Der Internet-Hype ist vorbei, viele Firmen verschwanden, und noch vielmehr Geld wurde verbrannt. Doch der nächste Boom kommt bestimmt – das liegt in der Logik des Kapitalmarktes.

Als "wilde Fresserei" beschreibt der Silicon-Valley-Unternehmer Noel J. Fenton die Boom-Zeit, in der "zu viel Geld nach zu wenig wertvollen Deals jagte. Jämmerlich unerfahrene Managerteams" seien das Ergebnis der irrationalen Übertreibung gewesen. Der Risikokapitalgeber Don Valentine, einer der aufmerksamsten Beobachter seiner Branche, spricht von einer "radikalen Veränderung des Wagniskapitalgeschäfts" durch die " explosionsartige Vermehrung von Start-ups". Und der Buchautor John W. Wilson kritisiert, dass "ohne jede Rücksicht auf Realisierbarkeit zu viele Firmen gegründet wurden".

Diese Erkenntnisse stammen aus dem Jahr 1985 und sind Resümees des damals gerade abgeflauten PC-Booms. Etwa 3000 PC-, Festplatten-, Grafikkarten-, Speichermedien- und Software-Firmen wurden von Risikokapitalgebern unterstützt, bis es 1984 zum Crash kam und die meisten dieser Unternehmen vom Markt verschwanden. Dass der Katzenjammer stark an heutige Klagen über den kollabierten Internet-Boom erinnert, ist kein Zufall: Das Risikokapitalgeschäft läuft immer nach dem gleichen Muster ab.

Zwischen Mitte und Ende der siebziger Jahre war der Mini-Computer die erste Technik, in die Risikokapitalgeber vermehrt investierten. Das Vorbild für Hardware-Hersteller und deren Investoren war Digital Equipment Corporation (DEC). DEC brachte 1966 einen Mini-Computer mit integriertem Schaltkreis auf den Markt. Die erste private Risikokapitalgesellschaft, American Research & Development, hatte 1957 70000 Dollar in diese Firma gesteckt, 1969 war die Investition 400 Millionen Dollar wert. Diese Traumrendite brachte in den siebziger Jahren Venture Capitalists dazu, sich auf Mini-Computer-Hersteller zu konzentrieren. Die Geräte hatten, anders, als der Name vermuten lässt, noch das Ausmaß eines Kofferraums. Die Weiterentwicklung von Mikroprozessoren und Schaltkreisen änderte das. Wenige Jahre später gab es nur noch eine einzige sinnvolle und Gewinn bringende Investition: die in Personalcomputer-Firmen.

Ed Roberts brachte 1975 den ersten PC Altair 8800 auf den Markt. Obwohl seine Leistung im Vergleich zu heutigen Geräten minimal war, gab es einen großen Ansturm auf den "Switch-And-Light-Computer", wie ihn Steve Wozniak von Apple nannte. Die damit verbundene - noch utopisch scheinende - Hoffnung, dass bald jeder Haushalt einen PC besitzen würde, löste zwischen 1980 und 1984 den bis dahin größten Boom in der Risikokapital-Geschichte aus; in unzählige Start-ups wurde sehr viel Geld investiert. 1984 stellte der Silicon-Valley-Veteran und Intel-Mitbegründer Andy Grove dann fest, dass 20 der größten PC-Firmen fest damit rechneten, jeweils 20 Prozent des Marktes für sich zu erobern.

Diese Rechnung konnte nicht aufgehen. Zumal, nachdem 15 Millionen PCs allein in den USA verkauft worden waren, allmählich klar wurde, dass nicht wenige Käufer für diese Geräte offenbar keine Verwendung hatten: Knapp die Hälfte blieb unbenutzt. Nach jahrelangem Wachstum ging der Wert von Computer-Aktien in den Keller, Venture Capitalists zogen ihr Geld zurück. Der Glaube an den PC schwand und kam erst einige Jahre später wieder, als die Weiterentwicklung der Technik für eine neue Hochphase auf dem Kapitalmarkt sorgte.

Aufs richtige Timing kommt es an - dann fließt das Geld

Investitionswellen wurden auch von PC-Peripherie-Technologien ausgelöst. So galt der Boom von Festplatten-Firmen als typisches Risikokapital-Desaster. Der Konkurrenzkampf der Investoren um Festplatten-Start-ups war 1982 und 1983 am größten. Nach 1983 platzte die Blase, was für die meisten dieser Unternehmen den Bankrott und für die Risikokapitalgeber große Verluste bedeutete.

