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Frei-gestellt

Wie verrückt muss einer sein, der sich heute noch selbstständig macht? Gestern, ja gestern - da war das noch schick, da war einer schlau, der eine Firma gründete und sich damit als künftiger Millionär auswies. Aber heute? Schön blöd muss einer sein, der das trockene Plätzchen im Konzern gegen die Aussicht eintauscht, sich für viel mehr Arbeit auch viel mehr Risiko einzuhandeln.




So denkt, leider, die Mehrheit (S. 46). Und sie denkt aus zwei Gründen falsch. Zum einen gibt es das trockene Plätzchen schon lange nicht mehr - die Chance, 30 Berufsjahre lang bestenfalls den Flur zu wechseln, wird täglich geringer. Zum anderen bringt Selbstständigkeit mehr als Gewerbesteuer, Bankgespräche und Urlaubsverzicht.

Zum Beispiel die Freiheit, sich als kleiner Möbeldesigner mit Ikea anzulegen, darüber fast Pleite zu gehen und am Ende doch zu gewinnen (S. 92). Oder das gute Gefühl, den einstigen Vorstandskollegen vorzuführen, dass selbst in der Stahlbranche mit Flexibilität und Ideen noch immer mehr auszurichten ist als mit Kapital (S. 54). Geld ist natürlich auch zu verdienen. Etwa mit Webdesign, wenn man es richtig macht (S, 70).

Der Heidelberger Mediziner und Philosoph Ronald Grossarth-Maticek verspricht dem Menschen, der sich aus Zwängen befreit, sogar Gesundheit: Autonomie, so das Ergebnis jahrzehntelanger Studien, trägt mehr zu einem längeren Leben bei als jeder andere Positivfaktor (S. 60). In jedem Fall aber macht das Leben mehr Spaß. Findet zumindest Fritz Vahrenholt, der sich seine Unabhängigkeit weder als Politiker noch als Konzernvorstand nehmen ließ (S. 84).

Dabei behauptet niemand, dass so ein Leben ohne Preis zu haben ist. Manchmal ist er zu hoch, vor allem, wenn die Idee ohne Kapital nicht wächst - nach dem kurzen Ausflug ins Abenteuerland paart sich das Kapital inzwischen lieber wieder mit seinesgleichen (S. 74). Und oft genug ist die Rechnung gerade eben ausgeglichen. Oder nicht? Oder doch? (S. 88).

Nein, Selbstständigkeit ist kein Erholungsheim. Selbst Kinder, die vermeintlich ins gemachte Nest geboren wurden, müssen um ihre Unabhängigkeit kämpfen (S. 80). Tiere haben es da einfacher. Sie haben ihren Instinkt. Und wohlmeinende Menschen, die sie in die Freiheit schubsen (S. 100).

Auswildern heißt das.

Kein schlechter Begriff für das, was dieser angestellten Gesellschaft gut tun würde.