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In einem lichten Moment beschließt ein Haufen Egoisten, eine Kommune zu gründen, einigt sich auf prima Grundsätze für das Zusammenleben, und hinterher kommt noch nicht einmal das nötige Haushaltsgeld zusammen. Das die Geschichte der UNO in Kurzform, die Geschichte eines schönen Traumes und der hässlichen Wirklichkeit.




Die USA waren kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs Geburtshelfer. Am 26. Juni 1945 unterzeichneten 51 Staaten in San Francisco die Charta der Vereinten Nationen, der zweite Versuch nach dem Scheitern des ebenfalls auf US-Initiative gegründeten Völkerbundes. Die UNO soll den Weltfrieden sichern sowie die internationale Zusammenarbeit und den Respekt vor den Menschenrechten fördern, heißt es im ersten Artikel.

Die Idee einer Welt, in der die Vernunft regiert, blieb Papier, weil die Mächtigen nicht wirklich Macht abgeben wollten. Die UN-Vollversammlung, in der jedes Mitgliedsland unabhängig von Größe und Einfluss dieselbe Stimme hat, verfügt über so wenig exekutive Gewalt wie der Generalsekretär, formal der höchste Beamte unter der Sonne. Das einzige UNO-Gremium, das verbindliche Beschlüsse fassen kann, ist der Sicherheitsrat. Dort geht nichts gegen die fünf Ständigen Mitglieder China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA, die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. Sie haben jeder für sich ein Veto-Recht, können also nicht überstimmt werden.

So legte der kurz nach der Gründung ausbrechende Kalte Krieg viele Arbeitsbereiche der Organisation für mehrere Jahrzehnte lahm: Die damaligen Supermächte UdSSR und USA blockierten sich gegenseitig. Und auf der Welt brannte es an allen Ecken und Enden: Die UNO konnte in keinem Fall tatsächlich den Frieden bewahren oder gar schaffen. Trotzdem hat die Organisation da, wo man sie ließ, etwas bewirkt. Das gilt besonders für die so genannten friedenserhaltenden Maßnahmen nach Konflikten: Blauhelme sichern den Waffenstillstand auf dem Golan, in Kuwait, Kambodscha und seit kurzem auch in Afghanistan. Die UN haben außerdem maßgeblich zum Prozess der Dekolonialisierung beigetragen und globale Probleme wie Hunger, Klimawandel und Aids auf die internationale Agenda gesetzt.

In den 57 Jahren ihres Bestehens entwickelte sich die Organisation zu einem verzweigten Apparat mit 189 Mitgliedsstaaten und mehr als 30 Ablegern wie dem Kinderhilfswerk Unicef. Kritiker sehen in der UNO das Paradebeispiel für ineffektive Bürokratie. Bei der Besetzung vieler Posten spielt nationales Prestige die entscheidende Rolle, an den Egoismen der Mitglieder scheitern notwendige Reformen. Experten sind sich darüber einig, dass der Apparat gestrafft, der Sicherheitsrat demokratisiert, die Generalversammlung gestärkt werden müsste. Das größte Problem aber ist die Kluft zwischen Anspruch und Ausstattung. Die Organisation, die den Frieden sichern, Hunger und Seuchen bekämpfen, für Abrüstung, Bürgerrechte, Bildung sorgen, Flüchtlinge schützen und Kriegsverbrecher jagen soll, verfügt mit rund 1,1 Milliarden Dollar über einen lächerlichen Jahresetat, der etwa dem Verlust entspricht, der bei der Expo in Hannover anfiel.

An eine Wiederbelebung des Gründergeistes glaubten viele nach Zusammenbruch des Ostblocks. Mit dem Ägypter Boutros Boutros-Ghali trat 1992 ein Generalsekretär an, der große Pläne hatte und den Handlungsspielraum der Organisation vergrößern wollte. Unter anderem machte er sich für eine eigene UN-Friedenstruppe auf Abruf stark - und damit bei der verbliebenen Supermacht USA äußerst unbeliebt. Amerika wollte sich seine neue Rolle nicht streitig machen lassen und bremste die UNO aus, wo es ging - mit verheerenden Folgen. So sah Boutros-Ghali 1994 dem "tropischen Holocaust" in Ruanda monatelang hilflos zu, weil der Sicherheitsrat - trotz eines entsprechenden Beschlusses - verspätet Soldaten für die Mission zur Verfügung stellte. Die Verzögerung kostete mindestens 100 000 Menschen das Leben, so Kofi Annan, Nachfolger von Boutros-Ghali und damaliger Leiter der Abteilung für Peacekeeping-Operationen.

Die Qual der Wahl: böser Bube oder nützlicher Idiot "Die UNO kann nur das tun, was die USA sie tun lassen", so der Sprecher der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright. Das Verhältnis Amerikas zu seinem "Baby" hat sich immer mehr abgekühlt. Das liegt auch an der Gewichtsverlagerung innerhalb der Organisation: Heute gehören rund zwei Drittel der Mitgliedsstaaten zur so genannten Dritten Welt. Und die Industrieländer, allen voran die USA, denken nicht daran, sich von Habenichtsen hineinreden zu lassen. In seinen Memoiren klagt Boutros-Ghali: " Für die konservative Rechte waren die Vereinten Nationen ein böswilliger Magnet, der die USA in fremde Probleme hineinzog. Für die liberale Linke waren sie ein nützlicher Idiot, mit dessen Hilfe man so tun konnte, als würden die Amerikaner etwas gegen eine Krise im Ausland unternehmen." Ihr Desinteresse brachte die Führungsmacht des Westens mit einem jahrelangen Beitragsboykott zum Ausdruck. Jeder Kaninchenzüchter-Verein hätte mit Ausschluss reagiert, nicht der Papiertiger UNO, der von seinem stärksten Mitglied fast in die Pleite getrieben wurde. An dieser unnachgiebigen Haltung konnte auch der bis zur Selbstaufgabe diplomatische Generalsekretär Kofi Annan nichts ändern; er kam dem Schuldner weit entgegen, senkte unter anderem die US-Beiträge zum UN-Verwaltungsetat.

Was der Generalsekretär nicht vermochte, das schafften zwei Dutzend Terroristen mit den Anschlägen des 11. September 2001. Die Regierung Bush erkannte, dass sie diese Herausforderung nicht ohne Unterstützung meistern würde. Die UNO sicherte volle Rückendeckung im Kampf gegen den Terrorismus zu, der US-Kongress gab seit Jahren ausstehende Beiträge in Höhe von einer halben Milliarde Dollar frei. Und nachdem die Verbrecherjagd in Afghanistan vorbei ist, darf die UNO dort den undankbaren Part des Wiederaufbauhelfers übernehmen.

Anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises, den sich Kofi Annan mit seiner Organisation teilt, sagte er im vergangenen Herbst: "Wenn wir heute nach dem Horror des 11. September besser sehen und weiter sehen, werden wir merken, dass Menschlichkeit unteilbar ist." Der Traum ist noch nicht ausgeträumt.