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Der digitale James Bond

Wo Geld ist, ist auch Schwarzgeld. Und das ist neuerdings bei Banken nicht mehr sonderlich beliebt. Ein Problem. Und eine zukunftsträchtige Geschäftsidee.




Als ein jüngerer Mann mit Nachnamen Wang 250 Millionen Franken bei der Credit Suisse anlegen wollte, wurde ein Bankangestellter hellhörig. 250 Millionen Franken, so viel? Und: Wang, war da nicht was? Wang, vorher Kunde bei der Schweizer Bank UBS, hatte angegeben, das Geld gehöre seinen vermögenden Eltern in Taiwan. Bei einer Überprüfung stellte sich heraus, dass sein Vater der international gesuchte Waffenhändler Andrew Wang ist - und die UBS den Kunden nur zu gern loswerden wollte. Credit Suisse meldete den Vorfall der Schweizer Aufsichtsbehörde, das Geld wurde eingefroren. Wang steht unter Korruptions- und Mordverdacht, unter anderem im Zusammenhang mit Waffenlieferungen des französischen Konzerns Elf Aquitaine nach Taiwan. 1993 verschwand er nach der Ermordung eines Marineobersten spurlos - mitsamt eines dreistelligen Millionenbetrages.

Bislang mussten sich Banken in solchen Fällen auf die Aufmerksamkeit und das Wissen ihrer Angestellten verlassen. Doch die kriminelle Energie, die eingesetzt wird, um schwarze Gelder zu waschen, wächst. Da eröffnen nicht nur Kinder von Schwarzgeld-Inhabern die Konten, sondern auch entfernte Verwandte und Freunde, die einen anderen Namen tragen und deshalb nicht in Verbindung mit umstrittenen Personen gebracht werden. Oft dienen unterschiedliche Namens-Schreibweisen oder gefälschte Papiere dazu, Spuren bei Geldtransaktionen zu verwischen.

Diese Tricks will David Leppan, 28, aufdecken. Im Jahr 2000 gründete er Global Objectives, das sich den web-gestützten Dienst World-Check zunutze macht. World-Check durchforstet Zeitungsberichte, aber auch Veröffentlichungen des US-Geheimdienstes CIA, von Interpol, der Uno oder Amnesty International und sammelt so Informationen über "political exposed persons" (Personen des öffentlichen Lebens wie Politiker, Wirtschaftsführer, Repräsentanten internationaler Verbände) und deren Verbindungen.

Wie kommt der Sohn einer einflussreichen südafrikanischen Politikerfamile wie David Leppan zu so einem Job? Ursprünglich wollte er Opernsänger werden. Aus diesem Grund zog er mit 18 Jahren nach Salzburg. Nach zwei Jahren fand er das Opernstudium "zu trocken" und wechselte das Fach. Leppan studierte "Internationales Recht und Politik" und legte damit den Grundstein für seine Karriere als Compliance-Spezialist. "Compliance" bedeutet so viel wie "Einhalten": Compliance-Abteilungen wachen darüber, dass in Unternehmen alles mit rechten Dingen zugeht, ob eine Aktiengesellschaft beispielsweise ihren Informationspflichten nachkommt. Leppan arbeitete für verschiedene Banken und bekam während dieser Zeit oft genug mit, wie schwierig es ist, bei der Kontoeröffnung jene Kunden herauszufiltern, die wegen möglicher illegaler Machenschaffen als umstritten gelten. So entstand die Idee für Global Objectives.

Das Ausgangsproblem: Kommt ein neuer Kunde in die Bank, muss der Angestellte innerhalb kürzester Zeit entscheiden, ob er das Konto eröffnet oder nicht. Dabei genügt es nicht, den Kontoinhaber selbst als vertrauenswürdig einzustufen, die Banken müssen auch überprüfen, ob der Kunde intensive Geschäftsbeziehungen zu Risikopersonen hat.

Purer Edelmut ist es natürlich nicht, der die Banken dazu bewegt, sich ihre Kunden näher anzuschauen und notfalls auf hohe und lukrative Einlagen zu verzichten. Die Banken wollen mit Hilfe von Global Objectives und dem Produkt World-Check ihre Risiken minimieren: zum Beispiel bei der Vergabe von Krediten. Aber vor allem geht es den Banken um ihren Ruf und darum, mögliche Skandale und die damit verbundene Image-Beschädigung auszuschließen. Deshalb sind auf Schweizer Konten bereits mehrere Milliarden Dollar von Politikern eingefroren, etwa von dem nigerianischen Ex-Machthaber Sani Abacha, dem mittlerweile verstorbenen Präsidenten Zaires, Mobutu Sese-Seko, oder dem philippinischen Ex-Diktator Ferdinand Marcos.

