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Die Kunst beginnt, wo der Kampf ums Überleben endet. Und so ist auch ihre Erschaffung anderen Regeln unterworfen als die Produktion von Gebrauchsgütern.




Nat Towles, Jazzmusiker aus New Orleans: "Keine Noten, verstehst du! Wir hatten noch nie ein Stück Papier mit Noten drauf gesehen. Ganz einfach sechs oder sieben Instrumente, ein halbes Dutzend Männer, die zusammen Musik machten, wuchtig und stampfend, jeder für sich und auf seine Art, und doch passte nachher irgendwie alles prächtig zusammen. Es musste gut gehen, und es ging gut, denn jeder von uns meinte es gut." Jede Band ist eine Familie, ein Freundeskreis, eine Arbeitsgemeinschaft. Wie funktioniert eine Band? Wie eine soziale Gemeinschaft, jede soziale Gemeinschaft, die sich nicht mit einem klar festgelegten Ziel beschäftigt, das nachweisbar auf einem bestimmten Weg am besten zu erreichen ist. Eine Gruppe, die eine Brücke baut, hat konkrete Vorgaben, Material und Ausführung sind festgelegt, der Rest ist Effektivität. Eine kreative Gruppe erreicht dagegen irgendwann einen Punkt, an dem es nichts mehr gibt, woran sie sich orientieren kann. Das ist der Kern der Kreativität, der Moment, an dem sich alles auflöst und noch nichts Neues entstanden ist. Im Aufnahmestudio ist das der Punkt, an dem die Band verzweifelt, an dem niemand glaubt, dass der geplante Song jemals fertig werden wird. Es ist dieser Punkt, an dem sich zeigt, ob eine Gruppe eine Gruppe ist - oder nur ein Haufen Leute, von denen einer oder alle übermächtige Egozentriker sind.

Duke Ellington, Chef einer Jazz-Bigband: "Meist schreibe und arrangiere ich die Sachen selbst. Manchmal schreibe ich die Sache, und die Band und ich arbeiten gemeinsam das Arrangement aus. Manchmal schreibt Billy Strayhorn, mein Haupt-Arrangeur, die Arrangements. Manchmal tun wir uns alle zusammen, und nicht nur das Arrangement, sondern auch das Stück selbst entsteht in Gemeinschaftsarbeit. Dann hat vielleicht einer aus der Band eine Idee, und er spielt sie auf seinem Horn vor. Vielleicht entwickelt ein anderer diesen Gedanken und macht etwas daraus. Vielleicht probieren die Trompeten etwas zusammen aus und sagen: ,Hört euch das mal an.' Vielleicht gibt es Meinungsverschiedenheiten, weil man sich nicht darüber einig wird, welcher Dämpfer genommen werden soll. Vielleicht macht einer den Vorschlag, eine Note länger auszuhalten, während ein anderer meint, sie sollte ganz weggelassen werden. Und schließlich kommen vielleicht die Saxofone geschlossen angerückt und möchten noch ein paar Jaul-Effekte in ihrem Satz haben." Eine Band ist ein Staat. Und wie ein Staat hat jede Band eine Regierungsform. Duke Ellington mag liberal klingen, aber er ist ein liberaler Monarch. Die anderen Musiker dürfen Vorschläge machen, sie werden nicht ausgelacht, und niemand guckt böse, wenn sie den König kritisieren. Aber wenn etwas entschieden werden muss, worüber man sich nicht einigen kann, entscheidet der Duke. Nein, das ist keine Diktatur. Das ist die Regel in einer Gruppe, die zu groß ist, um sich direkt im Gespräch zu einigen. Die moderne Popband, die, wenn sie es will, mit etwas Technik den Klang eines Orchesters erzeugen kann, hat in der Regel keinen Chef - bei drei bis sechs Mitgliedern braucht sie das nicht.

Richard Greentree, Bassist der Beta Band: "Bevor wir uns treffen, haben wir uns alle schon etwas überlegt. Robin hat ein paar Rhythmen, Steve einige Melodien, John hat Ideen für neue Klänge, ich bringe vielleicht auch ein paar Melodien mit. Oder es ist umgekehrt, Robin hat eine Melodie und ich einen Rhythmus. Dann spielen wir es vor und schauen, wie es zusammenpasst." Das ist schön, wie es das Quartett aus London macht, aber es ist auch eine Rarität. Direkte Demokratie gibt es kaum, weil die Gruppen in der Regel eigene Songs spielen und diese nur sehr selten gemeinsam komponiert werden. Meist gibt es einen Songwriter, in erfolgreichen Bands oft auch zwei, die oft sehr unterschiedlich sind und gerade deswegen gemeinsam Großes vollbringen. Mit der Einrührung der Komponisten beginnt die Arbeitsteilung, wie in einer Stammesstruktur: Jeder nimmt den Platz ein, für den er am besten geeignet ist.

