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Nur so ein Gedanke

Sie fand, es sei eine fürchterliche Zeitverschwendung. Ich nicht. Ich fand, es sei vor allem eine furchtbare Verschwendung von Gehirn. Und ich fand, ich hatte Recht. Denn mit den jeweils 20 Milliarden Neuronen in unseren Köpfen hätten wir sehr gut eine Waffe erfinden können, die den ganzen Planeten in Staub verwandelt und so alle unsere Probleme löst. Wohingegen es draußen regnete, hier im Süden, an einem Ort, an dem jetzt 20 Grad sein sollten. Es gab Fotos, die den Zustand dokumentierten, aber die waren wohl nicht im Dezember aufgenommen und ganz sicher nicht bei diesem Wetter. Also saßen wir vor dem Fernseher.




Eigentlich wollte ich nie übers Fernsehen schreiben. Weil ich ein guter Mensch sein möchte und positiv, weil es so viele gute Dinge gibt, die kaum jemand kennt und die ganze Völker glücklich machen könnten (es hat bei mir geklappt, warum sollte es nicht bei anderen funktionieren?). Außerdem ist mir Ironie schon immer unverständlich gewesen, ich weiß nicht, wieso es witzig ist, "ja" zu sagen, wenn man "nein" meint. Also habe ich vor Jahren herzhaft "nein" zum Fernseher gesagt und nur ab und zu bei Freunden geguckt, wenn es etwas Interessantes gab. Zuletzt vor allem TM3, als dort unglaublich dilettantische Moderatoren Quizshows leiteten, na ja, "Wo steht der schiefe Turm von Pisa?" ist wohl selbst im weitesten Sinne kein Rätsel.

Aber darum ging es bei diesem Irrsinn überhaupt nicht, es ging um echtes Leben, geboren aus der Unfähigkeit, professionell Lügen zu reproduzieren. Ich erinnere mich an einen Menschen, der in einer Talentshow das schöne Lied "Ich hol mir einen runter" sang und hinterher von der Moderatorin, die alle hasste, die Kandidaten, ihre Mitarbeiter, die Zuschauer, gefragt wurde: "Hat es bei dir eigentlich nicht zu einem richtigen Beruf gereicht", und er mit dem breitesten Lächeln der Welt antwortete: "Na klar, du hast es doch auch geschafft." Als sie später einen Herrn fragte, was die Freunde von seinem Hobby hielten, fragte aus dem Off die Regie jene Moderatorin: "Woher weißt du eigentlich, was Freunde sind?" Inzwischen heißt der Sender "17 und 4 live" oder so ähnlich und ist längst nicht mehr so unterhaltsam, was mich sofort zu meinem Thema bringt, gleich nach der Werbung.

Und nach der Werbung lesen Sie über: Stefan Raab, No Angels, Bro'Sis. DING DONG. JETZT AUCH FLUGREISEN FÜR VEGETARIER. BITTE LEGEN SIE DIE SICHERHEITSGURKE AN. HURRA! DINGDONG. Und in der nächsten Kulturkolumne weitere Sensationen: ein ganz neues Gehirn und ein junger amerikanischer Autor, brand eins? Brandheiß!

Wie dem auch sei, in diesem Haus im Süden gab es jedenfalls 30 deutsche Programme, alle außer dem Sender, den die Leute als Grund für ihren Fernseher angeben, die sich vor Bücherregalen fotografieren lassen, na, wie heißt der Sender? Ich gebe eine kleine Hilfe, der Name klingt so ähnlich, als wäre man brav gewesen, ja?, wir haben Rudi aus Bad Sachsa am Apparat, na Rudi, was meinst du, "Otto", tja, ist auch egal, jedenfalls habe ich eine Woche ferngesehen. Und weil man mit weitaus geringeren Leistungen, etwa von der Leiter fallen oder im Matsch ausrutschen und sich dabei filmen lassen, Millionen Menschen erreichen kann, möchte ich jetzt dieses Erlebnis mit euch teilen.

Nach drei Tagen konnte ich alle Werbespots an der Musik erkennen. Na gut, ihr werdet sagen, das kann jeder, aber es kann auch jeder völlig unvorbereitet auf einer Couch sitzen und ohne jedes Konzept mit seinen Gästen plaudern, derartig langweilig und fahrig, dass man genau weiß, dass das zischende Geräusch im Hintergrund die fallenden Einschaltquoten sind. Obwohl ich gerade Stefan Raab im Vergleich noch gut fand, dieses Abi-Feier-Gefühl, die offensive Ahnungslosigkeit stellte zumindest klar, dass der Mann weiß, dass fast alles, was sonst so im Fernsehen läuft, komplett veraltet ist und er, wenn er schon nicht die richtige Antwort kennt, zumindest nicht immer wieder die falschen gibt. Aber sonst deutsche Produktionen: In US-Serien gibt es zumindest ab und zu junge Leute, in deutschen Serien sieht man dagegen, sobald man anschaltet, immer Vierzigjährige, Polizisten, allein erziehende Mütter, Galeristinnen. Jung sind nur Kids, und die haben entweder einen Discman (Mädchen) oder sind dreckig, wahrscheinlich vom Fußballspielen (Jungs).

So könnte ich noch stundenlang, aber wir sind hier nicht im Fernsehen. Jedenfalls sah ich dann die internationale Ausgabe von "Popstars", dieser Sendung, wo die Tochter deines Nachbarn in einen Popstar verwandelt wird. Vorgestellt wurden die Popstars aus Belgien, Frankreich, der Schweiz, Großbritannien, Portugal und anderen Ländern, die ich vergessen habe, und das war, ich möchte beinahe sagen jenseitig! Die deutschen Popstars-Gewinner No Angels und Bro'Sis machen Weltmusik, jedes Lied klingt wie die Lieder der anderen, ein primitiver Rhythmus, darüber eine Melodie für Gehörlose, dazu das Video, Beckenrollen und gestörte Worte, die man nicht verstehen muss. Pubertätspop.

Das erinnerte mich an so vieles, an "Harry Potter" und "Krieg der Sterne", an die Blockbuster, Bestseller, Chartstürmer, die ganze Mainstream-Kultur, die nur noch für Kinder gemacht wird und die wir alle mitbekommen, weil Kultur für Erwachsene als Nischenkultur gilt. Und ich dachte, ist das vielleicht der Grund, warum die westliche Kultur untergeht? Nicht der Mangel an Glaube und Vertrauen, nicht die aus zu viel Wohlstand gewachsene Trägheit, nicht die Wirtschaft, der Kapitalismus, die Bürokratie, sondern weil uns das Fernsehen langsam das Hirn rauslöffelt. Mit goldenen Löffeln, hübsch und hygienisch, aber nichtsdestotrotz schabt es bereits an der Hirnschale, diese graue Substanz, die im Bild ist, wenn es sonst nichts gibt, ist das vielleicht Hirn, das gerade in die Sendezentrale gezappt wird, wo es weiter an Außerirdische...

Ah, es tut mir leid, die Sendezeit ist um. Schön, dass ihr wieder dabei wart, und denkt dran, oben auf der Fernbedienung, der kleine Knopf, da dürft ihr nicht drankommen, sonst weinen die Sponsoren ... DINGDONG. Diese Kolumne wurde Ihnen präsentiert von Leben(r), dem Erlebniserlebnis. DINGDONG.