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Aufgelesen

Wissen ist eine Last. Viel zu viele Informationshäppchen sausen durchs Oberstübchen und machen uns das Leben schwer. Drei Autoren weisen einen Ausweg und singen – mehr oder weniger gelungene – Loblieder auf die Idiotie.




Ein Fisch weiß nie, wann er pinkelt. Dieses chinesische Sprichwort ist auf Intellektuelle übertragbar. Der Intellektuelle glaubt, intelligent zu sein, nur weil er sich seines Kopfes bedient. Der Maurer bedient sich seiner Hände, aber auch er hat einen Kopf, der sich zuschalten kann: "Hey, diese Mauer ist nicht gerade!" So geht es hin und her zwischen Arbeit und Verstand. Diese Rückkopplung, auf die uns der französische Schriftsteller Martin Page in seinem subversiven Büchlein über die Idiotie hinweist, ist ganz ähnlich in der Wissensgesellschaft anzutreffen. 1 Die Supergescheiten glauben, viel zu wissen, nur weil sie täglich ihren Kopf in Informationswinde halten. Der Nachteil: Je steifer die Brise, desto mehr wirbelt es uns das Gehirnstübchen durcheinander. Millionen Informationsklötze purzeln wild durcheinander und erschweren den Durchblick. Es ist daher kein Wunder, dass die ersten Oberlehrer von zu viel Wissen abraten. Wie schön, dass es in diesem Frühjahr hierzu erste hilfreiche Bücher gibt.

Martin Page löst das Problem auf radikalste Weise und lässt seine Romanfigur Antoine zu einem Idioten werden. Durch die regelmäßige Einnahme der Droge Heurozack versucht der Held, "sein hoch konzentriertes Bewusstsein zu reinigen". Sein Antrieb klingt plausibel: "Das Idiotsein macht viel mehr Freude, als unter dem Joch der Intelligenz zu leben. Ich muss mich endlich nicht mehr darum kümmern, ob irgendein Schwachsinn Bedeutung hat." Dank Heurozack verwandelt sich die bleierne Realität "in einen goldenen, farbigen Glitterpuder". Nichts mehr will Antoine wissen vom Elend der Welt. "Nein, er war Realist geworden!" und "empfand schlichte Freude, nur mehr herumzuschauen".

Die Mutation vom politisch korrekten Intellektuellen zur authentischen Dumpfbacke wird von Page meisterlich nacherzählt. Sein Weg führt Antoine durch glitzernde Fitness-Studios und Boutiquen in die Welt der Finanzmakler, wo er groteske Erfolge feiert und in Watte gepackt wird. "Man muss nicht mehr an seine Wünsche denken, an seine Moral, an seine Handlungen, an seine Freunde, an sein Leben, man muss kein Verständnis mehr haben, nicht mehr suchen: Das alles liefert die Umgebung schlüsselfertig." Page treibt seinen Helden schließlich bis zur besinnungslosen Taubheit der Gefühle und entlässt ihn schließlich in eine bizarre Zukunft.

Der Journalist P. J. O'Rourke, der beim "Rolling Stone Magazine" sein Geld verdient, zäumt das Pferd von der anderen Seite auf 2. Er beginnt seine Erkenntnisreise als erwachsener Idiot auf " Kinderkanal-Niveau", liest dann die großen Wälzer der Wirtschaftswissenschaften und bereist unterschiedliche Länder, um zu erkunden, warum die einen ökonomisch erfolgreich und die anderen die Verlierer sind. Heraus kommen witzige Reportagen und Erkenntnisflüge durch die Welt der Wirtschaft. Ganz nebenbei entzaubert O'Rourke den Mythos der Wirtschaftswissenschaftler (..komplette Idioten") und singt das Hohelied auf die freie Marktwirtschaft. "Mein Plan war, ein bisschen herumzulaufen, alles anzugucken und die Leute zu befragen. Die beiden Fragen, die ich mir zurechtgelegt hatte, lauteten: Warum seid ihr so pleite? und: Wie kommt's, dass euch das Geld aus den Taschen quillt?" P. J. O'Rourke weiß anfänglich, dass er nichts weiß. Mit dieser sympathischen Haltung stromert er durch Albanien ebenso wie über das Börsenparkett der Wall Street. Seine Beobachtungen verknüpft der Autor geschickt mit Statistikbefunden, denen er zwar grundsätzlich misstraut, aber zur eigenen Beweisführung gern den nötigen Raum einräumt. Leider mündet O'Rourke am Ende seiner Weltenbummlerei in den Heilgesang auf Reichtum, der die vorher wunderbaren Reportage-Teile im Nachhinein mit ideologischem Kleister verklebt. "Wohlstand ist gut." Wie wahr - aber was nützt diese Erkenntnis demjenigen, der ihn nicht hat und wohl auch nie haben wird? O'Rourke ganz trocken: Die Kubaner, Albaner und Afrikaner sind selbst schuld an ihrer Misere. Eine Einschätzung, die natürlich ebenso zu kurz greift wie die folgende: Nur der Wohlstand der Einwohner garantiert ein Steueraufkommen, durch das die Ideen der Gutmenschen zu realisieren sind. "Reichtum ist für die Welt von Nutzen. Reiche Leute sind Helden." Sozialdemokraten, Verfechter gesellschaftlicher Gleichheit und Fairness sind idiotische Idealisten und sollen zur Hölle fahren, Nein, diese Art von erhobenem Zeigefinger kann sich O'Rourke sparen. Wiewohl sein Buch in weiten Teilen beste Unterhaltung bietet.

Joan Magretta schließlich liefert Variante drei des Umgangs mit zu viel Wissen 3. Sie bricht die Erkenntnisse der Managementtheorien auf ihre zentralen Aussagen herunter. Das allerdings ist nur ein kleiner Schritt in Richtung Idiotie - ein Makel, den das Buch nicht loswerden kann. Viel politisch Korrektes, aber wenig Esprit. Als ehemalige leitende Redakteurin der " Harvard Business Review" weiß die Autorin, wovon sie spricht. Magretta ist eine kluge Interpretin weltweiter Managementlehren, kennt unzählige Unternehmensbeispiele. "Alles, was man wissen muss" für das Management ist ihr Programm. Aber auch sie tappt letztlich in eine Ideologiefalle. Ihr Bild vom Unternehmen als eine Burg, umgeben von einem breiten Graben, ist arg mittelalterlich. Und manche ihrer Beispiele sind zum Gähnen langweilig (eBay, General Electric, Wal-Mart). Magretta hätte sich vielleicht von Thomas de Quincey anregen lassen sollen, der in seinen Bekenntnissen aus dem Jahre 1821 so treffend formulierte: "In diesem Zustande von Schwachsinn begriffen, wandte ich mich der politischen Ökonomie zu, dass sie mich erheitere." 1 Martin Page: Antoine oder die Idiotie - Roman. Klaus Wagenbach, 2002; 144 Seiten; 16,50 Euro 2 P. J. O'Rourke: Das Schwein mit dem Holzbein - Was Sie schon immer über Wirtschaft wissen wollten und nie zu fragen wagten. Redline Wirtschaft/Ueberreuter, 2002; 272 Seiten; 19,90 Euro 3 Joan Magretta: Basic Management - Alles, was man wissen muss. DVA, 2002; 288 Seiten; 24,90 Euro