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Wo das Dogma beginnt, ist das Leben am Ende

Autonom ist der Mensch, der fähig ist, Lust, Wohlbefinden, Zufriedenheit und Sicherheit zu erreichen, und zwar aus eigener Kraft. Das strengt zwar an, macht aber gesund – das behauptet der Mediziner und Philosoph Ronald Grossarth-Maticek. Seit gut 40 Jahren erforscht er, was seelische Autonomie, Gesundheit, Krankheit und die Fähigkeit, Probleme zu lösen, miteinander zu tun haben. Und kommt dabei zu Ergebnissen, die nicht nur seine Kollegen irritieren.


brand eins: Der Mensch solle nach Lust und Wohlbefinden streben, fordern Sie. Macht er das nicht von allein?

Grossarth-Maticek: Das scheint nur so. Tatsächlich tun sehr viele Menschen zielgerichtet alles, um keine Lust, kein Wohlbefinden, keine Sicherheit und keine Sinnerfüllung zu finden. Sie scharfen sich aktiv Zustände, die ihnen nicht gut tun. Sie stellen aktiv Bedingungen her, die ihnen wenigstens langfristig schaden. Sie gehen aktiv Beziehungen ein, durch die sie gehemmt werden. Sie stehen unter einem eigentümlichen Zwang, ohne Not genau so und nicht anders zu handeln.

Es gibt ja wohl auch andere.

Ja, es gibt auch autonome Menschen. Sie regulieren sich selbst: nicht im Sinne von "von selbst", sondern im Sinne von "eigen-aktiv". Sie schaffen aktiv Bedingungen, Zustände oder Beziehungen, die ihnen gut tun. Sie orientieren sich an ihren Bedürfnissen, und sie lassen sich von niemandem vorschreiben, welcher Art ihre Bedürfnisse sind. Sie bauen Bedingungen ab, die Unwohlsein auslösen oder der Selbstregulation im Wege stehen. Das Tun und Lassen dieser Menschen ist selbstständig: Es orientiert sich nicht an einem äußeren, inneren oder verinnerlichten Zwang.

Das klingt nach der besseren Alternative. Aber hat der Mensch tatsächlich eine Wahl? Er lebt in Abhängigkeiten: In keiner Gesellschaft und in keinem Unternehmen kann jeder Mitspieler einfach nach dem Lustprinzip handeln.

Es wäre in der Tat schwachsinnig, zu fordern, wir sollten von unserer Umwelt unabhängig sein. Kritisch sind Fremdbestimmungen dort, wo sie verhindern, dass wir uns ganz einfach für alternative Verhaltensweisen entscheiden und so ein Problem lösen. Viele Menschen haben Erwartungen, Einflüsse oder Ansprüche fest verinnerlicht, die nicht ihre eigenen sind. Sie haben fremde Werte oder Moralsysteme in einem solchen Maße übernommen, dass sie nicht einmal etwas ahnen von der Freiheit, ein alternatives, problemlösendes, beglückendes Verhalten zu verwirklichen.

Selbst wenn sie es ahnten, was könnten sie tun?

Es ist immer wahr, dass wir fremden Einflüssen ausgesetzt sind. Es ist oft wahr, dass uns jemand in ein System zwingen oder darin halten will, dessen Spielregeln nicht die unsrigen sein können. Aber es ist niemals wahr, dass wir diesen Einflüssen hilflos ausgeliefert sind. Dennoch sehen viele Menschen keine Alternative zu einem Handeln, mit dem sie immer wieder Missbehagen, Unlust, Unzufriedenheit und Sinnlosigkeit herstellen - und das von immenser Bedeutung für das Entstehen und den Verlauf schwerer chronischer Krankheiten ist.

Können Sie das belegen?

Alles, was ich Ihnen hier erzähle, ist durch empirische Forschungen abgesichert. Wir haben seit 1964 fast 35 000 Personen beobachtet, mindestens über Jahre und zum großen Teil über Jahrzehnte hinweg. Zu Beginn des Untersuchungszeitraums haben wir klassische Risikofaktoren erfasst: etwa den Zigaretten- und Alkoholkonsum und die Essgewohnheiten. Wir haben auch klassische Positivfaktoren erfasst wie regelmäßige Bewegung oder das Fehlen jeglichen Suchtverhaltens. Wir haben Organvorschädigungen und die erblichen Voraussetzungen untersucht. Vor allem aber haben wir bei jedem Probanden das Maß zu bestimmen versucht, in dem er in der Lage ist, sich selbst die Bedingungen zu schaffen, aus denen ihm Lust und Wohlbefinden erwachsen. Jahre später haben wir geschaut, was aus den Probanden geworden ist.

