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Start-Kapital

In Deutschland werden zu wenige neue Firmen gegründet. "Schuld ist das Geld", klagen potenzielle Jungunternehmer und behaupten, es mangele an Risikokapital – ein Irrtum.




Nicht SAP oder DaimlerChrysler, nicht die Allianz oder die Deutsche Bank bilden das Rückgrat der bundesdeutschen Wirtschaft, es sind die Pommes-Bude im Hamburger Hafen und die Hightech-Schmiede in Ingolstadt, der Autoverleih in Grimma und die Werkzeugfabrik in Weil am Rhein. Die mehr als drei Millionen mittelständischen Unternehmen erwirtschaften 57 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung in Deutschland, sie finanzieren mehr als 46 Prozent der Investitionen und schaffen Arbeit für 70 Prozent aller abhängig Beschäftigten - noch.

Es mangelt an Geld, klagt der Nachwuchs Egal, was die Kleinen zur Sicherung ihrer Zukunft tun, ob sie neue Produkte entwickeln, organisch wachsen oder andere Unternehmen kaufen - sie benötigen dafür frisches Kapital. Aber genau daran mangelt es in Deutschland. Schon traditionell ist die Kapitaldecke des Mittelstandes viel zu dünn. Kleine und mittlere Betriebe verfügen über eine durchschnittliche Eigenkapitalausstattung von knapp zwölf Prozent ihrer Bilanzsumme - bei börsennotierten Großunternehmen sind es im Durchschnitt rund 40 Prozent. Das ist schlimm genug, doch wirklich brisant ist die Lage, weil auch das Fremdkapital immer knapper wird: Die privaten Banken ziehen sich peu à peu aus dem Mittelstandsgeschäft zurück, weil es ihnen zu riskant ist und zu wenig Rendite abwirft. Und zu allem Überfluss wird die neue Kreditrichtlinie "Basel II" den Zugang zu Darlehen weiter verschärfen. Alles zusammen keine guten Aussichten für die deutsche Volkswirtschaft.

Besonders hart trifft der Geldmangel den Nachwuchs. Unternehmensgründer und Jungunternehmer haben in der Regel kaum Eigenkapital, brauchen es aber umso dringender. "Gerade durch Kapitalprobleme wird die Errichtung eines neuen Unternehmens häufig gravierend behindert", klagt die Deutsche Ausgleichsbank.

Abhilfe versprechen Beteiligungsgesellschaften, die Risikokapital - Neudeutsch: Venture Capital (VC) - bereitstellen. VC-Gesellschaften gibt es mittlerweile viele in Deutschland. Jede größere Bank oder Sparkasse, die etwas auf sich hält, leistet sich inzwischen eine eigene Risikokapital-Truppe.

Das war nicht immer so. Die deutsche VC-Szene entwickelte sich erst Mitte der neunziger Jahre. Und beneidete die Vorbilder Großbritannien und USA. Dort operierten die Wagniskapital-Gesellschaften mit Renditen von mehr als 30 Prozent jährlich. Also stellten auf einmal auch deutsche Banken, Fonds, Investoren und Industrie nur zu gern Risikokapital bereit.

VC-Gesellschaften stellen den Treibstoff für die Gründungs- und Anfangszeit eines Unternehmens zur Verfügung. Fachleute sprechen dabei von der Seed- und der Start-up-Phase, die den Zeitraum von der Produktentwicklung bis zum Startschuss für den Vertrieb umfassen. Indes: Der Anteil der echten Gründungsfinanzierungen sank im Jahr 2001 auf ein Viertel aller so genannten Risikofinanzierungen. Der große Rest floss in Expansionsstrategien älterer Unternehmen und in die Finanzierung von Anteilsverkäufen, so genannten Buy-Outs.

Nun könnte man einwenden, dass 2001 ein besonderes Krisenjahr gewesen sei. Aber auch in besseren Zeiten fließt unterm Strich nur ein kleiner Teil des Wagniskapitals in Unternehmensgründungen. Offensichtlich sucht auch das Risikokapital das Risiko nicht um jeden Preis - denn auch Risikokapital soll sich am Ende rechnen. Dass es das nicht bei jedem Invest tut, liegt in der Natur der Sache: Im vergangenen Jahr wurden viele Portfolios bereinigt, die vollständigen Verluste beziffert der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften auf insgesamt 1,9 Milliarden Euro oder 36 Prozent des investierten Kapitals.

