Partner von
Partner von

Von Vätern und Söhnen, Männern und Jungen

Ich war ein glückliches Kind. Und ein einsamer Single. War ich ein Mann? Wie konnte ich das wissen? Ich beschloss, eine Reise in die Wildnis Kanadas zu machen. Mit meinem Vater.




In manchen Kulturen müssen sich junge Männer, um zu wirklichen Männern zu werden, martialischen Riten unterziehen Sich von Urwaldriesen stürzen, lediglich von einer armdicken Liane gesichert. Einen Löwen in der Weite der Savanne aufspüren, erlegen und sich im Anschluss einer schmerzhaften Beschneidung durch einen drogenabhängigen Medizinmann unterziehen. Ich wünsche mir keine dieser Erfahrungen, halte aber die klare Definition des Übergangs für beneidenswert. Der Aufbruch ins maskuline Leben ist eindeutig bestimmbar. Diese Gnade wird uns nicht zuteil. Mangels entsprechender Traditionen, Löwen und Lianen war ich so gezwungen, mir meinen eigenen Ritus zu schaffen. Ich beschloss, einen Trip in die Wildnis Kanadas dazu zu erheben. Mit meinem alten Herrn als Reisebegleitung. Wer sonst kann für einen jungen Mann schon Maßstab und Messlatte männlicher Tugenden verkörpern? Ich wollte mich nach dem Erreichen des Examens von einem Teil meines Lebens verabschieden, den er sehr geprägt hatte. Und mir die Chance geben, mich selbst in der Auseinandersetzung mit dem Mann jenseits der Vaterrolle besser kennen zu lernen, bevor das neue Leben begann. Und ich wollte mir einen Bart wachsen lassen.

Freitag, 26. Juni, Flughafenhotel Sandman, Vancouver, British Columbia Nach 14 Stunden Reisezeit sind wir nachmittags in Vancouver angekommen. Vancouver selbst ist nett, eine kleine Kopie von San Francisco. Am Hafen roch es nach Fisch, Wasserflugzeuge starteten unter ohrenbetäubendem Krach in Richtung der Wälder Touristen. Hotdog-Stände. Ramsch. Der bleibendste Eindruck des verflucht langen Tages entstand aus einer flüchtigen Bemerkung am Flughafen München. Nachdem er sich von seiner Frau verabschiedet hatte, sagte mein Vater: " Das ist jetzt seit 33 Jahren das erste Mal, dass ich deine Mutter für mehr als zwei Wochen nicht sehe." Ich war ein glückliches Kind. Und ich bin ein ruheloser und freiheitsliebender Single, dem der Neid in diesen Moment die Eingeweide verknotete.

Samstag, 27. Juni, Lillooet Campground, Lillooet Wir haben unseren Pickup übernommen, unseren hoffentlich treuen Begleiter auf den 4000 Kilometern, die vor uns liegen. 300 Pferde, zwölf Zylinder, Allradantrieb, Reifen wie ein Traktor, Camperaufsatz. Bei der Schlüsselübergabe habe ich mich ganz selbstverständlich vorgedrängt, mich hinter das Steuer gequetscht, die Rudelführung von dem grauen Wolf übernommen. Es ist mir erspart geblieben, mit meinem Vater Arm zu drücken, mir auf die Brust zu trommeln oder mittels Urinproben den Wagen zu markieren. Ein neues Land, eine neue Zeit, ein neuer Alpha-Rüde. Auf nach Norden. Vater liest die Straßenkarten. Cariboo Highway. Das ist der Weg.

Montag, 29. Juni, Blue Lake Campground, Cariboo Highway Es ist Juni, es ist Sommer, und der See ist so kalt, dass die Herzfrequenz zu einem Trommelwirbel ansteigt und der Atem zu flattern beginnt. Es ist sechs Uhr morgens. In Ermangelung eine Dusche sind wir in das klare Wasser gestiegen, um uns Schweiß und Lagerfeuerruß vom Körper zu waschen. Gestern hackten wir das erste Holz, starrten in das erste Lagerfeuer und holten uns die ersten Moskito-Stiche. Wir haben einen Bären gesehen. War einfach über den Highway getrottet, knapp hundert Meter vor der Motorhaube. Sah nicht im Geringsten bedrohlich aus. Der Instantkaffee schmeckt nach Motoröl, das Plumpsklo dampft in der morgendlichen Kühle. Wir wollen weiter. Wir wollen weg von den Leuten. Man soll sich in diesem Land doch so wundervoll verlieren können.