Im Jahr 1973 wurden im Rahmen der Heidelberger Prospektiven Studie zahlreiche Untergruppen mit verschiedenen Merkmalskombinationen gebildet. Eine Gruppe wies zum Beispiel als einzigen gesundheitlichen Positivfaktor gesunde Ernährungsgewohnheiten auf, eine zweite Gruppe hat sich gesund ernährt, verfügte zusätzlich über gute erbliche Voraussetzungen, bewegte sich regelmäßig, zeigte kein Suchtverhalten, war gesellschaftlich gut integriert, schlief gut, erholte sich regelmäßig - beide Gruppen allerdings verfügten über eine schlechte Selbstregulation. In einer dritten Gruppe war eine gute Selbstregulation der einzige (damals noch lediglich vermutete) gesundheitliche Positivfaktor. Eine vierte Gruppe schließlich wies neben der guten Selbstregulation auch alle anderen Positivfaktoren auf.

20 Jahre später wurden die Gruppen erneut untersucht: Von der ersten Gruppe lebten im Jahre 1993 noch zwei Prozent der Probanden gesund, das heißt: Sie hatten keine diagnostizierten schweren Krankheiten und fühlten sich wohl. Von der zweiten Gruppe, die neben der gesunden Ernährung auch alle anderen Positivfaktoren außer der Selbstregulation aufwies, lebten 20 Jahre später noch 19,4 Prozent gesund - fast so viel wie in der dritten Gruppe, die selbstreguliert, aber ansonsten eher ungesund lebte (18,4 Prozent). Von den Probanden schließlich, die alle Positivfaktoren einschließlich einer guten Selbstregulation aufwiesen, lebten nach 20 Jahren 86 Prozent gesund.

Ihren Studien zufolge scheint es so etwas wie Synergieeffekte zu geben, die für Gesundheit bis ins hohe Alter wichtiger sind als einzelne Positivfaktoren. Ist demnach ein Satz wie "Rauchen macht Krebs" Unsinn?

Nein. Wir konnten jedoch sehen, dass physische Risikofaktoren sich in ihrer Wirksamkeit lediglich addieren, während eine schlechte Selbstregulation das Krankheitsrisiko potenziert, also dramatisch vervielfacht.

Aber wir wollten mit unserer Forschung nicht primär aufzeigen, welche Faktoren Krankheit oder Gesundheit bedingen. Wir wollen vielmehr ein monokausales Denken überwinden: eine Ursache, eine Wirkung, wie eben " Rauchen macht Krebs". Wir sind überzeugt, dass monokausales Denken dem komplexen System Mensch nicht angemessen ist. Wir haben Gründe anzunehmen, dass wir mit dem "Grad der Selbstregulation" einen Indikator gefunden haben, der den Zustand dieses komplexen Systems gut beschreibt - und der es gleichzeitig erlaubt, Probleme besser zu verstehen und vorherzusagen. Sie lassen sich auch besser behandeln.

Behandeln? Wollen Sie alle Menschen mit schlechter Selbstregulation in die Psychotherapie schicken?

Das ist nicht nötig. Schon allein die Information, dass es zum eigenen Verhalten Alternativen gibt, kann ein Leben verändern. Ein Mensch, der sich bis zur Selbstvernichtung allem und jedem anpasst, weiß oft nichts davon, dass er sein eigenes Selbst höher bewerten könnte. Ein anderer sieht sich einem bösen Chef oder einem schlechten Ehepartner hilflos ausgeliefert und kommt gar nicht auf die Idee, sich dem schädlichen Einfluss einfach zu entziehen. Ein Dritter hat nie darüber nachgedacht, dass es zu seinem Schwarzweiß-Denken eine Alternative geben könnte.

Was ist die Ursache dieser Ignoranz?