Der Preis der Risikos: 20 Prozent Mindestrendite Neben einer Minderheitsbeteiligung gehört auch das unternehmerische Engagement der Kapitalgeber, etwa bei der strategischen Planung und sonstiger Beratung des Nachwuchses, mit zum VC-Programm. Und auch, dass der spätere Gewinn nicht aus Dividenden oder laufenden Gewinnausschüttungen resultieren soll, sondern aus einem späteren Verkauf der Beteiligung - doch genau das ist die Crux.

Das Modell des Risikokapitals setzt nicht auf einen langfristigen, nachhaltigen Ertrag der geförderten Unternehmen, sondern auf eine schnelle und hohe Profitrate, um die Investition möglichst schnell und profitabel an der Börse oder an ein anderes Unternehmen verkaufen zu können. Das ist legitim. Aber weil das so ist, fallen viele Gründerideen, ja ganze Branchen, wie beispielsweise der Handel, von vornherein durch das VC-Raster. Ihre Gewinne sind den VCs erfahrungsgemäß entweder zu gering, oder sie treten nicht schnell genug ein.

Risikokapitalgeber kalkulieren mit einer Rendite, die deutlich im zweistelligen Bereich pro Jahr liegt. Sonst zahlt sich ihr Risiko nicht aus, argumentieren sie: Zwischen 20 bis 30 Prozent der Engagements enden mit Totalverlust. Also muss der überlebende Rest richtig profitabel sein, damit die VCs ihre Ziele erreichen. Dafür kommen lediglich ein paar flotte Renner in ökonomischen Nischen in die engere Wahl. In Frage kommt nur, so die Faustregel der VC-Geber, wer in seinem Geschäftsplan eine Verfünffachung des Eigenkapitals innerhalb von acht Jahren vorsieht, was einer Rendite von mehr als 22 Prozent entspricht - pro Jahr. Doch seit das Schlupfloch Börse für Neulinge faktisch verstopft ist, sind solche orgiastischen Wertsteigerungen kaum mehr zu erwarten. Entsprechend lahm ist das Interesse der VC-Gesellschaften an neuen Beteiligungen.

Es mangelt an attraktiven Firmen - sagen die VCs Dabei mangelt es in Deutschland aktuell wirklich nicht an Risikokapital. Auf 15,8 Milliarden Euro beziffert der Bundesverband der Deutschen Beteiligungsgesellschaften das Portfolio seiner Mitglieder. Trotzdem ist der kurzzeitig reißende Strom der verteilten Gelder nur noch ein Flüsschen. Der Grund dafür ist plausibel: Die Traumrenditen, die Risikokapitalgeber während der neunziger Börsenjahre vor allem durch ein IPO ihrer Beteiligungen erzielten, sind heute nicht einmal mehr annähernd zu erreichen. Die Börse schwächelt, die Anleger sind vorsichtig. Aber auch industrielle Investoren, an die die Firmen verkauft werden könnten, stehen längst nicht mehr Schlange, um die VC-Gesellschaften von ihren Bio- oder Internet-Beteiligungen profitabel zu erlösen.

Diese Schwierigkeiten beim - in der Berufssprache - " Exit" (Ausstieg) hat die VC-Geber ernüchtert. Der Anteil von frühen Seed-Investitionen ging im Jahr 2001 von immerhin 8,7 auf magere 3,9 Prozent zurück. Selbst Holger Frommann, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK, der 215 Gesellschaften vertritt), nennt diese und andere Zahlen "beunruhigend". Denn mit den so genannten Seed-Investitionen wird das Ausreifen einer Idee finanziert, auf deren Basis dann ein neues, solides Unternehmen gegründet wird. Aber nicht nur die Frühphasenfinanzierung stockt, auch andere Zahlen fallen mau aus: Nicht einmal 4,3 Milliarden Euro investierte die Branche im vergangenen Jahr in Deutschland, so der BVK. Und eine Besserung scheint nicht in Sicht.

