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Das Imperium ist überall

Mit dem Buch "Empire" legen der Philosoph Antonio Negri und der Literaturwissenschaftler Michael Hardt eine grundlegende Theorie der Globalisierung vor. Im Interview spricht Michael Hardt über eine bessere Form der Globalisierung, direkte Demokratie und den Hoffnungsträger Wissensgesellschaft.


brand eins: In Ihrem Buch "Empire" behaupten Sie und Antonio Negri, dass die Globalisierung eine neue globale Machtstruktur hervorgebracht hat, die jenseits von demokratischer Kontrolle oder nationaler Souveränität die Welt regiert. Das "Imperium" ist ein Netzwerk von multinationalen Unternehmen, Regierungen und Wirtschaftsorganisationen, das nach einer einheitlichen Herrschaftslogik regiert. Was rechtfertigt bei all den unterschiedlichen Akteuren die Rede von einem einheitlichen neuen Gebilde der Weltherrschaft?

Hardt: Man kann es mit dem Begriff des Kapitals vergleichen. Die einzelnen Kapitalisten stehen in Konkurrenz zueinander und alle gemeinsam in Konkurrenz zum Staat. Die Idee des Begriffs des Kapitals ist, dass es eine gemeinsame Logik hinter all ihrem Handeln gibt, sodass man durchaus von Kapitalismus oder einem kollektiven Kapitalisten sprechen kann. Karl Marx nennt das eine reale Abstraktion. Ich glaube, das lässt sich auch von Empire behaupten. Seine verschiedenen Elemente mögen miteinander in Konflikt geraten, und doch ist es auf einer anderen Ebene wichtig, die gemeinsame Logik zu sehen, die hinter all ihrem Handeln steht.

brand eins: Während viele in der Uno oder in den Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) ein potenzielles Gegengewicht zur kapitalistischen Globalisierung sehen, gehören diese Organisationen für Sie zur gleichen Herrschaftsstruktur. Weshalb?

Hardt: Die bekanntesten unter den NGOs kollaborieren auf eine bestimmte Weise mit den bestimmenden Kräften der Globalisierung. Manche gehen so weit, die Hilfsorganisationen als das lächelnde Gesicht des Neoliberalismus zu bezeichnen: Sie räumen auf, was der Neoliberalismus an Schaden angerichtet hat, und machen ihn so akzeptabel. Ich glaube nicht, dass man das sagen sollte. Das klingt, als halte man die Mitglieder solcher Organisationen für absichtliche Komplizen, was sie natürlich nicht sind. Doch viele NGOs stimmen in mancher Hinsicht ideologisch mit den Globalisierungsmächten überein.

brand eins: Sie behaupten, Empire dominiert nicht bloß die wirtschaftliche oder politische Szene, sondern übt eine so genannte "Biomacht" aus: Es bestimmt das gesamte Leben sämtlicher Einzelsubjekte, und das weltweit. Das ist eine unglaublich weit reichende These. Ist die Welt wirklich so vollständig in einer Herrschaftsstruktur vernetzt? Gibt es keine Alternativen?

Hardt: Doch. Manche Protestbewegungen der achtziger Jahre, in Deutschland wie in den USA, haben sehr moralistisch auf einem Außen der Macht bestanden. Sie sagten: " Wir halten uns rein bei der Nahrung, die wir essen, und den Filmen, die wir sehen." Ich glaube, es ist produktiver, zu erkennen, dass wir alle kontaminiert sind und in einer globalen Machtstruktur leben, was aber eben nicht heißt, dass wir nichts anderes erschaffen könnten.

brand eins: Da nicht alles an der Globalisierung schlecht ist, wollen Sie vorwärts und hindurch, nicht zurück. In der Protestbewegung aber wollen viele eine Relokalisierung, eine Rückkehr zur Tradition.

