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Genossenschaften sind der erfolgreiche Versuch, die Folgen des Kapitalismus mit kapitalistischen Methoden zu bekämpfen. Was ist das soziale Kapitel?




Der Kapitalismus, wir wissen es, ist nicht immer ein Zuckerlecken. Ohne Zweifel schafft die kapitalistische Wirtschaftsordnung langfristig die höchsten Werte - kurz- und mittelfristig aber führt die Dynamik des Marktes für eine Menge ihrer Mitglieder in eine freudlose Gasse. Mit dieser historischen Binse allein ist jedoch noch niemandem gedient. Da haben wir also ein schönes Problem: Einerseits gibt es keine Wirtschaftsmethode, die sich an Erfolg mit dem Kapitalismus, der vom Markt gesteuerten und bewegten Wirtschaft, messen könnte. Andererseits aber schließen die realen Verhältnisse viele vom Wohlstand, den der Kapitalismus schafft, aus. Was tun?

Nehmen wir uns in schwierigen Zeiten wie diesen ein historisches Vorbild an den Frauen und Männern aus Hull in Großbritannien. Dort lebten zur Mitte des 18. Jahrhunderts viele Weber, die bekanntlich die fragwürdige historische Ehre haben, zu den ersten Opfern des Industriekapitalismus zu gehören. Ihr Geschäft, das Fertigen von Stoffen, wurde durch den Einsatz der ersten Fabriken ziemlich schnell zum Amateurbeitrag. Statt sich ihrem Schicksal zu ergeben oder flammende Petitionen zu schreiben, griffen die Bürger von Hull zur Selbsthilfe: Sie organisierten für ihre 1400 Seelen zählende Gemeinde Rohstoffe und Lebensmittel, die sie gemeinsam einkauften und verteilten. Die Grundstoffe für die Weberei-Arbeit wurden künftig gemeinsam erworben. Eine Getreidemühle sorgte dafür, dass sie auch bei der Lebensmittelversorgung autonom werden konnten. Jahrzehnte später, im Jahr 1844, war der Industriekapitalismus in Großbritannien zur Landplage geworden. Die Folgen des ungezügelten Kapitals - Massenarmut, die Verelendung ganzer Landstriche, Kinderarbeit und eine extrem hohe Sterblichkeitsrate unter den nun Industrieproletariat genannten Halbleibeigenen der Fabrikherren - waren allgegenwärtig. Dies führte wiederum eine Gruppe von 28 Webern, diesmal aus Rochdale, zur Rochdale-Gesellschaft der redlichen Pioniere zusammen. Die Rochdale-Gesellschaft formulierte im Gegensatz zu ihren Vorgängern aus Hull das, was bis heute als Grundlage modernen Genossenschaftswesens gilt: Die Genossenschaft unterliegt einer demokratischen Kontrolle, alle Mitglieder investieren zunächst Kapital (oder Arbeitskraft) in das Gemeinwesen, um danach Zinsen (in begrenzter Höhe) zu erhalten, etwa in Form von Lebensmitteln. Ein Teil der Erträge aber wird für den Fortbestand und Ausbau des gemeinsamen Unternehmens investiert.

Dies ist die Geburtsstunde des sozialen Kapitals, der Genossenschaft. Das Rochdale-Modell war ungeheuer erfolgreich. Anfang der 1860er Jahre gab es bereits mehr als 400 Verbrauchergenossenschaften auf der Insel.

Genossenschaften sind Kapitalgesellschaften, keine mildtätigen Vereine. Ihr Ziel ist ein unternehmerisches, ihre Methode eine kapitalistische, doch die Motive, die beides treiben, heißen Gemeinwohl und Verteilung des erwirtschafteten Wohlstandes. Sie sind Arbeitsgemeinschaften, Kooperativen, die einerseits auf die unternehmerische Grundtugend der Eigeninitiative und auf Selbstverantwortung setzen, die für jedes Mitglied der Genossenschaft gilt. Somit haben sie mit staatlich verordneten Kollektiven nichts zu tun. Andererseits scharfen sie sich ihren Markt selbst - die Genossenschafter sind gleichsam auch Kunden. Und was sie erwirtschaften, dient dem Fortbestand des Unternehmensverbundes aus einzelnen Unternehmern und Kunden und damit dem genossenschaftlichen Gemeinwohl.

Gemeinsam backen und kaufen - Raiffeisen Zeitgleich initiierte Friedrich Wilhelm Raiffeisen in seiner Heimatgemeinde Hamm im Westerwald ein von allen Bürgern und Bauern gemeinsam errichtetes Backhaus, um den Hunger im damaligen Armenhaus Deutschlands zu bekämpfen. Als unmittelbare Folge der Revolution von 1848 wurden in den deutschen Ländern Gewerbefreiheit gewährt und eine große Bodenreform durchgeführt. Von Gutsherren abhängige Bauern konnten den Grund und Boden, den sie bewirtschafteten, nun erwerben - falls sie Geld hatten.