Das hat mit Ignoranz wenig zu tun - ein solches Verhalten wird gelernt, und zwar in den ersten Lebensjahren. Ein Kind, das beispielsweise nicht lernt, dass die Mutter, auch wenn sie mal böse mit ihm ist, es dennoch liebt, kann ein Leben lang in dem permanenten Konflikt zwischen Liebe und Ablehnung durch die Mutter hängen bleiben. Denn in der Kinderzeit unterliegen Verhaltensmuster noch keiner rationalen Kontrolle, sie festigen sich dauerhaft. Sie sind starr und für das spätere Leben und das Erreichen eigener Ziele oft untauglich bis kontraproduktiv.

Was lässt sich dagegen tun?

Wir können die Probanden fragen, ob das bei ihnen so oder so ähnlich gewesen sein könnte. Wir werden ihnen aber niemals irgendeine Aussage aufdrängen nach dem Motto: Ich bin der Experte, ich werde schon wissen, was los mit dir ist und was gut für dich ist. Zum anderen bieten wir ein Autonomietraining an, ein Gesundheitstraining zur Anregung menschlicher Eigenaktivität. Dabei sollen alternative Verhaltensweisen aktiviert werden, die der Mensch schon latent in sich trägt, aber noch nicht realisiert hat.

Das soll helfen?

Wir haben diese Autonomietrainings mit mehr als 300 Menschen durchgeführt. So ein Training dauert in der Regel wenige Stunden, länger nicht. Vor dem Training messen wir mit Hilfe von Fragebögen den Grad der Selbstregulation. Ein halbes Jahr später messen wir erneut. Bei gut 40 Prozent der Trainierten verbessert sich der Grad der Selbstregulation entscheidend. Die Veränderung ist von Dauer. Einige Probanden brauchten gar kein Autonomietraining: Nachdem sie die Fragebögen zur Ermittlung des Grades der Selbstregulation einmal oder mehrmals ausgefüllt hatten, hat es bei ihnen auch so geklingelt - einzig aufgrund der Fragestellungen.

Mit welchen Folgen?

Wir haben während unserer Studien versucht, den Faktor "Selbstregulation" durch Autonomietraining zu beeinflussen. Wir haben uns also eingemischt: Wir haben bei schlecht regulierten Menschen mittels Autonomietraining interveniert. Zu jeder trainierten Gruppe gab es selbstverständlich eine nicht trainierte, aber sonst vergleichbare Kontrollgruppe.

Viele Jahre später haben wir gesehen, dass die Menschen aus der Gruppe mit Autonomietraining länger und gesünder lebten und mehr Lust und Wohlbefinden erlebten.

Im Rahmen der Heidelberger Prospektiven Interventionsstudie ließ sich im Jahr 1976 eine Gruppe von 334 Personen identifizieren, die sowohl schlecht reguliert waren als auch über sehr ungünstige erbliche Voraussetzungen verfügten; alle Personen rauchten, tranken viel Alkohol, bewegten sich zu wenig und ernährten sich falsch. Die Hälfte der Gruppe erhielt ein Autonomietraining. Die Probanden wurden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt; beide Gruppen waren nach Alter und Geschlecht vergleichbar.

22 Jahre später lebte aus der Gruppe ohne Autonomietraining noch eine Person gesund. Aus der Gruppe mit Autonomietraining lebten noch 39 Probanden gesund. Die gesunden Überlebenden waren im Schnitt 86 Jahre alt.

Das mögen schöne Aussichten für ein selbstständiges Individuum sein. Aber was sollen Unternehmen mit wirklich selbstständigen, also "seelisch autonomen" Mitarbeitern anstellen?

Gewinnen.

Bitte?

Unternehmen ticken nicht anders als Individuen. In ihnen selbst liegen einmalige Lösungen. Man kann sie den Individuen der Gruppe zeigen. Es hat hingegen wenig Sinn, in ein Unternehmen zu gehen und zu sagen: Ihr müsst mehr Autorität akzeptieren. Ihr müsst morgens alle zusammen brüllen, wie toll ihr seid und dass ihr die Konkurrenz platt macht. Ihr müsst in die Wüste gehen und das Zusammenhalten lernen. Das ist fremdbestimmt! Wie es anders geht, haben wir an Fußballmannschaften zeigen können.

Fünf Fußballmannschaften wurden sowohl zu individueller Selbstregulation angeregt als auch zu "kollektiver Selbstregulation". Vor dem Autonomietraining hatten diese Mannschaften in insgesamt 162 Begegnungen 126 Punkte geholt. Während des Autonomietraings machten sie in 173 vergleichbaren Spielen 278 Punkte.