Auf den Hardware- folgte der Software-Boom. Während es 1984 für Hersteller von Computerprogrammen noch sehr schwer war, Investoren zu finden, konnten sie sich 1990 vor Angeboten kaum retten. Der Wirtschafts-Journalist Richard Brandt beschreibt dies an einem Beispiel: " 1984 verbrachte Vern Raburn drei zermürbende Monate damit, an Türen zu klopfen, um 1,25 Millionen Dollar für sein Software-Start-up, Symantec Corporation, zu beschaffen. Im Januar 1990, als er für ein anderes, gerade flügge gewordenes Software-Unternehmen, Slate Corporation, Geld brauchte, trieb er fünf Millionen US-Dollar auf - in zwölf Stunden."

Ein entscheidender Grund für den Klimawandel waren die hohen Gewinne der Software-Unternehmen Micrografx und AI Corporation. Sie hatten 1990 erfolgreiche Börsengänge, was den Kapitalgebern zu einem Durchschnittsgewinn von 45 Prozent für Software Investments - verglichen mit 20 Prozent für andere Investitionen - verhalf. Deshalb rissen sich Venture Capitalists in den folgenden Jahren um Software-Deals. Aber auch diesmal kam es durch die Hut an Investitionen zur Marktübersättigung, die nur wenige Firmen überstanden. Gleichzeitig fand 1990 ein Investitions-Boom in Firmen statt, die die Netzwerktechnik weiterentwickelten. Dort orientierte man sich an den Gewinn bringenden Investitionen in Cisco Systems. Dieser Run hielt nur kurz an: 1991 bis 1993 folgte eine Trockenphase, in der nur spärlich investiert wurde.

Der Internet-Boom folgte dem gleichen Muster. Zwar waren Menge und Umfang der Investitionen, die Zahl der Groß- und Kleinaktionäre und die Aufmerksamkeit der Medien tatsächlich einzigartig, die Investitionswellen von Risikokapital dagegen typisch. Die unvermeidbare Übersättigung des Marktes musste genau wie bei allen vorhergehenden Wellen zum Crash führen.

Der Rückblick auf die Geschichte des Wagniskapitalgeschäfts zeigt die Regelmäßigkeiten innerhalb eines jeden Kapitalmarktzyklus: Auf jeden Aufschwung folgt ein Abschwung und umgekehrt. Insbesondere das Verhalten der Risikokapitalgeber löst die Launen des Kapitalmarkts aus. Sie kaufen Unternehmensanteile von Firmen eines neuen Marktsegments, verschaffen ihnen die finanzielle Grundlage für ihre Entwicklung und hoffen, diese Anteile möglichst bald zu einem höheren Preis zu verkaufen.

Wenn die ersten Firmen mit einer neuen Technologie zu Favoriten auf dem Kapitalmarkt werden, ihre Risikokapital-Geber folglich sichtbare Gewinne aufweisen können, sind Venture-Capital-Unternehmen bereit, große Mengen Geldes in diese Sparte fließen zu lassen. Unter solchen Voraussetzungen bricht Börsenfieber aus, der Wettbewerb um Investitionen steigt enorm. So entstehen viele chancenlose Firmen in einem einzelnen Industriezweig, die den gleichen Kundenkreis umwerben.

Die Achterbahnfahrt des Kapitalmarktes überleben nur die Besten

Die Folge: Der Wert der Unternehmensanteile fällt, und die Venture Capitalists ziehen ihr Geld zurück. " Das Problem ist", so der Venture Capitalist Waldemar Jantz von Traget Partners, "dass das Kapital den verfügbaren guten Technologien vorausgeht. Irgendwann merken Sie, dass in einen bestimmten Sektor, der am Anfang ganz gut lief, einfach zu viel investiert wurde. Und dann haben Sie das Problem, dass es gar nicht so viele gute Projekte gibt. Da bleiben halt drei übrig."

Diese wenigen überlebenden Firmen sind in der Regel diejenigen, die früh auf dem jeweiligen Markt präsent waren und durch eine glaubwürdige Erfolgsgeschichte das Vertrauen von Anlegern und Kunden gewinnen konnten. Hat ein Risikokapitalgeber eine solche Vorreiterfirma erkannt und in sie investiert, kehrt er mit fetter Beute heim. Die meisten Venture Capitalists investieren jedoch erst in der Boom-Phase, wenn die Bewertungen der Firmen schon sehr hoch sind, und laufen Gefahr, erst auszusteigen, wenn nur noch eine geringe Rendite zu erwarten ist.

Genau nach diesem Modell wird sich der Kapitalmarkt auch weiterhin von Visionen leiten und zu irrationalen Übertreibungen hinreißen lassen. Niemand kann berechnen, wann der richtige Moment für den Kaufund Verkauf von Unternehmensanteilen innerhalb eines Zyklus ist. Doch wird einem vom Boom und Bust gestählten Venture Capitalist seine Erfahrung dabei helfen, sich in einer Hochphase nicht allzu sehr von der wilden Fresserei verleiten zu lassen und eine Tiefphase als solche zu erkennen.