Denn es mangelt aus Sicht der VC-Gesellschaften an attraktiven Beteiligungen. Das sehen die Jungunternehmer natürlich vollkommen anders. Sie stöhnen über die fehlende Bereitschaft der Risikokapitalgeber, attraktive, aber riskante Projekte zu finanzieren. Der VC-Verband hält solche Kritik - wen wundert's - für gegenstandslos. Die Zahlen sprechen nicht unbedingt für die Risikokapitalgeber: Die BVK-Mitglieder verfügen über ein Kapital von rund 30 Milliarden Euro, haben aber bislang nur rund die Hälfte in 5974 Unternehmen angelegt. Im vergangenen Jahr kamen trotz 90500 neuer Anfragen unterm Strich nur 1000 Neuzugänge zustande. Das sei normal, sagt Frommann, selbst in besseren Zeiten kämen nur ein bis drei Prozent aller Anträge zum Abschluss. Woran das liegt? Natürlich nicht an den VCs: Entweder seien die Unternehmenskonzepte "nicht realistisch genug", oder das Management "überzeugt nicht".

Im Ergebnis beträgt die Ablehnungsquote also aktuell 99 Prozent - trotz eines Kapitalüberhangs in der bundesdeutschen VC-Szene von fast 15 Milliarden Euro. Diese Milliarden lassen die Risikokapital-Gesellschaften lieber auf der Bank liegen, als sie in Wirtschaft zu investieren. Das ist betriebswirtschaftlich durchaus verständlich, volkswirtschaftlich aber ein Desaster.

Dass es unter den gegebenen Bedingungen auch anders gehen kann, zeigen die traditionell verfeindeten Genossenschaftsbanken und Sparkassen in Rheinland-Pfalz mit einer gemeinsamen Aktion. Sie gründeten seit dem Jahr 2000 sechs regionale VC-Gesellschaften, um die Finanzierungslücke zwischen privaten und staatlichen Finanziers und den gründungswilligen Unternehmern in spe zu schließen. Damit soll das "Marktversagen" ausgeglichen werden, sagt Roland Wagner, Geschäftsführer des ISB Fonds für Innovation und Beschäftigung. Noch ungewöhnlicher ist das unternehmerische Ziel der rheinland-pfälzischen VCs: Nicht um Profitmaximierung, sondern um Wirtschaftswachstum für die Region und die Schaffung von Dauerarbeitsplätzen gehe es. Bislang verläuft das Experiment erfolgreich, versichert Geschäftsführer Wagner.

Die Kleinen sieht man nicht Für kleine und kleinste Existenzgründungen ist selbst das rheinland-pfälzische Modell keine Lösung - ein VC-Engagement beläuft sich durchschnittlich auf etwa 2,5 Millionen Euro. Weil sich auch die Banken mit Kreditfinanzierungen stark zurückhalten, klafft für die meisten bundesdeutschen Existenz- und Firmengründer ein riesiges Finanzloch.

Ihnen bleibt nur die Hoffnung auf Vater Staat. Und es gibt tatsächlich eine ganze Flut von Hilfsprogrammen, die von Bund und Europäischer Union, von Bundesländern und Kommunen auf den Weg gebracht wurden. Experten schätzen die Zahl der Existenzgründer-Programme auf 800 bis mehr als 1200. Deshalb hat sich die rot-grüne Regierung in die Koalitionsvereinbarung geschrieben, "die Förderung auf wenige Programme zu konzentrieren und zu vereinfachen". So weit ist es noch nicht, aber immerhin steht nach einer neu organisierten Zusammenarbeit zwischen der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die sich auf Investitionen in bereits bestehende Firmen konzentriert, und der ebenfalls staatlichen Deutschen Ausgleichsbank (DtA) die wichtigste Anlaufstation für angehende Jungkapitalisten fest.

Der Staat hilft mit Geld. Aber das ist zu wenig 36000 junge Unternehmerinnen und Unternehmer konnten sich im vergangenen Jahr über eine staatliche Gründungshilfe der DtA freuen. 3,7 Milliarden Euro wurden ausgeschüttet. Dennoch: Die Zahl der Existenzhilfen sank im vergangenen Jahr um 20 Prozent, und das, nachdem sie bereits im Jahr 2000 um 19 Prozent kleiner ausgefallen war als 1999.

