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Zurück zur Natur

Tiere in Wildparks haben ein Zuhause, eine lebenslange Versorgung und einen sicheren Job als Attraktion. Doch manchmal werden sie von den Menschen in die Selbstständigkeit entlassen – in die freie Wildbahn. Für Tiere ist das kein Problem: Ihr Autopilot, der Instinkt, hilft ihnen weiter.




Die Sonne scheint, und der Himmel ist blau, die Kälte zieht einen knisternden Firnis durch die klare Luft. Man kann an diesem Tag von der Rabenklippe kilometerweit sehen, über Felsen und Täler, über Bäume, die sich von Hügel zu Hügel zu einem schweren, dunklen, stillen Wald zusammenfinden, über den wolkenlosen Himmel, an dem ein Schwarzstorch lautlos dahinsegelt, bis zum Brocken, der seinem Namen mit gelassener Unverrückbarkeit alle Ehre macht. Das ist der Nationalpark Harz, ein 21700 Hektar großes Gebiet zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, das jährlich zehn Millionen Touristen besuchen. Sie kommen wegen der Landschaft, der nahen Erholung und der Natur, die sie durchwandern, im Winter auch gern auf Skiern, um diese eigenartige Ruhe zu finden, diese Schönheit und diese Zufriedenheit, die kaum jemand in Worte fassen kann. Und einige kommen inzwischen wohl auch wegen einer neuen Attraktion, die allerdings nur selten jemand zu sehen bekommt: den Luchs.

Der Luchs ist eine Wildkatze, ungefähr so groß wie ein Schäferhund, mit geflecktem Fell, Pinselohren, einem kurzen Schwanz und derart guten Augen, dass er es sogar zu einer Redensart brachte. Früher gab es Luchse in ganz Europa, doch im 19. Jahrhundert wurden sie nach den Bären und den Wölfen beinahe ausgerottet. Dabei ist der Luchs völlig ungefährlich, er ist sehr scheu und verschwindet, wenn er Menschen nur hört, doch es reichte, dass er ein Fleischfresser ist: Zwar ernähren sich Luchse vor allem von kleinen Waldtieren, ihre größten Opfer sind Rehe, doch erlegen sie auch mal Ziegen oder Schafe, was ihnen den Hass der Bauern einbrachte. Im Harz wurde der letzte Luchs elf Tage lang von fast 200 Menschen gejagt, nach dem Abschuss wurde bei Lautenthal zur Feier des Ereignisses ein Denkmal errichtet, der Luchsstein. Das war 1818.

Ende 1999 beschlossen das Niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, das Niedersächsische Umweltministerium und die Landesjägerschaft Niedersachsen die Neuansiedlung des Luchses im Harz. Dazu werden allerdings nicht wilde Tiere, etwa aus Osteuropa, importiert, sondern Luchse aus Parks und Zoos ausgewildert. Nicht jeder Luchs ist dafür geeignet: "Die Tiere dürfen nicht zu sehr an Menschen gewöhnt sein, sie müssen ihre natürliche Scheu bewahrt haben, sonst haben wir hier Tiere, die Touristen um Butterbrote anbetteln", erklärt Ole Anders, einer der Betreuer bei dem bundesweit einmaligen Projekt. Auch sollten sie möglichst jung sein, Luchse können 20 Jahre alt werden, "in freier Wildbahn ist die Lebensspanne aber kürzer, weil die Belastung für das Tier höher ist".

Grundsätzlich kann fast jeder Luchs in die Freiheit entlassen werden, in so gut wie jedem der Tiere warten Instinkte auf geeignete Lebensumstände, um aktiv zu werden. Das Auswildem ist folgerichtig simpel: Die Luchse bleiben für zwei Monate in einem Gehege ohne Kontakt zu Menschen, sie bekommen tote Rehe zu fressen, die dazu beitragen, ihren Jagdinstinkt zu mobilisieren, und werden anschließend als wildnistauglich entlassen.

Zwölf sind bereits draußen, doch viel sieht man von ihnen nicht: Am Tag liegt der Luchs am liebsten in der Sonne, gern auf einem Felsen mit gutem Blick über die Landschaft, aber vor Blicken geschützt, und schläft. In der Dämmerung sucht er sich was zu essen, verschafft sich ein bisschen Bewegung, befriedigt ein wenig seine natürliche Neugier, um dann, nach kurzer Jagd und einem guten Mahl, ein Nickerchen zu machen. Eine prima Lebensführung, allerdings wenig öffentlichkeitswirksam. Abgesehen davon, sind Luchse, wie gesagt, sehr scheu und absolute Einzelgänger: Ein Luchs braucht ein Revier von 150 Quadratkilometern, im gesamten Harz ist Platz für gerade 30 Exemplare.