Auf Neudeutsch nennt sich die neue Strategie: Know-your-Customer's-Customer-Prinzip. Doch woher soll ein Banker erfahren, wer mit wem Geschäfte macht und vor allem, mit wem jemand zukünftig seine Geschäfte machen könnte? Es gibt keine Instanz, die das zuverlässig sagen kann. Und ein Verzeichnis mit " Risikopersonen", wie es in den USA benutzt wird, ist in der Schweiz rechtlich nicht zulässig. Fragt der Banker den Kunden selbst, eröffnet der vor lauter Ärger womöglich sein Konto anderswo. Doch selbst wenn er antwortet, wer weiß, ob's stimmt?

Spurensuche: Software macht's möglich Leppans Idee: eine Datenbank zu entwickeln, die alle bisher öffentlich dokumentierten Verbindungen aufzeigt, auch wenn sie bislang noch nicht negativ aufgefallen sind. " World-Check soll auch künftige Risiken ausschließen, von denen die Banker noch gar nichts ahnen können", forderte der Gründer. Doch er ahnte nicht, aufweiche Datenmengen er sich einließ. Die ersten 5000 Datensätze recherchierten Mitarbeiter per Hand. "Doch irgendwann wurde mir klar, dass man diese Arbeit nicht manuell machen kann." Also brauchte er eine Software, die die Suchvorgänge weitgehend automatisiert und vor allem aktualisiert. Und Leppan fand Autonomy.

Autonomy ist eine so genannte Infrastruktur-Software, die Informationen aus unstrukturierten Daten nach zuvor festgelegten Kriterien herausfiltert. Im Unterschied zu Suchmaschinen sucht sie nicht nur mit Hilfe von Begriffen, sondern erkennt sprachunabhängig anhand von Satzstrukturen zudem inhaltliche Zusammenhänge. So werden auch Dokumente angezeigt, in denen zum Beispiel der Name einer Risikoperson gar nicht vorkommt oder anders geschrieben wird, aber der Zusammenhang darauf hindeutet, dass es sich um eine bestimmte Person handelt (siehe Randspalte).

Die besondere Suchweise schützt nicht nur Banken vor unseriösen Kontoinhabern - sie nützt allen Branchen, die viele komplexe Informationen verarbeiten müssen. British Aerospace bringt via Autonomy beispielsweise Mitarbeiter aus Forschung und Entwicklung zusammen, die an ähnlichen Projekten arbeiten, ohne es zu wissen. Die britische Polizei nutzt die Software zur Rasterfahndung.

Leppans World-Check hilft den Banken, auf Wissen zuzugreifen, von dem sie vorher gar nicht wussten, dass es relevant sein könnte. Für einen Menschen, der nur über Beziehungen recherchieren kann, von denen er ahnt, dass es sie gibt, ist es so gut wie unmöglich, sämtliche Zusammenhänge zu überblicken. Aus diesem Grund hat bei World-Check jeder Datensatz, also jede Person, einen eigenen Agenten - den Leppan gern als " virtual James Bond" bezeichnet. Diese Agenten suchen 24 Stunden am Tag 7000 Web-Seiten in 40 Sprachen nach Informationen über die derzeit 55 000 gespeicherten Personenprofile ab. Dafür brauchte Unternehmensgründer Leppan ohne den Einsatz von Autonomy 260 000 Mitarbeiter, sagt er. Findet World-Check eine interessante Information, wird sie den Mitarbeitern von Global Objectives angeboten. Die überprüfen dann, ob die Information den World-Check-Kunden zugänglich gemacht werden soll oder nicht.

Diskretion: Ältere Frauen tratschen nicht Jede der gefundenen Informationen durchläuft also noch einmal eine menschliche Qualitätskontrolle. Leppan setzt dabei vor allem auf Frauen, weil sie nach seiner Erfahrung diskreter sind und sorgfältiger beim Sammeln der Daten. Zudem sucht er Lebenserfahrung und Wissen und stellt deshalb besonders gern ältere Mitarbeiter ein. Sie sitzen in Südafrika, Spanien, Österreich, Australien und den USA und arbeiten meist von zu Hause aus. Auch die Daten sind aus Sicherheitsgründen weltweit auf mehrere Server verteilt. Das verringert das Risiko.

