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Wege aus dem Chaos

Paul Mijksenaar (Foto) will uns durch das Leben führen. Er hat den Amsterdamer Flughafen Schiphol ausgeschildert, seitdem gilt der Airport als benutzerfreundlichster der Welt. Jetzt ist New York dran. Fertig ist Mijksenaar nie.




Er ist der Spanner auf dem Parkdeck des dritten Terminals. New York, Kennedy-Flughafen, ein Auto fährt in Garage, er schnappt seine Kamera. Das Auto parkt, eine Frau verlässt den Wagen. Er folgt ihr. Vor einer verwaschenen Betonwand bleibt sie stehen, schaut sich hilfesuchend um. Jetzt drückt er auf Zoom, spricht in sein Mikro: " In der Garage gibt es kein Schild. Nichts, was ihr helfen könnte, Terminal drei zu finden. Hier steht zwar Level A, doch das führt sie in die Irre. Die arme Frau sieht nur ein Danger-Schild: Laufen Sie nicht in die Spur!" Er bleibt an dran, beschattet sie. Wenn sie zögert, hält er voll drauf. Geht sie, dann geht er mit. Der Schattenmann ist Paul Mijksenaar, kein Schüler Hitchcocks und auch kein Irrer, nur ein holländischer Informationsdesigner.

"Die New Yorker Flughäfen gehören zu den verwirrendsten der Welt", sagt der 57-Jährige über die Airports Kennedy, La Guardia und Newark. Die 5000 Schilder führen die 90 Millionen Passagiere meist auf den Holzweg. Mijksenaar hat mindestens hundert Stunden Flughafenfrust auf Video. Bis in die hintersten Winkel der Airports ist er gelaufen, jeden widersprüchlichen Wegweiser hat er gefilmt, in jeder Sackgasse hat er gestanden: "Am Kennedy Airport gab es zum Beispiel kein Schild, das den Reisenden zeigte, wie sie nach Manhattan kommen. Da stand nur: zum Van Wyck Expressway!" Wer zum Teufel ist dieser Van Wyck? Ein Holländer?

Das Marktforschungs-Büro J.D. Power macht der Flughafengesellschaft klar, wie unzufrieden die Kunden sind: 25 Prozent der Passagiere verirren sich jedes Jahr auf den New Yorker Flughäfen - 22,5 Millionen Menschen. Nur permanent dreckigen Toiletten nerven die Fluggäste noch mehr, schreiben die Marktforscher.

Ein Fall für Mijksenaar, denn man kennt ihn als Retter vor dem Info-Inferno. Der Flugzeugbauer Fokker holt ihn, nachdem Reisende über Afrika aus den Fokker-Flugzeugen gefallen waren. Die Crew hatte während des Fluges versehentlich die Kabinentüren geöffnet. Mijksenaar schreibt die Gebrauchsanweisung auf den Türen um, danach bleibt die Kabine dicht. Er bekommt einen Auftrag von einem Putzmittel-Hersteller, nachdem zwei Rentner starben. Nach New York holt man ihn, weil Mijksenaars Büro die Schilder und Piktogramme für den Amsterdamer Flughafen Schiphol entworfen hat. Schiphol gilt seitdem als der benutzerfreundlichste Airport der Welt.

Nur Superstress-Typen ignorieren die Schilder 17 Mitarbeiter hat Mijksenaar, eine Million Euro erwirtschaftete sein Büro im vergangenen Jahr. Der Chef ist ein freundlicher Besessener, einer, der kaum schläft und aus seinen tiefen Augenringen immer ein wenig verloren dreinschaut. Doch er ist sofort hellwach, als ich ihm von einem alten Londoner Busplan erzähle, den ich zufällig besitze. "Von wann ist der Plan? 1936. Interessant. Kann ich den sehen?" Mijksenaar sammelt leidenschaftlich alte Bus- und Metropläne, mit seltenen Gebrauchsanweisungen und Hinweisschildern kann man ihn ebenfalls begeistern. 20 000 Stücke hat er über die Jahrzehnte zusammengetragen. Darunter sind mehr als 100 Gebrauchsanweisungen für Staubsauger und mindestens 500 Flugzeug-Notfallpläne. Der Star der Sammlung ist eine Serie sowjetischer Piktogramme, die der Zivilbevölkerung erklären sollte, wie sie sich im Fall eines Atomangriffes zu verhalten hat. Die lustigsten Stücke seiner Sammlung hat Mijksenaar in seinem Buch "Hier Öffnen - Die Kunst der Gebrauchsanweisung" publiziert.

