eine verheerende Wirkung: "Die Tierchen fallen um, winden sich und sterben einen elenden Tod. Für zart besaitete Menschen ist das nichts." Selbst wenn die Pestizide nicht mehr eingesetzt würden; sie sind schon jetzt ein Problem: Nach Angaben der FAO bedrohen mehr als eine halbe Million Tonnen abgelaufener Schädlingsbekämpfungsmittel weltweit Mensch und Umwelt.

Versuche, Heuschrecken mit biologischen Mitteln zu bekämpfen - etwa mit Pilzsporen - funktionieren im Labor recht gut, scheitern aber meist in der Praxis. Große Netze, Laser, riesige Vakuumpumpen oder Flammenwerfer erwiesen sich ebenfalls als wenig praktikabel. Bleiben also "mechanische Bekämpfungsmethoden", wie sie seit biblischen Zeiten angewendet werden: In China schichten die Menschen Steinhaufen auf, um Zugvögel zum Brüten anzulocken und so zur Heuschreckenvertilgung zu bewegen. Noch im vergangenen Jahr brachte die FAO afghanischen Bauern bei, frisch geschlüpfte Heuschreckenlarven in Gräben zu treiben und sie dann zuzuschütten. In Chile werden Heuschrecken mit der Hand gefangen: Die fleißigsten Sammler belohnt die Regierung mit Fußbällen und T-Shirts.

Mit der Insekten-Falle könnten Bauern ihre Ernte verteidigen. Abfallprodukt: Heuschrecken-Pommes

Dagegen erscheint Professor Voss ' elektrisches Heuschreckengitter wie ein Quantensprung. Aus einer 12-Volt-Batterie zieht der tragbare Transformator mehr als zwei Stunden lang Strom, um das drei bis vier Meter breite Gitter mit der für Heuschrecken letalen Spannung zu versorgen. Die Batterie lässt sich mit Solarzellen aufladen. Nahen die Schädlinge, greifen die Bauern nach dem Gitter und gehen auf ihr Feld oder spannen es vor den Traktor. Natürlich hilft die Erfindung aus Deutschland nicht gegen einen riesigen Schwarm, der allerdings auch nicht die Regel ist. Dafür, so Voss, könnten sich die Bauern nun endlich selbst helfen. "Sie müssen nicht mehr ohnmächtig warten, bis die Provinzregierung Hilfe schickt. Da können Tage vergehen." Und in der Zwischenzeit haben die Heuschrecken alles kahl gefressen.

Das Elektrogitter ist mittlerweile patentiert. Noch laufen die Tests. Unlängst war Voss in China: "Wir legten es auf den Boden und warfen Heuschrecken darauf. Nichts passierte, trotz 3000 Volt! Ich erhöhte die Spannung. Auf 4000, 5000 Volt." Doch auch die konnten dem mit einer dünnen Fettschicht überzogenen Chitinpanzer der Insekten nichts anhaben. Erst bei 8000 Volt funktionierte Voss ' Erfindung: "Da waren alle auf einen Schlag tot."

Die Angst, dass das Gitter durch die vielen Heuschrecken verkleben könnte, erwies sich als unbegründet. Und nur in seltenen Fällen wiesen ihre Körper Verbrennungen auf. Die toten Tiere sind ein prima Geflügelfutter. "Sehr proteinhaltig", sagt Voss, "vielerorts werden sie auch von Menschen gegessen. Man entfernt die Flügel und Beine, gart sie dann in einem Sud, bis sie aussehen wie Pommes frites." Der Geschmack? "Angenehm süßsauer." Voss ' Erfindung beruht nicht auf Hightech - das ist einer ihrer größten Vorteile. Sie hilft Menschen in armen Regionen der Welt, auf einfache Weise ihr Schicksal selbst in die zu Hand nehmen. Deutsche Agrartechnikhersteller bekundeten zwar Interesse am Heuschreckengitter, zögern aber, groß einzusteigen. Der potenzielle Absatzmarkt ist riesig, allerdings, weil vor allem in Entwicklungsländern gelegen, schwer abzuschätzen.

Um die Industrie zu ködern, passte Voss seine Technik hiesigen Bedürftnissen an. Er formierte die Gitterstäbe zu einem geschlossenen Zylinder, in dessen Mitte Lockstoffe für Borkenkäfer oder Kastanien-Miniermotten platziert werden können (Heuschrecken reagieren leider nicht auf solche Pheromone). Diese Stromfalle muss im Gegensatz zu den bisher üblichen Klebefallen auch nicht ständig geleert werden. Eine Firma in Hessen erprobt die Fabrikation, stolz zeigt Voss den Prototyp.

Das Risiko trägt er selbst. Natürlich weiß er, dass er sein Institut finanzieren muss. Das erledigen er und seine Mitarbeiter vor allem mit dem Geschäftsbereich Fernerkundung. Das ist die Pflicht. Kür ist es, Lösungen für Probleme zu finden, für die es bisher keine gab: etwa Löcher in niederländischen Gaspipelines aus der Luft mit Hilfe von Infrarotkameras aufzuspüren. Gelingt das, hat man ein neues Arbeitsfeld erschlossen, auf dem es keine Konkurrenz gibt, die die Preise drückt.

Sind Sie ein Tüftler, Herr Voss? Er zögert. Dann geht er zum Schrank, auf dem seine Pheromon-Falle steht, und zieht einen Scheibenwischer hervor: "Habe ich auch patentieren lassen." Bei hoher Geschwindigkeit erreicht das Spritzwasser oft nicht die Scheibe. Deshalb hat Voss die Spritzwasserdüsen in den Wischer integriert. Erfindungen sind für ihn aber keine Heureka-Geschichten, sondern mühseliges, systematisches Ausprobieren. Immer wieder stoße man dabei auf eigene Fehler. Über die kann Voss schmunzeln: "Da habe ich mich so sehr bemüht und war sicher, so wird es gehen, und dann funktioniert es doch nicht." Also wieder von vom: Wo lag der Fehler? "Meist klappt es dann beim 97. Mal." Man darf nicht aufgeben, muss aber aufpassen, sich nicht zu verrennen. Das ist die Kunst.

Wie er, der sonst auf so nüchtern-kontrollierte Weise spricht, das erzählt, dabei lacht und in die Hände klatscht, glaubt man ihm gern, wenn er beteuert: " Geldverdienen ist nie mein primäres Motiv, sondern die Faszination an der Sache, die Möglichkeit, etwas Neues auszuprobieren, in der Hoffnung, dass es später zum Einsatz kommt." Ob das Heuschrecken-Gitter ein Erfolg wird, muss sich zeigen. An Frithjof Voss wird es garantiert nicht scheitern. Zum Abschied sagt er: " Sie können sich gar nicht vorstellen, wie glücklich ich bin, frei zu sein."