Sicherheit ist nicht nur ein wichtiges Thema für die Kunden von Global Objectives, sondern auch für das Unternehmen selbst. Leppan und zwei weitere Personen sind die Einzigen, die alle Mitarbeiter kennen und Zugriff auf alle Daten haben. Auch die Mitarbeiter bleiben untereinander anonym, die meisten kennen noch nicht einmal die Kunden. Damit will Leppan die Gefahr ausschließen, dass Personen, die nicht in World-Check gespeichert werden wollen, Druck ausüben oder versuchen, seine Angestellten zu bestechen. Denn letztlich sind es die Mitarbeiter, die entscheiden, ob ein Profil bei World-Check aufgenommen wird oder nicht.

Das Recht auf Datenschutz greift bei World-Check nicht, denn alle personenbezogenen Daten sind öffentlich zugänglich und werden stets mit Quelle angezeigt. Leppan: "Wir sind nur die Datensammler, wir nehmen keine Beurteilung vor. Wenn die Betroffenen mit den Daten ein Problem haben, haben sie es nicht aufgrund unserer Arbeit, sondern aufgrund der entsprechenden Quellen." Ganz so neutral wie Leppan World-Check darstellt, ist es jedoch nicht. Eine gewisse Vorselektion findet statt, denn sonst wäre die Datenbank ein wertloses Sammelsurium von Personendaten. World-Check teilt zum Beispiel die gespeicherten Daten in belastende und neutrale Kategorien ein. Bei Personen, die der Kategorie "Terrorist" , "Finanzkriminalität" oder " Drogenkriminalität" zugeordnet sind, geht bei den Banken sofort der Rollladen runter. Es gibt aber auch Kategorien wie "Politiker" oder " Individuum". Und auch diese Profile werden in Risikoklassen wie "high risk" oder " potential high risk" eingeteilt.

Rund ein Viertel des Datenbestandes sind Hoch-Risiko-Personen, also solche, die sich nachweislich etwas zu Schulden kommen lassen haben und sehr einfach herauszufiltern sind. Schwieriger wird es mit der Rubrik "potential high risk". Hier speichert World-Check alle Personen, die eine herausragende politische oder wirtschaftliche Stellung haben. Diese Menschen haben nichts Verwerfliches getan, sollten aber aufgrund ihrer Position von den Banken genauer beobachtet werden. Das sind zum Beispiel Premierminister, Mitglieder des Olympischen Komitees und Abgeordnete. Wenn World-Check bei einer potenziellen Risikoperson eine Verbindung zu einer Risikoperson anzeigt, schlägt das Kenne-die-Connections-deiner-Kunden-Prinzip zu. Dann ist es an der Bank, das Risiko abzuwägen. Zur potenziell gefährlichen Personengruppe zählen seit neuestem auch ganze Berufsgruppen. So werden neuerdings Rechtsanwälte erfasst, weil sie oft als Mittelsmänner bei unsauberen Geschäften dienen, um die Spuren zu verwischen. Das macht die Arbeit für die Banker nicht eben angenehmer, schützt aber vor möglichem Rufschaden.

Die Hilfe für ein sauberes Image lassen sich die Banken einiges kosten. Je nach Umfang kostet der Service von World-Check jährlich zwischen 7000 und 250000 Dollar. Eine Million Dollar Umsatz verbuchte Leppan im ersten Geschäftsjahr, für das zweite rechnet er schon mit zwei bis drei Millionen. Zwei der zwölf Großbanken, die die so genannten Wolfsberg-Principles (siehe Randspalte) unterzeichnet haben, stehen auf seiner Kundenliste. Mit zwei weiteren befindet er sich in Verhandlungen. Mittlerweile setzen die Banken World-Check nicht nur bei Kontoeröffnungen ein, sondern auch bei der Überprüfung von Überweisungen bestehender Kunden. Darüber hinaus zählt Leppan auch Geheimdienste zu seinem Kundenkreis.

Terroristen, Diktatoren, Waffenhändler - fühlt man sich als Repräsentant einer Firma, die mit diesen Gruppen zu tun hat, nicht ständig bedroht? Angst habe er keine, meint Leppan, aber er wolle auch nicht alles wissen. World-Check ist deshalb so programmiert, dass es nicht speichert, wer wie oft auf welchen Datensatz zugreift - denn auch aus diesen Informationen könnten Dritte Rückschlüsse ziehen. "Ich schlafe besser", stellt David Leppan fest, "wenn ich nicht weiß, wer die bisherigen Kunden einer Bank sind oder für welche Personen sich ein Geheimdienst interessiert."