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Die Hexen essen den Staat

Weltweit wächst der Abstand zwischen Arm und Reich. Doch wie Gesellschaften mit neuen Ungleichheiten umgehen, variiert stark. In Afrika bekämpft man moderne Probleme oft mit einer alten Tradition: Hexerei.




Artikel 251 des Kameruner Strafgesetzbuchs sieht für jeden, "der durch Hexerei, Magie oder Wahrsagerei die öffentliche Ruhe stört oder Mitmenschen und Besitz Schaden zufügt" eine Gefängnisstrafe zwischen zwei und zehn Jahren vor. Frauen, die ihre Männer impotent hexen, landen ebenso hinter Gittern wie Eltern, die die Schulnoten ihrer Kinder magisch manipulieren.

Hexereivorstellungen sind in ganz Afrika weit verbreitet. In Kamerun verbreitet Radio Trottoir, der populärste Nachrichtensender, spektakuläre Geschichten über Hexen aus den höchsten gesellschaftlichen Kreisen, die zu nächtlichen Versammlungen fliegen. Ein Fußballteam gewinnt, eine Gemeinde zieht ein Entwicklungshilfeprojekt an Land, die Börsenkurse steigen - überall ist Magie im Spiel. Nationalmannschaften, Geschäftsleute oder Politiker werden von bekannten Hexern und Heilem betreut, dem Äquivalent unserer PR-Experten und Berater.

Im postkolonialen Afrika ist Magie ein höchst aktuelles politisches Instrument, dessen Bedeutung nicht ab-, sondern zunimmt. Oberflächlich der westlichen Demokratie-Idee zugewandt, herrscht in vielen Teilen des Kontinents die "Politik des Bauches", wie die schamlose Bereicherungsstrategie der afrikanischen Elite genannt wird. Die Bezeichnung bezieht sich direkt auf die weit verbreitete Vorstellung, dass die Kraft der Hexerei, die die Maka im Südosten Kameruns Djambe nennen, im Bauch sitzt. Dank dieser besonderen Kraft kann sich ein Maka in einen Geist oder ein Tier verwandeln und des Nachts die Herzen seiner Opfer, meist die eigenen Verwandten, verspeisen. Die so Verhexten verlieren ihren Besitz, erkranken oder sterben gar. Aber die Magie des Djambe ist ambivalent, denn auch die Macht der Heiler (Nganga) und der Dorfältesten, der Geschäftsleute und Politiker beruht auf ihr. So kann alles, Krankheitsfälle wie Vertragsabschlüsse, mit Hexerei erklärt werden. Es entsteht ein Teufelskreis, weil jeder, der sich vor Magie schützen will, auf ihre Kraft angewiesen ist. Liegt ein Verdacht vor, geht man zum Nganga, der einen Gegenzauber spricht.

Hexerei zielt einerseits darauf ab, Ungleichheiten auszugleichen. Reiche und Mächtige müssen ständig damit rechnen, dass neidische Mitmenschen ihnen schaden, und sind deshalb bemüht, sie zu besänftigen. Sie laden die Dorfgemeinschaft zu Festen ein oder verschaffen dem Schwager einen Job in der Bürokratie. Andererseits ist Hexerei aber auch eine wichtige Ressource für die Elite - jeder versucht, die magischen Kräfte für das eigene Wohlergehen einzusetzen. Insbesondere zwischen der Stadt- und Landbevölkerung herrscht tiefes Misstrauen. Die Städter trauen sich oft nicht in ihre Heimatdörfer, aus Angst, Neid zu erregen. Doch auch wenn sie fernbleiben, kann sie ein Fluch treffen. Um sich davor zu schützen und zugleich noch reicher zu werden, kaufen sie extravagante Fetische und konsultieren eine neue Generation von Heilem. Die brüsten sich mit ihrer modernen Ausbildung und blättern in französischen Magiefibeln. Gegen solche okkulten Kräfte hat die Landbevölkerung wenig Chancen.

Kolonialismus, Unabhängigkeit und Globalisierung verschärften bekannte Ungleichheiten, und jede Ethnie reagierte darauf anders. Die Bakweri im Südwesten Kameruns vernichteten früher ihre Reichtümer (meist Schafe, Schweine und Kühe) regelmäßig, um Neid vorzubeugen. Als Ende des 19. Jahrhunderts die deutschen und britischen Kolonialherren große Bananenplantagen errichteten, wollten die Bakweri dort nicht arbeiten - wurde doch gemunkelt, dass jeder, der anheuern ließ, ein Hexer sei, der andere in Zombies verwandeln und auf den Plantagen für sich arbeiten lassen würde.

Noch in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als immer mehr Bakweri mit dem Bananenanbau reich wurden, wagte kaum jemand seinen Wohlstand zu zeigen. Und die Hexereianklagen wurden immer lauter, bis jemand einen machtvollen Gegenzauber auftrieb. In einer spektakulären Aktion für umgerechnet 3000 Euro wurden ganze Siedlungen gereinigt. Doch Mitte der sechziger Jahre traten neue EU-Handelsrichtlinien in Kraft, die Bananenpreise purzelten, und es häuften sich erneut Hexereiklagen.

Nach der Unabhängigkeit Kameruns 1960 wuchs die Kluft zwischen Arm und Reich weiter. Eine neue Schicht von so genannten Evolues, der einheimischen Elite, übernahm zentrale Machtpositionen. Zwei Jahrzehnte beherrschte Ahmadou Ahidjos Einparteiensystem das Land und bereicherte sich an der internationalen Entwicklungshilfe. Im Umfeld seines undurchsichtigen und willkürlichen Regimes blühten Hexereigerüchte. In den Augen der Bevölkerung verdanken die Evolues ihre BMWs und Kühlschränke dem gleichen Djambe, der schon früher seine Opfer in Plantagen-Zombies verwandelte.

Seit den siebziger Jahren kümmert sich der kamerunische Staat um Hexerei. Nach kurzen Prozessen werden zum Teil lange Haftstrafen und hohe Geldbußen ausgesprochen. Die Heiler nehmen dabei eine neue Position ein. Während sie früher in einem therapeutischen Prozess versuchten, verängstigte Patienten zu beruhigen, Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen und das soziale Gleichgewicht wieder herzustellen, treten sie heute als Ankläger auf. Statt die magischen Kräfte zu neutralisieren, bestrafen sie sie.

Die moderne Hexerei ist Ausdruck der Ohnmacht. Jeder versucht, sich ein wenig Wohlstand und Glück zu zaubern - aber gegen die Magie der nationalen Eliten ist die der Armen machtlos. Dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung: "Die Hexen essen den Staat", heißt es in Afrika.

Literatur: Peter Geschiere: The Modernity of Witchcraft - Politics and the Occult in Postcolonial Africa. University Press of Virginia, Charlottesville, 1997; 311 Seiten; 59,50 Dollar