Hardt: Es gibt zwei fundamentale Arten von kritischer Reaktion auf die Globalisierung, und in der Protestbewegung sind beide vertreten. Die erste ruft nach der Stärkung der Nationalstaaten, betont lokale Initiativen und sucht Schutz vor dem globalen Kapital. Die zweite reagiert global und sucht nach Lösungen für eine alternative Globalisierung, die demokratisch und egalitär wäre. Ich denke der zweite Weg ist in der Bewegung viel weiter verbreitet, den ersten findet man vorwiegend in politischen Parteien oder zentralisierten Organisationen. Die Führung von Attac etwa ist näher an der ersten Strategie, während man an der Basis von Attac eher in die zweite Richtung denkt. Nur die erste sollte man eine Anti-Globalisierungsbewegung nennen.

brand eins: Ihr Buch und die eher progressiven Elemente der Bewegung legen sehr großen Wert auf globale Demokratie. Dabei weisen Sie aber eine Art kosmopolitischen Staat zurück und betonen direkte Demokratie. Wie sollen denn basisdemokratische Prozesse auf globaler Ebene denkbar sein?

Hardt: Dafür müssen noch Institutionen erfunden werden. Als man in Europa in der frühen Moderne die Idee der Demokratie aus Athen importierte, konnte man sie auch nicht so übernehmen, wie sie war. Man konnte nicht das Modell der Polis (griechischer Stadtstaat) nehmen und nach Frankreich verpflanzen, man musste die Demokratie neu erfinden, sowohl begrifflich als auch institutionell. So erfand man die Mechanismen der Volksvertretung, der Wahlen und so weiter, um auf nationaler Ebene einen Begriff der Demokratie zu etablieren, den man vom Stadtstaat geerbt hatte. Wir haben keinen Grund zu glauben, dass wir das, was im Nationalstaatsrahmen funktioniert hat - wenn auch extrem unzureichend - einfach auf globale Ausmaße ausdehnen können...

brand eins: ...zum Beispiel in Form von so etwas wie einem Weltparlament.

Hardt: Richtig, etwa mit dem Prinzip der einen Wahlstimme pro Kopf für über sechs Milliarden Menschen. Es ist sinnvoll über solche Dinge nachzudenken, weil man sieht, wie undemokratisch das derzeitige Weltsystem tatsächlich ist. Selbst wenn wir erkennen, dass so etwas kaum funktionieren kann, können wir uns vielleicht die Art von Institutionen vorstellen, die wir brauchen, also entweder nicht-repräsentative oder anders repräsentative demokratische Strukturen.

brand eins: Auf nationaler Ebene setzte man in letzter Zeit auf die Idee der Zivilgesellschaft zur Erneuerung der Demokratie. Können die NGOs auf globalem Feld eine solche Rolle spielen?

Hardt: So stellt man sich das oftmals vor, aber in Wirklichkeit üben NGOs selten eine solche repräsentative Funktion aus. Die meisten von ihnen müssen bei den Spendern betteln und sind durch die ideologischen Vorstellungen der Spender dramatisch beschränkt. Verstehen Sie mich nicht falsch, man soll natürlich den Hunger bekämpfen, aber man soll sich nicht vormachen, das habe irgendetwas mit Demokratie oder Selbstbestimmung zu tun. Ich glaube, wir wissen nicht, was Demokratie heute bedeutet, der Begriff steckt in einer Krise. Wir hängen an ihm - obwohl ich auch das bei den meisten globalen Führungsfiguren bezweifle - und wissen doch, dass er neu gefüllt werden muss.

brand eins: Mit einigen Forderungen wird Ihr Buch auch konkreter, in einem "Gegen-Empire" gäbe es etwa ein Weltbürgerschaftsrecht und ein garantiertes Mindesteinkommen für jeden Weltbürger. Das hätte eine Menge Folgen.

Hardt: Gigantische Folgen! Sehen Sie, diese Forderungen erfüllen die Funktion, eine Perspektive zu schaffen. Sie erstellen eine Art kognitiver Landkarte. Wie würde die Welt aussehen, wenn man reisen könnte, wohin Mann oder Frau wollte? Ein garantiertes globales Mindesteinkommen oder ein Weltbürgerschaftsrecht, das sind explosive Forderungen mit radikalen Effekten. Sie müssten für die Privilegierten der Welt unglaublich bedrohlich erscheinen.

brand eins: Sie sehen sich nicht nur als radikale Demokraten, sondern auch als Kommunisten und plädieren in "Empire" gegen alle Zeitströmungen für eine Wiederbelebung öffentlichen Eigentums.