Ein Luchs veredelt jede Landschaft Weil sich das Projekt darstellen muss, unsichtbare Tiere dafür aber eher ungeeignet sind, wurde an der Rabenklippe nahe Bad Harzburg ein Gehege gebaut, in dem drei Luchse tourismusnah leben. Was die Luchse wirtschaftlich bringen, lässt sich hier gut beobachten: Eine Wirtschaft mit großer Aussichtsterrasse gleich unterhalb des Geheges floriert, der Wirt ist, klar!, ein Luchs-Fan. So wie Ole Anders. Für den Forstingenieur, der sich vor einiger Zeit selbstständig gemacht hat, ist das Luchsprojekt wie "ein Sechser im Lotto". Viel Geld verdient er hier wohl kaum, das Jahresbudget des gesamten Projekts, sagt er, beträgt gerade 51000 Euro, doch die Arbeit ist interessanter als klassische Aufgaben des Forstingenieurs, wie Bäume zählen oder Holz berechnen, und vor allem sinnvoll. "Ein Luchs veredelt jede Landschaft, in der er lebt", zitiert der 31-Jährige den Tierschutzveteranen Horst Stern.

Anders hofft, dass das Unternehmen eine Signalwirkung hat, etwa für den Ausbau von Grünbrücken: "Das Projekt macht erst Sinn, wenn sich die Luchse mit Populationen in anderen Wäldern vermischen können. Dafür müssen sie aber wandern, und das ist in unserem dicht besiedelten Land schwierig, vor allem die Überquerung von Autobahnen ist ein Problem." So genannte Grünbrücken, breite, bepflanzte Übergänge für Tiere, könnten Abhilfe schaffen, im Ausland werden sie oft gebaut, doch in Deutschland sind sie noch selten. Das Rotwild, das die Übergänge ebenfalls benutzen könnte, reicht nicht als Argument, niemand interessiert sich für die Verkehrsprobleme von Hirschen. Aber im Auslauf behinderte Luchse? Das könnte vielleicht etwas bewegen.

Anders macht sich viel Gedanken über die Natur, nicht nur beruflich, auch privat - er ist Jäger. Er ist sehr froh, dass die Landesjägerschaft in das Projekt eingebunden ist: "Die Jäger sind von den Luchsen als Erste betroffen, sie kümmern sich um den Wald und die Tiere, ihre Unterstützung ist enorm wichtig. Außerdem ist klar, dass es da auch Bedenken gibt. Wenn man im Jahr 18 000 Euro bezahlt für ein Jagdgebiet und das Recht, 20 Rehe zu schießen, und dann reißt davon zehn Rehe ein Luchs, ist das eine Einschränkung der Lebensqualität." Aha? Und wieso? Warum jagt einer überhaupt - 20 Rehe für 18000 Euro ist doch kein gutes Geschäft, oder? Aber darum geht es überhaupt nicht. Anders erzählt von den geselligen Beisammensein nach der Jagd, von der Tradition, seiner Familie, er erzählt, dass manche auch aus Prestige jagen. Es dauert, bis er zum Kern kommt: "Wenn man auf der Jagd durch den Wald geht, wenn man das Wild anpirscht, die Spuren liest, dann... ist man der Natur viel näher, sie ist einem viel bewusster. Es ist, als wäre man ein Teil davon." Nachdem Tiere Jahrtausende gejagt wurden, um das Überleben zu sichern, bemüht man sich jetzt um die Rückkehr der einst Verfolgten. Luchse in der Schweiz, Wölfe in Polen, Bären in Italien - abgesehen von den kleinen Gruppen Landvolk, die stets ungern auf traditionelle Vorurteile verzichten, freuen sich alle über die neuen wilden Nachbarn. Gleichzeitig wächst nicht nur das ökologische Bewusstsein, sondern auch die Liebe zum Land: Wer es sich leisten kann, wohnt außerhalb der Stadt. Die anderen fahren zumindest ab und zu raus in den Wald, der Freizeitverkehr schüttet sich in die Naherholungsgebiete, und wenn ein Reh zu sehen ist, steht auch gleich eine Mutter daneben, die es ihrem Kind zeigt.

Der Wildpark Eekholt in Großenaspe bei Neumünster wurde 1970 von Hans-Heinrich Hatlapa gegründet. Auf 67 Hektar sind hier rund 700 Tiere in üppigen Gehegen zu sehen, doch mehr als ein Zoo will der Park ein pädagogisches Umweltzentrum sein. Vor allem Kindern soll die Natur nahe gebracht werden, eine Aufgabe, deren Notwendigkeit hier niemand anzweifelt: Ein Tierpfleger erzählt von einer Zehnjährigen, die vor ihrem Besuch nie im Wald war. Niemals! Obwohl der Park ziemlich abgelegen liegt, ist er gut besucht, zur großen Umwelt-Rallye zu Ostern kamen rund 6000 Menschen. Dann gibt es im Wildpark Eekholt noch eine Pflegestation für verletzte Tiere.