Die Kontrollgruppe bestand ebenfalls aus fünf Mannschaften, die zu Beginn des Autonomietrainings einen Tabellenplatz vor oder hinter den autonomietrainierten Mannschaften lagen. Die Kontrollgruppe holte nur etwa die Hälfte der Punkte, die die trainierte Gruppe erspielte.

Wenn alle Bundesliga-Mannschaften Autonomietraining bekämen, würde es eng an der Tabellenspitze.

Nicht jeder kann immer siegen. Aber es würde endlich schönerer Fußball gespielt.

Unternehmen spielen meistens nicht Fußball ...

... wenn nicht gerade irgendein Unternehmenspsychologe die Mitarbeiter dazu verdonnert hat, weil er irgendwo anders gesehen hat, dass Fußballspielen bei irgendetwas geholfen hat.

... Unternehmen müssen andere Probleme lösen.

Wir haben Mitarbeiter von Forschungs- und Entwicklungsabteilungen individuell und kollektiv im Sinne der Selbstregulation trainiert. Die Abteilungsleiter bescheinigten den trainierten Gruppen noch nach drei Jahren ein doppelt so hohes kreatives und zielgerichtetes Vermögen zur Problemlösung. Nur ist so etwas nicht so einfach zu messen wie ein Tabellenplatz in der Ersten Liga.

Lassen wir uns unsere Selbstständigkeit von den gesellschaftlich anerkannten Wertesystemen aus Geld, Macht oder Ansehen nehmen? Lassen wir uns unserer seelischen Autonomie berauben, wenn wir uns einer Lobby-Politik unterwerfen? Und machen Medien krank?

Dreimal: Ja. Aber natürlich macht Medienkonsum nicht per se krank. Unsere Forschungen zeigen: Entscheidend ist, ob ich selbst Menge und Güte meines Medienverbrauchs bestimme oder ob ich zulasse, dass mein Medienverhalten manipuliert wird. Die geschickte Fremd-Manipulation meines Fernsehkonsums wird oft dazu führen, dass ich mir Sendungen suchtartig reinziehe. Ich ziehe sie mir rein, obwohl sie mir nie das Wohlbefinden verschaffen, das ich mir davon erhoffe; ich glotze Fernsehen, obwohl die Show mir noch nie die Lust verschafft hat, von der ich fantasiere. Ich bleibe unbefriedigt. Trotzdem entscheide ich mich täglich neu für ein zutiefst unbefriedigendes Verhalten. Das ist eine bedeutende Mitursache für das Entstehen von chronischen Erkrankungen.

Die Heidelberger Prospektiven Studie hat gezeigt: Das Krebsrisiko von Menschen, die täglich mindestens sechs Stunden Unterhaltungssendungen im Fernsehen konsumieren, steigt drastisch an und ist mit vielen physischen Risikofaktoren verbunden (zum Beispiel Übergewicht, Bewegungsmangel, falsche Ernährung).

Im Sinne einer gesunden Gesellschaft, gesunder Unternehmen, gesunder Fußballvereine und gesunder Individuen ist es verführerisch, jedem die Pistole auf die Brust zu setzen und ihn meditieren zu lassen: Wow! Ich trage in mir selbst die Kräfte, die mich stärken!

Das wäre ja fürchterlich! Das wäre ja schon wieder fremdbestimmt. Das wäre dann eben eine humanistische Fremdsteuerung, und die ist dem Menschen auch nicht zuträglich. Wo das Dogma beginnt, da ist das Leben am Ende.

ECPD Institut für Präventive Medizin Schloß-Wolfsbrunnenweg 16 69117 Heidelberg Literatur: Ronald Grossarth-Maticek: Autonomietraining - Gesundheit und Problemlösung durch Anregung der Selbstregulation. Walter de Gruyter, Berlin, 2000; 314 Seiten; 44,95 Euro Ronald Grossarth-Maticek: Systemische Epidemiologie und präventive Verhaltensmedizin chronischer Erkrankungen -Strategien zur Aufrechterhaltung der Gesundheit. Walter de Gruyter, Berlin, 1999; 311 Seiten; 49,95 Euro Helm Stierlin/Ronald Grossarth-Maticek: Krebsrisiken - Überlebenschancen - Wie Körper, Seele und soziale Umwelt zusammenwirken. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg, 2000; 222 Seiten; 22,50 Euro