Am Amsterdamer Flughafen ersetzte Mijksenaar ein Schilder-System aus Stahl aus den sechziger Jahren. Bisher waren die beleuchteten Schilder gelb oder grün, mit dem niederländischen Text in schwarzer und dem englischen Text in weißer Farbe. Mijksenaar führt eine einheitliche schwarze Schriftfarbe ein, am gelben Hintergrund hält er fest. "Ich glaube an einen kontinuierlichen Prozess. Im Supermarkt hassen es die Kunden auch, wenn die Gemüsetheke plötzlich ganz woanders steht." Dafür hebt sich die Schriftfarbe jetzt stärker ab, so stark, dass die neuen Wegweiser gegenüber den alten verkleinert wurden. Das spart der Flughafengesellschaft Kosten. Farbe ist für Mijksenaar ein visuelles Arbeitsmittel, als "Colour Coding" beschreibt er den Prozess, wenn er die Passagiere mit verschiedenfarbigen Schilderbahnen durch die Gebäude lotst. Für die Notausgänge setzt Mijksenaar Grün als Hintergrundfarbe ein. Alle 30 Meter weisen grüne Schilderreihen zu den Notausgängen. "Sie sehen eine grüne Sicherheitslinie", sagt Mijksenaar stolz. In Schiphol wurden 2,5 Millionen Gulden für das neue, von Mijksenaar entwickelte Notfall-System ausgegeben. Die neuen Emergency-Schilder in Amsterdam sind viermal so groß wie die, die es vor der Brandkatastrophe in Düsseldorf gab. Der Großbrand am Rhein-Ruhr-Flughafen im April 1996 forderte 17 Tote. Menschen erstickten im Rauch, weil sie die Notausgänge nicht fanden. Die Düsseldorfer Flughafen GmbH wurde zu Schadenersatz in Millionenhöhe verurteilt. Düsseldorf war ein Wendepunkt.

Mijksenaar schaffte auch die riesigen Flip-Schilder ab, die bisher in Schiphol über den Abfertigungschaltern die Abflugzeiten angaben. "Ich arbeite immer mit einem Psychologen zusammen: Wir wollen den Blick des Fluggastes gleich beim Betreten der Abflughalle fangen. Wir haben herausgefunden, dass ein Passagier die riesigen Flip-Digit-Schilder komischerweise häufig übersieht, kleinere Bildschirme jedoch auf den ersten Blick entdeckt." Überall in Schiphol gibt es jetzt Wände mit zweimal zwölf Monitoren, ein Passagier ist nie weiter als sieben Meter von einer Monitorenwand entfernt. Fast unmöglich, einen Flieger zu verpassen. " Trotzdem gibt es Menschen, die alles falsch machen, Menschen, die sich auf einem Superstress-Level befinden. Das sind Leute, die genau wissen, dass sie zu spät sind. Sie rennen blind auf jeden zu, der eine Uniform oder einen Flughafensticker trägt. Ich fragte mich natürlich, wie diese Menschen meine schönen Schilder ignorieren können. In Schiphol habe ich Menschen gesehen, die unter dem Schild für Gate 23 nach Gate 23 gefragt haben. Psychologen haben mir erklärt, dass diese Supergestressten nach menschlicher Unterstützung suchen. Sie seien auch durch meine Schilder nicht mehr erreichbar." Seit zwei Jahren arbeitet Mijksenaar jetzt auf den New Yorker Flughäfen an einem neuen Schildersystem. Bisher musste die Flughafenverwaltung zwei Millionen Dollar für neue Schilder ausgeben, aber Mijksenaar ist längst noch nicht fertig. Die meisten der alten New Yorker Schilder stammen aus den frühen siebziger, andere aus den späten achtziger Jahren. Die meisten der 17 Terminals wurden von verschiedenen Airlines geleast, jede hatte ein eigenes grafisches Design, und jede hatte eine eigene Agenda, um die Kosten für Wegweiser und Piktogramme zu minimieren. Das sorgte für ein Wegweiser-Chaos. Mijksenaar hat allein 300 Richtungsschilder zu reformieren, darunter sind Stilblüten wie: "W/B BQE Closed." Das steht für den geschlossenen "Westbound Brooklyn Queens Expressway". Weiß jeder New Yorker. Sonst niemand.

Gute Schilder im Kampf mit Ignoranten Architekten Als Mijksenaar in New York anfangt, ist er genervt: "Es ist für uns schon normal, dass wir erst gerufen werden, wenn eigentlich alles zu spät ist. Selbst die besten Schilder können keine kranken Gebäude mehr kurieren." In den von Mijksenaar erstellten Orientierungsregeln heißt es zum Beispiel, dass man vom Parkplatz den Terminal sehen sollte. In New York sieht man aber nur Brücken und Autobahnen.

An seinem ersten Arbeitstag hat er ein Meeting mit den Architekten: "Da sagte doch tatsächlich einer zu mir, dass meine Schilder nicht die Aufmerksamkeit von seinem Gebäude ablenken sollen. Ich musste dem Architekten höflich mitteilen, dass genau dies meine Aufgabe ist. Schilder müssen dominieren, sonst funktionieren sie nicht. Ich sehe sofort, wenn ein Architekt auch die Schilder designt hat. Da sehen Sie dann grau-weiße Schilder vor einer weiß-grauen Wand." Mijksenaar hasst Menschen, die nur an den Gesamteindruck ihrer Bauten denken und nicht an die Menschen, die sie nutzen.