Dabei berichtet die führende Förderbank vom gleichen Phänomen wie der VC-Verband: "Geld ist genug vorhanden", sagt Jochen Struck, Forschungsdirektor der Ausgleichsbank, "auch in der öffentlichen Förderung." Weitaus mehr Neugründungen könnten locker finanziert werden. Aber warum mangelt es dann in Deutschland an Existenzgründern und neuen Firmen? DtA-Banker Struck nennt zwei Gründe. "Die Leute haben zu viel Angst vor der Selbstständigkeit", ein Mentalitätsproblem, das es beispielsweise in den USA nicht gebe. Und es fehle an Qualifikation. An Schulen und Hochschulen sei unternehmerische Selbstständigkeit kein Thema, Schüler und Studenten würden von den Bildungsträgern allein gelassen. Im Ergebnis mangele es an Menschen, die Lust haben, ihr eigener Herr zu sein.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der Global Entrepreneurship Monitor (GEM), ein internationales Forschungsprojekt, das die Gründungsaktivitäten in 29 Ländern beobachtet. "Deutschland belegt einen Platz im hinteren Mittelfeld", sagt Professor Rolf Sternberg. Der Kölner Hochschullehrer ist federführend im deutschen GEM-Projekt. Zwischen Flensburg und Füssen beteiligen sich von hundert erwerbsfähigen Erwachsenen, statistisch betrachtet, weniger als acht aktiv an der Gründung eines Unternehmens oder werkeln in der Garagenfirma - in Italien sind es zehn, in den USA zwölf, in Australien 16 und in Mexiko sogar 19. GEM stellt Deutschland zu allem Überfluss auch ein kulturelles und strukturelles Armutszeugnis aus: Unter den Gründern gibt es so gut wie keine Frauen, und auch die Ostdeutschen finden Unternehmertum wenig reizvoll.

Deutschland belegt Rang 22 von 29 beteiligten Ländern, obwohl auch GEM die Finanzierungsbedingungen ausdrücklich lobt und die öffentlichen Förderprogramme besser bewertet als in allen anderen Staaten. Dagegen bemängeln die internationalen Wissenschaftler - wie die DtA - das Fehlen einer Selbstständigkeitskultur und die mangelhafte gründungsbezogene Aus- und Weiterbildung.

Neben diesen beiden weichen Faktoren gibt es jedoch auch harte. Zum Beispiel die - sicher oft notwendige - Bürokratie und die Vermittlerrolle der Kreditwirtschaft. So berichten viele Gründungswillige, dass sie von ihrer Bank oder Sparkasse nicht über die üppigen öffentlichen Fördermittel informiert worden seien -weil diese lieber ihre eigenen, für sie lukrativen Kredite verkaufen wollten. Oder weil sie die Programme nicht kannten. Noch problematischer laufen die meisten so genannten Kleinstvorhaben, mit Investitionen bis zu 25 000 Euro. Die Hausbanken mauern regelmäßig, stellte die DtA fest, weil eine bankinterne Kosten-Nutzen-Abwägung gegen ein solches Mini-Vorhaben spricht.

Was fehlt, ist ein Herz für Gründer Die gesamtwirtschaftliche Lage ist auch nicht eben förderlich. Die Reallöhne und die Konsumnachfrage stagnieren seit einem Jahrzehnt. Zudem muss zu vier Boutiquen in einer Passage nicht noch eine fünfte hinzu kommen. Viele Märkte sind gesättigt.

Der Existenzgründer-Stau sollte den Regierungen in Bund und Ländern eigentlich zu denken geben. Zwar funktioniert die finanzielle Förderung durch den Staat nicht schlecht, aber bislang zeigen deutsche Politiker von der CSU bis zur PDS zu wenig Herz für die weichen Faktoren der Ökonomie. Dabei schafft eine positive Stimmung positive Fakten - auch bei Existenz- und Firmengründern.

Mit der Ausbildung immerhin geht es voran; So finanziert die Deutsche Ausgleichsbank seit ein paar Jahren vier Stiftungsprofessuren zum Thema Existenzgründung. Seither sind rund 40 Stiftungsprofessuren im deutschsprachigen Raum hinzugekommen, meistens finanziert von großen Konzernen wie SAP oder Deutsche Bank. Fürs Umdenken ist das nicht genug.