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...Basel II?

Wie weit ist es noch bis Basel II und wo liegt Basel I? Die Wegbeschreibungen sind kryptisch: Kapitalunterlegung, Zinsspannweite, IRB-Rating... Höchste Zeit für eine kleine Navigationshilfe.




Was macht eine Branche, wenn sie Angst vor sich selbst bekommt? Sie entwirft zur eigenen Kontrolle ein Regelwerk. Die Banken machen das gleich international - mit Basel II, auch als "Baseler Akkord" bekannt. Der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, ein Gremium der Zentralbanken der wichtigsten Industrieländer, formuliert in seinem Entwurf schärfere und präzisere Eigenkapitalvorschriften für international operierende Kreditinstitute, um "das bankenaufsichtliche Regelwerk an die Entwicklungen an den Finanzmärkten anzupassen". Kurzum: Es geht um die Stabilität der globalen Finanzsysteme.

Noch wird das Regelwerk, das 2002 festgeschrieben werden und im Jahr 2005 Gültigkeit erhalten soll, heftig diskutiert.

Bis dahin gelten die Basler Eigenkapitalvereinbarungen von 1988 (Basel 1), zu denen sich mehr als hundert Länder verpflichtet haben. Kernpunkt der geltenden Regelung ist die Selbstverpflichtung der Banken, mindestens acht Prozent ihres Kreditvolumens mit Eigenkapital abzusichern. Wer also hundert Millionen Dollar verleiht, muss dafür acht Millionen Dollar an bankeigenen Kapitalmitteln zurückhalten. Die Begrenzung des Kreditvolumens dient nicht nur einer Erhöhung der Eigenkapitaldecke der Kreditinstitute und somit dem Schutz von Sparern, Anlegern und Bankaktionären. Ziel ist es, vor allem, der Gefahr weltweiter Finanzkrisen vorzubeugen.

Was Basel I nicht beinhaltet, ist eine gezielte Risikobewertung und -auswahl bei der Kreditvergabe. Aber genau das ist nötig. Denn die Globalisierung erhöht die Risiken der Banken erheblich. Auf den immer schnelllebigeren und unsicheren Märkten lassen sich Gewinner und Verlierer, gute und schlechte Kreditrisiken immer schwerer identifizieren. Auch steigende Insolvenzraten stellen eine zunehmende Bedrohung für die Finanzmärkte dar.

Vor allem aber misstraut sich die Branche selbst. Die Befürchtung: Der Wettbewerb um globale Marktanteile wird im Zweifel über laxe Bonitätsprüfungen ausgetragen; die Branche ruiniert sich, in dem sie sich zunehmend zweifelhafte Kredite ins Portfolio legt.

An diesem Punkt setzt Basel II an. Im Zentrum der aktuellen Basler Vorschläge steht der Grundsatz, dass sich die Eigenkapitalunterlegung von Krediten stärker nach deren tatsächlichen, individuellen Risiken, also der jeweiligen Bonität der Kreditnehmer richten soll. Konkret heißt das: Institute mit überdurchschnittlich gutem Kreditrisiko-Portfolio müssen weniger Eigenkapital als Puffer gegen unerwartete Verluste nachweisen. Für die Banken sind damit starke Anreize geschaffen, gute Risiken zu identifizieren, um so Kreditvolumen, Eigenkapitalrendite und Gewinn zu steigern. Deshalb soll die Menge des Eienkapitals, das vorgehalten werden muss, künftig an der Höhe des Risikos ausgerichtet werden.

Die Bewertung der Kredite macht sich für den Kunden bei den Kreditkonditionen bemerkbar: Je besser die Bonität, je sicherer der Kredit scheint, je weniger Eigenkapital die Bank für einen Kredit vorhalten muss, desto niedriger wird die Zinsbelastung für den Kreditnehmer. Allerdings: Für viele Unternehmen vor allem in risikobehafteten Branchen wird die Kreditfinanzierung dadurch nahezu unerschwinglich. Besonders junge Firmen und Gründer werden sich dank Basel II noch stärker als bisher nach alternativen Finanzierungsformen, beispielsweise Beteiligungskapital, umsehen müssen.

Auch viele langjährige Geschäftsbeziehungen werden wohl gekappt werden, Basel II erfordert von den Banken den viel beschworenen "Mut zur Wahrheit". Das mag im Einzelfall hart sein, aber gerade darin liegt der Sinn der neuen Vorschriften.

Basel II soll für mehr Gerechtigkeit sorgen. Vor allem für die solventen Kunden.