Montag, 29. Juni, Cariboo Highway, unterwegs Ich habe gerade den Wagen angehalten, einfach mitten auf der Straße. Da ist dieses Gefühl, als hätten wir gerade eine unsichtbare Grenze passiert. Die Landschaft hat sich nicht wirklich verändert. Prärie, an Nadelwälder grenzend. Der Himmel ist sehr blau, durchzogen von weißen Wolken, die aussehen, als wären sie die Schaumkronen unsichtbarer Wellen. Trotzdem ist alles anders. Denn alles wirkt mit einem Mal so, als würden wir es durch ein umgedrehtes Fernrohr betrachten. So verdammt unendlich weit. Der Horizont hat sich verschoben, das Erdenrund wurde aufgebläht, die Welt ist gewachsen. Oder wir sind geschrumpft. Ich weiß es nicht. Vielleicht hat es auch nur seine Zeit gebraucht, bis unsere Augen mit so viel Weite umgehen konnten. Ich setzte mich auf die Motorhaube und sah den gelben Mittelstreifen des Highways nach, die einmal um den Globus zu laufen schienen, als mein Vater ausstieg, sich neben mich stellte und seine Hand auf meine Schulter legte. " Ich bin stolz auf dich." Bin ich stolz auf mich? In diesem Moment ja.

Dienstag, 30. Juni, McLeod Lake Campground, Cariboo Highway Es gibt hier, ein paar Meilen den Highway hinunter, einen Menschen, der nennt sich Steamy Pete. Er hat eine kleine Autowerkstatt und einen heruntergekommenen Diner nebendran. Und er verkauft Angelköder. Lebende Angelköder, welche er neben den Hackfleischscheiben für die Burger im Kühlschrank aufbewahrt. Bei Pete geht der Schnurrbart direkt in die Nasenhaare über. Pete ist ein netter Kerl. Er hat uns seine persönliche Lieblingsangelstelle genannt. Unter einer Brücke, wo der McLeod River in den See mündet. Wir werden sehen. Seine Würmer sind auf alle Fälle ziemlich fett. Ich habe allerdings keine gekauft. Mit Würmern angeln nur Stümper.

Mittwoch, 1.Juli, McLeod Lake Campground, Cariboo Highway Wenn mich jemand fragt, warum ich so gern fische, antworte ich in der Regel mit dem Satz: "Weil da niemand blöde Fragen stellen darf. Schnauzehalten ist angesagt." Heute hätte ich gern was gesagt, habe aber kein Wort über die Lippen gebracht. Ich hatte drei Forellen in meinem Weidenkorb. Mein Vater, mit Rute und Rolle etwas aus der Übung, hat einen unserer Blinker zwischen den grünlich schimmernden Bachsteinen verloren und voller Wut über das eigene Ungeschick die Schnur abgerissen. Die Enttäuschung tanzte über das Wasser, sie überbrückte mühelos und deutlich spürbar den Fluss zwischen uns. Er fluchte. Es war ihm peinlich. "Weißt du noch, wie du mir beigebracht hast, wie man eine Fliege richtig anknotet?" Das hätte ich sagen können. Habe ich nicht getan. Schnauzehalten war angesagt. Keine blöden Fragen stellen. Das hat er mir auch beigebracht.

Meine drei Fische ergaben ein mehr als üppiges Abendessen. Sie waren auch noch ziemlich gut gewachsen. "Weißt du noch, wie du früher, vor deiner Karriere, Blut spenden gegangen bist, um für deine junge Familie einen Fresskorb zu bekommen?" Auch das habe ich nicht gesagt. Ich bin mir der Richtigkeit dieser gespenstischen Aussage bewusst. Unser Camper steht mitten im Wald. Der Wind streicht leicht über die Blätter, wie ein Bogen über die Saiten einer Geige. Er lässt die Flammen züngeln und zischen.

