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Jesus, hast du das gewollt?

Rasend schnell und überall auf der Welt breitet sich der Fundamentalismus aus. Professionelle Prediger ziehen um die Welt, vollbringen Wunderheilungen und verkaufen Missions-Videos. Das ist das neue Christentum.




Ulf Ekman ist ein Charismatiker. Egal, ob er im Becken des Hallenbads ein neues Mitglied tauft, im Gemeindehaus in Zungen redet oder auf Videos die Botschaft des Herrn verkündet - er ist sich der Hallelujas seiner Anhänger sicher. Ekman ist Gründer des Livets Ord (Wort des Lebens), einer konservativ-protestantischen Glaubensgemeinschaft im schwedischen Uppsala.

Die Mitglieder des sich schnell ausbreitenden Fundamentalismus tragen voluminöse Toupefrisuren und J.-C.-Penney-Anzüge. Sie nennen sich " Wiedergeborene Christen". Sie halten ihre Hände auf den Bildschirm, um die Kraft der TV-Prediger zu empfangen, besuchen göttlich inspirierte Finanz-Seminare und missionieren in der Fremde. Zum Beispiel in Brasilien: 1960 waren weniger als fünf Prozent der Bevölkerung protestantisch, heute sind 40 Prozent Wiedergeborene Christen, konservative Protestanten.

Diese Wachstumsindustrie geht von den USA aus und verfügt über himmlische Ressourcen. Ihre drei größten Fernsehsender produzieren wöchentlich 20000 Programmstunden, mehr als jeder säkulare Anbieter. Der Jesus-Film der Organisation Campus Crusade for Christ wurde in 446 Sprachen übersetzt und von 1,3 Milliarden Menschen in über 200 Ländern gesehen. An Bibelschulen und Universitäten werden hunderttausende von Missionaren ausgebildet, die auf der ganzen Welt Franchises aufmachen.

Der konservative Protestantismus hat einen fundamentalistischen und einen charismatischen Zweig. Charismatiker wie Ekman - Vorbild und Repräsentant der Faith-Bewegung Kenneth Hagin, aber auch Oral Roberts und Pat Robertson können, anders als die Fundis Billy Graham oder Jerry Falwell, in Zungen reden und heilen. Die Botschaft ist in beiden Lagern gleich: Alles steht in der Bibel, bloß keine Interpretationen. Maria war Jungfrau, bald wird ihr Sohn kommen, "zu richten die Lebenden und die Toten". Dazu passt, dass konservative Protestanten nicht nur an die Bibel glauben, sondern sie leben: Sie sehen sich als biblische Gestalten, die im Kontakt mit IHM heilige Geschichten nacherleben. Natürlich ist auch der Feind klar. Jerry Falwell zählte jüngst auf, wer für die Anschläge des 11. September mitverantwortlich ist: "Ihr Ungläubigen, Abtreiber, Feministen, Schwule und Lesben. Euch strecke ich meinen Finger ins Gesicht und sage: Das ist euer Werk." Jeder dritte Amerikaner gehört einer konservativ-protestantischen Gruppe an. Weder George Bush jr. noch Al Gore genierten sich, im Wahlkampf als Wiedergeborene aufzutreten, an den Schulen vieler Bundesstaaten wird statt Urknall der biblische Entstehungsmythos gelehrt. Fundi-Organisationen wie Focus on the Family lobbyieren weltweit gegen Geburtenkontrolle. Im fundamentalistisch katholischen Polen wurde gerade die Amniozentese, die Fruchtwasseruntersuchung verboten, weil sie als Vorläufer einer möglichen Abtreibung gilt.

Christentum und Islam sind schon seit der frühen Neuzeit effektive Globalisierer, doch in den vergangenen Jahrzehnten haben gerade ihre fundamentalistischen Richtungen neuen Schwung erhalten. Wohl auch, weil sie einfache Antworten auf komplexe Fragen bieten. Wenn in einer zusammenwachsenden Welt unterschiedliche Lebensformen aufeinander treffen, kann man das eigene Weltbild relativieren oder den Pluralismus verleugnen und auf eine Wahrheit bestehen: auf den vollkommenen Gott.

In wirtschaftlich unsicheren Zeiten locken die Glaubensbrüder mit einer Wohlstands- und Erfolgstheologie. In Ekmans Bibelschule predigt ein Anwalt: "Gott liebt erfolgreiche Menschen. Er möchte dass du eine gute Karriere hast." Ein Faith-Anhänger der ehemalige sambische Staatschef Frederick Chiluba, nahm die Botschaft ernst und erklärte nach seiner Konvertierung, dass Sambia sich vom Schuldner zum Kreditgeber wandeln würde. Doch bedauerlicherweise war offenbar sein Glaube zu schwach.

Was von außen als weltfremdes Sektierertum erscheint, vermittelt den Anhängern das Gefühl, zur Avantgarde der Globalisierung zu gehören. Offiziell sind die Glaubensgruppen zwar unabhängig, de facto bilden sie jedoch eine weltumspannende Bewegung, die sich auch ganz bewusst als solche vermarktet. Die amerikanischen Prediger, aber auch der Deutsche Reinhard Bonnke, der Nigerianer Benson Idahosa, Ray McCauly aus Südafrika und Ekman aus Schwedentouren durch die Gemeinden der Welt, bestätigen einander ihre Prophezeiungen, weihen wechselseitig ihre Gotteshäuser, Bibelschulen und Unis ein, vertreiben Videos und Kassetten ihrer Kollegen und verlinken ihre Intemetseiten. Schwedische Gläubige berichten, wie Ekman auf einer Tour durch die USA die Amerikaner begeisterte. Uppsala wird zu einem Zentrum, von dem Missionare ausströmen, um in Skandinavien und darüber hinaus Seelen zu retten.

Zu allem Überfluss können sich die Gläubigen auch noch als Globalisierer fühlen. Denn da die Gottesdienste mitgeschnitten und als Videos vertrieben werden, reicht ihr göttlicher Enthusiasmus - beten, Zungen reden, singen, heilen - weit über den einzelnen Gottesdienst in einer Vorstadtkirche in Johannesburg oder Tirana hinaus. Er dient anderen weltweit als Vorbild.

Für die Gläubigen ist die Welt überschaubar, auf Kongressen und Seminaren treffen sie Gleichgesinnte. Niemand muss sich mit anderen Überzeugungen auseinander setzen, ihre Weltsicht scheint universell gültig. Der Vize von Focus on the Family sagt: "Zwei Menschen fühlen sich der Ehe verpflichtet und wollen ihre Kinder gut erziehen - das sind globale Werte." Und ein Sprecher von Campus Crusade for Christ versichert: " Ich hoffe nicht, dass wir amerikanische Werte exportieren. Unsere Mitarbeiter absolvieren extra ein Kulturtraining, bevor sie ins Ausland gehen." Literatur: Simon Coleman: The Globalization of Charismatic Christianity - Spreading the Gospel of Prosperity. Cambridge University Press, 2000