Hardt: Sind Sie bei diesen Zeitströmungen so sicher? Ich sehe eher ein Anwachsen von Entrüstung über das Privateigentum. So gibt es im Bereich des immateriellen Eigentums viel Empörung, etwa im Bereich des Patenrechts für genetische Informationen. Und natürlich ist man im Cyberspace unzufrieden mit dem Privateigentum an Material, das man als Gemeineigentum ansieht - denken Sie an Napster.

brand eins: Ihren Optimismus teilen viele Linke sicherlich nicht. Er hat wohl auch mit der neo-marxistischen Geschichtsschreibung von " Empire" zu tun. Die Geschichte wird von Widerstand und Begehren der Massen getrieben, nicht von ökonomischen Gesetzen, kultureller Dynamik oder technologischer Entwicklung.

Hardt: Nicht die technologische Evolution kommt zuerst, sondern die Verweigerung der Arbeiter zwingt zur Anwendung und Anpassung der technologischen Innovationen. Das ist zumindest eine unserer Behauptungen. Ein Beispiel: Wir sagen in "Empire' mehr oder weniger, dass die weltweiten Protestbewegungen der sechziger Jahre mit ihrer Verweigerungshaltung zur New Economy geführt haben. Die Qualitäten dieser Bewegungen - gegen den disziplinierten Fabrikalltag, für die Verbreitung von Wissen und Information im Falle der Studentenbewegung, für die Verbesserung der gesellschaftlichen Stellung im Falle der frühen Schwulen- und Lesbenbewegung und beim Feminismus - gemäß solcher Qualitäten von Wissen, Kommunikation und Affekt hat das Kapital ein Jahrzehnt später die Wirtschaft neu strukturiert. Der Widerstand der Vielen nimmt die späteren Entwicklungen die kapitalistischen Macht vorweg. Nun ist das vielleicht nicht die ganze Wahrheit, es ist aber ganz sicher ein Teil davon.

brand eins: Die realisierte Informations- und Dienstleistungsgesellschaft, die eines Tages dafür sorgen soll, dass die immaterielle Arbeit überwiegt, nimmt bei Ihnen geradezu messianische Züge an. Sehen Sie in diesem Sektor tatsächlich eine Umwälzung der Werte heraufziehen?

Hardt: Solche Qualitäten sind in der Tat vielfach vorhanden, sie sind bloß im Moment in repressiven Verhältnissen gefangen. Marx hat bereits gesehen, dass das Kapital die Arbeiter zur Kooperation zwingt. Das kann diktatorisch sein, doch dieselbe Kooperation kann auch emanzipatorisch wirksam werden. Ich glaube, so ist es auch mit der intensivierten Kooperation, den affektiven Beziehungen und dem Informationsreichtum in der heutigen Produktion.

brand eins: Auch wenn das im globalen Kontext nur ein kleines Fragment der Weltwirtschaft darstellt?

Hardt: Auf jeder historischen Stufe der Wirtschaftsentwicklung gab es einen Sektor, der die anderen dominierte und in seinem Licht einfärbte. Zu Beginn der Industrialisierung machten industrielle Arbeit und Produktion quantitativ nur einen kleinen Teil der Volkswirtschaft aus, doch sie dominierten die anderen Sektoren hinsichtlich des Wertes in der Gesamtwirtschaft und hinsichtlich der Entwicklung, die sie ihnen aufzwang. Landwirtschaft und Bergbau wurden etwa zunehmend industrialisiert. Das ist die derzeitige Position des informationellen oder immateriellen Sektors. Industrie und Landwirtschaft werden zunehmend informatisiert. In der Landwirtschaft zum Beispiel wird die Information in Form von genetisch verändertem Saatgut extrem wichtig. Und es ist offensichtlich, wie sehr sich die Industrie durch Informationsnetzwerke, Computer und die Denkweisen des Informationssektors reformiert.