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Fair spielen, mehr gewinnen

Der Homo oeconomicus, das Vorbild des egoistischen Unternehmer-Prototypen, ist tot. Das jedenfalls behaupten Experimental-Ökonomen. Doch damit nicht genug: Vor allem westliche Gesellschaften sind erfolgreich, weil sie kooperieren und Fairplay praktizieren, haben die Experten festgestellt. Alles beginnt mit einem einfachen Test:




Jemand schenkt Ihnen 50 Euro, mit einer kleinen Bedingung: Sie müssen das Präsent mit einem Mitmenschen teilen, können aber selbst bestimmen, wie viel Sie abgeben wollen. Und nur wenn der Partner Ihr Angebot annimmt, kann jeder seinen Anteil der 50 Euro einstecken. Lehnt er ab, gehen beide leer aus. Was bieten Sie an?

Als wahrer Homo oeconomicus, dem von Adam Smith erkannten Urtyp des eigennützig handelnden Unternehmers, treten Sie vielleicht einen Cent ab, höchstens aber fünf. Der andere, per Definition von Ihrem Schlage, wird jeden Deal begrüßen.

Geschenk bleibt schließlich Geschenk. Glauben wir.

"Doch so entscheiden sich westlich geprägte Menschen fast nie", weiß der Ökonom Ernst Fehr von der Universität Zürich aus Dutzenden Versuchen mit hunderten Studenten. Kulant wie ein Gemüsehändler vor Ladenschluss bieten die meisten Akteure in diesem so genannten Ultimatum-Spiel knapp die Hälfte an - egal, ob in Yokohama oder New York oder im javanischen Universitätsstädtchen Yogyakarta. Und sie handeln richtig. Wer weniger als 40 Prozent offeriert, brüskiert bereits etliche Spielpartner, bei weniger als einem Drittel wird fast immer abgelehnt. "Die Leute verschenken also bares Geld, um ihre Mitmenschen zu erziehen", sagt Experimental-Ökonom Fehr. Der Homo sapiens schätzt Kooperation und Fairness, auch wenn es ums Geld geht.

Wirtschaftliche Entscheidungen bauen viel stärker auf soziale Normen als auf Eigennutz.

Zwar verhalten sich Menschen auf reinen Wettbewerbsmärkten fast immer eigensüchtig. Doch Ökonomie besteht nur zu einem Bruchteil aus Märkten, überwiegend dagegen aus komplexen Beziehungen kleiner Gruppen - zum Beispiel in Unternehmen. Dort handelt der Mensch eher fair. Deshalb steckt im bunten Mix von kooperativen Typen und Egozentrikern die wahre Herausforderung für die Theorie, die öffentliches Bewusstsein und Politik etwa bei zentralen Themen wie Marktentwicklung, Steuern oder Produktivität von Unternehmen entscheidend beeinflusst. "Das Verhalten der Fairness", sagt Fehr, "wirkt sich dramatisch auf die Ergebnisse unserer Modelle aus." Statt auf Eigennutz fußen viele ökonomische Entscheidungen offenbar auf sozialen Normen. Und: Fairplay ist nicht angeboren. Das hatten die Ultimatum-Spielmacher zu Beginn ihrer Forschungen noch vermutet.

Aber seit die Anthropologen das Experiment mit Naturvölkern in den Steppen und Urwäldern Asiens und im Busch Afrikas wiederholten, hat sich diese Vorstellung verflüchtigt. Mit Bedacht wählte Joseph Henrich - Wirtschaftsanthropologe und derzeit Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg - zunächst ein Volk aus, das tief im Hinterland des peruanischen Amazonas jagt, fischt und ein wenig Landwirtschaft betreibt. "Die Machiguenga halten nichts vom organisierten Gemeinschaftsgeist", sagt Henrich. Jeder Clan kocht sein eigenes Süppchen, die Familie gilt als heilig, die Gesellschaft nichts. Stammesmitglieder gaben beim Ultimatum-Spiel meist ein Viertel des Geschenks ab, einzelne nur 15 Prozent. Die Spielpartner störte das kaum. Nur einer von 21 fühlte sich über den Tisch gezogen. Daten, über die Henrich schmunzelt: "Hoch ausgebildete Akademiker verletzen das Gebot vom Homo oeconomicus, aber die Machiguenga, die weder lesen noch schreiben können, kommen ihm am nächsten." Nach Studien mit 15 weiteren Völkern ist so gut wie sicher: Das reine Ebenbild des Homo oeconomicus lebt nirgendwo. Im Gegenteil: Sehr erstaunt registrierten Henrichs Kollegen, dass die durchschnittlichen Angebote im Ultimatum-Spiel weltweit von 26 bis 58 Prozent schwanken.