Donnerstag, 2. Juli, Dawson Creek, Mile Zero, Alaska Highway Die Häuserfassaden entlang der Main Street in diesem ehemaligen Goldgräbernest erinnern tatsächlich ein wenig an die Bilder, die Jack Londons Geschichten stets in mir entstehen ließen. Ruf der Wildnis. Ich höre dich. Hier in diesem Diner muss man allerdings schon angestrengt lauschen. Neonreklamen, chromglänzende Tische, die Bedienung hat Schleifen im Haar, Schleifchen auf den Schuhen, eine Schleife hält die Schürze über ihrem beachtlichen Hintern, der bei jedem Schritt ausladend hin und her wogt. Cheeseburger: acht Kanadische Dollar. Mein Vater ist zur Bank, Reiseschecks einlösen. Er hat mir heute erklärt, dass man seiner Meinung nach ohne ein gewisses Maß an gezielten Respektsbezeugungen und Prostitution im Leben nichts erreicht. Er nennt das Diplomatie. Ich nenne es Arschkriechen. Er nennt mich unerfahren und hochmütig. Vielleicht macht mich die Jugend meiner Jahre zu einem arroganten Arschloch. Meine Zigarette verglüht im Aschenbecher, das Bier liegt so tot wie eine Urinprobe im Glas. Die Bedienung sollte Peggy Sue heißen.

Samstag, 4. Juli, Alaska Highway "Du bist in drei Tagen von Pennsylvania bis hierher auf der Harley gefahren?" Steve grinst mich nur an: "War ein verdammter Höllenritt." Pure, beneidenswerte, fast schon unverschämte Zufriedenheit liegt auf seinen faltigen Zügen. Der alte Knabe in seinen abgewetzten Lederklamotten schwingt sich wieder auf die Maschine und wirft einen letzten Blick auf die grandiose Aussicht, die sich uns bietet. Die weiten Täler. Die satten grünen lebenden Wälder. Die blau schimmernden, schneebedeckten Gipfel der Berge. "Wenn es das nicht wert war! Was meinst du, mein Junge?" Ich nicke nur. "Wohin geht's jetzt?" Er zuckt mit den Schultern, boxt mir kumpelhaft in den Magen, drückt den Anlasser, setzt sich seinen Eierschalenhelm auf und verschwindet. Ich werde Steve nie wieder sehen. Mein Vater steht neben mir. Hat kein Wort verstanden. Übersetzung unnötig. Obwohl ich weiß, dass seine gutbürgerliche Lebenseinstellung diesen freiheitsliebenden Altersgenossen auf der ratternden Maschine nie wirklich verstehen wird, leuchtet eine gewisse Anerkennung in seinen Augen. Vielleicht war lediglich irgendwann vor Jahren eine einzige zentrale Entscheidung nötig, um zwei so unterschiedliche Lebenswege zu erschaffen. Vielleicht trennt sie nicht mehr. "Mir fehlt deine Mutter." Mir beginnt Steve zu fehlen.

Montag, 6. Juli, Muncho Lake Campground, Alaska Highway Wir sind auf knapp 2000 Metern Höhe, haben die Stone Mountains passiert. Ein seltsames Land. Es lässt dich die Kraft der Natur um dich herum in all ihrer Pracht vernehmen, weist dir aber gleichzeitig auf beklemmende Weise deinen Platz zu. Dieses Land kann Unvorsichtige verschlingen. Ich bin heute eine gute Stunde den Alaska Highway entlanggegangen, von unserem, im Übrigen verlassenen, Campingplatz zurück zu einer Tankstelle. Streichhölzer besorgen. Ich hatte mich schlicht in der Entfernung verschätzt, jeden Maßstab verloren und fand mich nach 40 Minuten allein auf diesem grauen Band aus Teer zwischen den mächtigen Berggipfeln wieder. Links und rechts von mir Geröllpisten, gewaltige Felsen dazwischen, die wie Grabsteine wirkten. Ich blieb stehen und lauschte. Nichts. Windstille. Ruhe. Absolute Ruhe. Ich hielt den Atem an. Ich wollte ja wissen, was Wildnis ausmacht. Es ist diese Mischung aus Freiheit und Einsamkeit. Ich war schon oft in meinem Leben allein. Aber niemals einsam.

