Partner von
Partner von

1) 2) 3) Wissenschaftler 4)

Forscher sind auf komplexe Netze zum Informationsaustausch angewiesen. Über den Tunnel des Wissens, der selten an die Oberfläche kommt




Bis in die siebziger Jahre hinein war Forschung, die über den Tellerrand der eigenen Hochschule hinausragte, für die meisten Wissenschaftler kaum machbar. Nur einige wenige, die es in der akademischen Welt zu Ansehen und vor allem ausreichenden Reisespesen-Budgets gebracht hatten, konnten ihre Studien effizient vorantreiben. Der Rest haderte - auf den Fluren zwischen Hörsaal und Instrumenten-Kabinett - mit dem Schicksal: dem des unterversorgten Wissenschaftlers.

Dabei redete schon damals alle Welt von der Bedeutung weltweiter Forschungsbemühungen, die sich vor allem in der konzertierten Suche nach Impfstoffen, Medikamenten und Lösungen für komplexe Krankheitsprobleme zeigte. Aber wie sollte man der großen Menschheitsplagen Herr werden, wenn es nicht ausreichend Kommunikation zwischen den führenden Instituten gab? Wenn Briefe von einem Experten zum anderen tage- und manchmal wochenlang unterwegs waren? Wie konnte man das Datenmaterial, das endlose Papierschlangen füllte und doch wieder nur ein kleines Steinchen im Mosaik auf dem Weg zur Antwort eines Problems darstellte, möglichst schnell von A nach B befördern, sichten, darüber diskutieren? Man konnte, so etwa ab Mitte der siebziger Jahre. Zu diesem Zeitpunkt öffnete sich das bis dahin nur militärischen Instanzen und einigen wenigen Spitzenforschungsinstituten zugängliche ARPA-Net auch breiteren Schichten von Wissenschaftlern. Und es ist dieses Netz, aus dem sich ganz allmählich das Internet entwickelte.

Das ARPA-Net war in den sechziger Jahren von Forschern für die amerikanischen Militärs konstruiert worden und lief ab Ende des Jahrzehnts auch an amerikanischen Top-Hochschulen. In den folgenden anderthalb Jahrzehnten bemächtigten sich Wissenschaftler in den USA und einigen wenigen anderen Staaten des Internets, das von den Militärs, die sehr hübsche Satellitennetzwerke erhalten hatten, als alter Kram links liegen gelassen wurde.

In diesem Zeitraum entwickelte sich ein heute bereits vergessenes Netzwerk-Gefühl: Spezialisten für Informatik und Hardwaretechnik bastelten aus eigenem Forschertrieb und wohl auch aus Freude am Helfen Systeme und Programme für das Netz, entwickelten Standards wie das legendäre TCP/IP, das alle Computersysteme internettauglich macht, und halfen immer wieder mal aus, wenn Altphilologen, Herzspezialisten, Biologen oder Kernphysiker mit dem Computerkram nicht zusammenkamen. Es war eine kleine Welt der Gesten, der Freude und der Entwicklung eines Systems, das man eifrig zum Wissensaustausch nutzen konnte.

In Deutschland hatten nur einige wenige von dem amerikanischen Wunder erfahren. Hier hatte man damals andere Sorgen. Mit monopolistischer Brachialgewalt regierte die Deutsche Bundespost über alle Daten- und Kommunikationsleitungen. Das Motto lautete schlicht und ergreifend: alles verboten. In den achtziger Jahren etwa war es verboten, einen eigenen Telefonanrufbeantworter in Betrieb zu nehmen oder ein selbst gekauftes Telefon an die Leitung anzuschließen. Auf den Eigenanschluss von Modems zur Datenübertragung, die nicht postgeprüft und postangeschlossen waren, stand so etwas Ähnliches wie die Todesstrafe. Die Gerätschaften der Post allerdings waren schlichtweg eine Katastrophe: superlahm, aber dafür extrateuer. Wer Daten und damit Information und zuweilen auch Wissen übertragen und austauschen wollte, musste sich fast zwangsläufig strafbar machen. Wer sich das - etwa als forschender Beamter - nicht leisten durfte, der musste sehr teure und meist sehr schlechte Hardware kaufen und die extremen Preise der Post wohl oder übel akzeptieren. Deutsche Wissenschaftler gründeten deshalb 1984 - als Zwischenlösung in harten Zeiten - einen Verein zur Förderung eines deutschen Forschungsnetzes, kurz DFN. Das DFN gibt es heute noch - mit etwa 700 angeschlossenen Hochschulen, Forschungsinstituten und Wissenschaftsgemeinden.