Das Ultimatum-Spiel zerstört die Legende vom egoistischen Westler ebenso wie die vom edlen Wilden.

Die Garde der Egomanen führen die Machiguenga an, gefolgt von den Quechua in Ecuador, den Au in Papua-Neuguinea, den Torguud und Khazaks in der Mongolei und einer Gruppe der Hadza-Jäger in Tansania. Während sie die Mär vom edlen Wilden erschüttern, zeigen sich die meisten Völker auffallend großzügig - an der Spitze die Lamalera-Walfänger in Indonesien, die ihren "Geschäftspartnern" weit mehr als die Hälfte zugestanden, obwohl es um einige Tageslöhne ging. Gleichermaßen variiert die Bereitschaft, eine Offerte zurückzuweisen. Angehörige der Au und Gnau aus Papua-Neuguinea lehnten ausgesprochen günstige Angebote von mehr als 50 Prozent ab, während Spieler aus etlichen anderen Völkern selbst Dumping-Offerten akzeptierten.

Warum diese Differenzen? Alter, Geschlecht und Bildung begründen nach den Analysen der Wissenschaftler das Handeln ebenso wenig wie etwa Wohlstand. Selbst sehr arme Leute gaben häufig vergleichsweise viel ab. "Wie fair oder eigennützig die Leute das Spiel spielen, hängt vom Alltag ihrer Gesellschaft ab", sagt Joseph Henrich. So erklären sich etwa die mehr als 50-prozentigen Angebote der Lamalera. Wer mit kleinen Booten und ein paar Harpunen Wale jagt, hängt von der Kooperation seiner Mitstreiter ab. Die Lamalera verteilen im realen Leben die Beute gerecht unter den Jägern, Bootsbesitzern, Bootsbauern und deren Angehörigen. Die Kooperation verspricht dem Einzelnen Gewinne, was die Bereitschaft begünstigt, fair zu teilen.

Doch die Ergebnisse bei Naturvölkern und Stämmen lassen vor allem die oft beschworene egoistische westliche Gesellschaft in einem neuen Licht erscheinen. Gerade hier, wo Adam Smith in den frühen Tagen des Kapitalismus seinen Prototypen des Homo oeconomicus ausmachte, zeigt sich einwandfrei: Je stärker eine Gesellschaft in eine Marktwirtschaft integriert ist, desto eher kooperieren viele ihrer Mitglieder und desto eher bestrafen sie Egoisten. Die Kultur des Marktes prägt das wirtschaftliche Sein, generiert Vertrauen und Fairness - was Gutmenschen und Sozialisten ebenso wie Darwinisten und Neoliberale vor den Kopf stoßen dürfte.

Die Forscher vermuten, dass es Fairness-Normen waren, die die Erfindung des Tauschhandels in der Jungsteinzeit vor etwa 10 000 Jahren antrieben. Tausch setzt ein Maß an Vertrauen in Fremde voraus, das erwidert werden muss. "Vergleichsweise faire Urgesellschaften", glaubt Fehr, "haben die wirtschaftliche Entwicklung des Menschen auf den Weg gebracht." Mag Adam Smith auch Recht haben, wenn er den Egoismus des Einzelnen, des Metzgers, Bauers oder Bäckers, zum Quell des Gemeinwohls erhebt - blühen kann er nur im Klima eines kooperativen gesellschaftlichen Geistes. Denn warum laufen viele Geschäfte per Handschlag? Warum regeln selbst Verträge meist nur das Nötigste? Warum wird im Geschäftsleben nur selten offen gedroht? Und warum steigern eigentlich materielle Anreize die Leistungen von Mitarbeitern nur bedingt?

Kooperationen lohnen. Das haben auch Biologen erkannt.

Eine Lehre aus dem Spiel: Der Staat möge fair mit seinen Bürgern umgehen - es lohnt sich für ihn.

Der britische Evolutionstheoretiker William Hamilton präsentierte schon in den sechziger Jahren die Idee der "Verwandten-Auslese". Genetisch verwandte Tiere und Menschen behandeln sich untereinander besonders fair, was sich schließlich in der gesamten Gesellschaft niederschlägt. Nicht nur die neuen Erkenntnisse kratzen an diesem Bild. Wären Fairness-Normen derart begründet, müssten gerade familienfixierte Völker wie die Machiguenga im Ultimatum-Spiel besonders altruistisch handeln - tun sie aber nicht. Hamiltons US-Kollege Robert Trivers wiederum setzte 1971 die Idee des " reziproken Altruismus" in die Welt. Demnach etabliert sich faires Verhalten in der menschlichen Evolution immer dann, wenn es nach dem Muster "Wie du mir, so ich dir" nicht einseitig bleibt und sich letztlich lohnt.