Donnerstag, 9. Juli, Watson Lake, Yukon Territory Wir sind am nördlichsten Punkt unserer Route angekommen. Vor 50 Jahren hat hier mal ein von Heimweh geplagter Soldat ein Nummernschild aus seiner Heimat an einen Wegweiser genagelt. Seither fühlen sich tausende Touristen genötigt, dasselbe zu tun. Der Schilderwald von Watson Lake. New York, Kufstein, Sydney, alles vertreten. Wir sind mittags in eine Bar und gerade mal so einer Schlägerei mit besoffenen Inuits entgangen. Der Tag hatte also seinen Höhepunkt. Mein Vater hält nichts von Schlägereien, hat sich unter Kontrolle, denkt nach. Ich lasse mir nicht gern ans Bein pinkeln. Sollte mich jemals wieder ein völlig blauer, schlitzäugiger Typ in einer verdunkelten Spelunke fragen, ob ich ihm ein Bier besorge, weil der Barkeeper ihm keines mehr gibt, werde ich geflissentlich genau dieses tun oder ihm direkt und mit aller Kraft in die Fresse schlagen. Alles andere erscheint wenig angebracht. An der Wand hing das Bild der amtierenden Miss Watson Lake. Trinken ist hier eine echte Alternative.

Samstag, 11. Juli, Stewart-Cassiar Highway Kurz nach Watson Lake haben wir die Teerstraße verlassen. Der Cassiar Highway ist lediglich ein breiter Kiesweg. Wir kommen nur langsam vorwärts, und die Staubwolke, die der Wagen aufwirbelt, löscht die Spuren hinter uns. Ich habe das Gefühl, als wären wir durch die Wasseroberfläche gebrochen und dabei, tiefer und tiefer zu tauchen.

Samstag, 11. Juli, Kinaskan Lake Campground, Stewart-Cassiar Highway Es ist Nacht, die noch feuchten Scheite knacken und zischen in den Flammen.

"Was hast du denn jetzt so vor?" " Hmmm?" "Na ja, ich meine, was willst du aus deinem Leben machen?" Gute 2000 Kilometer mussten wir hinter uns bringen, um ans Eingemachte zu gehen. Nur war da nicht viel zu sagen. "Keine Ahnung. Glücklich werden." "Aha. Und wie?" " Weiß nicht. Irgendwie sollte ich wohl versuchen, mich selbst zu verstehen." "Verstehe ich nicht," "Macht nichts." Kurze Pause. Gedanken sind manchmal spürbar wie die Feuchtigkeit der Morgenluft. "Ich wollte damals einfach ein eigenes Haus. Einen guten Job. Eine Familie." Ich nicke. "Hast du ja alles bekommen." Mein Vater nickt. Ich schnippe meine Zigarette ins Feuer. "Ich denke, irgendwann will ich auch eine Familie. Aber zuerst..." Er unterbricht mich mitten im Satz: "... musst du dich selbst finden." Ich erwidere nichts, obwohl ich niemals diese abgedroschene Phrase benutzt hätte. Aber die Aussage stimmt. "Wenn du dich gefunden hast, sag' Bescheid." Wer noch das Gefühl kennt, vom Vermieter mangels Geld aus der Wohnung geworfen zu werden, hat für Sinnsuche eben nur Spott übrig. Ich glaube, es waren ungefähr zehn Minuten, während denen keiner etwas sagte, wir beide nur in die hypnotisierenden Flammen starrten. "Wenn ich mich mal für eine Frau entscheiden könnte, wäre mir schon geholfen." Ein herzhaftes Lachen. "Die Frau entscheidet sich für dich, mein Sohn. Und das war's dann." Sonntag, 12. Juli, Mile 221, Cassiar Highway "Ich mag europäische Männer." Eine junge Frau, irgendwo zwischen 16 und 32, genauer lässt sich das nicht sagen, machte uns mit einem breiten Grinsen an einer verlassenen Tankstelle dieses Kompliment, während wir unseren Sprit zahlten. Auf dem Regal in ihrem Rücken stand eine Reihe von Schnapsflaschen mit verblasstem Etikett, darüber eine Tafel: "Liquor Store". Ihr fehlte ein Schneidezahn und ihre gewaltigen Brüste zogen die Buchstaben auf ihrem rosa Shin in die Breite.