Die humanistisch einwandfreie Idee führte zu einem Desaster: Unzählige Bauernhöfe konnten die Belastung durch die Abfindungszahlungen nicht leisten und machten Pleite. Die Gewerbefreiheit wiederum ermöglichte schlagartig Dumping durch wandernde Handwerker, nicht wenige davon ehemalige Bauern. Das ruinierte nun auch noch den alten Gewerbestand. 1847 gründete Raiffeisen als Reaktion darauf den ersten Hilfsverein zur Unterstützung der notleidenden Bevölkerung, der in den sechziger Jahren durch den Heddesdorfer Darlehnskassenverein ergänzt wurde - eine Kreditkasse und gleichsam eine Genossenschaft, aus der später die Raiffeisen-Organisation wachsen sollte.

Ganz ähnlich ging auch Hermann Schulze-Delitzsch vor, der eine "Rohstoffassoziation für Tischler und Schuhmacher" gründete, ab 1850 durch einen " Vorschussverein" ergänzt, der Mitgliedern Kredite gewährte. Schulze-Delitzschs Idee mündete in die Volksbanken, die seit 1972 mit dem Deutschen Raiffeisenverband gemeinsam die größte Sozialkapitalgesellschaft Deutschlands darstellen. Raiffeisen wurde in den folgenden Jahren nicht nur zur gemeinsamen Wohltätigkeits- und Einkaufsgemeinschaft ausgebaut. Die Genossenschaft setzte auf Neuerungen wie den Kunstdünger, der sich als nachhaltigster Bekämpfer der im 19. Jahrhundert in Deutschland noch weit verbreiteten Missernten und Hungersnöte erweisen sollte. Gemeinsame Maschinen-Pools sorgten dafür, dass die Landwirtschaft in der Raiffeisen-Organisation eine Hochtechnologisierung erlebte wie kaum ein anderer Bereich. Die regional organisierten Raiffeisen-Genossenschaften zählen heute weltweit mehr als 500 Millionen Mitglieder.

Genossenschafter ohne Genussmittel - Migros Dabei ist allerdings die Frage noch nicht geklärt, inwieweit soziales Kapital auch abseits der allgemeinen Basis aller Kultur - dem Broterwerb - im Sinne des gemeinschaftlichen Fortschritts tätig wird. Dazu muss man ausgerechnet in die Schweiz sehen, das Kernland des Kapitals.

Dort finden wir die Migros-Genossenschaft, die jeden zweiten Schweizer Bürger als Mitglied aufweisen kann. Sie und ihr Gründer Gottlieb Duttweiler genießen bei den Eidgenossen einen unglaublichen Ruf - nach Wilhelm Teil ist Duttweiler der bekannteste Schweizer. Aus gutem Grund: Als sich der reisende Kaufmann 1925 an die Gründung der Einkaufsgenossenschaft machte, waren die heute so reichen Schweizer ein bitterarmes Völkchen. Duttweiler wollte nicht nur die materielle Armut bekämpfen, sondern auch die geistige, nämlich in " gemeinsamer Selbsthilfe ihren Mitgliedern und der Bevölkerung im allgemeinen in günstiger Weise Waren und Dienstleistungen von guter bis hoher Qualität sowie Kulturgüter vermitteln". So ist die Migros bis heute einer der bedeutendsten Kultur- und Erwachsenenbildungsförderer der Schweiz. Das von Duttweiler verordnete "Kulturprozent" schafft mehr als 74 Millionen Euro pro Jahr für diese Aufgaben heran. Moralisch herausragend ist auch Duttweilers Verbot des Verkaufs von Alkohol und Tabak. Jeder auch noch so kleinlaute Versuch späterer Migros-Manager, das " Drogenverbot" aus den Statuten der Genossenschaften zu entfernen, wurde von den werttreuen Schweizern mit einer Empörung quittiert, die hier zu Lande nicht mal bei Staatsaffären aufzukommen vermag.

Schlecht geht es - trotz historischer Pleiten wie der Verbrauchergenossenschaft Coop oder der Wohnbaugenossenschaft Neue Heimat - auch den deutschen Sozialkapitalisten nicht. Fast 40 Prozent der Bundesbürger sind in irgendeiner Genossenschaft als Mitglied verzeichnet, und mehr als 8000 Genossenschaften sind im Land registriert. Irgendwie sind wir also fast alle Genossen.

Infos: Informationen über die Internationale Raiffeisen-Union finden sich unter www.iru.de Der Internationale Genossenschaftsbund mit Sitz in Genf ist unter www.coop.org im Netz.