André Rose hat früher mal Tischler gelernt, dann machte er Zivildienst im Wildpark und blieb dort hängen, heute leitet er die Pflegestation für Vögel. Zurzeit ist es verhältnismäßig ruhig, eine sehr nervöse Eule und ein etwas bedrückt wirkendes Perlhuhn sind die einzigen Patienten. Meist ist mehr los: Hier werden Störche versorgt, Greifvögel oder auch junge Eulen, die Spaziergänger gefunden haben. "Junge Eulen fallen manchmal aus dem Nest, das ist normal, die klettern dann den Baumstamm wieder hoch. Aber die Leute wissen das nicht, bringen sie zu uns, und wir müssen uns um die Tiere kümmern. Fliegen lernen sie selbst, aber das Jagen muss man ihnen beibringen. Man bietet ihnen zuerst neben dem normalen Futter tote Mäuse an, später in einer Wanne auch eine lebendige Maus. Das Tier muss einmal selbst Beute gemacht haben, bevor man es in die Selbstständigkeit entlassen kann." Rose strahlt ähnlich wie Anders eine verblüffende Vitalität aus. Und er ist ähnlich überzeugt von seinem Job. Nur 30 Prozent der eingelieferten Vögel können gerettet werden, aber die sind die Arbeit wert. Hinter der Station ist ein Gehege mit Störchen, die nicht mehr fliegen können. Sie werden etwas nervös, als wir sie besuchen, bewahren aber Haltung. Die Sache mit den Grünbrücken sieht Rose wie Anders, aber mehr noch regen ihn die Massenviehzucht und die Legebatterien auf: "Wenn Leute gegen eingepferchte Hühner sind oder Rinder, die nie Tageslicht sehen, dürfen sie nicht im Supermarkt zehn Eier für 1,50 kaufen oder billige Koteletts. Selbst wenn man diese Art von Haltung hier verbieten würde, kämen die Produkte eben aus Holland, das würde nichts ändern." Rose arbeitet im Eulenschutz, sein Verein hängt Nistkästen aus, "aber das ist natürlich nur eine letzte Hilfe. Was kann man schon machen, wenn die Landschaften verschwinden, die die Eulen zum Leben brauchen?" Später besuchen wir einige Rehe, die mit der Flasche aufgezogen wurden. Sie sind so groß wie wir, ohne jede Scheu, sehr warm, mit einem knorrigen Fell, lebendig und voller Kraft. Aber keines will mit uns reden, sie interessieren sich ausschließlich für das mitgebrachte Futter.

Was hat der Luchs von der Auswilderung?

Nach unserem Gespräch im Wirtshaus Rabenklippe besuchen wir noch einmal das Gehege mit den drei Touristenluchsen. Ole Anders erzählt, dass einer von ihnen früher in einem Zoo in einem Zehn-Quadratmeter-Gehege gelebt hat - er hat sich definitiv verbessert: Hier gibt es Bäume, Felsen, natürliche Höhlen und viele Möglichkeiten, sich zurückzuziehen. Das nutzen die Tiere aus, bei unserem ersten Rundgang sahen wir nicht einen Luchs. Ich frage Anders, was eigentlich der Luchs von der Auswilderung hat. Immerhin hat er es in einem Wildpark ganz gemütlich, es gibt immer zu fressen, er kann sich paaren und ist prima versorgt. Der Forstingenieur antwortet: "Das stimmt, aber er kann nicht sein Verhaltenspotenzial ausschöpfen." Dann stehen wir vor den Luchsen. Da sind sie, alle drei, keinen Meter entfernt. "Komisch, die sieht man nie zusammen", sagt der Luchsbeauftragte, aber das interessiert uns, die Luchse und mich, gerade gar nicht. Sie bewegen sich geschmeidig und kraftvoll, sie strahlen gleichzeitig eine innere Spannung und eine tiefe Ruhe aus, sind dabei aber so vollständig, so anwesend wie kaum ein Mensch. Ich weiß, dass ich nie so elegant und geschmeidig sein werde, nicht einmal mit mehr Urlaub, denn die wunderbaren Bewegungen dieser Tiere entspringen der Sicherheit ihres Instinkts: Es sind angeborene Verhaltensweisen, die perfekt exekutiert werden, weil es zu ihnen keine Alternativen gibt. Das ist das wunderschöne Ergebnis eines genetischen Käfigs, den der Mensch vor langer Zeit verlassen hat, nach dem er sich manchmal sehnt wie nach einem verlorenen Zuhause, den er heute aber nur noch von außen betrachten kann - unter Tieren, im Wald, in der Wildnis. War es eine gute Idee, die Selbstverständlichkeit des Instinkts gegen die Selbstständigkeit des freien Willens und seinem anstrengenden unendlichen Verhaltenspotenzial einzutauschen?

Den Luchse ist das egal. Mir eigentlich auch. So starren wir uns noch eine Weile an, die Luchse eher gelangweilt, ich weiterhin fasziniert. Dann gehen die Luchse ein Nickerchen machen. Und ich fühle mich irgendwie besser.

Informationen: www.nationalpark-harz.de, www.wildpark-eekholt.de Vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gibt es für Kinder die kostenlose CD-Rom "Don Cato" über das Leben eines Luchses. Zu beziehen über www.bmu.de (Achtung, extrem unübersichtliche Seite, Volltextsuche (oben links) benutzen