Wir verließen wortlos den Verschlag. An der einsamen Zapfsäule stand ein alter Mann und tankte seinen rostigen Pickup auf. Ich denke, er war mit ihr verwandt. Wie vermutlich alle im Umkreis einiger Meilen.

Montag, 13. Juli, Boya Lake Campground, Cassiar Highway Wir hatten uns aufgemacht, den See zu Fuß zu umrunden. Die erste große Wanderung. In Kanada gibt es Bären. Frei laufende, ziemlich große Tiere. Ein paar hundert Pfund Fell, scharfe Klauen und Zähne, in der Regel nicht angriffslustig, in Ausnahmen allerdings tödlich. Der Punkt ist, dass wir in diesem Wald nicht unbedingt am Ende der Nahrungskette standen. Wir wussten um das gewisse Risiko, das wir teilten, das wir aber sehr unterschiedlich verarbeiteten. Ich fühlte mich so lebendig wie nie zuvor. Meine Sinne schienen in ihrer Intensität zu überdrehen, ich hörte, roch und sah mehr.

"Lass uns umkehren. Mir ist nicht wohl bei der Sache. Man soll doch nicht abseits der Wege gehen." Das kam von meinem Vater. Solange ich denken kann, hat sich dieser Mensch in Risiken gestürzt. Ist ein Vater in seiner Rolle Held per Definition, hat sich dies bei meinem Erzeuger durch dessen scheinbare Furchtlosigkeit ins Unendliche gesteigert. "Was?" "Wir sollten umkehren." Er drehte sich einfach um und ging zurück.

Ich blieb einen Moment stehen, sah ihm verständnislos und befremdet nach, sah in die andere Richtung, ins Abenteuerland, seufzte, hörte auf die Stimme der Vernunft und trottete ihm hinterher. Als wir abends im Camper lagen, klang die kurze Erklärung durch das Dunkel, die er sich wohl im Laufe des Abends zurechtgelegt hatte. "Für mich ist die Zeit der Heldentaten vorbei. Ich muss keine Drachen mehr töten. Ich muss nichts mehr beweisen, verstehst du?" "Ich will auch niemandem was beweisen." "Doch. Dir selbst. Und das musst du." Wir lauschten beide dem Atem des anderen. "Außerdem musste ich es deiner Mutter versprechen." Mittwoch, 15. Juli, Yellowhead Highway Die Zivilisation hat uns wieder, soweit das in British Columbia außerhalb der paar Städte möglich ist. Wir rollen wieder über Teer. Wir treffen wieder wesentlich öfter auf andere Autos. Wir haben heute den ganzen Tag noch keinen Elch gesehen. Im Radio berichtet ein sehr erregter Moderator über einen Angriff eines Kojoten auf ein kleines Mädchen, irgendwo hier in der Nähe. Ein grünes Schild zeugt vom nahenden Ende unserer Flucht aus dem sich wandelnden Leben. Vancouver: 422 Meilen. Übermorgen sollten wir dort sein.

Freitag, 17. Juli, Flughafenhotel Sandman, Vancouver Heute Morgen standen wir nebeneinander im Bad vor dem überdimensionalen Spiegel. Eine Klospülung ist übrigens etwas Großartiges. Eine heiße Dusche auch. Ich hatte mir mein Gesicht mit Rasierschaum eingeseift, einiges an Arbeit für die Klinge. Mein Vater fuhr sich mit der Hand über seinen grauschwarzen Bart, der aus Solidarität hatte mitwachsen dürfen. "Du solltest deinen behalten", sagte ich und meinte es auch so. "Sieht gut aus." "Warum rasierst du deinen dann ab?" Ich zuckte mit den Schultern. "Ist mehr was für alte Männer." Mein Vater sah mir in der Reflexion des Spiegels in die Augen. "Irgendwann habe ich dir mal das Rasieren beigebracht." Ich nickte. "Ja. Das hast du. Und du hast es gut gemacht. Danke."