Eine perfekt funktionierende Gruppe: die Beatles John Cale, Pianist bei Velvet Underground: "Wir hatten eine bestimmte Art, wie wir vier zusammen arbeiteten. Ich saß herum und spielte, und dann kam Lou (Reed), ich spielte ihm einen Gitarrengriff vor, dann spielte er einen Gitarrengriff vor, dann begannen wir, gemeinsam zu spielen und wechselten dabei ständig die Instrumente. So ähnlich war es auch auf der Bühne. Lou fand es gut, dass Moe (Tucker) und Sterling (Morrison) die Songs so spielten, wie sie es wollten. ,Venus in Furs', ,Heroin' und ,Black Angel Death Song' sind perfekte Beispiele dafür, wie jeder etwas anderes spielt und dabei trotzdem etwas Gemeinsames entstand." Lou Reed und John Cale waren die Songwriter bei Andy Warhols Band-Projekt Velvet Underground, Cale der klassisch ausgebildete Komponist, Reed Popmusiker, ein perfektes Paar. Die Gruppe scheiterte dennoch - am großen Ego. Reed akzeptierte Cale nicht als zweiten Chef und warf ihn schließlich raus. (Es war wesentlich komplizierter, das ist die Kurzfassung). Die Gruppe stürzte danach rasch ins Nirgendwo. Die Arbeitsteilung ist eine schwierige Angelegenheit. Sie verlangt, dass jeder die anderen machen lässt, ihm seinen Raum, seine Fähigkeiten und sein Urteilsvermögen zugesteht, dass niemand sich zu sehr in fremde Bereiche drängt.

Paul McCartney, Bassist der Beatles: "Es war für John (Lennon) und mich üblich, ins Studio zu gehen, wo wir George (Harrison), Ringo (Starr) und George Martin (den Produzenten) trafen. Wir spielten einen Song, den wir meistens in der Woche zuvor geschrieben hatten, einfach vor. Das dauerte fünf Minuten, eventuell wollte George Martin ihn noch mal hören, dann brauchten wir zehn Minuten. Danach sagte Ringo: ,0kay, ich weiß, was ich spiele', und George sagte: ,Ich nehme die oder die Gitarre', wir spielten eine halbe Stunde, und das Stück war fertig." Die Beatles sind in vielerlei Hinsicht der Prototyp der heutigen Popband. Dieses Zitat bezieht sich auf das Jahr 1965, als Paul McCartney und John Lennon noch zusammen Songs schrieben, meistens auf Konzerttour. Später wurden die Verhältnisse komplizierter, mit dem Ende der Touren nahm nicht nur der Stress ab, sondern auch die Nähe zwischen den Musikern. Doch die Musiker waren Freunde, sie kannten sich sehr gut, hatten miteinander gelebt und vertrauten einander genug, um eine offene Arbeitsatmosphäre zu erhalten, in der kreative Momente immer noch Raum hatten. Wie zum Beispiel das lange Intro von "HeyJude" (1968), der erfolgreichsten Single der Beatles.

Paul McCartney: "Ringo ging auf die Toilette, wir hatten schon sehr viele Aufnahmen gemacht, und ich hatte nicht gemerkt, dass er nicht da ist - wir waren alle in diesen kleinen Aufnahmeboxen, Ringos Box war am anderen Ende des Raums. Ich fing also an zu singen ,Hey Jude...', es war ein gutes, langes Intro. Und dann sah ich Ringo, der gerade bemerkte, dass ich schon angefangen hatte. Er schlich zurück von der Toilette, zum Schlagzeug, und als er anfing zu spielen, zu Beginn des zweiten Verses, war er exakt im Rhythmus. Es war großartig, es war die Aufnahme, die wir schließlich veröffentlichten." Wie funktioniert eine Band? Es ist die Zeit und der Ort, das Gespräch am Vorabend und der Kater am nächsten Morgen, der Streit, der Wochen her ist, und die Freundschaftserklärung aus dem letzten Jahr, der Glaube an die Musik und der Zweifel an sich selbst, die Konzepte und Pläne und Diskussionen und dann, in einem unbeobachteten Moment, die Idee, der überspringende Funke zwischen zwei Musikern, die ungeplante Note, der Ton, der dort eigentlich nicht sein soll, und die anderen, die es akzeptieren, die es einbauen, weil das Neue aus dem Neuen entsteht, nicht aus dem Alten, wie es oft heißt. Das Neue ist das Unvorstellbare, und wenn das jemand gefunden hat und die Band funktioniert, werden es die anderen akzeptieren, weil das WIR größer ist als das ICH, weil das gemeinsame Ziel die eigenen Pläne überragt. Der Bigband-Chef Stan Kenton erklärt es in dem Stück "Prologue (This Is An Orchestra!) auf dem Album "New Concepts for Artistry in Rhythm", in dem er die Band vorstellt, so: "Dies ist eine Gruppe von Musikern, die sich zusammengefunden hat, weil sie an eine bestimmte Musik glaubt. Wie alle Orchester ist auch dies einmalig, sein künstlerisches Ideal ist wichtiger als persönliche Unterschiede. Die Musiker kommen aus allen Teilen der USA. Ihre Musik ist das Ergebnis von gegenseitigem Verständnis und der Fähigkeit, sich aufeinander einzustellen. Teile der Musik sind komponiert, Teile improvisiert. Es gibt Momente, in denen Musiker ihre Persönlichkeit ausdrücken, und andere, in denen alle zu einem gemeinsamen Klang verschmelzen. (...) Mit gegenseitiger Hochachtung und großem Respekt vor der Individualität jedes Einzelnen kann diese Gruppe von Menschen viele Arten von Musik machen, von sanften Klängen bis zu brüllendem Lärm. THIS IS AN ORCHESTRA!"