Zu Beginn will die New Yorker Flughafenverwaltung, dass er alles so macht wie in Amsterdam. Mijksenaar widerspricht: "Die Leute sollen erkennen, dass sie in New York sind, jeder Flughafen braucht sein eigenes Feeling." Mijksenaar analysiert mit seiner Videokamera die drei New Yorker Flughäfen. Wo sind die Punkte, an denen sich die Passagiere entscheiden müssen: In welche Richtung gehe ich jetzt? Wo steht die Architektur des Flughafens der Orientierung im Weg? " Schauen Sie sich Norman Fosters wundervollen Flughafen in London-Stansted an. Der ist völlig daneben, weil das Gebäude viereckig ist. Wir wissen aus unseren Untersuchungen, dass sich Menschen in viereckigen Gebäuden schlechter orientieren können." Zweites Beispiel; "In Heathrow gibt es den Trend, neuerdings auf Schilder zu Gunsten von noch mehr Geschäften zu verzichten. Mein Argument ist jedoch: In einem gut ausgeschilderten Airport bleiben die Passagiere länger in den Shops und Cafes, weil sie nur hier keine Angst haben, ihren Flug zu verpassen." Mijksenaar studiert die Passagierströme so lange, bis er die Hows auswendig kennt. Dann führt er für die New Yorker Flughäfen ein dreifarbiges Colour Coding ein. Das neue Leitsystem soll sich nach den Gefühlen der Reisenden richten. Die gelben Schilder mit der schwarzen Schrift sind wie in Amsterdam für die Phase des Reisens mit dem höchsten Stress-Level vorgesehen: Bekomme ich mein Flugzeug noch? Wo ist mein Gepäck? Welcher Weg führt zum Check-In? Schwarz auf Gelb, das soll die Augen reizen und die Passagiere schnell zu ihrem Ziel führen.

Grün ist in Amsterdam die Notfall-Farbe. In New York steht sie für: Ich will nur noch nach Hause! "Grün ist eine Farbe, mit der Amerikaner sehr natürlich umgehen. Sie kennen sie bereits von den Schildern auf ihren Autobahnen. Wer den Flughafen verlassen will, folgt nur den grünen Schildern." Wer dagegen auf dem Flughafen Wartezeit verbringen muss, achtet auf den " Time-to-kill-Modus". Schilder mit gelben Buchstaben auf dunkelgrauem Hintergrund führen die Passagiere zu den Geschäften, Cafes oder Toiletten. Als die "New York Times" zum ersten Mal die neuen Schilder sah, urteilte sie überschwänglich über das neue System: "Unmissverständlich präzise. Die Schilder von Herrn Mijksenaar sind schnittig und international, das krasse Gegenteil von dem, was man bisher an den New Yorker Flughäfen gewohnt war." Wenn Mijksenaar in ein bis zwei Jahren mit New York fertig ist, möchte er eine "Gebrauchsanweisung für das Wayfinding" schreiben. Darin sollen Architekten und Flughafenplaner die Richtlinien für eine benutzerfreundliche Ausschilderung finden.

Mit dieser Wayfinding-Bibel hofft er, in die Geschichte des Informationsdesigns einzugehen - so wie Otto Neurath mit seinem "International System of Typhographical Picture Education" (Isotype) in den dreißiger Jahren. Die stilisierten, bildhaften Symbole des Wiener Isotype-Instituts werden bis heute unabhängig von Sprachen und kulturellem Hintergrund verstanden. Verkehrsunternehmen und Informationsdesigner wie Mijksenaar auf der ganzen Welt haben die Arbeiten Neuraths weiterentwickelt.

Kürzlich flog Mijksenaar aus New York zurück. Und am Amsterdamer Flughafen Schiphol passierte etwas, was nicht passieren darf. Eine Frau suchte ihren Weg, fand ihn aber nicht, trotz seiner Schilder. Paul Mijksenaar sah die Frau: "Ich schäme mich so, wenn Menschen sich verirren, obwohl über ihren Köpfen meine Schilder hängen." Dann nahm er die Frau an die Hand und brachte sie an ihr Gate.

www.mijksenaar.com Eine Auswahl von Werken über Informationsdesign: Paul Mijksenaar: Visual function - An Introduction to Information Design. 010 Publishers; Rotterdam; 1997. - Maps, Stichting Kunstprojecten. Rotterdam; 1990. - Paul Mijksenaar, Piet Westendorp: Hier Öffnen - Die Kunst der Gebrauchsanweisung, Könemann, Köln; 2000. - Peter Wildbur, Michael Burke: Information Graphic - Innovative Lösungen im Bereich Informations-design. Verlag Hermann Schmidt, Mainz; 1998 - Richard Hollis: Graphic Design. Thames & Hudson, London; 2001