Die Forscher kämpfen um ihre Privilegien Anfang der neunziger Jahre wurde aus dem Privileg der Wissenschaftler Massenware. In den USA hatte das MIT den Begriff eines nationalen Datennetzwerkes ausgerufen, das auf den Namen Information Superhighway hörte und tatsächlich aus dem Internet bestand. Etwa zur gleichen Zeit entwickelte der britische Ingenieur Timothy Berners-Lee für das Kernforschungszentrum CERN in Genf eine Programmiersprache namens Hypertext Markup Language, HTML, mit dem sich alle Befehle im Netz durch einfaches Ansteuern mit der PC-Maus erledigen ließen. Damit vereinfachte Berners-Lee den Wissensaustausch dramatisch und löste dann im Grunde die Web-Revolution der neunziger Jahre aus. Wissen ist Macht, und zwar dann, wenn nur wenige die Möglichkeit haben, am Wissen teilzuhaben. HTML war der erfolgreichste Versuch einer Demokratisierung des Wissensbestandes seit Gutenberg.

Während das Internet in den fünf Jahren nach der Einführung von HTML zu Weltruhm kommen sollte, begann es im Netz selbst zu rumoren: Zwar konnte sich niemand den Möglichkeiten, die ein neues Massenmedium und die Teilhabe vieler Millionen Nutzer haben musste, entziehen, doch von Anfang an reagierten die meisten im Internet vertretenen Forscher und Bildungseinrichtungen eher ablehnend auf die Öffnung. Dies trifft vor allem auf die europäischen Universitäten zu. Die Interessenlage war recht eindeutig: Die Forscher fürchteten um eine Einschränkung der damals ohnedies bescheidenen " Bandbreiten", dem Tempo, mit dem Daten übertragen wurden, das damals in der Regel zwischen 2400 und - mit Glück und Rückenwind - 14 400 bits pro Sekunde lag (eine ISDN-Leitung überträgt heute 64000 bits pro Sekunde, T-DSL etwa zehnmal so viel). Teilweise fürchteten die Forscher auch, dass ihre Forschungsergebnisse Konkurrenten zugespielt werden könnten. Der größte Angst-Anteil aber bestand schlicht in akademischem Dünkel. Die Tunnels, die sich die Wissenschaftler mit ihren Netzwerken gegraben hatten, kamen an die Oberfläche. Es waren und sind bis heute oftmals offensichtlich unterirdische Anlagen: unverständlich, unkritisch, nur auf den Fachdialog ausgerichtete Seiten, die jeden Publikumsverkehr verbieten.

Vorlesungs-Daten von ganz früher, Fachchinesisch In den ersten Jahren des öffentlichen Internets verließen fast alle Netzwerk-Verantwortlichen ihre ursprünglichen Jobs an Unis, Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Aus ihnen rekrutierte sich die erste, höchst erfolgreiche Gründergeneration des Webs. Nicht Profit-Gier nach langem akademischem Darben trieb sie nach draußen, sondern die in Europa ziemlich einhellige Erfahrung, dass die Forschergemeinde vielfach gar nicht daran interessiert war, ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit vorzustellen.

Amerikanische Forschungseinrichtungen - ein Blick auf Web-sites von Unis und Hochschulen beseitigt da jeden Zweifel - leben von der kontinuierlichen, verständlichen Information der Leute, die sie wiederum finanzieren: Sponsoren, Steuerzahler und öffentliche Hand. Deutsche und die meisten europäischen Forscherstätten hingegen überlassen Öffentlichkeitsarbeit und die Darstellung ihrer Forschung lustlos den Pressebeauftragten der Universität. Die können erstaunlicherweise nicht zaubern - und so sehen viele Forschungsseiten aus wie das Geschmiere von Leuten, die die Köpfe hinter den Websites zu Recht bei Prüfungen durchfallen ließen.

Hauptsache husch-pfusch: Da stehen Vorlesungstermine aus dem Jahr 1998 (oder früher) im Netz. Mit etwas Glück auch mehr. Wer auf der Suche nach Informationen über Biotechnologie, Kernphysik, Krebsforschung und Alzheimer-Bekämpfung endlich etwa auf einer Uni-Seite gelandet ist, der lernt das Prinzip akademischer Abschreckungspolitik kennen: krudes Fachchinesisch, in meist üblen, selbst programmierten Websites möglichst unattraktiv ins Netz geschleudert - da freilich wird aus dem allseits beschworenen Wissenstransfer alsbald ein Wissensdesaster.

Früher, als Daten noch teuer waren, konnten sich die Verantwortlichen auf knappe Budgets herausreden. Das zieht heute nicht mehr. Die virtuelle Forschungslandschaft, im frühen Internet Hoffnungsträger für eine demokratische und zugängliche Wissenschaft, ist zum Daten-Elfenbeinturm verkommen. Und muss sich den Verdacht gefallen lassen: Wer sein Wissen nicht verkaufen kann, der hat vielleicht auch keins.