In seinem berühmten Computer-Spielexperiment "Tit for Tat" bestätigte der US-Politologe Robert Axelrod diesen Gedanken: Auf kooperatives Verhalten reagieren seine virtuellen Spielfiguren ebenfalls kooperativ, auf Vertrauensbruch eigensüchtig, ohne allerdings nachtragend zu sein. Geht der Partner wieder zur Zusammenarbeit über, wechseln die restlichen Akteure sofort wieder ihre Strategie. Wichtigster Motor der Zusammenarbeit sind hier langfristige Perspektiven. Solange die betroffenen Parteien sich kennen und davon ausgehen, dass sie auf absehbare Zeit ähnliche Abmachungen miteinander treffen, kann Kooperation nach Axelrod von ganz allein wachsen. Die Crux: Wer heute seinem Arbeitskollegen einen Gefallen tut, erwartet meist eine Gegenleistung.

Derlei von Egoismus getriebene Fairness kann freilich nicht die Existenz kooperativen Verhaltens bei einmaligen Beziehungen unter anonymen Akteuren wie im Ultimatum-Spiel erklären. Und schon gar nicht jene Aktionen, mit denen die Fraktion der eher Fairen die Egomanen förmlich erzieht, um den gesellschaftlichen Geist der Kooperation zu stützen - und zwar koste es, was es wolle. Wie dramatisch die Rahmenbedingungen das Wechselspiel dieser Antipoden diktieren, belegt das " Öffentliche-Gut-Spiel".

Die Anleitung: Zehn Probanden bekommen von den Forschem zunächst je hundert Euro. Das Spiel geht über zehn Runden. In jeder Runde können die Akteure selbst entscheiden, wie viel ihres Geldes sie in einen gemeinsamen Topf investieren wollen. Jeder eingezahlte Euro wird von den Forschem verdoppelt und das Geld aus dem Topf nach jeder Runde an alle zehn Teilnehmer verteilt. Einzahlen in den Topf entspricht Kooperation, Nichteinzahlen hingegen bedeutet Trittbrettfahren. Zahlen alle viel ein, machen alle ein gutes Geschäft.

Doch schon in der ersten Runde steuern die Egoisten nichts bei und fahren dabei Gewinne ein. Die Fairen indes geben viel und werden für ihr Verhalten mit Verlusten bestraft. Als Folge schwindet ihre Kooperationslust schon nach wenigen Runden. Die Zusammenarbeit bricht ein und alle verlieren. "Niemand hält nach dem Schlag auf die rechte Wange auch noch die linke hin", sagt Ernst Fehr.

Neues Spiel, neue Normen: Unter Einsatz einer Gebühr dürfen die Fairen den Experimentator nach jeder Runde auffordern, den Trittbettfahrern für ihr egoistisches Verhalten eine Art Strafzoll abzuknöpfen. Dieses Angebot nutzen die fairen Typen, was die Egoisten rasch Geld kostet. Ergebnis: Schon nach drei bis vier Runden investieren alle ins Gruppenprojekt. Die Fairen setzen sich durch, was nach dem Homo-oeconomicus-Modell eigentlich unmöglich erscheint. Demnach vergeigt niemand sein Geld, um das eigensinnige Verhalten anderer zu bestrafen. Die Fairen erzwingen einfach ein hohes Kooperationsniveau und schaffen beste Gewinne für alle. Die Motivation dafür ist reine Emotion. Ihr Gefühl, schierer Ärger über die Trittbrettfahrer, lässt sie so handeln.

Wenn also durch Emotionen getriebene Motive des gesellschaftlichen Alltags vielen Leuten den puren Eigensinn austreiben, dann sollten die Politik auch die Kooperationsbereitschaft der Egoisten fördern - zum Nutzen aller.

Derlei Strategien zu entwerfen ist das Fernziel einer neuen Wirtschaftstheorie. Ein Beispiel ist das Steuersystem - ein klassisches öffentliches Gut. Empfänden es die Bürger nur als gerecht, würde der Gedanke des Menschen als staatlicher Teamplayer geschärft - und mithin das Problem der Steuerhinterziehung schwinden. "Die Politik muss die Steuermoral über den Kooperationsgedanken verbessern", erklärt Fehr.

Schon kursiert der Begriff des Belief Managements, wonach man die Erwartungen über das Verhalten der Mitbürger durch Medien beeinflussen könne.

"Mehr Kooperation", glaubt Fehr, "bringt auch mehr Geld in die Staatskasse."