Mit Zinsunterschieden und Risikoselektion wird die bisherige Praxis, nach der gute Risiken schlechte subventioniert haben, aufgegeben. Im Grunde ist das neue Verfahren von der Versicherungswirtschaft abgeguckt. Versicherungen legen ihre Prämien prinzipiell nach den tatsächlich eingegangenen Risiken fest. Wer beim Abschluss einer Lebensversicherung einen Fragenkatalog über seinen persönlichen Gesundheitszustand beantwortet, wird nichts anderem als einer versicherungsinternen Bonitätsprüfung, also einem Rating unterworfen.

Einheitliche Vorschriften zu international anerkannten und standardisierten Ratingverfahren sind auch im Rahmen von Basel II Dreh- und Angelpunkt für eine präzise Kreditprüfung.

Für die Bemessung des Kreditrisikos werden im Basler Papier zwei grundlegende Möglichkeiten vorgeschlagen. Eine Standardmethode, wie sie von externen Rating-Agenturen wie Standard & Poor's oder Moody's angewendet wird, und ein auf bankinternen Ratings basierender Ansatz, das so genannte IRB-Verfahren. Da externe Ratings für die Mehrzahl der Unternehmen zu teuer sind, wird vor allem die bankinterne Bonitätsprüfung von Bedeutung sein. In den meisten deutschen Banken entspricht das interne Rating allerdings noch nicht dem deutlich höheren internationalen Standard.

Mit der Einführung der Rating-Verfahren, die für die Banken mit viel Aufwand verbunden ist, wird sich das Kreditgeschäft grundlegend ändern, von einer " Renaissance im Bankwesen" ist die Rede. Die gute Beziehung zum Bankdirektor, das Geklüngel mit dem Filialleiter der Hausbank wird für die Kreditgewährung nicht mehr ausreichend sein. Und auch mit der traditionellen Bewertung nackter Bilanz- und Kennzahlen aus der Vergangenheit ist es nicht mehr getan. Die Bonitätsprüfungen nach Basel II berücksichtigen nämlich explizit auch die Einschätzung der Zukunftssubstanz von Unternehmen.

Soft Facts, qualitative Faktoren wie Managementqualitäten, klare Nachfolgeregelungen, tragfähige strategische Konzepte sowie Mitarbeiterstamm, Marktpositionierung oder die innovative Höhe der Produktpalette spielen somit eine immer bedeutendere Rolle bei der Kreditvergabe. Ein echter Paradigmenwechsel, bisher setzten die Banken eher auf Anfassbares, am liebsten Immobilien.

Mit dem Einzug der Soft Facts in den Rating-Katalog wird Basel II allerdings auch zu einer unbequemen Instanz. Plötzlich müssen sich mittelständische Unternehmer als Manager hinterfragen lassen, das Fehlen von zweiten Führungsriegen wird mit empfindlichen Risikoaufschlägen versehen. Alleinherrschaft kostet auf einmal Geld, viel Geld. Und damit nicht genug. Um Ratings durchführen zu können, sind die Banken auf einen permanenten Informationsfluss seitens der Unternehmen angewiesen. Die Institute müssen also uneingeschränkte Transparenz einfordern.

Was besser ist für die einen, ist schlechter für die Kleinen.

Ob die Banken mit den zusätzlichen Informationen und Kennzahlen allerdings tatsächlich etwas anfangen können, bleibt fraglich. Schon heute fehlt es in vielen Instituten an unternehmerischem Know-how. Und ob das Ziel "mehr Sicherheit" durch die neuen Regelungen erreicht wird, bleibt abzuwarten.

Sicher ist indes schon heute, dass es die kleineren und mittleren Unternehmen sein werden, die das Nachsehen haben: Je kleiner Firmen sind, desto höhere Risikoaufschläge werden ihnen mit der Einführung von Basel II in der Regel zugemutet. Für sie dürften sich Kredite tendenziell also am meisten verteuern.

Zudem steht zu befürchten, dass die Banken Basel II als Alibi nutzen könnten, um sich schleichend aus dem margenschwachen, aber beratungs- und arbeitsintensiven Mittelstandsgeschäft zurückzuziehen. Gerade für mittelgroße Firmen ist jedoch der Firmenkredit immer noch das klassische und wichtigste Finanzierungsinstrument.

So ist ein Instrument als Mittelstandskiller in die Diskussion geraten, das eigentlich durch mehr Vergleichbarkeit und umfassendere Maßstäbe zur Stärkung auch des Mittelstandes beitragen sollte. Noch sind die Regeln nicht festgeschrieben. Reden Sie mit Ihrer Bank.