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Helden wie wir

Die Welt wird immer bunter und die Leute, mit denen wir es zu tun haben, auch. Mit seinem "Lexikon der unvermeindlichen Mitmenschen" will Roland Kaehlbrandt zu mehr Übersicht beitragen.




brand eins: Mögen Sie Ihre Mitmenschen, Herr Kaehlbrandt?

Kaehlbrandt: Durchaus.

In Ihrem Lexikon überwiegen die Unsympathen.

Es sind aber auch grandiose Mitmenschen darunter. Zum Beispiel die Überzeugungstäterin, die so intelligent, so engagiert, so sachorientiert ist, dass man sich fragen muss, ob sie es trotz dieser Eigenschaften zu etwas bringen wird. Aber natürlich sind die eher anstrengenden Persönlichkeiten wie der Duzer, Impulsredner oder Medienjunior in der Überzahl - die sind interessanter. Wirklich schreckliche Typen habe ich allerdings ausgespart: Es geht mir um Mitmenschen, nicht um Unmenschen.

Lebenshilfe also für Helden wie uns?

Eine Art Bedienungsanleitung für den bürgerlichen Alltag. Es ist ja sehr hilfreich zu wissen, mit wem man es zu tun haben kann. Denn wie überall im Leben kommt es auf die Mischung an; es kann tragisch enden, wenn bestimmte Typen aufeinander treffen.

Zum Beispiel?

Wenn etwa in einem Unternehmen der Dramatiker, der dazu neigt, alles hochzukochen und erst dann befriedigt ist, wenn er ein Höchstmaß an Panik erzeugt hat, auf die Problematikerin mit dem grundsätzlich psychologisierenden Gehabe eines Proseminars trifft - dann ist der Betrieb lahmgelegt.

Wo treffen Sie all diese skurrilen Leute?

Ich komme viel herum und lese vor allem viel. Bei etlichen Typen handelt es sich um reine Medienphantome - sie existierten ohne Presse und Fernsehen gar nicht. Dazu zählt beispielsweise der Fitness-Papst oder die Sport-Ikone, die erst nach ihrer aktiven Zeit richtig berühmt wird.

Warum kommen das Teppich-Luder und der Pippi-Prinz nicht vor?

Weil die erstens durch sind und es sich zweitens um Typen handelt, von denen es jeweils nur eine Realisierung gibt. Über die muss man nichts wissen.

Typologien sind ja nichts Neues.

Nein. Der griechische Philosoph Theophrast hat schon 319 vor Christus eine verfasst. Man hat über diesen auch heute noch sehr aktuellen Text einmal treffend gesagt: "Die Charakterbildung dieser Typen ist abgeschlossen, und nun wirken in ihnen als Ergebnis verpasster oder verfehlter Erziehung die Verbiegungen und Verkrüppelungen ihres Wesensgepräges - ihnen selbst und anderen zur Last." Das stimmt noch immer. Neu ist, dass wir heute unter den verschärften Bedingungen der Kommunikationsgesellschaft leben; jeder muss mit jedem reden können: die Domina mit dem Konzernlenker, der Kirchenfürst mit dem Kfz-Mechaniker. Das heißt, die Persönlichkeit des Einzelnen bekommt ein entscheidendes Gewicht für Inhalt, Verlauf und Ergebnis der verbalen Begegnung.

Ist es nicht erfreulich, dass die Schranken zumindest im Gespräch gefallen sind?

Einerseits schon. Es gibt kein Denk- und Redeverbot mehr. Das ist eine große Freiheit - die allerdings auch eine Kehrseite hat: Früher mussten sich nur Marktschreier, Kneipiers und Lokalpolitiker kommunikativ beweisen, heute jedermann. Eine Zumutung für Schweiger, Melancholiker, Träumer.

Der von Ihnen beschriebene Ostwestfale scheint allerdings gegen den Einfluss der Schwatzgesellschaft weitestgehend resistent zu sein.

Ein faszinierender Typus, offenbar nicht durch die Zeit beeinflussbar. Als Rheinländer, der lange in Ostwestfalen gelebt hat, war ich fasziniert von diesem wortkargen Volksstamm, der mit Bertelsmann den Kommunikationsgiganten Europas hervorgebracht hat - vermutlich mit dem eigentlichen Ziel, die Kommunikation zu exportieren.

Welche Rolle spielt die Wirtschaft eigentlich bei der von Ihnen so genannten Zwangskultur des Palavers?

Eine entscheidende. Man könnte, um Lenin zu variieren - und sehr verkürzt - sagen: Redefreiheit plus Kommunikationsindustrie gleich Schwatzgesellschaft.

Über die man sich zurzeit gern hämisch äußert.

Das ist nicht meine Sache. Das Verschwinden verbindlicher Etiketten ist das Ergebnis einer begrüßenswerten Emanzipation. Was Heide-Königinnen, Ballermänner und RTL-2-Moderatoren jetzt daraus machen, war nicht gewollt. Das sind Verselbstständigungsprozesse, Sumpfblüten. Andererseits gibt es auch Erfreuliches. So haben - erstaunlicherweise - etliche Gesprächsformen aus der Betroffenheitskultur der 68er-Zeit Eingang in Unternehmen gefunden: Konfliktmanagement, Coaching, Brainstorming. Natürlich ist Firmenkommunikation nicht wirklich frei, sondern zweckorientiert, aber trotzdem sind das Fortschritte. Führungsprobleme etwa können heute in vielen Firmen angesprochen werden, es gibt über die Hierarchie-Ebenen hinweg Aussprachen von gleich zu gleich - vor 30 Jahren undenkbar.

Ist deshalb der von Ihnen so genannte Gremienkünstler die zentrale Persönlichkeit in Deutschland?

Auf alle Fälle die virtuoseste. Er kennt die Typen im jeweiligen Gremium genau und stimmt seinen Vortrag darauf ab. So arbeitet er einige Fehler hinein, damit der Pedant etwas zu meckern hat. Einige nicht ganz ausgegorene Gedanken, um den großen Philosophen zum Zuge kommen zu lassen. Dem Gremienfürsten schließlich, jenem also, der die Linie vorgibt, gibt der Gremienkünstler Gelegenheit, Teile des Konzepts abzulehnen. Er stellt sich selbst demutsvoll als derjenige dar, der die bestehenden Überlegungen nur aufgegriffen und zusammengefasst hat. Er hofft, die Absichten des Gremiums und vor allem des Gremienfürsten recht verstanden und sachgerecht aufgearbeitet zu haben. So wird er selbst zum Gremienfürsten und wacht dann eifersüchtig darüber, dass angehende Gremienkünstler auch ja keinen der Lernschritte auslassen, die ihn selbst in sein Amt gebracht haben.

Zu welcher Sorte unvermeidlicher Mitmenschen zählen Sie sich?

Was ist Ihr Eindruck?

Der Dozent.

Komisch, das sagen meine Kinder auch immer.